Mannheim
Compact Memory

Jüdische Auswanderung · 1939-01-01 · Januar 1939 · p. Seite 38

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Auswanderung
Volume
1939. Bestand LBI
Issue
Januar 1939
Date
1939-01-01
Page
Seite 38 (sequence 42)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/6492429-9991069-9588157--840-9588199
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

600 § im Monat anzusetzen, wovon etwa 200 $ auf die Wohnung, etwa 225 $ auf die Ernährung entfallen. — Rio de Janeiro ist teurer, die Städte im Landesinnern sind zum Teil, besonders was die Wohnung angeht, billiger. Im folgenden geben wir einige Einzelheiten über die brasilianische Lebenshaltung wieder, die wir z. T. einer ausführlichen Darstellung des Jüdischen Wohltätigkeitsvereins in Rio de Janeiro (Sociedade Beneficiente Israelita), im übrigen verschiedenen Auswandererbriefen entnehmen. 2. Wohnverhältnisse Der Einwanderer wird im allgemeinen zunächst in eine Pension ziehen. Ein komfortables Zimmer mit Pension in der besten Gegend Rio de Janeiros (nahe am Meer) ist für ein Ehepaar für 500$ erhältlich, in weniger guten Gegenden gibt es solche Pensionszimmer auch schon für 300$ und billiger. Für ein sauberes möbliertes Zimmer ohne Pension muß ein Alleinstehender etwa 2$ pro Nacht ausgeben. Bei höheren Ansprüchen steigert sich' die Miete für ein möbliertes Zimmer auf 150 bis 250$ monatlich. Das Leben im Hotel ist natürlich viel teurer, aber auch dort gibt es die verschiedensten Kategorien. Das Trinkgeld ist gewöhnlich im Zimmer- und Pensionspreis mit eingerechnet, doch ist dem Angestellten natürlich ein kleines Geldgeschenk sehr willkommen. Schuhe werden in der Pension oder im Hotel nicht geputzt, sondern man läßt sie auf der Straße von den überall herumstehenden Schuhputzern säubern. Die Lebenshaltungskosten für eine mehrköpfige Familie verbilligen sich natürlich, wenn man in der Lage ist, sich eine eigene W o h n u n g zu mieten. Auch die Mieten der Wohnungen richten sich nach ihrer Lage, der Größe und der Ausstattung. Wohnungen mit allem Komfort enthalten zumeist Parkettfußboden, elegante Tapeten, fließendes warmes und kaltes Wasser in den Bade- und Wascheinrichtungen und einen elektrischen oder Gasherd. In bescheideneren Wohnungen kocht man auf einfachen eisernen Kochherden, die mit Holz und Holzkohle geheizt werden. Die meisten Wohnungen haben elektrischen Anschluß (110 Volt Spannung, Wechselstrom). — Die Mietpreise richten sich ferner danach, ob man eine Wohnung im Eigenheim oder eine Mietwohnung vorzieht. Man zahlt für eine Zwei-Zimmer - W o h n u n g mit Küche und Dusche inkl. Gas- und Lichtverbrauch etwa 20 0$ im Monat. Als Maßstab für die Wohnungskosten sollte man etwa 25 bis 30 v. H. seines Einkommens ansetzen 3. Ernährung Der europäische Einwanderer hat es im allgemeinen nicht nötig, sich in seiner gewohnten Ernährung wesentlich umzustellen. Es steht das ganze Jahr frisches Gemüse zur Verfügung, das dem hiesigen qualitativ mindestens gleichkommt. Auch Fleisch, Eier, Fische, Milch, Butter und Käse erhält man wie gewohnt. Die Brasilianer essen, abgesehen von einigen Nationalgerichten, nach französischer Küche. Sie richten also gewöhnlich zum warmen Mittag- und zum warmen Abendessen eine große Anzahl von Gerichten auf kleinen Platten her. Immer findet man jedoch, neben den Hauptgängen, schwarze Bohnen mit Reis und Mandiokamehl auf dem Tisch. Es werden in Brasilien ausgezeichnete Erfrischungsgetränke bereitet, doch wird dem Fremden, besonders wenn es sich um eisgekühlte Getränke handelt, Vorsicht bei ihrem Genuß angeraten; denn gerade in der ersten Zeit des Aufenthalts in Brasilien erzeugt der starke Getränke- und Obstgenuß infolge der ungewohnten Hitze manche Magen- und Darmverstimmungen. Das brasilianische Bier, das dem deutschen Hellen ähnelt und von deutschen Brauereien hergestellt wird, gilt als vorzüglich. Als Tischwein wird europäischer Wein bevorzugt (vor allem italienischer und portugiesischer). Die brasilianischen Mineralwasser sind von vorzüglicher Qualität. Die Kosten für die Ernährung richten sich, abgesehen von den Ansprüchen, die man stellt, vor allem danach, ob man in einer Pension bzw. einem Mittagstisch ißt oder sich selbst verpflegt. Man kann für die Ernährung eines Einzelnen bei bescheidenen Ansprüchen 8$ pro Tag ansetzen. Ein Frühstück mit Kaffee, Milch und Butterbrot kostet 2$. Ein bescheidenes Mittagessen kostet etwa 3$, ebensoviel ein Abendbrot. Für Lebensmittelpreise bei Selbstverpflegung, die sich für Familien immer empfehlen wird, geben wir folgende Beispiele: 1 kg Fleisch 2$200—88000, koscher 28200 1 1 Milch 1*200 28400 1 kg Erbsen 18800—3$600 1 kg Reis 18800-28400 1 kg Kartoffe.. 