Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1939. Bestand LBI
- Issue
- Januar 1939
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 70 (sequence 74)
- Language
- German
- Belongs to
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253 000 qkm betragen; Paraguay wäre kaum halb so groß wie Deutschland. Der Paraguay-Strom durchschneidet das Land in Nord-Süd-Richtung und teilt es in zwei durch viele Wesensmerkmale unterschiedene Gebiete. Der Westen des Landes, rechts vom Paraguay-Strom, besteht aus grasigen Ebenen mit forstbedeckten Hügeln; er ist von zahlreichen Flüssen durchzogen, die zum Paraguay-Strom abfließen. Die Waldrodungen gelten als sehr fruchtbar, während die Grasflächen für Viehzucht geeignet sind. Von einzelnen Kolonien abgesehen, finden sich in diesem Landesteil keine größeren Siedlungen, da das tropische Klima große Anforderungen an die Widerstandsfähigkeit und Gesundheit der Europäer stellt. Im C h a c o - Distrikt leben eine Anzahl nomadisierender Indianerstämme. Dagegen stellt der an das linke Ufer des Stromes sich anschließende Osten, in dem sich sämtliche größeren Siedlungen und Kulturgebiete des Landes befinden, eine hügelige Waldlandschaft dar. Eine große Anzahl von Flüssen strömt dem Paraguay und dem östlichen Grenzstrom, dem P a r a n a, zu. Obgleich der Parana der mächtigere, breitere der beiden Ströme ist, ist doch der Paraguay von ungleich größerer wirtschaftlicher Bedeutung, da er, nicht von Stromschnellen unterbrochen, Seeschiffe von 3 bis 4 m Tiefgang bis weit in das paraguayanische Binnenland hinaufgelangen läßt. Im östlichen Teil Paraguays liegt vor allem die Landeshauptstadt A s u n c i 6 n, eine Stadt von etwa 125 000 Einwohnern, aber verhältnismäßig großer Ausdehnung, da Einfamilienhäuser vorherrschen und überdies jedes Haus einen ziemlich großen Hof und meist auch Garten hat. Die Gebäude selbst sehen meist ziemlich verwahrlost aus. Die lange Kriegszeit und die schlechten Finanzverhältnisse des Staates machen sich im Bauwesen überall bemerkbar. Ein Straßenbahnnetz von zehn Linien ermöglicht schnellen Stadtverkehr. Außerdem fahren eine Menge Camions (autobusartige Fahrzeuge). Die Straßen in ganz Asunciön sind unbeschreiblich schlecht. Asunciön hat zwar ein weit verzweigtes Elektrizitätsnetz, aber die hygienischen Einrichtungen lassen viel zu wünschen übrig. So fehlt jegliche Kanalisation, und nach Regengüssen sind die überschwemmten Straßen nur über provisorische Holzsteige begehbar. Auch die Wasserversorgung ist äußerst mangelhaft; das Wasser wird zumeist aus Zisternen, in denen das Regenwasser gesammelt wurde, oder aus artesischen Brunnen gezogen. Villarica ist mit etwa 36 000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt des Landes. Sie liegt inmitten eines verhältnismäßig reichen landwirtschaftlichen Anbaugebietes und ist das der großen Regierungskolonie Independencia nächst gelegene Handelszentrum. Einige Fabriken verarbeiten in Villarica die Agrarerzeugnisse der Umgebung (Tabak, Zucker^ Mehl). Encarnaciön (mit etwa 16 000 Einwohnern) und Concepciön (etwa 14 000 Einwohner) sind Umschlagsplätze für Produkte der umliegenden Kolonien und Farmen. An größeren Städten sind noch zu erwähnen: Itä (30 000 Einwohner), Capiatä (20000 Einwohner), Caazapa (18 000 Einwohner), Casapegua (17 000 Einwohner) und Luque (16 000 Einwohner). Die Verkehrsverhältnisse Paraguays sind schlecht. Allein der Paraguay-Strom und seine Nebenflüsse und eine größere Bahnlinie erschließen das Land. Der Strom ist bis in das Zentrum des Landes hinein schiffbar. Der Verkehr auf ihm wird weniger durch Stromschnellen, als durch sogenannte Camelotes, schwimmende Inseln, die aus losgerissenen baumbestandenen Landstücken bestehen, behindert. Die meisten Straßen im Landesinnern sind für Automobile kaum benutzbar. Hier haben sich Pferde- und Ochsenkarren als Hauptverkehrsmittel erhalten. 