Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1939. Bestand LBI
- Issue
- Januar 1939
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 62 (sequence 66)
- Language
- German
- Belongs to
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- Bogotá 1× ep/1044235
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Die Stimmung unter den hier lebenden Emigranten ist sehr verschieden. Die jungen Leute, die hier ohne Frauen leben, sind nicht sehr zufrieden, da jede Anschlußmöglichkeit hier fehlt und so die Sonntage und die Freizeit freilich ein wenig eintönig sind. Aber auch verschiedene Ehepaare fühlen sich hier nicht wohl. Es kommt eben immer wieder darauf an, mit welchen Erwartungen man hierher kam und welche Ansprüche man stellt." Ueber die allgemeine Entwicklung und die Schwierigkeiten, die aus der Zusammenballung vieler Einwanderer mit noch dazu meist ungünstiger Berufsschichtung an einem Ort sich ergeben, gibt nachstehender Brief Auskunft. Cali, den 18. März 1938 „Ich bin nun schon fast neun Monate im Lande und muß eigentlich sagen, daß — speziell in der letzten Zeit — die Entwicklung hier nicht günstig war. Es ist schwer zu sagen, woran es eigentlich liegt: an der Welt-Kaffee-Krise, von der das Land besonders hart getroffen wird und die sich jetzt erst recht auszuwirken beginnt (Stillstand des gesamten Handels, unsichere Lage); oder auch an der Fülle der Einwanderer, die alle, von Buenaventura her hierher in dieses kleine Cali kommen, zu 90 o/o Kaufleute sind, und eigentlich wähl- und planlos, noch dazu meist mit völlig unzulänglichen Sprachkenntnissen, nach hier reisten. Dabei ist der größte Teil der Menschen recht wenig umstellungsfähig und -willig, macht Ansprüche, die völlig ungerechtfertigt sind und lebt in den Tag hinein. Trotz bester Organisation und aller Bemühungen konnten aber die Ankömmlinge der letzten Monate, so etwa seit Jahreswende, nicht mehr untergebracht werden. . .. Die Situation erfordert eine generelle Lösung. Denn seit einiger Zeit hat speziell hier in Cali eine einwanderungsfeindliche Stimmung der Presse eingesetzt, die zu rascher Entscheidung drängt. Das ist um so auffallender, als man bisher hier sehr freundlich gesinnt war. Die berufliche Schichtung der Ankömmlinge tut auch hier sehr wenig Gutes; man befürchtet von den ankommenden Kaufleuten große Konkurrenz, und eine Stadt von 100 000 Einwohnern, von denen die Hälfte wegen allzu großer Armut als Käufer gar nicht in Frage kommt, kann ein solch großes Kontingent von Kaufleuten und Handeltreibenden gar nicht aufnehmen. Zusammenfassend ist zu sagen, daß nach dem Stand der Dinge heute Columbien auf gar keinen Fall mehr für Kaufleute als Einwanderungsland in Frage kommt. Lediglich technische Berufe haben hier noch Aussicht, allerdings auch dann nur, wenn die Betreffenden wirklich in der Lage sind, etwas zu leisten. Denn mit kurzfristig Umgeschichteten wurden hier schon die schlechtesten Erfahrungen gemacht. Für Akademiker ist es hier vollkommen aussichtslos!!!" Es soll auch nicht verschwiegen sein, daß einige Briefe aus Bogota ähnliche Klagen über die Schwierigkeiten bringen, die durch übermäßige Ansammlung beruflich und sprachlich nicht geeignet vorgebildeter Menschen entstehen. Mancherlei interessante Hinweise — für deren Richtigkeit wir freilich nicht bürgen können — finden sich in einem sehr ausführlichen Brief aus Bogota vom Ende letzten Jahres: „Die Stadt Bogota ist sehr groß, und stark in der europäischen Entwicklung begriffen. Im Hauptgeschäftsviertel ist ein Laden neben dem anderen. Typisch ist, daß sämtliche Geschäfte so gut wie gar keine Front haben, fast nichts ausstellen — Ausnahmen bestätigen die Regel — und hinten unerhört große Räume mit viel Ware. In der Regel führen die größeren Geschäfte hier vielerlei Artikel, so z. B. Konfektion, Schuhe, Modewaren, Lederwaren, Lampen, Koffer, Kurzwaren, Uhren, Eisschränke, Stoffe, Kleineisenwaren. Natürlich