Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1939. Bestand LBI
- Issue
- Januar 1939
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 61 (sequence 65)
- Language
- German
- Belongs to
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für das Heizen des Wasserkessels zahlen, denn man muß schon warmes Wasser im Hause haben. Man muß rechnen, daß so ein Haus doch zirka 80 Pesos im Monat kostet. Das Leben selbst ist sehr billig. Zwei Personen brauchen nicht mehr als V2 Peso pro Tag. Das wäre also zirka 125 Pesos im Monat." Ueber die allgemeinen Verhältnisse in Ca) i und Aussichten für Einwanderer bestimmter Berufe unterrichtet folgender Brief. Cali, den 16. September 1937 „Hier ist das wichtigste das Klima. Zwar ist es nicht erdrückend heiß, aber es ist heiß. Columbien liegt knapp unter dem Aequator. Im Flachland, etwa in der Hafenstadt Bonaventura, halten es nur die gesündesten Europäer aus. In etwa 3000 m Höhe, also in der ungefähren Lage der Hauptstadt Bogota, ist es zwar wesentlich kühler und nachts braucht man warme Decken; dafür ist aber die Luft so dünn, daß selbst die gesündesten Europäer einen Luftwechsel einmal im Jahre nicht entbehren können. Die mittlere Lage wie Cali ist nun keineswegs ein Paradies. Es herrscht ewiger Hochsommer; es gibt das ganze Jahr hindurch keinen Wechsel. Die durchschnittliche Mittagstemperatur liegt bei 28 Grad Celsius, der Tiefpunkt nachts bei 23 Grad. Es ist immer sehr warm. Gerade unser mitteleuropäischer Organismus ist sehr an den Wechsel der Jahreszeiten gewöhnt, und genau so, wie ein verdorbener Magen nicht schon direkt beim Nachtisch gemerkt wird, ebenso wenig ermüden die schwer beanspruchten Körperkräfte unmittelbar während der ersten Monate der Hitze. Sicher wird die Gewohnheit das äußere Lastgefühl und Unbequemlichkeitsempfinden bei der dauernden Hitze und dem dauernden Schwitzen bald mildern, und auch der innere Organismus wird sich anpassen und neue Widerstandsquellen sich schaffen; aber im Prinzip bleiben die Tropen die Tropen, bleibt es heiß. Man kann meiner Ansicht nach diesen Punkt gar nicht ernst genug nehmen. Die Gemeinde in Cali besteht aus Sephardim, Ostjuden und jetzt etwa 100 Juden aus Deutschland. Die Sephardim sind zum großen Teil sehr vermögend, geben wohl auch viel Geld zur Unterstützung der jetzigen Neuankömmlinge, schließen sich aber in privater und gesellschaftlicher Hinsicht vollkommen von uns ab. Die Ostjuden zeigen uns rührende Freundschaft und herzlichstes Entgegenkommen. Ihr ganzes Wesen atmet Verständnis und Bereitschaft, an ihrer Spitze steht ein herzensguter Mensch, der in meinen Augen nur viel zu optimistisch ist. Leider aber sind ihrer Hilfsbereitschaft wesentliche Grenzen gesetzt. Sie sind selbst kaum länger als 10 bis 15 Jahre hier, arbeiten als Hausierer, Reisende und auch in eigenen Detailgeschäften. Ihr Vermögen und ihr Arbeitsfeld ist zu gering, als daß sie über einen bestimmten Punkt hinaus helfen können, und der ist meiner Ansicht nach vorerst erreicht. Es ist meiner Ansicht nach fast aussichtslos und einem Glücksspiel gleichzusetzen, wenn junge Leute ohne jede handwerkliche und sprachliche Kenntnis hier als sogenannte „Kaufleute" ankommen. Selbst gute Vertretungen lassen sich nur mit schwerer Arbeit verwerten. Die Aussichten als Angestellter sind hier recht gering, die allgemeine Industrie viel zu wenig entwickelt und die einzelnen Geschäfte zu begrenzt, als daß gute Gehaltsmöigliehkeiten vorhanden wären. Jedes Handwerk gibt dagegen hier von Anfang an sein Auskommen, und jedenfalls jede Arbeit in einer Fabrik, falls der Einwanderer körperlich intakt ist und genügend Arbeitskraft unter den erschwerten klimatischen Umständen aufbringen kann, und wenn seine beruflichen Fähigkeiten gediegen sind — Weber, Färber, Schneider, Schuhmacher, Friseur, Bäcker usw. brauchen ja dann gar nicht ewig in ihrer Werkstatt gefesselt zu bleiben. Gerade hier, wo alles im Anfang steckt, sind den kaufmännischen Talenten, sofern sie durch ein reelles Können auf irgendeinem Gebiet kreditwürdig werden, alle Wege und vielversprechende Wege offen. Besser sieht es in landwirtschaftlicher Hinsicht aus. Zwar ist selbsttätige jüdische Arbeit auf einer sogenannten „Finca" oder „Hacienda" bis auf geringste Ausnahmen w©hl infolge des Klimas unmöglich, aber Beteiligungen auf