Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1939. Bestand LBI
- Issue
- Januar 1939
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 24 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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schnitt 1935. Seit 1936 hat man im wesentlichen den Eindruck einer Stagnation der Wirtschaft. Die Regierung hat zwar ein umfassendes Aufbau- und Entwicklungsprogramm verkündet und versucht auch, durch Gründung einer Bergbau-Bank und andere Maßnahmen dieses Programm durchzuführen, jedoch hängen die Möglichkeiten im wesentlichen davon ab, ob und inwieweit es gelingen wird, fremdes Kapital heranzuziehen. IV. Kultur und Jüdisches Leben Bolivien ist das Land mit dem höchsten Prozentsatz reinrassiger indianischer Urbevölkerung. Indianer und Mischlinge leben im Zustande primitiver Kulturlosigkeit. Etwa 70 v. H. der Gesamtbevölkerung dürften Analphabeten sein. Der Schulbesuch ist obligatorisch und der Unterricht ist frei, doch wurden 1936 an sämtlichen Volks- und Höheren Schulen insgesamt nur rund 79 000 Schüler unterrichtet. 37 Fachschulen und 19 „Universitäten" mit zusammen 6100 Studierenden existieren in Bolivien; von den „Universitäten" haben aber nur 5 (darunter La Paz und Sucre) mehr als eine Fakultät. Die katholische Religion ist als Staatsreligion anerkannt, doch werden die übrigen Bekenntnisse toleriert. In La Paz leben einige Dutzend jüdischer Familien, die teils aus dem europäischen Osten stammen, teils levantinische Sefardim sind. Vor kurzem ist dort ein Hilfsverein gegründet worden. V. Lebenshaltungskosten. — Aussichten für Einwanderer Ueber die Lebenshaltungskosten und Lohnverhältnisse entnehmen wir den Nachrichten der Reichsstelle für das Auswanderungswesen folgende Angaben, die sich auf La Paz (November 1937) beziehen: Für Unterkunft und Verpflegung im Gasthaus sind 10—35 Boliviano pro Tag zu bezahlen. Ein möbliertes Zimmer kostet im Monat ohne Verpflegung 8—200, mit Verpflegung 200—700 Bolivianos. Eine leere Zwei-Zimmer-Wohnung ist für 150—300, eine möblierte für 250—600 Bolivianos zu haben. Für die Verpflegung allein sind 150—400 Bolivianos zu rechnen. Es kostet ein spanisches Pfund (460 g) Weizenbrot 1,40, Butter 12, Rindfleisch 5, Zucker 1,40, Reis 2, Kartoffeln 2, 1 Huhn 12—20, 1 Liter Milch 1,80, 1 Ei 0,50 Bolivianos. Als ortsüblicher Monatsbedarf eines ledigen Handwerkers werden 800—1200, einer Handwerkerfamilie von 4 Köpfen 1500 bis 2200 Bolivianos angesetzt. Als Monatsgehälter für einheimische Angestellte werden 500—700 Bolivianos genannt, aus anderer Quelle werden 40 RM. gleich rd. 400 Bolivianos angegeben. Die Gehälter für Ingenieure, Techniker, Chemiker sollen sich zwischen 2000—5000 Bolivianos bewegen. Bei all diesen Angaben ist zu beachten, daß die Reichsstelle für das Auswanderungswesen einen höheren Lebensstandard zugrundelegt, als ihn unsere Einwanderer, mindestens in der ersten Zeit, erreichen können. An Steuern kommen etwa 5—6 o/o vom Gehalt oder Lohn in Betracht; Sozialversicherung gibt es praktisch noch nicht. Da Bolivien, auswanderungspolitisch gesehen, für uns Neuland ist, liegen erst wenige Erfahrungen über die Ansiedlungsmöglichkeiten in diesem Lande vor. Die geringe Bevölkerungsdichte des Landes und die schwache Kaufkraft der großen Mehrheit der Bevölkerung verbieten die Ausübimg fast aller Berufe, die eine entwickelte Volkswirtschaft voraussetzen. Insbesondere ist es für Kaufleute und kaufmännische Angestellte ziemlich aussichtslos, sich einzugliedern. Nach unserer Kenntnis dürften immer noch einige Angehörige derjenigen Berufe Aussicht auf Eingliederung haben, die mit der Bergbautechnik zusammenhängen, also vor allem Bergbau-Ingenieure, Geologen, Techniker, Metallchemiker usw. Andere akademische Berufe hingegen finden in Bolivien keinen Platz. Gewisse Aussichten liegen außerdem für Handwerker vor. Nach Berichten von Auswanderern usw. dürften für Maschinenschlosser, Motorenfachleute u. dergl. Möglichkeiten zur Unterbringung bestehen. Für Umschichtler sollen die Chancen nicht günstig sein. Mit Ausnahme der Landwirte sollen Angehörige der nicht besonders genannten Berufe schon vor ihrer Ausreise sich um Stellung in Bolivien bemühen, da sie nur mit Arbeitsvertrag Aussicht auf ein Visum haben. Auch in Bolivien soll der Handwerker sich selbständig machen, — als Arbeiter kann er mit dem geringen landesüblichen Lohn nicht leben. Mit genügendem Kapital soll die Begründung industrieller Betriebe recht günstige Aussichten bieten; jedoch sind die Möglichkeiten für bestimmte