Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1939. Bestand LBI
- Issue
- Januar 1939
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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reich und England, die aber meist ledig ins Land kamen, später Mischehen eingingen und ihre Kinder Christen werden ließen. Auch heute finden sich gerade unter den reichsten Juden in Buenos Aires eine erhebliche Zahl derartiger Mischeben. Soweit die Nachkommen dieser westeuropäischen Juden noch dem Judentum angehören, bilden sie eine sich durch Wohlstand und gesellschaftliche Stellung von der Masse abhebende Oberschicht. Danach kamen Sefardim aus verschiedenen Ländern des vorderen Orients, besonders aus Marokko, nach Argentinien, und nach dem deutsch-französischen Kriege tauchten jüdische Familien aus dem Elsaß in Argentinien auf. Aber noch um 1890 war die Gesamtzahl der Juden in der Republik ganz unbeträchtlich; die Schätzungen schwanken zwischen 1000 und 2900. Dann erst setzte eine stärkere Einwanderung ein, vor allem unter dem Einfluß der Bemühungen des großen Philanthropen Baron Hirsch zur landwirtschaftlichen Ansiedlung von Juden aus Rußland. Nach der Jahrhundertwende wachsen die Einwanderungszahlen schneller an. Zwischen 1901 und 1910 sind nach der argentinischen Statistik rund 58 000 „Russen" — fast durchweg Juden — eingewandert. Im Jahre 1908 zählte Argentinien (nach einer Schätzung) schon etwa 59 000 Juden, wovon ein sehr großer Teil auf Buenos Aires, ein kaum geringerer auf die von der ICA (Jewish Colonization Association) gegründeten Kolonien entfiel; der Rest lebte verstreut in kleineren Landstädten und Dörfern. Die letzten Jahre vor dem Weltkrieg brachten ebenfalls noch starke Einwandererzahlen; im Kriege selbst ließ dann die Einwanderung aus naheliegenden Gründen stark nach. Nach dem Kriege, insbesondere nach Einführung der starken Einwanderungsbeschränkungen in dem bisher größten jüdischen Einwanderungslande der Welt, den Vereinigten Staaten, trat die Bedeutung Argentiniens für die Hunderttausende von auswanderungswilligen Ostjuden noch stärker in den Vordergrund; zwischen 1921 und 1930 betrug die jüdische Einwanderung nach Argentinien durchschnittlich 5000 bis 7000 Köpfe jährlich, bis die Wirkungen der Weltwirtschaftskrise diesen Zustrom eindämmten. Insgesamt brachte die Zeit von 1919 bis 1935 eine Verdoppelung der Judenheit in Argentinien, deren Zahl von 126 927 auf 260 432 stieg. Von diesen lebt reichlich die Hälfte in der Bundeshauptstadt Buenos Aires. (Wir entnehmen diese Berechnungen der von der argentinischen Bene-Berith-Loge in Buenos Aires herausgegebenen wertvollen Schrift des ICA-Direktors Simon Weill „Pohlaciön Israelita en la Repüblica Argentina", Buenos Aires 1936.) Von der Gesamtzahl von rund 260 000 Juden sind gut */s Aschkenasim, der Rest Sefardim; zwischen beiden besteht eine ziemlich scharfe Trennung. Die wichtigsten jüdischen Zentren in Argentinien sind folgende: Seelen Seelen Buenos Aires 131 000 Tu cum an 2 600 Städtische u. ländliche La Plata 2 000 Gesamtbevölkerung Avellaneda 2 000 der ICA-Kolonien 31 000 Carlos Casares 2 000 Rosario 12 500 Corrientes 1100 Cordoba 5 300 Concordia 1000 Santa Fe 3 500 San Juan 900 Bahia Bianca 3 000 Concepcion del Uruguay 860 Mendoza 2 700 Parana 850 Der Rest der argentinischen Juden verteilte sich auf 768 andere Orte. Die starke Zusammenballung der argentinischen Judenheit in der Hauptstadt zeigt sich u. a. darin, daß sie in Buenos Aires nahezu 6 % der Gesamtbevölkerung (5,87 o/o) bildet, während sie von der gesamten Bevölkerung der Republik nur 2,4 o/o ausmacht. Die berufliche Verteilung der jüdischen Bevölkerung ist durch folgende Tatsachen charakterisiert: 1. Die Zahl der Landwirte in den Kolonien der ICA betrug am 1. Januar 1938 3215, wovon etwas mehr als die Hälfte schon Eigentümer ihres Bodens geworden waren. Zählt man nicht nur die wirklichen Landwirte, sondern die Gesamtbevölkerung der ICA-Kolonien, so ergab sich Anfang 1935 