Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1939. Bestand LBI
- Issue
- Januar 1939
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Die große Masse der Bevölkerung bildet eine sehr arme proletarische Unterschicht, die, wenigstens in Buenos Aires und den großen Provinzstädten, zum großen Teil aus noch nicht assimilierten Einwanderern besteht. Da die Einwanderung im Verhältnis zur einheimischen Bevölkerung zahlenmäßig recht bedeutend ist, oder jedenfalls lange Zeit hindurch war, und sich an einigen großen Orten stark zusammenballt, ergeben sich naturgemäß Schwierigkeiten bei der Assimilation. Jede Nation bildet besonders in Buenos Aires eine Stadt für sich mit eigenen Zeitungen und eigenen Kulturzentren (über jüdische Einwanderung: siehe Abschnitt VI). Die Neueinwanderer sind in Argentinien vielleicht noch stärker als in den meisten Einwanderungsländern oft die Objekte schamloser Ausbeutung; und doch sind es gerade Einwanderer der ersten und zweiten Generation gewesen, die, im Verein mit ausländischem Kapital, Argentinien zur Wirtschaftsblüte verholfen haben und auch heute noch Handel, Industrialisierung und Kolonisation vorantreiben. Neben dieser größtenteils vor noch nicht langer Zeit eingewanderten städtischen Schicht zählt zur großen Masse der Bevölkerung auch der P e o n, der Viehtreiber und Landarbeiter, der unbeschreiblich bedürfnislos auf den großen Gütern der Latifundienbesitzer ein schweres Leben führt. Wie jedes Einwanderungsland hat Argentinien — speziell unter den Neueinwanderern — einen großen Männerüberschuß. Aus dieser Tatsache, wie aus der eigentümlichen Haltung gegenüber der Frau, die aus altspanisch-katholischer Tradition herrührt, ergibt sich die eigentümliche Stellung der Frau in Argentinien. Man begegnet ihr mit der größten Hochachtung und der ritterlichsten Kavaliersgeste, ohne ihr jedoch im allgemeinen einen über den Haushalt wesentlich hinausgehenden Einfluß zuzubilligen. Eine Frauen-Emanzipation — im europäischen oder nordamerikanischen Sinne — hat es in Argentinien nicht gegeben, und auch heute noch hat man dafür wenig Verständnis. Die argentinische Frau lebt ganz ihrer Familie, vor allem ihren oft sehr zahlreichen Kindern. Selbst in den Großstädten, vor allem aber in der Provinz, herrschen sehr strenge Sitten- und Moralbegriffe. Es ist nicht üblich, daß junge Leute verschiedenen Geschlechts allein miteinander spazieren gehen, oder daß ein junger Mann von einer jungen Dame empfangen wird, ohne daß die Mutter, eine ältere Verwandte oder sonst eine Anstandsdame dabei ist. Auch Theater und Kinos besucht ein junger Mann nicht mit einer jungen Dame ohne „Schutzengel", und selbst ein Zusammensein unter „Aufsicht" deutet aut eine schon vollendete oder bevorstehende Verlobung hin. Das Straßenbild von Buenos Aires beherrscht der Mann. Die Trennung der Geschlechter in Klubs, Restaurants usw. wird häufig noch streng durchgeführt. — Andererseits stehen der Frau in Argentinien alle Berufe offen. Sie kann Aerztin, Apothekerin, selbständiger Kaufmann, Lehrerin, Kindergärtnerin und vieles andere werden; nur politisch kann sie sich nicht betätigen: sie hat kein Wahlrecht. Eine Ehescheidung ist in Argentinien nicht möglich: der Argentinier muß, will er sich scheiden lassen, die Formalitäten in Montevideo (Uruguay) vornehmen lassen. Aus der geschilderten Stellung der Frau ergeben sich für den Einwanderer, der aus europäischen Ländern mit freieren Moralbegriffen kommt, oft schwere Konflikte; auch muß auf die großen Gefahren hingewiesen werden, die eine Anpassung an gewisse Sitten der einheimischen Männerwelt mit sich bringt. — Diese Gefahren sind um so größer, als