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Jüdische Auswanderung · 1939-01-01 · Januar 1939 · p. Seite 73

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Journal
Jüdische Auswanderung
Volume
1939. Bestand LBI
Issue
Januar 1939
Date
1939-01-01
Page
Seite 73 (sequence 77)
Language
German
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Schmieröl, Brennstoff* usw., eingesetzt wurde. Für diese Waren wurden Höchstpreise festgesetzt. Um die Lebenshaltung zu verbilligen, sollen Steuern und Zölle abgeschafft, die Ein- und Ausfuhr monopolisiert und ähnliche Maßnahmen getroffen werden. Nach einer Mitteilung der Jüdischen Gemeinde in Asuneiön haben-sich die Preise seit 1935 etwa verdoppelt. VI. Kultur und Jüdisches Leben Das allgemeine Kulturniveau Paraguays ist niedrig. Das Land hat einen hohen Prozentsatz von Analphabeten. Es besteht zwar eine Schulpflicht, doch wird ihre Einhaltung nur in den größeren Städten erzwungen. Der Unterricht ist unentgeltlich. Es existierten in Paraguay 1936 im ganzen 886 Volksschulen mit 115 000 Schülern und 2600 Lehrern. An der nationalen Universität und an den Fachschulen für Medizin, Recht usw. studieren etwa 1000 Personen. Die Staatsreligion ist katholisch, doch werden andere Glaubensbekenntnisse im allgemeinen toleriert. Die jüdische Bevölkerung Paraguays ist gering. „1930 lebten im ganzen Land rund 1200 Juden, darunter ca. 200 Sefardim. Die Hauptgemeinde ist in Asuneiön, wo die Emigrationsgesellschaft ,Hicem' 1934 ein Einwanderungsschutz-Komitee gründete. Die Juden Paraguays bilden eine Alianza Israelita Paraguaya." (Aus: Mark Wischnitzer: „Die Juden in der Welt".) Die jüdische Gemeinde aus Asuneiön umfaßt zur Zeit etwa 260 Familien russischen und polnischen Ursprungs, 40 Familien sephardischer Juden und 50 Familien von Juden aus Deutschland. Jüdische Gemeinschaften bestehen auch u. a. in Villarica, Encarnacion und Caballero. In Itaugua befindet sich eine kleine Siedlung von jüdischen Frontkämpfern. In den letzten drei Jahren sind Hunderte von Juden aus Deutschland nach Paraguay gekommen. Ein großer Teil von ihnen ist aber, weil er in dem wirtschaftlich unentwickelten Land keine Existenz fand oder das Klima und die primitiven Lebensverhältnisse nicht ertrug, wieder abgewandert, vor allem nach Argentinien und Uruguay. Ein anderer Teil ist geblieben und ist, besonders soweit er nicht in städtischen Berufen, sondern als Siedler lebt, mit seinem Los vielfach recht zufrieden. In Asuneiön ist ein Kulturverein der jüdischen Einwanderer aus Deutschland gegründet worden, der auch eigene Gottesdienste abhält. Doch ist sein Fortbestand noch nicht gesichert. Die schon länger ansässigen Juden stammen fast durchweg aus Osteuropa. Von ihnen ist die Mehrheit im Handel tätig. Es gibt unter ihnen sehr wenig Industrielle und nur ein paar Handwerker. Die Gemeinde von Asuneiön ist nicht reich, doch haben ihre Mitglieder auskömmliche Existenzen. Leider machen sich einige Spannungen zwischen den neuen jüdischen Einwanderern aus Deutschland und den ansässigen Ostjuden bemerkbar. VII. Briefe aus Paraguay Wir bringen hier zunächst Auszüge aus drei Briefen von Ansiedlern zum Abdruck, die mit Unterstützung des Hilfsvereins nach Paraguay gegangen sind. Die Briefe zeigen, daß die Betreffenden sich sehr gut in die neuen Verhältnisse eingelebt haben und sich in jeder Beziehung glücklich fühlen. Luque, den 20. 12. 1936 „Zwei Monate vergehen nur wie im Fluge, weil unsere Arbeit an einem Tage genau dieselbe wie am anderen Tage ist. Inzwischen haben wir jüdische Nachbarn bekommen: zwei Familien aus Süddeutschkind. Die Kolonie hier besteht jetzt schon aus 24 Familien, davon 7 jüdische. Einer ist Tischler, vier Landwirte, einer Kaufmann (Färberei) aus Asuneiön, außerdem ein jüdischer Milchhändler. Nun will ich Ihnen weiter von dem Ausbau meiner Existenz berichten und gleichzeitig Ihre Fragen beantworten. Also die Leute sagen, wenn das so weiter ginge, sei ich in einem Jahre ein reicher Mann. Meinen Viehstand habe ich inzwischen auf vier Milchkühe und fünf Schweine erhöht. Zwei davon sind tragende