rentabler Grundlage gibt es von etwa 8000 Pesos ab (rund 12 000 Mark). Kaffee, Reis, Bananen und überhaupt Gemüse wird gebraucht und bringt gute Preise. Das Land ist in dieser Hinsicht „gesund", die Ernährung ist gesichert und kein Problem. Industrie und Fabrikwesen ist noch ganz in den Anfängen. Fast alles wird eingeführt. Trotzdem ist meiner Ansicht nach an einen wesentlichen Aufschwung der Inlandsproduktion unter Verwendung eingeführter Rohwaren nicht zu denken." Der nachstehende Brief eines jungen Einwanderers scheint uns wert, abgedruckt zu werden, da er zeigt, daß ein energischer und gewandter Mann sich gut einleben und Fuß fassen kann — wenn es auch viel Mühe kostet. Cali, den 12. Juli 1937 „Nun will ich Ihnen berichten, wie es bis jetzt gegangen ist. Im Gegensatz zu dem geringen Stand meiner Erwartungen ist die Situation sehr gut. Obgleich wir eigentlich vorhatten, nach Bogota zu fahren, sind wir hier in Cali geblieben. B. ist zur Zeit sehr schlecht; es gibt eine Menge Einwanderer dort, die ohne Arbeit sind. Hier dagegen sorgt der Vorsitzende des Hilfsvereins in geradezu väterlicher Weise für alle Ankommenden und tut sein Möglichstes, sie in Stellungen unterzubringen. Nach zehntägigem Aufenthalt fand ich durch seine Vermittlung eine Arbeiterstellung in einer ganz neu eingerichteten Columbisch-Amerikanischen Seidenweberei. Ich war in den ersten Tagen — gewissermaßen als Prüfung für meine Leistungsfähigkeit — in der Färberei beschäftigt. Es war sehr hart, in der hier herrschenden Hitze an einem vom Dampf umsprühten großen Bottich zu stehen und die aus der Weberei kommende Rohware durch stundenlanges Schwenken in der brodelnden Seifenbrühe zu waschen. Aber es ging, weil es gehen mußte. Ich habe mich schon am dritten Tag durch intensives Arbeiten für einen besseren Posten qualifiziert. Ich bediene eine Maschine, die die Fertigware aufrollt, mißt und kontrolliert. Es ist also eine Art Vertrauensposten, da mir die genaue Kontrolle der Ware auf Webfehler und Flecken untersteht, was auf den Etiketten gleichzeitig mit den Metragen anzuzeigen ist. In den Abendstunden (ich arbeite freiwillig eine Stunde mehr), arbeite ich mit dem Abteilungsleiter im Laboratorium und krame dabei meine Schul-Chemie-Kenntnisse aus. Nach und nach fällt mir manches wieder ein! Arbeitszeit ist von 71/2—12 und von 11/2—5 (für mich bis 6 Uhr). Ich habe mit $ (Pesos) 45 angefangen, wurde aber gestern, Samstag, schon auf $ 55 (monatlich) gesetzt. Ich habe bereits das besondere Vertrauen des Chefs, dem scheinbar meine sofortige Umstellung und meine Arbeitswilligkeit gefallen hat. Ganz besondere Dienste leisten mir aber meine spanischen Sprachkenntnisse und dazu noch mein Englisch, das ich auf dem Dampfer sehr vervollständigt habe. Bei dieser Gelegenheit möchte ich Ihnen sagen, daß Jungens, die bereits zwölf Wochen in ähnlichen Positionen wie ich in dem Betrieb arbeiten und sich sicher ebensolche Mühe geben wie ich, noch keine finanzielle Verbesserung erfahren haben, weil ihre Sprachkenntnisse mehr als mangelhaft sind. Ich möchte an dieser Stelle wiederholen, was man ja immer schon gehört hat: es kann nicht genug davor gewarnt werden, ohne Sprachkenntnisse, die mindesten volle und sichere Kenntnis der Grammatik und einen bestimmten Wortschatz umfassen, in fremde Länder zu gehen. Die Leute sind wie kleine Kinder, so hilflos, und können sich nicht verständigen. Dazu kommen die großen Widerwärtigkeiten im Beruf und der Hemmklotz im Vorwärtskommen. Es ist ja auch nahezu unmöglich zu arbeiten und den Anweisungen der Vorgesetzten nachzukommen, wenn man nicht versteht! An Arbeitsquantum und -qualität wird von Europäern sehr viel verlangt, da die Bezahlung der Columbianischen Arbeiter um 40—60 o/0 tiefer liegt, da die Columbianer sehr bescheiden leben. Unsere wirtschaftliche Lage ist so, daß wir bei bescheidenstem Leben eben gerade auskommen. Irgendwelche Nebenausgaben können wir uns vorerst noch nicht leisten. Dies ließe sich aber immerhin bessern, wenn wir mit Bekannten zusammenziehen würden und — was wir vorhaben — dann einen Teil des je zur Hälfte übernommenen Hauses vermieten würden. Dies ist eine Frage der Möblierung, die wir wohl auch regeln können. WILHELM GRASSOW INTERNATIONALE SPEDITION Inn. Julie Sara Peyser 0$eAÜii-&eMuck&M,dotf Jiwikstr. l0-11-&üfA90917 6t