unter den Einwanderern die Männer sehr stark in der Mehrzahl sind. Infolge dieser Verhältnisse sind in Argentinien, wie in allen jungen Ländern, die Ehechancen für einwandernde Mädchen sehr groß. Ehen von Neueinwanderern mit Argentinierinnen pflegen nur in seltensten Fällen wirklich glücklich zu werden. Eine argentinische Fr au. wird kaum, erst recht nicht in der Stadt, ihrem Mann eine Arbeitskameradin sein, da der Argentinier eine solche Betätigung von seiner Frau gar nicht erwartet. Für den Einwanderer aber, besonders für den Siedler in der ländlichen Einsamkeit, ist eine tüchtige Frau eine höchst nötige Stütze: als Arbeitsgehilfin und oft als einziger Kamerad, als Hüterin seines Heimes, das ihm ja Ersatz für unzählige Entbehrungen sein muß. — 2. Bildungswesen In Argentinien besteht keine offizielle Staatsreligion, aber der Katholizismus wird von Staats wegen gefördert. Das hindert nicht, daß alle anderen Bekenntnisse toleriert werden und allgemein Glaubens- und Gewissensfreiheit besteht. Das Schulwesen untersteht zum größten Teil dem Einfluß der katholischen Kirche. Der Besuch der Grundschulen ist für Kinder von 6—14 Jahren Pflicht, und der Unterricht geschieht kostenlos. Der Schulzwang läßt sich jedoch nur in den großen Städten durchsetzen. Daher ist der Prozentsatz der Analphabeten recht hoch. Statistiken über die genauen Ziffern sind schwer zu beschaffen. Es liegen lediglich Auszählungen der Analphabeten unter den bei den öffentlichen Wahlen Abstimmenden vor. Unter diesen waren 1930 22 o/0 Analphabeten (gegen 35o/o im Jahre 1916). Diese Ziffer gibt aber insofern ein falsches Bild, als sie auch die Wähler von Buenos Aires, das selbst nach dieser Statistik nur 2,6 o/o Analphabeten aufweist, umfaßt. In der Provinz ist also der Anteil der Leute, die weder lesen noch schreiben können, bedeutend größer, als der oben wiedergegebene Prozentsatz aussagt. 1936 bestanden in Argentinien etwa 12 278 Elementarschulen mit 1,72 Mill. Schülern. Daneben gab es 564 höhere Schulen mit 130 000 Schülern. Die älteste, 1613 gegründete Universität ist die von Cördoba; an ihr studierten 1936 etwa 3200 Studenten. In Buenos Aires ist die größte Universität des Landes mit etwa 11000 Studenten. Außerdem bestehen noch Universitäten in La Plata (8000 Studenten), Tucumän (400 Studenten) und eine Universität, deren Fakultäten sich auf Santa Fe, Rosario und Corrientes verteilen, mit insgesamt etwa 5000 Studenten. Neben diesen Staatsuniversitäten gibt es noch eine Anzahl von staatlichen und privaten höheren Fachschulen, insbesondere für Landwirtschaft und technische Berufe. VI. Jüdisches Leben Von allen Ländern Südamerikas hat Argentinien bei weitem die stärkste jüdische Bevölkerung; auf dem ganzen amerikanischen Kontinent steht es in dieser Hinsicht an zweiter Stelle, nur von den Vereinigten Staaten mit ihrer 4i/2 Millionen zählenden Judenheit übertroffen. Die ersten jüdischen Niederlassungen (von Marannen) entstanden in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Cördoba, Rosario, Buenos Aires und anderen Orten. Es scheint aber, als hätten diese dauernd beargwöhnten und verfolgten Menschen allmählich die Verbindung mit dem Judentum verloren und seien in ihrer Umwelt aufgegangen. Ein Teil der heutigen argentinischen Aristokratie soll von diesen Familien abstammen. (Siehe hierüber: MarkWischnitzer, „Die Juden in der Welt".) Die Geschichte der modernen jüdischen Niederlassungen beginnt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit der Einwanderung einzelner Juden aus Deutschland, Frank- Inhaber Dr. Fritz Israel Silberstein Umzüge nach allen Orten der Welt BERLIN S036 REICHENBERGER STRASSE 154 11