Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1939. Bestand LBI
- Issue
- Januar 1939
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 44 (sequence 48)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/6492429-9991069-9588157--846-9588205- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
und Darm vollkommen gesund sind; bei Frauen der Unterleib. Es ist unbedingt erforderen, daß jetler Auswandernde sich vorher gründlich untersuchen läßt. Wer hier krank wird, ist zum Untergang verurteilt. Es gibt keine Krankenkassen, die wirkliche Hilfe leisten; auch die Krankenhilfe der hiesigen Jüdischen Gemeinde ist nur eine Teilhilfe. Arzt und Medikamente sind sehr teuer, man kann sogar sagen unerschwinglich. Die Höchstgrenze für einwandernde Männer ist 40 Jahre, wenn die Körperkonstitution widerstandsfähig ist, die Höchstgrenze für Frauen 35 Jahre." Aus etwas früherer Zeit (April 1937) berichten Auswanderer etwas über die Arbeitsbedingungen: Rio de Janeiro, den 27.6. 37 „Kunstgewerbliche Arbeiten werden gut aufgenommen, wenn sie wirklich hervorragend gemacht sind und durch guten Geschmack und Eleganz auffallen. Es gibt hier eine ganze Menge reiche Leute; die Frauen arbeiten überhaupt nicht, sondern verbringen ihre Tage damit, zu schlafen, gut zu essen, sich elegant zu machen, in die Geschäfte und zu den Schneiderinnen zu gehen und tausenderlei Kinkerlitzchen einzukaufen. Aber der Brasilianer und die Brasilianerin sind schwierige Kunden, verwöhnt, anspruchsvoll, andererseits aber wieder flott im Geldausgeben, wenn ihnen wirklich etwas zusagt. Ich weiß hier von einer Dame, die entzückende kunstgewerbliche Arbeiten macht, die ihr von den beiden großen Kaulhäusern hier am Platz abgenommen werden. Mittelmäßige Arbeit ist dagegen vollkommen zwecklos. Die breite Masse ist arm und kann derartige Dinge nicht kaufen, und für die reichen Leute kommt nur das Allereleganteste in Frage. Jemand, der sich als Kaufmann betätigen will, muß unbedingt gut portugiesisch können, sowohl sprechen, wie schreiben. Es wäre daher sehr zu empfehlen, schon in Deutschland mit dem Studium der Sprache zu beginnen. Für Vertreter ist die Sache insofern schwierig, als der Brasilianer nicht nach Muster kauft, sondern verlangt, daß er die Ware sehen kann. Ferner will er mit den ganzen Zollschwierigkeiten nichts zu tun haben. Es ist also, wenn man irgendwie Geschäfte von Belang machen will, unumgänglich notwendig, hier ein Lager zu unterhalten, wobei der Vertreter zunächst die meist sehr hohen Zölle, die er natürlich einkalkulieren kann, zu bezahlen hat. Also auch dies geht nicht ohne größeres Kapital." Rio de Janeiro, den 7.4.37 „Ich bin am 27.1.37 nach einer guten Fahrt glücklich in Rio gelandet. Ich habe gleich am sechsten Tage gearbeitet, und zwar in meinem Fach als Mechaniker für Schreib- und Rechenmaschinen. Ich hatte gleich ein Gehalt von 20 Milreis pro Tag. Für Essen, Trinken, Wohnung, Wäsche, Tabak und sonstige Nebenausgaben gab ich den Tag etwa 8—9 Milreis aus. Gewiß, es ist bestimmt ein gutes Gehalt, doch dürfen Sie wiederum nicht eines vergessen, daß mein Fach auch schon in Deutschland sehr gesucht war. Demnach ist es hier in Rio auch einer der bestbezahlten Berufe. In der ersten Zeit ist es für einen, der aus Europa kommt, schwer, sich an die hiesigen Verhältnisse zu gewöhnen. Mir machte es nichts weiter aus. Die aussichtsreichen Berufe sind Mechaniker und Techniker, Schneider und gute Schuhmacher. Schneider müssen natürlich hier erst etwas umlernen, denn die Sachen werden hier anders verarbeitet als in Europa. Schuhmacher nur dann, wenn sie die Herstellung der Schuhe von Grund auf kennen. In keinem Falle würde ich jemandem raten, der umgeschichtet hat, nach Brasilien zu gehen, denn hier sind sehr viele europäische und USA.