eine Zahl von etwa 31 000. Es ist aber trotzdem kein Zweifel, daß selbst diese Zahl im Verhältnis zu den sehr bedeutenden Summen, die von Baron Hirsch bzw. von der ICA aufgewendet worden sind, nur als sehr bescheidenes Resultat anzusehen ist. Der von Baron Hirsch eingeleitete Versuch, Juden in der argentinischen Landwirtschaft zu verwurzeln, ist nur in sehr beschränktem Maße gelungen. Trotz der im materiellen Sinne recht günstigen Bedingungen, die dem unbemittelten Siedler von der ICA geboten wurden und werden, macht sich immer wieder die Neigung, städtische Berufe zu ergreifen, bei den Siedlern selbst oder aber in der zweiten Generation geltend. — Sehr bedeutend sind aber die indirekten Wirkungen des großzügigen Versuches: Argentinien wäre niemals zu einem der größten jüdischen Einwanderungsländer geworden, hätte nicht Baron Hirsch die Auswanderung dorthin in Gang gebracht, die dann von selbst immer weitere Menschen nach sich zog. Als Gesamtfläche der ICA-Kolonien werden 617 468 Hektar angegeben. Den jüdischen Landwirten in den Kolonien der ICA wird ein besonders fortschrittsfreudiger Geist nachgerühmt, der die neuesten Methoden landwirtschaftlicher Technik und moderner Organisation anwendet. Es bestehen eine ganze Anzahl landwirtschaftlicher Kooperativ-Genossenschaften. Für die Erziehung in den ICA-Kolonien sorgen einerseits 70 staatliche Schulen, in denen, wie überall, der Unterricht gratis erteilt wird, andererseits der Religionsunterricht, der unter den Auspizien der ICA stattfindet. Außerhalb der ICA-Kolonien ist die Zahl der jüdischen Landwirte in Argentinien bis heute sehr gering geblieben — sie soll nur etwa 200 betragen. (Ueber die Arbeit der ICA siehe auch den nächsten Abschnitt „Aussichten für Einwanderer".) 2. Der größte Teil der argentinischen Juden betätigt sich im Handel; mehr als 23 000 Juden bezeichnen sich als Kaufleute. Die Sefardim handeln vor allem mit Textilien und allerlei Hausierwaren; die Aschkenasim mit den verschiedensten Waren. Ein großer Teil der jetzigen Kaufleute ist früher hausieren gegangen; diese Hausierer bilden übrigens zum Teil Einkaufsgenossenschaften, die sich gut entwickelt haben, und sind sogar zum direkten Import übergegangen. In Argentinien, wie anderwärts, ist der Hausierhandel vielfach nur ein Durchgangsstadium; sobald sich der Einwanderer hiermit das nötige Kapital zusammengespart hat, macht er ein Geschäft auf. Ein Teil der im Handel tätigen Juden besitzt recht bedeutende Firmen; sowohl im Importhandel, besonders im Seidenhandel, im Handel mit chemischen Produkten und elektrischen Artikeln, wie im Exporthandel nehmen jüdische Häuser führende Stellungen ein. 3. Die durch die Zollpolitik der Regierung geförderte Industrialisierung des Landes hat auch eine erhebliche Anzahl von Juden in diese Erwerbszweige geführt, in denen sie viel schöpferische Initiative zeigten. Besonders stark sind die Juden, z. T. als Handwerker, z. T. als Unternehmer, in folgenden Branchen vertreten: in der Herstellung von Lederwaren, in der Schneiderei, der Möbelfabrikation, der Herstellung von Reise-Artikeln, in der Textil- und Seidenfabrikation usw. In diesen Industrien sind auch zahlreiche jüdische Arbeiter tätig, die ihrerseits Kooperativ-Genossenschaften, Unterstützungsvereine usw. gegründet haben. 4. Jüdische Bankiers im eigentlichen Sinne soll es in Argentinien nicht geben, wohl aber gibt es wichtige jüdische Finanzinstitute, vor allem eine Reihe jüdischer Genossenschaftsbanken usw., die mit beträchtlichen Kapitalien arbeiten und manche Erfolge aufzuweisen haben. 5- Sehr erheblich, und noch in ständigem Wachstum begriffen, ist die Zahl der argentinischen Juden, die in den freien Berufen tätig sind; jüdische Schriftsteller, Künstler, Gelehrte und vor allem Aerzte, Zahnärzte, Apotheker, Rechtsanwälte, Ingenieure, Architekten und auch Politiker sind schon so zahlreich, daß hier, trotz des bisher wenig fühlbaren Antisemitismus, eine Quelle künftiger Reibungen liegen dürfte.