Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1939. Bestand LBI
- Issue
- Januar 1939
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 60 (sequence 64)
- Language
- German
- Belongs to
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Hühneraufzucht, Eierverkauf und Milchverkauf werfen viel ab. Selbst eine Hühnerfarm allein kann hier einen fleißigen Mann gut ernähren. Für Kartoffeln werden hohe Preise gezahlt. Man kann ganze Finkas (große Güter) von reichen, alteingesessenen Leuten pachten, mit denen man dann alljährlich den Ertrag der Ernte teilen muß. Die Sociedad Hebrea de Socorros ist im Begriff, eine Landwirtschaf tssehule aufzubauen. Abschließend kann gesagt werden, daß Columbien den Einwanderern eine erhebliche Reihe von Möglichkeiten bietet, daß aber dringend davor gewarnt werden muß, ohne Sprachkenntnisse einzuwandern oder ohne festen Plan, was man anfangen will. Die Spekulation auf Bekannte, die einem „irgend etwas besorgen werden", dürfte in Columbien besonders fehl am Platze sein. Es wird (besonders in den letzten Briefen von Einwanderern) dringend empfohlen, nicht in den wenigen größeren Städten zu bleiben. VIII. Briefe aus Columbien Ueber die Verhältnisse in Columbien gingen dem Hilfsverein von Auswanderern viele interessante Briefe zu. Wir veröffentlichen davon als ersten folgenden allgemeinen Bericht über das Land: Bogota, den 15. Juli 1938 „In den Monaten, in denen ich im Lande bin, habe ich verschiedene kleine und große Städte kennengelernt. Die Entfernungen sind viel größer als in den meisten europäischen Ländern. Die hohen Gebirge machen moderne Verkehrsstraßen fast unmöglich. Das Flugzeug, als modernstes Verkehrsmittel, hat das Land erobert. Wegen schlechter Straßen und Mangel an genügendem Kapital kann das Land sich nicht in dem Umfang entwickeln, wie wenn diese Schwierigkeiten nicht wären. Doch glaube ich, daß Columbien wohl von allen amerikanischen Ländern die größte Zukunft hat, denn unermeßliche Schätze hat dieses Land noch. Ich will nicht auf Gold, Smaragde und Oel hinweisen, sondern daß es möglich wäre, durch moderne Agrikultur hier vieles zu erreichen. Columbiens größte Anbauflächen sind Kaffee, Zucker, Reis usw. und neuerdings Baumwolle. Baumwolle ist hier in den letzten Jahren mit sehr gutem Erfolg angebaut worden und wird noch mehr angepflanzt. Erze besitzt das Land auch genügend, aber noch viel schlummert in der Erde, denn Kapital fehlt, aber auch entsprechende Arbeitskräfte. In den Oelgebieten halten die wenigsten Europäer aus, nur die Amerikaner und Holländer haben die Energie, längere Zeit dort durchzuhalten. In diesen Gebieten wird viel Geld verdient. Die großen Gesellschaften haben kleine Städte gegründet, die sauber sind, und wo auf Gesundheit ihrer Arbeiter viel Wert gelegt wird. Es kommt ferner der Holzreichtum des Landes hinzu. Die edelsten Hölzer können nicht, oder wenig, exportiert werden, weil es keine Verkehrsstraßen gibt. Urwälder bedecken das Land, und es gibt heute noch genügend Gebiete, die kaum ein Menschenfuß je betreten hat. Indianer, zurückgeblieben auf einer längst vergessenen Kulturstufe,, beherrschen heute noch diese Urwälder. Außer diesen ist dort bestimmt noch Oel und vieles andere zu finden. Aber alles scheitert daran, daß keine Verkehrswege vorhanden