Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1939. Bestand LBI
- Issue
- Januar 1939
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 25 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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stitution und Anpassungsfähigkeit an das koloniale Leben, das man hier gewohnt ist. Der Einwanderer muß sich von den gewöhnlichen europäischen und nordamerikanischen Begriffen von Zivilisation und Kultur völlig freimachen, etwas Abenteuererlust mitbringen und sich von Anfang an auch seelisch auf das Land einstellen, das auf seine besondere Art großartig, ja phantastisch ist und seinesgleichen in der übrigen Welt nicht mehr haben dürfte." Ein junger Jurist, der seit mehreren Jahren im Bergbau tätig ist, sendet uns folgenden Bericht, der die Verhältnisse im Zentrum des bolivianischen Bergbaus — das Gebiet zwischen La Paz, Oruro, Uyuni, Tupiza und Potosi — aus eigenem Erleben schildert: P o t o s i, den 12. August 1938 „Ich habe meinen Wohnsitz in Potosi, Hauptstadt des Departements Potosi. Die Einwohnerzahl von Potosi wird auf 30 000 geschätzt, von denen der überwiegende Teil Indianer und ein kleiner Teil Mischlinge zwischen Spaniern und Indianern sind. Es wird angenommen, daß etwa 90 o/0 der Bevölkerung von Potosi — wie überhaupt der Gesamtbevölkerung von Bolivien — Indianer sind, während etwa 10 o/o Mischlinge sind. Die Stadt war in einer gewissen Epoche der Kolonialzeit die größte Stadt Südamerikas. Ihre Einwohnerzahl in der damaligen Zeit wird auf 300 000 geschätzt. Sie verdankte diese Blüte dem berühmten Cerro Rico de Potosi (reicher Berg von Potosi), welcher früher die reichste Silbermine der Welt war und heute auf Zinn gearbeitet wird. Potosi ist in erster Linie auf Grund der Zinnproduktion dieser Mine und ferner. auf Grund der Erzproduktionen weiterer Minen in der Umgegend von Potosi ein Hauptpunkt der bolivianischen Minenindustrie. Das Klima des Teiles von Bolivien, der Gegenstand dieser Darstellung ist, ist für die Akklimatisierung von Einwanderern aus Deutschland mit gewissen Einschränkungen geeignet. Die Temperatur ist am Tage ca. 15—25°, in der Nacht fällt die Temperatur sehr stark bis ca. 0° im Durchschnitt. Die Tagestemperatur ist im Winter und Sommer ungefähr die gleiche, während die Nachttemperatur im Winter tiefer liegt als im Sommer und bis 10 und 15° unter Null fällt. In den Monaten zwischen April und November fällt kein Regen, während in der Regenzeit zwischen November und April tägliche Regengüsse, die oft sehr stark sind, zu verzeichnen sind. Die vorstehend angegebenen Temperaturen schwanken natürlich je nach der in Frage kommenden Gegend; so liegen die Temperaturen z. B. in Potosi am tiefsten, sind gemäßigter in Oruro, und noch gemäßigter in La Paz und Tupiza. Die eben für die Akklimatisierung gegebene gewisse Einschränkung ist darin zu sehen, daß der Einwanderer ein durchaus gesundes Herz haben muß. Der bolivianische Altiplane liegt auf einer Höhe zwischen 3600—4100 m. Die Voraussetzung einer Akklimatisierung am das Leben auf einer derartigen Höhe ist allgemein ein gesundes und kräftiges Herz. Da aber die Höhe nicht nur — wenn auch in erster Linie — an das Herz anormale Anforderungen stellt, sondern an den gesamten Organismus, ist es wünschenswert, daß der Einwanderer auch in sonstiger Hinsicht gesund ist. Ferner sollten Personen im Alter von über 40 Jahren von einer