-Arbeiter, die alle Fachleute und daher eine große Konkurrenz sind. Die Brasilianer führen auch sehr geschickt alle mechanischen und technischen Arbeiten aus; denn der europäische Unternehmer läßt den Brasilianer zu allen diesen Arbeiten zu. Dieselbe Arbeit, die ich ausführe, macht der Eingeborene für 12—14 Milreis den Tag. Auch ist es hier so, daß der Ledige genau so viel verdient wie der Verheiratete, denn die Arbeitgeber meinen, daß man ja nur einen angestellt hat. Auch die Sozial-Gesetzgebung ist hier sehr mangelhaft. Man kann eine Stellung aufgeben, indem man am anderen Tage nicht mehr hingeht. Ein Kündigungsschutz tritt für den Arbeitnehmer nur dann ein, wenn er mindestens ein Jahr lang auf derselben Stelle tätig war. Dann muß der Arbeitgeber, wenn er ihm kündigt, für einen Monat den Lohn ohne Gegenleistung zahlen. Sonst kann man hier von Tag zu Tag kündigen." Allgemeine Angaben über die Entwicklung der Industrie finden sich in nachstehendem Bericht, der im wesentlichen heute noch gültig ist: Säo Paulo, den 3.4.37 „Bei dieser Sachlage suchen die Einwanderer, die über etwas Kapital verfügen, sich mit kleineren Beträgen von etwa 30—50 Contos an kleingewerblichen Betrieben zu beteiligen. Hier sind tatsächlich Möglichkeiten vorhanden, doch ist andererseits auch größte Vorsicht geboten, da die Angebote nicht immer seriös sind. Immerhin gibt es eine große Zahl von Artikeln, die bisher Vi ausschließlich oder fast ausschließlich importiert wurden, sich aber im Lande selbst zu erheblich niedrigeren Preisen herstellen lassen. Die Regierung fördert, insbesondere durch Schutzzölle, die nationale Industrie und hofft, daß die Erzeugnisse dieser Industrie bald exportfähig sein werden. Vorläufig halten sie allerdings einen Vergleich mit ausländischen Waren noch nicht aus. Das ist nicht etwa die snobistische Beurteilung eines Einwanderers, sondern die allgemeine Auffassung, die trotz des Nationalstolzes des Brasilianers oft mit erstaunlicher Offenheit geäußert wird. Fragt man z. B. in einem Laden, ob es von der angebotenen Ware nicht noch eine billigere Sorte gäbe, so bekommt man sehr häutig die Antwort: „Ja, das ist dann aber nationale Ware." Es handelt sich hier um einen Mangel, den jede junge Industrie aufweist, besonders, wenn sie sich des besonderen Schutzes der Regierung erfreut, der zwar der Rentabilität, nicht aber der technischen Entwicklung zuträglich ist. Für ehemalige Rechtsanwälte wie mich sind die Aussichten leider sehr viel weniger rosig. Ich bin vorläufig noch auf Abwarten eingestellt, suche nach Mitteln und Wegen, um mich allmählich mehr mit den wirtschaftlichen Verhältnissen und der Mentalität der Leute vertraut zu machen und verbringe erhebliche Zeit mit der Erlernung der Sprache. Das Gehalt eines gewöhnlichen kaufmännischen Angestellten beträgt $ 200 bis $ 800, wobei die höheren Gehaltssätze insbesondere für Buchhalter und Korrespondenten gelten. Den Monatsbedarf einer vierköpfigen