18300—28400 1 kg Butter 1*200 1 Dutzend Bananen $300— $500 1 Dutzend Orangen 8600—18000 Wenn man diese Preise in deutsche Währung umrechnet, so ergibt sich, daß Lebensmittel in Brasilien erstaunlich billig sind — wenigstens solange man sie nicht mit den brasilianischen Löhnen und Gehältern vergleicht, sondern an Einwanderer denkt, die mit etwas Kapital ins Land kommen. Für „Rentiers" ist Brasilien heute sicher eines der empfehlenswertesten Länder. 4. Kleidung Der Brasilianer der guten Gesellschaft kleidet sich sehr sorgfältig, aber nicht auffallend. Auch bei tropischer Temperatur gestattet er sich keine Nachlässigkeit in der Kleidung. Es ist unmöglich, sich auf den Straßen, in der Straßenbahn oder in Gaststätten ohne Jackett aufzuhalten. Als peinlich wird auch alles empfunden, was etwa daran erinnern könnte, daß Brasilien ein Kolonialland sei. Deshalb trägt der Herr zwar Strohhüte und selbst in der größten Hitze leichte Filzhüte, aber niemals einen Tropenhelm. Oberhemden mit abknöpfbarem Kragen werden gegenüber Sporthemden mit angeschnittenem Kragen bevorzugt. Als Oberkleidung trägt man leichte helle oder dunklere Wollstoffe oder helle Leinenanzüge. Großer Wert wird auf elegantes Schuhwerk gelegt (Leinen- oder leichte Lederschuhe). Im Innern des Landes muß man natürlich feste hohe Stiefel tragen. Im übrigen gilt für Brasilien das gleiche, was oben über die Kleidung in Argentinien gesagt wurde. V. Gesellschaft und Kultur Für den Einwanderer ist es von besonderer Wichtigkeit, sich bald mit der brasilianischen Mentalität vertraut zu machen und auf sie Rücksicht zu nehmen, damit er die Menschen, die ihm ihrer Natur nach hilfsbereit entgegenkommen, nicht unbewußt verletzt. Selbstverständlich hat auch der Brasilianer seine kleineren oder größeren Schwächen. So ist er z. B. gegen Kritik sehr empfindlich, besonders wenn dadurch seine Vaterlandsliebe oder der Stolz auf sein Land verletzt wird. Kein Einwanderer darf sich gleich über ihm unverständliche Einrichtungen und Gewohnheiten abfällig äußern oder seinem Aerger Ausdruck verleihen, wenn beispielsweise ein Beamter sein Versprechen für einen bestimmten Tag nicht innegehalten hat. Der brasilianische Beamte ist außerordentlich höflich, aber die Erledigung auch kiemer Angelegenheiten dauert für deutsche Begriffe manchmal recht lange. Gegen die in unteren Beamtenkreisen übliche Bereitwilligkeit, Gelder anzunehmen, geht die gegenwärtige Regierung vor. Ihr Einfluß hat sich bereits günstig auf die Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit des allgemeinen Geschäftsverkehrs ausgewirkt. Trotzdem wäre es sicher falsch, beim Durchschnitts-Brasilianer jenen unbedingten Respekt vor dem geschriebenen Gesetz anzunehmen, wie er etwa in Deutschland üblich ist. Vielmehr ist hier alles sehr viel „gemütlicher", larger und laxer als wir es gewohnt sind. — Die gesellschaftliche Schichtung des brasilianischen Volkes hängt eng mit dem Rassenproblem zusammen. Man kann allgemein sagen: je dunkler die Hautfarbe, desto bescheidener die soziale Stellung. Bezeichnend aber ist, daß gerade Ausnahmen von dieser Regel möglich und nicht selten sind. Man findet z. B. Persönlichkeiten mit sehr starkem dunklem Bluteinschlag in wichtigen politischen und wirtschaftlichen Schlüsselstellungen. — Die oberste, sozusagen feudale Gruppe der brasilianischen Gesellschaft bilden die Großgrundbesitzer und das höhere Beamtentum; diese „Lusobrasilianer" — d. h. Brasilianer portugiesischer Herkunft — sind wohl die einzige Bevölkerungsgruppe, die sich verhältnismäßig rein weiß erhalten hat. Zu dieser obersten Schicht reeh- 38

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.