gibt es für all diese Branchen, und auch für die nicht genannten, Spezialgeschäfte, die meist zusammen in einem Viertel bzw. in einer Straße liegen. Auch die größeren Geschäfte führen immer einen von den genannten Artikeln als Hauptware und haben die anderen nur in ganz kleinem Umfange so nebenbei. Neue Artikel lassen sich kaum einführen, da es hier alles gibt. Waren, die hier im Land hergestellt werden, sind natürlich durch hohe Zölle gegen ausländische Konkurrenz geschützt. Maschinen werden hier gar nicht hergestellt und kosten so gut wie keinen Zoll. Es lassen sich sehr leicht irgendwelche Artikel herstellen, die dann durch Zollerhöhung, sofern der Fabrikant leistungsfähig ist, auf Antrag schnell geschützt werden. Ich halte überhaupt die Aufnahme einer, wenn auch vorerst nur kleinen Fabrikation in gleich welchem Artikel für unbedingt gut, da dann die hohen Zölle in Wegfall kommen, die hier an Stelle von Steuern erhoben werden, so daß also der Verdienst um vieles größer ist. Es werden hier nämlich so gut wie gar keine Steuern gezahlt. Zum Beispiel ein Geschäftsmann, der hier einen französischen Schönheitssalon betreibt, zahlt bei ungefähr 20 000 Pesos Umsatz pro Jahr an Abgaben ca. 50 bis 60 Pesos. Licht und Wasser sind hier sehr billig. Telephon kostet 3,50 Pesos Miete monatlich, Gespräche in der Stadt kosten nichts. Autos kosten pro Jahr 8 Pesos Steuern, unabhängig von der Größe der Wagen. Benzin kostet die Gallone (41/2 Liter) 32 Cent. Wir waren gestern in dem hiesigen Einheitspreisgeschäft. Dort kostet z. B. eine einfache Haarbürste 80 Cent., eine Seifendose aus Galalith 25 Cent., ein Schlüsselring 5 Cent., eine Zange 80 Cent., alles für dortige Verhältnisse sehr teuer. Es gehen hier sämtliche Artikel bis zu den feinsten, es wird nur m. E. an der Ware mehr verdient. Dieses Geschäft ist das einzige, das feste Preise hat, sonst geht es hier „wie der Chammer das Ponim hat". Das Verkaufspersonal arbeitet hier sehr billig, von 20 bis 30 Pesos im Monat; das Gehalt wird hier voll ausbezahlt, und auch für den Inhaber entstehen nicht irgendwelche Ausgaben wie dort. Krankenkassenbeiträge, Steuern und sonstige Abgaben werden weder abgezogen noch bezahlt. Krankenkassen gibt es gar nicht." Ecuador Ecuador ist ein großes, dünnbevölkertes, zum Teil noch völlig unerschlossenes Land, dessen klimatische und wirtschaftliche Eignung für Einwanderer aus Europa umstritten ist. Soweit sich ein Urteil gewinnen läßt, sind die wirtschaftlichen Aussichten für Handwerker, kleinere Unternehmer verhältnismäßig günstig, da die Vorbedingungen für eine gewisse Industrialisierung des heute noch armen und rückständigen Landes vorhanden sind. Kaufleute sind der ecuadorianischen Regierung weniger erwünscht. Größte Skepsis erscheint gegenüber allen Plänen zur landwirtschaftlichen Massenkolonisation geboten, da die unentgeltlich zur Verfügung gestellten Ländereien verkehrswirtschaftlich ungünstig liegen und ihre klimatische Eignung fragwürdig ist. Für landwirtschaftliche Einzelsiedlungen scheinen jedoch Möglichkeiten gegeben. Wegen der klimatischen Verhältnisse sowohl im Tiefland wie in den hochgelegenen Teilen kommen für Ecuador nur Einwanderer in Frage, deren Herz und Lungen durchaus gesund sind. I. Einwanderungsbedingungen A. Einreisebestimmungen Zur Einreise nach Ecuador ist ein Visum erforderlich, das von dem ecuatorianischem Konsul des Abfahrthafens erteilt wird. Das Visum wird nur an Personen erteilt, die im Besitze des Vorzeigegeldes von 400 amerikanischen Dollars sind. Ferner ist ein Landungsgeld von $ 100 erforderlich; es wird bei der Ankunft in Ecuador zurückgezahlt. (Die Praxis des Hamburger Konsuls weicht bei Bemessung der Höhe des Vorzeigegeldes ab.) Das Vorzeigegeld muß in einem landwirtschaftlichen oder in einem industriellen Unternehmen im Ecuador investiert werden. Ein Vorzeigegeld wird nicht gefordert: 62