Familie schätze ich bei bescheidenen europäischen Ansprüchen auf 1:000*000 Ins 1: 500?000. Ein Einwanderer kann also mit dem Gehalt, das er als kaufmännischer Angestellter verdient, den Lebensunterhalt seiner Familie nicht bestreiten, doch wird sich im allgemeinen für seine Frau eine Gelegenheit zum Mitverdienen ergeben. Es ist sogar für Frauen leichter, eine Stellung in einem kaufmännischen Betrieb oder in einem Haushalt zu finden, als für Männer, für die die Erlangung einer Stellung mehr oder weniger Glückssache ist. Ich selbst hätte für die Uebergangszeit gern eine Volontärstellung gefunden; meine Bemühungen in dieser Richtung sind bisher erfolglos geblieben, und Kenner der Verhältnisse beurteilen meine Chancen außerordentlich skeptisch. Die Brasilianer fürchten, daß, wer keine Bezahlung bekommt, auch nichts leistet und nur Erfahrungen für eine spätere Konkurrenztätigkeit sammelt." Ueber die Wohnweise, Mieten und Lebensmittelpreise unterrichtet ein Brief aus Säo Paulo. (Die Preise dürften inzwischen gestiegen sein.): Säo Paulo, den 1. 7. 1937 „Hanna ist gerade jetzt, wo ich Ihnen schreibe, wieder auf deir Wohnungssuche, was bei den wenigen brasilianischen Kenntnissen und den großen Entfernungen keine so einfache Sache ist. Ich denke, daß wir ein Haus mieten werden von 5 Zimmern. Sie sind gewöhnlich so beschallen: unten Besuchs¬ und Speisezimmer, ferner Küche, nebst großem Vorraum dazu, oben 3 Schlafzimmer mit Veranda, sehr gutem Badezimmer mit allen Schikanen, viel besser, a's wir es je in Berlin gehabt habsn. Vorn ist meist ein kleinsr Garten, oder hinten ein größerer, ferner Garage, und in einem Extrahäuschen Mädchenzimmer mit besonderer Privada. Das kostet dann so etwa von 300 bis 500 Milreis, das heißt die Häuser, die wir nehmen wollten, und an denen dann doch noch immer das eine oder andere auszusetzen war, gewöhnlich 500; nach deutschen Begriffen ist das sehr wenig, etwa 80 RM. per Monat. Aber Sie müssen berücksichtigen, daß hier auch die Einkommen sehr gering sind; junge Leute verdienen meist auch nicht mehr, als ich eben für die Miete angab. Vorläufig wohnen wir in einer sehr guten Pension, wo fast nur Emigranten wohnen. Wir zahlen dort für uns drei etwa 1300 Milreis, und wenn dies auch sehr viel ist, werden wir billiger auch nicht wirtschaften können. Die Lebensmittel erscheinen uns alle unglaublich billig, da wir natürlich noch alles in Mark umrechnen; dies ist aber verkehrt, und wir werden davon auch noch abkommen müssen. Ein Kilogramm Rindfleisch soll etwa 1 Mil kosten, also 16 Pf., das beste Filet 6 Mil das Kilogramm und so fort, Gemüse sind etwas teuerer, dagegen kostet Obst nichts. Wir kaufen das Dutzend herrlicher Mandarinen in einer Größe und Geschmack, wie ich sie noch nie sah, für 300—400 Reis, also maximal 6 bis 7 Pf., 1 Dutzend Apfelsinen, sehr groß, für 500 Reis, eine große Ananas für 600 Reis (10 Pf.) usw. Dagegen werden Kirschen stückweise mit 200 Reis bezahlt, sind also nicht zu kaufen, und eben erscheinen auf dem Markt Erdbeeren zu gleichem Stückpreise; diese sollen aber später auch ganz billig werden. Alle sonstigen Sachen dagegen, und insbesondere die, welche eingeführt werden müssen, sind sehr teuer." Die brasilianischen Sitten und die Schwierigkeiten, die der Einwanderer hat, sich in diese fremdartige Welt einzuleben, schildern die beiden folgenden Briefe: