Mannheim
Compact Memory

Jüdische Auswanderung · 1939-01-01 · Januar 1939 · p. Seite 37

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Auswanderung
Volume
1939. Bestand LBI
Issue
Januar 1939
Date
1939-01-01
Page
Seite 37 (sequence 41)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/6492429-9991069-9588157--839-9588198
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Am 6. Juni 1936 wurde in Rio de Janeiro ein vorbereitendes Handelsabkommen zu einem deutsch-brasilianischen Handelsvertrage geschlossen, in dem sich beide Länder in Zukunft die unbedingte und uneingeschränkte Meistbegünstigung gewähren wollen. Daneben wurden Vereinbarungen über Einfuhrkontingente getroffen. Der genaue Wortlaut des Abkommens ist nicht veröffentlicht worden. Ein Handelsvertrag ist bisher (Ende 1938) nicht abgeschlossen worden. Es scheint, daß die Beziehungen sich trotz einiger Schwierigkeiten, die im Laufe des Sommers 1938 auftraten, weiter im Rahmen des vorbereitenden Abkommens halten. Die Deutsch-Südamerikanische Bank weist darauf hin, daß insbesondere folgende Waren für Brasilien bei intensiver Bearbeitung des Gebietes gute Verkaufsmöglichkeiten böten: Rohstoffe und Halbfabrikate für die Landesindustrie, Maschinen und Motoren, gewisse Baumaterialien, sanitäre Artikel, Elektro-Artikel, Automobile und Fahrräder, kosmetische und pharmazeutische Produkte, Hospitalbedarf, Uhren, Papier, Bijouterie und Kurzwaren, photographische und optische Artikel. (Die Tabellen dieses Abschnittes sind teilweise dem Jahresbericht der Deutschen Veberseeischen Bank für 1937 entnommen.) (i. W irtsehaftsentwicklung Wie oben geschildert, wird eine bewußte Politik der Industrialisierung getrieben. Der Weltkonjunkturaufschwung, der gegen Ende 1932 einsetzte, kam dieser Tendenz entgegen. Im Verlauf der Entwicklung aber blieb das Wachstum der zur Beschaffung von notwendigen Rohstoffen usw. erforderlichen Ausfuhr hinter dem Wachstum der Einfuhr zurück: während von 1935 auf 1937 die Einfuhr um nahezu 50 v. H. von 27 auf 41 Millionen Gold-£ stieg, wuchs die Ausfuhr nur um knapp 30 v. H. von 33 auf 42,5 Millionen Gold-£ an, so daß der zur Verfügung stehende Ausfuhrüberschuß sich stark verminderte. Diese Entwicklung hat in Verbindung mit der Unsicherheit über die Auswirkung der oben besprochenen innerpolitischen Ereignisse dazu geführt, daß die Geschäftstätigkeit vor allem des Großhandels, aber auch der Industrie seit dem zweiten Halbjahr 1937 ins Stocken geraten ist. Für die Lage der Landwirtschaft sind die Verhältnisse auf dem Kaffeemarkt noch immer ausschlaggebend. Im Jahre 1937 wurde zwar das Sinken des Wertes der Kaffeeausfuhr durch eine starke Verbesserung der Preise aufgehalten; zur Zeit aber ist der Preis wieder um etwa 30 v. H. gefallen. Die Kaffee,Verteidigung" ist, wie erwähnt, aufgegeben worden und der Kampf mit den anderen Ländern, die unter dem Schutze der brasilianischen Preispolitik ihre Erzeugung erweitern konnten und vielleicht auch wirtschaftlicher produzieren, steht noch bevor. Die Lage der Kaffeepflanzer ist durch ein Moratorium (für die ganze Landwirtschaft) und durch die Herabsetzung der Äusfuhrsteuer usw. erleichtert worden; die Wirksamkeit dieser Erleichterungen für den bevorstehenden Konkurrenzkampf bleibt zur Zeit noch abzuwarten. Die Brasilianische Regierung setzt ihre Anstrengungen fort, die Umstellung der landwirtschaftlichen Erzeugung vom Kaffee auf Baumwolle, Weizen u. a. m. durch Kreditgewährung, Gründung von Forschungsinstituten, Erlaß von Standardisierungsvorschriften usw. zu fördern. Insbesondere ist die künftige Entwicklung des Absatzes der Baumwolle günstig zu beurteilen, da Brasilien sich bereit erklärte, Baumwolle im Kompensationsverkehr mit Deutschland, Polen und Italien zuzulassen, und auch Japan seinen Baumwollbedarf zum großen Teile in Brasilien deckt. Die Industrie