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Jüdische Auswanderung · 1939-01-01 · Januar 1939 · p. Seite 45

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Journal
Jüdische Auswanderung
Volume
1939. Bestand LBI
Issue
Januar 1939
Date
1939-01-01
Page
Seite 45 (sequence 49)
Language
German
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Säo Paulo, den 27. 3. 1936 „Brasilien ist für den, der einen großen Trennungsstrich zieht und gewillt ist, zu arbeiten, sogar schwer zu arbeiten, für alle jungen und kräftigen Menschen, die Zukunft. Für ältere und nicht kräftige Menschen aber ist es auch hier wie überall in der Welt, wenn sie nicht genug Geldmittel besitzen, sehr schwer. Ich sage nicht zuviel, wenn ich Dir mitteile, daß alle Emigranten, die mit einigen Mitteln hergekommen sind und / irgendein selbständiges Gewerbe angefangen haben, fast restlos | kaputt gegangen sind. Woran liegt das? Zur Hauptsache daran, daß die Leute nicht die Landessprache beherrschen und, was noch wichtiger ist, in vollkommener Unkenntnis der Mentalität der hiesigen Menschen sieh in irgendeine Unternehmung einließen. Es ist hier nicht so wie bei uns. Wenn man von jemand übervorteilt ist, und das ist der Hauptgrund, so kann man nicht vor Gericht klagen, da die Prozeßgebühren im Verhältnis zur Klagesumme ein ungeheures Geld kosten. Wenn man auch recht bekommt, so ist der Emigrant doch immer der Verlierer, denn die Kosten übersteigen in jedem Falle das Wertobjekt. Gesucht sind hier tüchtige Facharbeiter auf jedem Gebiete. Sie kommen sofort unter, auch ohne Beherrschung der Sprache und verdienen sehr gut. Das heißt, sie können leben, sich nebenbei auch einige Anschaffungen machen und auch mal ein Glas Bier trinken gehen. Wer kein Facharbeiter ist, muß sich umstellen. In der ersten Zeit irgendeine Stelle annehmen, die sich ihm bietet, damit er die Sprache und Land und Leute kennen lernt. Das Leben bietet hier bei weitem nicht das, was man von Europa verlangt hat. Ausgehmöglichkeiten, wie man sie bei Euch kennt, gibt es hier nicht. Man kann wohl ins Kino gehen und Spazierengehen und hinterher in eine Vende (Verkaufsläden, in denen man alles bekommt, und die nebenbei einen Kaffeeausschank und auch einen solchen für andere Getränke haben). Derartige Venden gibt es zu Tausenden hier. Damit ist es auch Schluß. Tanzen gibt es nur in Animierlokalen, die vereinzelt sind und sehr viel Geld kosten. Aehnlich wie bei uns die sogenannten „Nepplokale", nur noch teurer. Jetzt komme ich zu einem ganz besonders für uns Europäer heiklen Thema, der Frauenfrage. Sie ist hier ein ungelöstes Problem, wenn man unverheiratet ist. Ich will auch hierin ganz offen reden. Meines Erachtens ist dies hier schon ein Hauptgrund zur Unzufriedenheit. Freundinnen und Freundschaften, wie man sie bei uns kennt, gibt es hier nicht. Hat man zufällig ein Mädchen (was sehr schwer ist) kennengelernt und geht nur einmal mit ihr ins Kino — das Kaffeehausgehen für Frauen gibt es überhaupt nicht — so muß man heiraten. Will man nicht, so passiert es mit 95 o/o Sicherheit, daß man von den Anverwandten der Dame einen Messerstich bekommt oder heruntergeschossen wird. Oder aber man wird auf Antrag der Anverwandten zur Polizei geschleppt und muß dort heiraten. Ich bitte Dich, im Interesse aller jungen Leute, die auszuwandern beabsichtigen, ihnen gerade dieses klar vor Augen zu halten. Sollten sie zu unverständig sein, um die ganze Tragweite zu erkennen, so mache Du es ihnen klar. Jeder muß sich eine Frau von dort mitnehmen oder nachkommen lassen. Eine Brasilianerin zu heiraten, kommt für uns nicht in Frage. Die Brasilianerin kennt keine Arbeit. Sie wohnt in der Pension und kann nicht einmal kochen. Man ist, obgleich man eine Frau hat, aufs Hotel oder auf Pension angewiesen." (Der Brief enthält am Schluß eine — u. E. durchaus begründete — Warnung vor der außerordentlichen Verbreitung und Gefährlichkeit der Geschlechtskrankheiten in Brasilien und den ungeheuren Kosten einer ärztlichen Behandlung.) Schließlich geben wir den Bericht eines Landwirtes wieder, der nach einer Tätigkeit von drei Monaten schrieb: Alcindo Guanabara, Sept. 1937 „Alcindo liegt am Fuß hoher Berge und hat gemäßigt subtropisches Klima; wir haben Bahnstation, ca. 75 km von der Hauptstadt entfernt; die Fahrt dauert 2 Stunden. Unsere Besitzung ist ca. 30 ha groß, sie wurde im Vorjahr von unseren Kindern, die in Rio arbeiten, gekauft. Mein Schwiegersohn ist seit 1931, meine Töchter seit 1932 in Brasilien. Klimatisch haben wir wenig zu klagen; jetzt im Winter steigt das Thermometer mittags wohl mal auf 36, bewegt sich aber meist zwischen 25 und 28, und fällt nachts meist bis 15, selten bis 13 Grad. Der nahe Wald und die Berge sorgen für angenehme, kühle Abende; das Quellwasser vom Berg wird bis ins Haus und zwischen die Beete im Garten geleitet. Es gibt keine Moskitos, aber Stechfliegen und Sandflöhe, die einen anfangs sehr belästigen, später reagiert das Blut kaum noch auf Bisse. Giftschlangen kommen kaum vor. Jeder Europäer, der gesund ist und keine Exzesse begeht, kann hier gut leben, und wenn er sich gehörig schützt, auch körperlich arbeiten; aber das Land urbar machen können nur Eingeborene, dabei würde sich jeder Einwanderer, und sei er noch so kräftig, erschöpfen. Wir bauen hier Mais, Manioka und Süßkartoffeln zwischen die Stümpfe des gerodeten Waldes; es wächst hier jedes Gemüse von drüben und auch alle Kräuter, aber nicht jede Frucht. Dafür haben wir Orangen- und Zitronenbäume, auch eine Kreuzung zwischen beiden, Ananas und Bananen; der Wald liefert Himbeeren und Brombeeren und eine Anzahl eßbarer und zu Marmelade brauchbarer Früchte. Wir legen Weiden für Vieh und Pferde und Ausläufe für Hühner an, indem wir das Matto abbrennen. Es wächst in kurzer Zeit wieder. Vieh und Pferde sind Sommer und Winter im Freien. Das Pferd ist hier das Beförderungsmittel und für schwere Lasten das Maultier und der Esel. Wir würden gern solche anschaffen, aber sie sind uns zu teuer, denn ein Pferd kann man mit Sattel für 2D0 bis 300 Milreis kaufen, und für gute Maulesel werden bis 900 gefordert. Wir beschäftigen 3 hiesige Arbeiter und ein paar Hausangestellte; Versuche, umgeschulte jüdische junge Leute zu beschäftigen, sind fehlgeschlagen; sie waren wohl theoretisch geschult, hatten auch wohl mal auf einem großen Gut etwas praktisch gearbeitet, haben sich aber hier nicht bewährt. Denn die brasilianische Landwirtschaft ist etwas anderes als drüben: hier ist ni^ht die größte Sorge die Bearbeitung und Düngung, sondern der Kampf gegen Ungeziefer und Unkraut. Der Boden ist fruchtbar, wenn auch manchmal kalkarm, und ist auch dank der günstig verteilten Regen feucht genug. Doch es gibt 3 Sorten Ameisen, gegen die ein ewiger Kampf geführt werden muß, und ein ganz sicheres Mittel, wenn es eins gibt und im ganzen Land zugleich angewandt würde, könnte den Ertrag der Agrarwirtschaft auf das Mehrfache steigern. Von den hiesigen Bauhandwerkern, die unser Haus gebaut haben, und von den Eingeborenen, die sich selbst mit primitivsten Mitteln eins bauen und das Gesamtmaterial dem Walde entnehmen (Holz, Lehm, Dachstroh und Bast), kann der Europäer viel lernen und soll sich ja nicht etwa einbilden, daß es umgekehrt wäre. Ein hiesiger Maurer kann auch zimmern, rohrlegen und dachdecken, ein Schlosser auch tischlern, installieren und schornsteinfegen wie hufbeschlagen. Mit Hammer und Meißel wird ein Auto repariert, und — es geht, wenn auch nicht ganz so gut wie da, wo man Spezialmaschinen hat, aber es geht... Landschaft und Wald bieten dem Naturfreunde und Erholungsbedürftigen hier sehr viel Schönes, darum haben wir auch Zimmer für Weekendgäste aus der Stadt mitgebaut und haben guten Zuspruch. Doch geht man mit einem hier großgewordenen Farbigen in die Berge, dann merkt der Städter erst, daß er blind und taub gegen die Natur ist: nur der Hiesige kennt Wildfährten und -stimmen, Nester und Fischgründe und kann mit seiner rostigen Flinte besser treffen als wir mit modernsten Jagdwaffen. Die Löhne sind in letzter Zeit gestiegen, aber immer noch als zu niedrig zu bezeichnen, doch sind alle anderen Preise gehörig angezogen. Da die Arbeiter unserer Eisenbahnstrecke gestreikt haben — sie wollten statt Rs. 58500 jetzt Rs. 78500 verdienen und erreichten nun Rs. 68500 —, so erhöhte die Gesellschaft, die englische „Leopoldina", den Fahrpreis und die Frachten um 30—40 o/0. So will die „Light and Power" den Fernsprechpreis und die Tramfahrt erhöhen, und eins zieht das andere nach sich. Butter, Eier und Milch kosten soviel wie drüben, nur Fleisch ist heute noch preiswert. Wer also auf dem Lande leben will, der hat Arbeit über Arbeit und nur wenig Kulturgenüsse, außer Radio und Sport. Jedem Landwirt, Viehzüchter, Handwerker und Spezialisten ist aber anzuraten, sich nichts auf seine erworbenen Kenntnisse einzubilden, denn er muß hier doch nochmal umlernen. Arbeit bekommt er schon leicht, selbst wenn er nur wenig Portugiesisch S I L BERSTEIN x. C 0 Inhaber Dr. Fritz Israel Silberstein

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