Sauen, so daß auch hier eine reichliche Vermehrung in Aussicht steht. Was die Hühnerzucht anbelangt — dieses Gebiet obliegt meiner Frau — so ist auch hier nur ein Fortschritt sichtbar. Meine Frau hat nämlich eine Eisenbart-Kur vorgenommen, indem sie in jede verfügbare Ecke eine Glucke auf Eier gesetzt hat. In den Zimmern, unter jedem Bett, überall, — und sie hat es fertiggebracht, in einem Zeitraum von sechs Wochen 200 Kücken zu ziehen. Und dann rechnet sie — 200 Hühner werden in fünf Monaten pro Stück 50 Pesos — 10 000 Pesos bringen; Eier bringen diese nach fünf Monaten täglich mindestens fünf Dutzend ä 30 $; macht täglich 150 Pesos. Futterkosten sind keine, denn wir ernten selber Mais. — Als weitere Einnahme haben wir das Pflügen bei anderen, denn ich bin der einzige, der hier Besitzer von Ochsen und Karrete ist. Alles in allem, wir sind glücklich, daß wir hier sind, uns geht es gut in jeder Beziehung, auch gesundheitlich und seelisch. Sorgen haben wir keine. Es ist immer schönes Wetter; manchmal sehr heiß, so daß wir nur im Freien schlafen können. Bei 36 bis 40 0 C im Schatten am Tage ist die Nacht eine Wohltat. Man schläft herrlich im Freien auf Steinerschen Reformbetten, die wir mitgebracht haben. Um 3 Uhr morgens geht es ans Tagewerk. Meine Frau und ich und ein Junge gehen in die Weide zum Melken. Dann kommt die Milchhändlerin. Ein Junge muß zum Markt und einholen, ich füttere die Schweine. Dann wird Mandioka für die Küche geholt, gefrühstückt. Inzwischen ist mein Arbeiter schon mit Hacken auf dem Acker beschäftigt, und ich schließe mich ihm an. Um 1/2II Uhr wird das Vieh zur Tränke geführt und dann ist Siesta, von 11 bis 3 Uhr nachmittags. Da ruht man sich aus, denn in der Mittagsglut ist nicht viel zu schaffen, oder man nimmt ein Bad in der Volksbadewanne, welche wir mitbrachten. Um 3 Uhr geht es wieder aufs Feld. Die Kinder sammeln Kokosnüsse unter den Palmen, zum Verkauf in die Seifenfabrik; die Kleinen patschen in der Badewanne herum; meine Frau beschäftigt sich mit Nähen oder Brotbacken, oder was es sonst im Haushalt gibt. Wir sind die einzigen hier, die einen richtigen Herd besitzen. Um 7 Uhr wird es plötzlich dunkel, dann wird die Laterne angezündet und zu Abend gegessen. Um 1/28 Uhr pflegt schon wieder alles, Menschen und Vieh, der köstlichen Ruhe, während in der Natur erst das Leben beginnt. Es hebt ein Konzert an, von dem man sagen kann, es lohnt sich, zu lauschen. Grillen verschiedener Art, Frösche, Nachtvögel und was weiß ich für Tiere, geben sich ein Konzert, daß man meint, es kocht und brodelt etwas in einem riesengroßen Kessel, und so schläft man unbeschwert ein. Zwei Bettstellen stehen unter dem Vordach vor dem Hause, alles ist offen, damit die kühle Nachtluft eindringen kann. Wir haben hier weder Katz noch Hund zu unserem Schutze, ich habe nur meine Jagdflinte, aber ich werde sie wohl nie gegen Menschen gebrauchen müssen. Gewiß wird dann auch mal etwas gestohlen, aber Diebstahl im europäischen Sinne gibt es hier nicht. Ich habe mich mit den hiesigen Leuten, vermöge meiner Sprachkenntnisse, sehr gut eingelebt, und überhaupt ist unsere Lebensweise sehr der hiesigen, soweit wie möglich, angepaßt. In den ersten vier Wochen habe ich das Land verflucht, weil es nichts weiter gab, als wie Suppe mit Fleisch und Mandioka. Ueberhaupt Mandioka brachte ich nicht herunter. Heute essen wir alle mit Vorliebe Mandioka. Es ist wie eine Kartoffelart, aber mehr wie lange dicke Wurzeln, die manchmal 60 cm lang sind und einen Durchmesser von 20 cm haben, richtige Stangen, wachsen waagerecht in der Erde, haben keinerlei Ansprüche in bezug auf Bodenart, müssen nur öfter gehackt und von Unkraut gesäubert werden. An einem Stock gibt es bis 30 Pfund. Mandioka kann bis 8 Jahre in der Erde bleiben und wird während dieser Zeit immer dicker. Jedoch zum Essen verwendet man einjährigen, älteren für Vieh. Mandioko ist kolossal stärkehaltig. Ein hiesiger Landwirt sagte mir, es sei eine Gewohnheit, Mandioka zu essen in Paraguay; ich BERLIN SQ36 REICHEN BERGER STRASSE 154

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