Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1939. Bestand LBI
- Issue
- Januar 1939
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 32 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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besteht aus Lebensmitteln (hauptsächlich Weizen und Weizenmehl). Außer dem eigenen Bedarf erzeugt die Landwirtschaft Brasiliens aber auch noch den größten Teil — etwa 90 y.H. — der Ausfuhr. Dabei ist bisher nur etwa ein Drittel der Fläche Brasiliens landwirtschaftlich genutzt; der Rest ist entweder Urwald, der aber nach seiner Rodung dem Ackerbau fruchtbarste „rote Erde" bietet, oder „Camp", d.h. Grasland und Weiden. Während man früher, vor allem in der Waldwirtschaft, vorwiegend Raubbau trieb, stellt man sich jetzt mehr auf eine systematische Bodennutzung ein. Man kümmert sich um die Aufforstung, wendet die modernsten Maschinen für die Bodenbearbeitung an und pflegt bestimmte Kulturen. Um die Hebung der Agrikultur hat sich das vor 30 Jahren gegründete Landwirtschaftsministerium große Verdienste erworben. So wurden Lehrkräfte in die einzelnen Teile des Landes geschickt, die für methodische Aufklärung der Landwirte sorgten; in verschiedenen Landesteilen wurden Versuchsstationen und Musterwirtschaften eingerichtet. Neuerdings geht man auch dazu über, die Produzenten landwirtschaftlicher Erzeugnisse zur Standardisierung, sachgemäßen Verpackung usw. zu zwingen. Unter den landwirtschaftlichen Erzeugnissen Brasiliens steht der Kaffee weitaus an erster Stelle. Vom Weltbestande von rund 5 Millionen Kaffeebäumen stehen rund 3 Millionen in Brasilien. Von der gesamten bebauten Fläche des Landes trägt zwar nur knapp ein Viertel Kaffeekulturen, während über ein Drittel mit Mais bestellt ist, — aber die Erträge aus dem Kaffeexport bildeten mehr als die Hälfte des gesamten brasilianischen Ausfuhrwertes. 1935/36 stammten fast zwei Drittel (62,4 v.H.) des Weltkonsums an Kaffee aus Brasilien, und vor einigen Jahren waren die Ziffern noch weit höher; sie gingen erst nach dem katastrophalen Fall der Kaffeepreise, nicht zuletzt infolge der brasilianischen „K affeevalorisat i o n", auf das heutige Niveau zurück. Die jüngste Geschichte der brasilianischen Kaffee-Valorisation ist kurz folgende: Die Kaffee - Ernten stiegen von 727 000 t im Jahre 1913 auf 1777 000 t im Jahre 1933/34; infolgedessen konnte ein großer Teil der Ernten trotz starken Sinkens der Preise nicht mehr abgesetzt werden. Man suchte das Problem dadurch zu lösen, daß man auf den exportierten Kaffee eine Steuer legte, deren Ertrag zum Ankauf des nicht absetzbaren Kaffeeüberschusses verwandt wird. Dieser aus dem Steueraufkommen angekaufte Kaffee wird vernichtet; von 1931, dem Beginn der Regierungskontrolle, bis Ende 1937 sind insgesamt 48,6 Millionen Sack (1 Sack 60 kg) vernichtet worden. Aus der Ernte 1937/38 sollen nur 7,7 Millionen Sack (30 v. H.) sofort zum Verkauf kommen, 18 Millionen (70 v. H.) teils vernichtet, teils eingelagert werden. Ferner wurde die Anlage neuer Kaffeeplantagen verboten. Im Zusammenhang mit diesen Maßnahmen ging der Kaffeexport stark zurück. 1933 nahm er noch 73 v. H. des Gesamtwertes der brasilianischen Ausfuhr ein; 1937 betrug sein Anteil nur noch 42 v. H. Etwa 3 bis 4 Millionen Sack liegen noch in den Lagerhäusern von Santos und Säo Paulo; seit Anfang 1936 werden auch sie von Regierungsseite aufgekauft. Die Kaffeepreise waren nicht nur durch die erwähnte Ausfuhrabgabe in Höhe von 45 Milreis belastet, sondern — wie alle Exportpreise — auch dadurch, daß die Exporteure 35 v. H. der anfallenden Devisen dem Staat zu einem 30 v. H. unter den freien Märkten liegenden Kurse überlassen mußten. Im Zuge der neuen Wirtschaftspolitik, die im Herbst 1937 einsetzte, ist die Kaffeevalorisierung fallen gelassen worden. Die Devisenablieferungspflicht zum niedrigeren Kurse ist aufgehoben und die Ausfuhrabgabe auf 12 Milreis herabgesetzt worden. Allein die Senkung der Ausfuhrabgabe verbilligt den Kaffee um etwa ein Drittel. Die geltende Beschränkung der Ausfuhr auf 30 v.H. der Ernte bleibt bestehen, doch hat man die Ausfuhr geringwertiger Sorten erlaubt, die bisher nicht ausgeführt werden durften. Durch diese Maßnahmen ist der Brasilkaffee am Weltmarkt konkurrenzfähiger geworden. — Die Auswirkung der neuen Kaffeepolitik läßt sich noch nicht vollkommen übersehen; immerhin ist die Kaffeeausfuhr im Steigen begriffen. Nur soviel steht fest, daß es für Brasilien