sind. Bogota, die Hauptstadt, oft geschildert, und jeder sieht sie anders: Modernes Leben, sagt der eine, — Kaff, sagt der andere. Eins stellt fest, in keiner Stadt Columbiens wird so viel gebaut wie in Bogota. Aber dafür ist Bogota die Hauptstadt und hat in den letzten Jahren an Einwohnern am meisten gegen alle Städte Columbiens zugenommen. Straßenzüge werden runtergerissen, um modernen breiten Straßen Platz zu machen. Alles Leben spielt sich im Zentrum ab. Raum ist dort sehr knapp und daher Ladenmieten sehr hoch. Moderne, nach europäischem Stil gebaute Häuser wachsen immer mehr und mehr empor, doch sind die Mieten für diese Wohnungen für die meisten unerschwinglich. Wem es von den Neuzugekommenen besser geht, mietet in den neuen Vororten Bogotas sich ein Häuschen, das aus 5—7 Zimmern besteht, einen kleinen Garten hat, und in einer sehr gesunden Lage liegt. Daß sich zwei Familien so ein Häuschen mieten, ist fast die Regel. Mieten hierfür bewegen sich zwischen 50—100 Pesos. Billiger sind dagegen die „Patio"-Häuser, welche mehr in der Stadt liegen. Doch sind diese noch nach dem altspanischen Typ gebaut, meistens dunkel und nicht sehr sauber. Doch um ein Haus oder eine Wohnung mieten zu können, gehört immer ein „Fiador". (Dies ist ein Bürge, der die Miete zu bezahlen hat, wenn der Mieter sie nicht zahlen kann.) Uebrigens wird so ein „Fiador" bei allen Gelegenheiten benötigt. Alle Wohnungen haben elektrisch Licht, Gas ist unbekannt, und die Wasserverhältnisse haben sich in Bogota bedeutend gebessert. Kohle, zum Kochen, ist hier sehr billig, denn in genügendem Umfange im Lande vorhanden. Junge unverheiratete Leute wohnen entweder in Pensionen, oder mehrere haben sich eine Wohnung zusammen genommen, die von einer „Muchacha" sauber gehalten wird. Arbeitskräfte sind hier mehr als billig. Europäer können in den wenigsten Positionen dagegen konkurrieren. Handwerker gibt es aus allen Berufen, wie Schuster, Schneider usw. Die Lebenshaltung der hiesigen Eingeborenen liegt unter der der Neuzukommenden. Ein Maßanzug kostet ca. 50 Pesos und wird aus den allerfeinsten englischen Stoffen hergestellt. Auch die Konfektion hat sich hier eingebürgert; Anzüge und Mäntel kosten selten mehr als 30 Pesos. Lebensmittel sind in der letzten Zeit hier sehr im Preise gestiegen, doch gibt es hier alles. Außer den vielen Landesprodukten wird sehr viel in Konserven aus den Vereinigten Staaten importiert. Konservenfabrikengibt es bis heute hier noch nicht, ebenso wie es an Fabriken fehlt, die Eisenwaren usw. herstellen. Gut entwickelt hat sich die Textilindustrie, die heute schon einen sehr großen Teil des Bedarfs des Landes decken kann. Auch die Schuhindustrie hat hier einen sehr guten Erfolg, so daß heute kein Import mehr stattfindet. Dagegen werden hier die Unternehmen in Zukunft Erfolg haben, die sich auf Haushaltartikel, wie Steingut, Porzellan, Glas und Eisenwaren legen. Ferner, die für Bauunternehmen Artikel herstellen können. Es gibt Betonfabriken, die Tag und Nacht beschäftigt, aber nicht in der Lage sind, den Inlandsbedarf zu decken. Alles, was auch zum Straßenbau gehört, wird hier eine Verdienstmöglichkeit, denn dafür werden in den nächsten Jahren bestimmt Millionen ausgegeben werden müssen. Kleingewerbetreibende gibt es im Lande in genügendem