Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1939. Bestand LBI
- Issue
- Januar 1939
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 59 (sequence 63)
- Language
- German
- Belongs to
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man auf gesellschaftlichen Verkehr im Hause nicht verzichten will, genügt eine einfache Möbeleinrichtung. — Sehr teuer ist, im Gegensatz zu den Möbeln, Geschirr, Glas und jede Art von Küchen - und Hausgerät, weshalb man nach Möglichkeit all dies aus Europa reichlich und vollständig mit- .bringen soll. Der Lichtstrom hat in Bogota 150 Volt, in Cali und den übrigen Städten 110 Volt, — überall Wechselstrom. (Die vorstehenden Angaben, für die wir Herrn Prof. Dr.-Ing. Dr. rer. pol. H. Halberstädter in Bogota außerordentlich verbunden sind, gehen von den Bedürfnissen eines aus Westeuropa kommenden, an einen relativ hohen Lebensstandard gewöhnten Juden aus, während die Angaben der Hicem vorwiegend auf die bescheideneren Ansprüche ostjüdischer Einwanderer berechnet sein dürften.) VII. Aussichten für Einwanderer Zur rechten Würdigung der Aufnahmefähigkeit des Landes wird man folgende Tatsachen nicht aus dem Auge verlieren dürfen: 1. Columbien ist ein tropisches Land, das in den tief gelegenen Teilen für Weiße überhaupt kaum erträglich ist, während die höher gelegenen Gegenden zwar für Menschen mit kräftigem, anpassungsfähigem Herzen und einwandfreier Lunge gesund sind, aber weniger robusten Naturen unter Umständen zum Verhängnis werden können. 2. Columbien ist ein großes und an Naturschätzen sehr reiches Land, aber die Einwohnerzahl von etwa 8V2 Mill. Menschen, die bisher noch geringe Entwicklung der Industrie und der in vielen Gegenden spürbare Mangel an Verkehrswegen setzen der Einwanderung städtischer Elemente gewisse Schranken. Im einzelnen ergibt sich folgendes Bild der Aussichten für die verschiedenen Berufe: Angehörige der intellektuellen Berufe haben im allgemeinen keinerlei Aussichten, es sei denn, sie würden von autoritativer Stelle ausdrücklich nach Columbien berufen. Ebenso wie in den meisten südamerikanischen Staaten stoßen die Akademiker hier in der Regel bei der Revalidierung ihrer Titel auf die allergrößten Schwierigkeiten, da die Einheimischen die Konkurrenz fürchten. Für A e r z t e bestehen überhaupt keine Aussichten. Es existiert zwar ein Gesetz, wonach Ausländer, die im Lande ein Examen ablegen, sich auch niederlassen dürfen, aber tatsächlich ist es ausgeschlossen, daß ein Immigrant dieses Examen besteht, auch wenn er noch so tüchtig ist und tadellos spanisch kann. Ebensowenig wie für Aerzte bestehen Möglichkeiten für Assistenten oder Krankenpfleger. Nicht viel besser als mit den Intellektuellen steht es mit einer anderen wichtigen Gruppe jüdischer Einwanderer, nämlich den Handelsangestellten. Nachdem die ersten Emigranten fast alle bei größeren jüdischen Firmen oder deren Freunden untergebracht worden sind, soll es zur Zeit kaum noch möglich sein, Einwanderer, die die spanische Sprache nicht völlig fehlerfrei beherrschen, als kaufmännische Angestellte unterzubringen; und selbst bei perfekten Sprachkenntnissen kann nicht unbedingt damit gerechnet werden, bald eine ausreichend bezahlte Stellung zu finden. Neuerdings wird schärfer darauf geachtet, daß die Zahl der ausländischen Arbeitnehmer im Betrieb nicht die gesetzliche Grenze von 20 v. H. überschreitet. Als Anfangsgehälter für kaufmännische Angestellte werden in den Briefen von Einwanderern 30—40 Pesos, für technische Angestellte 50—60 Pesos genannt. Angestellte mit technischen Kenntnissen (Ingenieure, Chemiker, Textil- oder Brauerei-Fachleute) haben einige Aussichten unterzukommen, da