schwierig sein wird, gegen die durch seine eigene Politik aufgezüchtete Konkurrenz der anderen Kaffeeländer anzukämpfen: sein Anteil an der Versorgung des Weltmarkts ist von rund drei Vierteln zu Beginn des Jahrhunderts auf etwas über die Hälfte gefallen, und zugleich mit anderen Momenten 32 wirkt die Gewöhnung des Geschmacks der Verbraucher an die „milden" Kaffees der anderen Länder zur Erhöhung der Schwierigkeiten mit. Die industrielle Verarbeitung de:-. Kaffees zu Speise- und technischen Oelen, Koffein, Saponin usw. wird daher stark diskutiert. — Der größte Teil des brasilianischen Kaffees wächst im Staate Säo Paulo, wo er meist auf großen „Facendas" (Plantagen) mit über 100 000 Bäumen aufgebaut wird. Die Kaffee-Ernte dieses Staates wird für das Erntejahr 1936/37 auf 14,6 Mill. Sack geschätzt, 2 Mill. Sack mehr als im Vorjahre. Die gesamte Ernte Brasiliens für 1936/37 wird amtlich auf 25,6 Millionen Sack festgestellt. Während Brasilien der bedeutendste Kaffeeproduzent der Welt ist, steht es als Kakaoproduzent mit einer Ernte von 127000 t (1935/36) an zweiter Stelle nach der afrikanischen Goldküste. 1936 wurden 122 000 t Rohkakao im Werte von 2,1 Millionen Gold-£ ausgeführt. Die Qualität des brasilianischen Kakaos wurde in den letzten Jahren durch die aufklärende Arbeit eines Regierungsinstitutes in Bahia — dem Staat, aus dem 90 % des brasilianischen Kakaos stammen — bedeutend gefördert. Nach Kaffee ist Baumwolle das wichtigste Ausfuhrerzeugnis Brasiliens. Bis 1933 wuchs die brasilianische Baumwolle überwiegend in den nordöstlichen Staaten von Maranhäo bis Sergipe. Die Baumwollerzeügung wurde in den folgenden Jahren stark ausgebaut, ganz besonders im Staate Säo Paulo, wo die Kaffeepflanzer seit 1932 dazu übergingen, statt Kaffee Baumwolle anzubauen. In den Jahren 1920/32 hatte die Baumwollproduktion Säo Paulos durchschnittlich 15 000 Tonnen, die ganz Brasiliens 117 000 Tonnen betragen. 1936/37 war die Erzeugung auf schätzungsweise 205 000 Tonnen in Säo Paulo und 392 000 in ganz Brasilien gestiegen. 200 000 Tonnen Baumwolle konnte Brasilien im Jahre 1936 ausführen. Einen großen Teil dieser Baumwolle bezieht Deutschland, das sich von der Einfuhr nordamerikanischer Baumwolle auf brasilianische umgestellt hat, weil Brasilien im Gegensatz zu Nordamerika die Bezahlung nicht in Devisen, sondern mit Industriewaren im Kompensationswege gestattet. Die brasilianische Baumwolle ist nicht von einheitlicher Qualität und Faserlänge. Eine zentrale Textilkommission hat es sich zur Aufgabe gesetzt, den Baumwollanbau zu kontrollieren und zu klassifizieren. Im Staate Säo Paulo hat das Landwirtschaftsministerium nur ausgesuchtes Saatgut zugelassen und dadurch eine beachtliche Gleichförmigkeit der Ernte erzielt. Ein bedeutender Teil der brasilianischen Baumwollerzeugung wird im Lande selbst verarbeitet; die Textilindustrie nahm durch die gesteigerte Erzeugung von Baumwolle einen großen Aufschwung. — Auch die Neben- und Abfallprodukte der Baumwolle (Oelsaat und Futterkuchen) wurden zu bedeutenden Ausfuhrartikeln. Brasilien ist der drittgrößte Tabakerzeuger der Welt (nach U. S. A. und Rußland). Heute wird der Tabakanbau nur in Bahia, Rio Grande do Sul und Säo Paulo gepflegt, aber der Boden des ganzen Landes gilt als für Tabakkulturen geeignet. Zur Hälfte wird der Tabak in Brasilien selbst verbraucht, zur Hälfte ausgeführt. Die Ernten des letzten Jahres waren gut (1936: 96 700 t); die Tabakausfuhr (37 000 t im Jahre 1937) war quantitativ befriedigend und hielt sich auf guter Preishöhe. Auch als Zuckerproduzent steht Brasilien an dritter Stelle; doch nahm die inländische Konsumtion bisher den größten Teil der Erzeugung auf, so daß nur ein geringer Ueberschuß exportiert wurde und Brasilien nicht zu den wichtigsten Konkurrenten auf dem Weltmarkt gehörte. Neuerdings wurde aber von Regierungsseite der Versuch unternommen, die Ausfuhr durch Dumpingmethoden erheblich zu steigern, und zwar mit Erfolg; denn im Jahre 1935/36 betrug die Ausfuhr mit rund 10 000 Tonnen schon das Vierfache des Vorjahres. Die Zuckererzeugung betrug 1936 1,2 Millionen Tonnen. Ein großer Teil der Zuckerrohrernte wird der Alkoholerzeugung zugeführt. 1936 sind rund 57 000 hl Alkohol gebrannt worden. Eine Reihe großer Destillationsbetriebe steht vor der Eröffnung. — Bei der großen Umstellung der Zuckerproduktion beteiligte sich auch ein staatliches Institut führend: da« Staatliche Zucker- und Alkoholinstitut in Säo Paulo.