2. Klima und Gesundheitsverhältnisse Das nördliche Drittel des Landes liegt in der tropischen Zone; die südlichen zwei Drittel — darunter die Hauptstadt Asunciön — haben subtropisches Klima und warme bis gemäßigte Temperaturen. Die Temperatur Asunciöns, das in 105 m Höhe gelegen ist, beträgt im Jahresdurchschnitt 22,5° C. Sommermonate sind Dezember (heißester Monat mit 27° C im Durchschnitt), Januar und Februar. Die Temperaturen steigen in dieser Zeit bis zu 40° C an, doch bringen Winde oft die erwünschte Abkühlung. Der kühlste Monat ist der Juni mit 16° C im Durchschnitt und einer Minimum-Temperatur von 2,5° C. Die Temperaturen wechseln oft innerhalb weniger Stunden erheblich. — Von Juni bis September währt die Trockenzeit, die Regenfälle setzen im Oktober ein, und die höchste Niederschlagsmenge wird im März erreicht. Durchschnittlich zählt man in Asunciön 79 regnerische, 72 bewölkte und 214 sonnige Tage im Jahr. Das Chacogebiet weist rein tropische Temperaturen auf (Januar 29° C, Juni 19° C im Durchschnitt). Die Gesundheitsverhältnisse Paraguays sind — trotz seiner Lage und der Primitivität seiner sanitären Vorrichtungen — im allgemeinen als nicht allzu ungünstig zu bezeichnen. — Allerdings grassiert im Chacogebiet das Sumpffieber; Asunciön selbst ist malariafrei, dagegen sind dort Typhus und Dysenterie (rote Ruhr) häufig, was auf den Mangel an frischem Quellwasser (man schöpft das Wasser meistens aus Zisternen) und an Kanalisation zurückzuführen ist. Sehr weit verbreitet sind Hakenwurmleiden, eine Folge der mangelhaften Fußbekleidung der Eingeborenen. Die Säuglingssterblichkeit ist hoch. Dagegen soll das Klima ausgesprochen günstig für alte Leute sein. Bei hohem Alter wird häufig ausgezeichnete Rüstigkeit, auch mäßig erhöhter oder normaler Blutdruck beobachtet. 3. Bevölkerung Die Gesamtzahl der Einwohner (einschließlich der 67 500 Personen im Chaco-Gebiet) wird auf 932 000 geschätzt. Das Gros der Bevölkerung Paraguays ist eine Mischrasse von Nachkommen der frühen spanischen Einwanderer und der indianischen Urbevölkerung. Der Prozentsatz reinrassiger Weißer ist ebenso gering wie der reinrassiger Indianer. Das Hauptkontingent der Fremden stellen spanische Neueinwanderer. Etwa 3500 Mennoniten aus Rußland und Kanada wurden in den 20er Jahren in Paraguay seßhaft gemacht. Die Anzahl der Juden wurde 1930 auf etwa 12 0 0 — darunter 200 Sefardim — geschätzt. Inzwischen hat sich diese Zahl erheblich erhöht. Die Umgangssprachen sind Spanisch und die Indianersprache Guarani, sowie ein Mischdialekt aus beiden Sprachstämmen. 4. Regierung und Innenpolitik Die politischen Verhältnisse des Landes sind wenig stabil; Revolutionen sind bis in die letzte Zeit hinein häufig gewesen. Die Verfassung ist der nordamerikanischen nachgebildet. Die Exekutive übt ein auf jeweils vier Jahre gewählter Präsident aus, der ein aus sechs Mitgliedern bestehendes Kabinett ernennt. Ein Senat und eine Abgeordnetenkammer werden durch direkte Abstimmung der über 18 Jahre alten männlichen Bevölkerung gewählt. Die politische Geschichte der letzten Jahre stellt sich in kurzem Abriß folgendermaßen dar: Die liberale Regierung des Präsidenten Ayala, unter dem der Krieg gegen Bolivien um den Chaco siegreich durchgefochten wurde, wurde im Februar 1936 gestürzt, da Ayala den Chaco nicht von den Frontkämpfern, sondern von fremden Kolonisten mit eigenem Kapital besiedeln lassen wollte. Die Militärregierung des Obersten Franco, die die Verfassung außer Kraft setzte und in ungeeigneten Umständen den Gedanken des totalen Staats durchführen wollte, wurde im August 1937 durch den vorläufigen Präsidenten Paiva abgelöst, der die alte Verfassung wiederherstellen will. Er hat nach seiner Amtsübernahme wiederholt mit Versuchen der Anhänger Francos zu kämpfen gehabt, die Franco wieder an die Macht bringen wollten. Die Lage ist zur Zeit (August 1938) noch nicht ganz geklärt. III. Die Wirtschaft 1. Währung Die Währungseinheit Paraguays ist der Goldpeso ($ 1 100 Centavos). Seine Parität zur Reichsmark betrug: $ 1 4,05 RM. Der Krieg mit Bolivien hatte eine starke Zerrüttung des Geld- und Finanzwesens Paraguays 70