Umfange. Der „Klopfer" (Hausierer) ist der Beruf, der am verrufensten ist. Daß der Handel dagegen Schritte unternommen hat, war zu erwarten. Möglichkeiten gibt es für Kleinkaufleute heute nur noch an den kleinen Plätzen. Wer die nötige Energie noch aufbringt, wer auf alle Großstadtannehmlichkeiten verzichten will, hat hier eine Möglichkeit. Dasselbe gilt für alle Handwerker. Für Leute aus den technischen Berufen gibt es Gelegenheiten in allen Ländern, aber hier in Columbien besonders für die nächste Zukunft. Bei der Tropical Oil Comp, kann jeder unterkommen, wenn er auf alle Annehmlichkeiten des Lebens verzichtet. Hier wird sehr viel Geld verdient, aber es werden sehr hohe Anforderungen an die Gesundheit gestellt, denn die T. O. C. befindet sich in tropischen Gebieten. Ebenso ist es mit den anderen Oilgesellschaften. Für Vertreter ist es hier sehr schwierig, denn die Art der Kundschaft ist eine andere als in Europa. Ferner dauert es infolge der Devisengesetze bald ein dreiviertel Jahr, ehe er die erste Provision ausgezahlt erhält. Viele von den Vertretern leben von der Hand in den Mund, denn die wenigsten Neuzukommenden haben ein Anfangskapital, um sich diese Zeit über Wasser zu halten. Von den in letzter Zeit Eingewanderten haben einige Fuß fassen können, doch sind diese zu zählen. Viele, und dies sind die meisten, leben von heute auf morgen. Vom Schneider angefangen bis zum Friseur, vom Parfümeur bis zum Chemiker sind alle Berufe vei-treten. Es bleibt also nur der technische Beruf noch offen, doch sind die Schwierigkeiten auch hierin sehr groß, denn immer noch fehlt es an den genügenden Rohstoffen bzw. Ersatzteilen. Ich bemerke also zum Abschluß: Zuerst die Sprache als Ausgangspunkt, dann ein richtiger Beruf, und dann nicht nach den größeren Städten. Sind diese Voraussetzungen vorhanden, dann hat ein jeder hier die Möglichkeit, oder er müßte über Kapital verfügen, das er hier investieren kann." Aus neuerer Zeit stammen die folgenden Angaben eines Einwanderers, die vor allem Ratschläge zur Uebersiedlung enthalten. Bogota, Anfang Februar 1938 „In Bogota ist von Karneval nichts zu merken, sondern nur von einer Stadt, in der main sich warm anziehen muß. Es ist hier wohl sogenannter Frühling, morgens bis 10 Uhr kühl, dann ein wenig warm bis gegen 4 Uhr, und dann wird es wieder sehr kühl, so daß man unbedingt warme Sachen anziehen muß. Also mit zuviel leichten Kleidchen kannst Du hier nichts anfangen. Denke bitte daran, soviel schwerere und wärmende Sachen mitzubringen, wie es möglich ist. Möbel selbst sind hier nicht teuer, Teppiche dagegen sehr. Ebenso ist es mit Gardinen, die man hier kaum kennt. Geschirr und was sonst so zum Haushalt gehört, ist hier sehr teuer. Ich bin jedenfalls zufrieden, daß ich wenigstens ein Teil mitgenommen habe. Ich hoffe, daß ich dies bald gebrauchen werde. — Wohnungen selbst sind hier nicht so teuer, aber moderne zu erhalten ist nicht so leicht. Am besten ist es, eine Apartement-Wohnung zu nehmen, oder ein kleines billiges Haus. So ein Haus mit 5 Zimmern z. B. kostet hier 60 Pesos. Dazu kommt, daß man ein Mädchen haben muß, die zirka 13 Pesos pro Monat kostet. Dazu kommt noch elektrischer Strom. Hier wird alles nur elektrisch gekocht, oder mit Spiritus oder Holzkohle. Ferner muß man zirka 5 Pesos 60