Zweige erst vorher zu klären, zumal die Bedürfnislosigkeit der Bevölkerung einem großzügigen Ausbau der Industrie entgegen steht. Die landwirtschaftliche Siedlung findet durchaus die Unterstützung der Regierung. Einwanderungsgesuche von Landwirten, die in die Staatskolonie bei Santa Cruz eintreten wollen, werden bevorzugt erledigt. Infolge der Vielfalt der klimatischen und sonstigen Bedingungen im Lande ist es jedoch notwendig, jedes Ansiedlungsprojekt vorher sachverständig prüfen zu lassen. Die Schwierigkeit liegt vor allem darin, daß das Verkehrsnetz noch unentwickelt und die Kaufkraft der eingeborenen Bevölkerung sehr gering ist, so daß Schwierigkeiten im Absatz der Erzeugnisse entstehen können. VI. Briefe aus Bolivien Einem Brief eines guten Kenners des Landes entnehmen wir folgende sehr instruktive Abschnitte: La P a z / B o 1 i v i a, 30. Mai 1938 „Beinahe in jeder Beziehung wirkt Bolivien kolonial. Sowohl in klimatischer Hinsicht wie nach der Bodenbeschaffenheit und der Zusammensetzung seiner Bevölkerung ist es uneinheitlich. Ein riesiges Hochplateau, um die 4000 m herum, von metallreichen Felskolossen flankiert, drückt dem Lande seinen Stempel auf. Daneben finden sich schon in zirka 2500 m Höhe fruchtbare Täler mit Wein- und Obstkulturen bei fast mitteleuropäischen Temperaturen. Weiter herunter gelangt man in die Region des tropischen Urwalds, in den Cooa-, Kaffee-, Kakaou. dgl. Plantagen hineingesprengt sind. Schließlich landet man in dem mit Distelsträuchern bestandenen unwirtlichen und ungesunden Chaco. In klimatischer Beziehung möchte ich darauf hinweisen, daß sich wenigstens tagsüber auch in der Höhe die Aequatornähe bemerkbar macht; infolgedessen kann man nicht unbedingt die hiesigen Höhenlagen mit den gleichen in Europa oder an der indisch-tibetanischen Grenze gleichsetzen. Aber auch in vieler anderer Hinsicht ist Boüvien heute eine Ausnahme unter den Staaten der Erde. Seine ungeheuer geräumigen Flächen sind außerordentlich dünn besiedelt, seine Verbindungswege äußerst mangelhaft, seine Landwirtschaft und Industrie wenig entwikk e 11. Raum und Möglichkeiten zum Aufbau gibt es im Ueberfluß. Man darf dabei nur nicht vergessen, daß ein großer Teil der Rohstoffe aus dem Auslande eingeführt werden muß, andererseits aber die zum Kauf erforderlichen Devisen fehlen resp. die Preise, die man dafür an der schwarzen Börse anlegen muß, um überhaupt Importe bewerkstelligen zu können, eine Rentabilität zumindest stark erschweren. Schließlich liegt Bolivien, dem man sämtliche Häfen weggenommen hat, auch frachtlich sehr ungünstig. Der Indianer ist kein fleißiger Arbeiter, er lebt von dem Genuß der Cooa, von Hirse und von einer Handvoll Mais, und wenn er satt ist, kommt er einfach nicht mehr an seine Arbeitsstelle. Die Wirtschaft und damit der Staatshaushalt Boliviens beruhen in der Hauptsache auf einem einzigen Rohstoff, dem Zinn, das großen Preisschwankungen unterworfen ist. In der Tat hängt so das Schicksal des Landes zu einem erheblichen Teil von der Londoner Börse ab. Auf der anderen Seite hat die zuerst durch den Chacokrieg und heute durch den Preissturz des Zinn hervorgerufene starke Entwertung des Bolivianos inflationistisch gewirkt. Ich glaube aber, daß auch unabhängig davon von einer guten Konjunktur in Bolivien gesprochen werden könnte, weil eben der Bedarf sehr groß ist und die geschäftlichen Möglichkeiten noch gar nicht ausgeschöpft sind. In gewissem Sinne bestehen G o 1 d g r ä b e r Verhältnisse. Fabrikationen im kleineren oder mittleren Stil müßten florieren, wenn sie nicht auf große und kostspielige Rohstoffeinfuhr angewiesen sind und wenn sie auf geschulte Arbeitskräfte verzichten können. Viele Weiße und Indianer besitzen nebenbei noch Minen, die sie nur dann betreiben, wenn sich die Produktion rentiert; heute ist der Zinnpreis derart niedrig, daß mit einem Schlag die kleinen Unternehmer die Förderung eingestellt haben. Die Ausübung eines akademischen Berufes kommt für Neueinwanderer überhaupt nicht in Frage. Gesucht sind, wie in ganz Südamerika, sogenannte Sekretäre, das sind Leute, die fließend spanisch, deutsch und englisch sprechen und in Stenographie und Maschineschreiben perfekt sind. Am besten ist die Lage für Handwerker und Landwirte, die ohne weiteres ihr Auskommen finden können. Auch jede technische Schulung ermöglicht eine gute Arbeitsstelle. Man kann sagen, daß in Bolivien noch niemand verhungert ist. Mit etwas Kapital kann man es sehr schnell zu etwas bringen. Voraussetzung bleibt immer eine gute körperliche Kon- 24