Brasiliens erlebte in den Jahren 1936 und 1937 ihren großen Aufschwung. Seit 1933 hat sich die Zahl der industriellen Unternehmen in Säo Paulo um die Hälfte vermehrt, und doch fanden in letzter Zeit die meisten industriellen Neugründungen in den Nordstaaten statt, die bisher wenig industrialisiert waren. Die Industrialisierung schreitet fast in zu schnellem Tempo fort. Sie erfordert eine Einfuhr von Maschinen, gewissen Rohstoffen und Halbwaren, die doch am Ende nur durch Exporte oder Kreditaufnahme im Ausland bestritten werden kann. Da der Weg der Kreditaufnahme durch die aufgehäufte Schuldenlast der Vorkrisenjahre versperrt ist, bleibt nur die Steigerung der Exporte mit allen Mitteln übrig. Der Export leidet aber zur Zeit, wie oben dargestellt, und daher ist der industrielle Aufschwung nunmehr abgebremst. Wann die wirtschaftspolitischen Maßnahmen der Regierung — wie die Suspendierung des Staatsschuldendienstes, die geplanten Straßen- und Eisenbahnbauten, Rüstungs- und Schilfsbauten usw. — wieder zur Belebung führen mögen, ist um so weniger vorauszusagen, als die Durchführung dieser Maßnahmen von der Entwicklung der Staatseinnahmen abhängt. Die Preisbewegung für industrielle Erzeugnisse tendiert allgemein aufwärts. Dies ist zunächst auf die Entwertung des Milreis zurückzuführen, welche die Einfuhr wichtiger Waren erschwerte und auch die Inlandspreise in die Höhe trieb. Zudem wirkte die starke Erhöhung des Zahlungsmittelumlaufs und die reichliche Gewährung von Regierungskrediten auf eine Erhöhung der Warenpreise hin. Die Regierung sucht wenigstens eine weitere Steigerung der Preise inländischer Lebensmittel zu verhindern. Die Löhne in öffentlichen Unternehmungen sind erhöht worden, und man nimmt an, daß die Privatbetriebe dem Beispiel folgen werden. Soweit eine Lohnerhöhung schon erfolgt ist, entspricht sie nicht der Preissteigerung. IV. Lebenshaltung und Lebenshaltungskosten 1. Allgemeines Die Lebenshaltung des Einwanderers in Brasilien richtet sich naturgemäß vor allem danach, ob er in die Stadt oder aufs Land geht. Bisher ist die übergroße Mehrzahl der Juden aus Deutschland in den Städten, und zwar vor allem in den größten Städten Rio de Janeiro und Säo Paulo, geblieben. Hier in der Großstadt richtet sich die Lebenshaltung natürlich in erster Reihe nach den zur Verfügung stehenden Mitteln. Man kann in den Großstädten Brasiliens in den luxuriösesten wie in den bescheidensten Verhältnissen leben. Die Lebenshaltungskosten für den notwendigsten Bedarf stehen zu den Verdienstmöglichkeiten in einem nicht ungünstigen Verhältnis. Immer wieder heißt es in Auswandererbriefen: „Verhungert ist in Brasilien noch niemand." Aber europäische Lebensbedürfnisse zu bestreiten, ist keineswegs leicht; jeder „Komfort", jeder Luxus muß, zumal es sich hier zum großen Teil um Importwaren handelt, teuer bezahlt werden oder ist sogar unerschwinglich. Die Lebensmittelpreise, die im allgemeinen in Brasilien niedrig sind, haben sich im letzten Jahr sehr stark verteuert; ausländische Lebensmittel sind infolge der Devisenknappheit zum Teil fast unerschwinglich geworden. Die Preise der einheimischen Lebensmittel versucht die Regierung durch Ansiedlung landwirtschaftlicher Kleinbetriebe in der Nähe der Großstadt und andere Maßnahmen zu verbilligen. Aus Säo Paulo wird berichtet, daß ein Lediger mit 250 bis 270 Milreis (abgekürzt $) bescheiden auskommt; davon kommen etwa 200 $ auf die Pension. Für eine Familie mit Eltern und Kindern sind — ebenfalls bei bescheidensten Ansprüchen — etwa 500 $ bis Verwaltung und Betreuung von Auswanderervermögen Erstklassige Hausverwaltungen, Liquidationen, Geschäftsverkäufe Empfehlungen Tel.: 864646 Sanierungen, wirtsch. Beratung durch erfahr. Fachmann Dr. jur. ERNST ISRAEL ROSENTHAL, BERLIN, WESTFÄLISCHE STR. 85 37

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.