europäische Fachkräfte verschiedentlich gesucht werden. Doch ist es ein erhebliches Risiko, auf gut Glück einzuwandern, und es empfiehlt sich dringend, vorher bei den jüdischen Organisationen in Columbien wenigstens genaue Erkundigungen einzuziehen. Das gleiche gilt für Facharbeiter. Selbständige Kaufleute haben in Columbien kaum noch gute Aussichten. Sie verdienen im allgemeinen noch das zum Existenzminimum Notwendige, und nicht allzu schwer auch genug, um mit Familie eine leidlich bürgerliche Lebenshaltung zu bestreiten. Dagegen sollen die Möglichkeiten, viel zu verdienen, gering sein. Kaufmännische Vertreter, die mit guten Vertretungen ins Land gekommen sind, haben sich im allgemeinen einigermaßen durchschlagen können, besonders wenn sie ohne Familie waren. Die Lage wird jetzt dadurch erschwert, daß die Regierung in letzter Zeit von ihrer Ermächtigung Gebrauch zu machen beginnt, Einfuhr-Genehmigungen zu verweigern, wenn es die Devisenlage erfordert. — Die Konkurrenz im selbständigen Einzelhandel ist in Columbien letzthin recht scharf geworden. Weitaus am besten sind die Möglichkeiten für Einwanderer mit Kapital. Es wird übereinstimmend von verschiedenen Seiten geschildert, daß es schon mit 3000—4000 Pesos Kapital eine Fülle von aussichtsreichen Unternehmungsmöglichkeiten in Industrie, Handel, Landwirtschaft, Hotelwesen, Transportgewerbe usw. gebe. Man tut jedoch gut, sich schon vor der Uebersiedlung genau über die Möglichkeiten, die für die geplante Unternehmung bestehen, zu unterrichten. Auch Möglichkeiten, Kapitalien günstig anzulegen und arbeiten zu lassen, seien reichlich vorhanden; wer 20 000 bis 30 000 Pesos besitze, könne auch ohne eigene Arbeit eine bürgerliche Lebenshaltung von den Zinsen bestreiten. Mit relativ geringen Barmitteln (wenigen 100 Pesos Anfangskapital) können Einwanderer mit Mut und Initiative, und vor allem guten Fachkenntnissen, besonders wenn sie die notwendigen Werkzeuge, Geräte usw. aus Deutschland mitbringen, sich durch Errichtung eines kleinen gewerblichen Betriebes eine Existenz schaffen, die rasch das zum Lebensminimum Notwendige abwirft — vorausgesetzt, daß sie wirklich erstklassige Arbeit leisten. Im allgemeinen ist die gewerbliche Konkurrenz, mit Ausnahme der Möbeltischlerei und der Konfektion, noch relativ gering. Recht gut sind die Aussichten für Handwerker, die als selbständige Unternehmer meist rasch genügend Aufträge finden. Zur Selbständigmachung sollen unter Umständen 1000 Pesos genügen. Als Gesellen werden sie — vorausgesetzt, daß es sich um wirklich gute Kräfte handelt — zumeist, wenn auch nicht etwa immer sofort, Stellung finden können, doch sind die Löhne im allgemeinen so gering, daß sie zum Unterhalt einer Familie nicht ausreichen. Frauen, die keinen festen Anstellungsvertrag besitzen, kann zur Einwanderung nach Columbien nicht geraten werden. Betätigung in der Landwirtschaft setzt im allgemeinen Kapital voraus. Siedler können von der Regierung Land zur Urbarmachung gratis erhalten; man wird aber auch in diesem Fall mit mindestens 1500 Pesos pro Familie rechnen müssen für Investition, Hausbau, Bezahlung der (sehr niedrigen) Arbeiterlöhne für das Roden, und endlich für den Lebensunterhalt bis zur ersten Ernte. Bauernland ist sowohl im Kauf als auch in der Pacht selbst in der Nähe der großen Städte sehr billig. Das Land trägt jahraus jahrein ohne besondere Arbeitsmühe mehrfach Frucht. Alles Nutzvieh ist sehr billig aufzuziehen und kann als Schlachtvieh mit anständigem Nutzen verkauft werden. Herbert Israel Liebenthal . Spedition .Mitglied der Jüdischen Gemeinde Berlin W 8 Kronenstraße 33 Umzngstransporte nach allen Erdteilen Tel.: 16 H7 40 I 59