Einwanderung Abstand nehmen. Es ist zwar in Einzelfällen durchaus möglich, daß auch in diesem und in weiter vorgeschrittenem Lebensalter eine Akklimatisierung mit Erfolg stattfindet; jedoch geht die allgemeine Regel dahin, daß die Akklimatisierung nur für Personen unter 40 Jahren als hinreichend sicher angesehen werden kann. In jedem Fall sollte eine eingehende Untersuchung durch einen Arzt stattfinden. Die gesundheitlichen Bedingungen sind im allgemeinen als gut zu bezeichnen. Von in Europa nicht oder selten vorkommenden Krankheiten sind Flecktyphus und die verschiedenen Arten Bauchtyphus zu erwähnen. Diese kommen jedoch nur selten und in bestimmten Monaten vor und können bei hygienischer Lebensweise in weitgehendem Maße vermieden werden. Sie treten im übrigen in einer sehr leichten Form auf, so daß — im Gegensatz zu den sonstigen Erscheinungsformen dieser Krankheiten — eine Heilung in der Mehrzahl der Fälle möglich ist. # Wie schon eingangs bemerkt, ist in dem liier behandelten Teil Boliviens die Minenindustrie durchaus vorherrschend. Für die Aufnahme von Stellungsuchenden kommen nur die großen und mittleren Minenunternehmungen in Frage. Die Anstellungsmöglichkeiten sind schlechte. Es bestehen gewisse Möglichkeiten für Ingenieure aller Art, insbesondere Bergingenieure und Metallurgen sowie Erzchemiker. Jedoch ist dringend davon abzuraten, nach Bolivien zu kommen, ohne bereits eine feste Anstellung zu haben, da die Aussichten, eine solche hier zu bekommen, verschwindend gering sind. Es beruht dies hierauf, daß die Zahl der Unternehmungen, die für eine Anstellung in Frage kommen, sehr begrenzt ist, und daß, wenn diese Unternehmungen die in Frage kommenden Posten besetzt haben, es unmöglich ist, eine irgendwie geartete Erwerbsmöglichkeit zu finden. Ferner ist zu berücksichtigen, daß die hiesigen Minenunternehmungen, soweit technisches Personal in Frage kommt, amerikanischen Ingenieuren den Vorzug geben. Dies hat wieder die Folge, daß es für Niehtnordamerikaner außerordentlich schwer ist, eine Anstellung zu finden, und noch schwerer, sie zu behaupten, da die Nordamerikaner es prinzipiell vorziehen, mit ihren Landsleuten zu arbeiten, und diesem Prinzip gegenüber mitunter auch die bessere Leistung zu weichen hat. Für kaufmännische Angestellte ohne besonder« Spezialkenntnisse sind die Möglichkeiten noch schlechter. Auch hier ist der Grund der schlechten Möglichkeiten in erster Linie darin zu sehen, daß erstens die Zahl der Firmen, welche überhaupt ausländische Angestellte aufnehmen, sehr gering ist, und daß ferner aus der Zahl dieser Firmen noch diejenigen ausscheiden, die es ablehnen, jüdische Auswanderer zu beschäftigen. Die in den letzten fünf Jahren in Bolivien eingewanderten Juden und Nichtarier aus Deutschland sind mit Ausnahme von vier Personen bei der Firma Maurice Hochschild S. A. M. I., angestellt worden, deren Angestellter auch ich bin. Wie Ihnen bekannt sein wird, haben die Inhaber dieser Firma in außerordentlich weitgehendem Maße Auswanderern aus Deutschland geholfen und sowohl in Bolivien als auch in Argentinien, Chile und Peru eine sehr große Zahl von diesen in ihrer Firma angestellt. Es scheint mir jedoch, daß gerade infolge des großen Umfanges dieser Einstellungen in den letzten fünf Jahren weitere nennenswerte Einstellungen zur Zeit nicht erfolgen werden, so daß auch mit dieser Möglichkeit von neuen Einwanderern kaum gerechnet werden kann. Angesichts dieser Situation ist dringend zu raten, eine Einwanderung, soweit Bestätigung als Einwanderer in Frage kommt, nur auf Grund eines festen Anstellungsvertrages vorzunehmen; soweit jemand im Vertrauen auf seine Fähigkeiten doch die Einwanderung aufs Geratewohl vornehmen will, wird er mit Sicherheit schwere Enttäuschungen erleben, da immer wieder darauf hinzuweisen ist, daß das Land nur wenige Unternehmungen hat, so daß es die berühmte Chance, die Länder mit ausgebauter Industrie und ausgebautem Handel weisen, nicht bietet. Ich selbst bin auf Grund einer solchen vorhandenen Anstellung ins Land gekommen, und dasselbe ist in allen anderen Fällen der Einwanderung geschehen. Für Aerzte und Rechtsanwälte ist die Berufsausübung nach den augenblicklichen gesetzliehen und Verwaltungsbestimmungen unmögl ich. Für selbständige Betätigung bestehen gewisse Möglichkeiten, sofern Kapital vorhanden ist. Diese liegen in der Gründung von' Industrien, die in Bolivien nur in ersten Anfängen vorhanden sind. Genaues läßt sich hierüber nur nach gründlichem Studium jedes einzelnen Falles sagen. Hierbei ist jedoch immer von den Gegebenheiten des Landes auszugehen und nicht schematisch lediglich die Frage zu untersuchen, welche Unternehmungen, die in anderen Ländern mit Erfolg arbeiten, in Bolivien nicht vorhanden sind. Es ist immer zu berücksichtigen, daß das Land zu 90 o/o von Indianern bewohnt wird, die nur geringe Bedürfnisse haben, und daß die restliche Bevölkerung in den meisten Fällen keinen ausreichenden Markt darstellt. Auf jeden Fall ist aber davon abzuraten, daß sich Einwanderer sofort nach der Einwanderung selbständig betätigen. Mit Rücksicht auf die von Europa verschiedenen Verhältnisse ist es unbedingt erforderlich, zunächst eine gewisse Zeit mit deren Studium zu verbringen, und diese wird am besten in irgendeiner Stellung, sei es auch gegen geringfügige Bezahlung, verbracht. Andernfalls sind schwere Mißerfolge und Verlust des investierten Kapitals fast unvermeidlich. Weitere Betätigungsmöglichkeiten bestehen in der Landwirtschaft. Sehr große Gebiete Boliviens sind noch unbebaut und sollten bei geeigneter Bearbeitung guten Ertrag geben. Ueber diese Gebiete kann ich mich mangels eigener Erfahrung nicht äußern. Nur soviel soll gesagt sein, daß nach meiner Kenntnis der Situation vielleicht Gruppensiedlungen in Frage kommen, die lediglich nach Verhandlungen mit der bolivianischen Regierung errichtet werden können. Zu den in obiger Darstellung noch nicht erörterten Punkten Ihrer Anfrage ist folgendes zu bemerken: Eine Familie von 2—4 Köpfen kommt in der Provinz (Potosi, Sucre, Cochabamba, Tupiza) mit Bs. 1.200—1.400 bei gutbürgerlicher Lebenshaltung für Wohnen und Essen aus. Diese Summe kann bei entsprechenden Einschränkungen auf Bs. 900—1.100 herabgedrückt werden. Die Lebenshaltung in Oruro ist um etwa 10 o/0, in La Paz um etwa 20 o/o höher als in den erwähnten Plätzen. Die Wohnverhältnisse sind in den einzelnen Teilen des Landes sehr verschieden, so daß sich keine einheitlichen Feststellungen treffen lassen. In La Paz sind die Wohnverhältnisse sehr gut, jedoch sind die guten Wohnungen auch entsprechend teuer. In der Provinz bewohnt man meist ein ganzes Haus, die in jeder Größe vorhanden sind. In Potosi ist es schwierig, gute Wohnungen zu bekommen; auch diese stehen was Bequemlichkeit anlangt, nicht auf der Höhe des in Europa Ueblichen. 25