Mannheim
Compact Memory

Jüdische Auswanderung · 1939-01-01 · Januar 1939 · p. Seite 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Auswanderung
Volume
1939. Bestand LBI
Issue
Januar 1939
Date
1939-01-01
Page
Seite 13 (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/6492429-9991069-9588157--815-9588174
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Das kulturelle Leben der Juden in Argentinien ist so vielgestaltig, daß hier einige Andeutungen genügen müssen. Es erscheinen allein in der Hauptstadt drei Tageszeitungen in jiddischer Sprache, von denen zwei eine Auflage von je 20 000 aufweisen. Außerdem gibt es eine Reihe jüdischer Zeitschriften, teils in jiddischer, teils in spanischer Sprache. Jüdische Organisationen der verschiedensten Art bestehen in großer Anzahl. Eine der größten Organisationen ist die „Chewra Kadischa" der Aschkenasim, die 18 000 Mitglieder zählt und neben ihrem ursprünglichen Zweck als Bestattungsverein auch immer mehr Aufgaben der Wohltätigkeit erfüllt. Eine andere große Organisation mit fast 10 000 Mitgliedern ist die „Ezrah", die ein großartiges Krankenhaus im Werte von über 1 Mill. Pesos erbaut hat, ferner gibt es einen jüdischen Bund gegen Tuberkulose, ein jüdisches Waisenasyl usw. Ganz besondere Erwähnung aber verdient an dieser Stelle der 1933 gegründete Hilfsverein deutschsprechender Juden, der zwar nur etwa 850 Mitglieder zählt, aber ganz erstaunliche Summen für die Hilfeleistung an jüdischen Einwanderern aus Deutschland aufgebracht hat. Diese Organisation hat, abgesehen von aller materiellen Unterstützung, vor allem auch durch Arbeitsvermittlung und tätige Fürsorge sich die größten Verdienste um viele Hunderte von Juden aus Deutschland erworben. Der Hilfsverein unterhält zur Zeit Sprachkurse und das landwirtschaftliche Lehrgut Choele - Choel. — Die Aufgabe, dem jugendlichen Einwanderer aus Deutschland die seelische Eingliederung in die neue Umgebung zu erleichtern und in ihm nicht das Gefühl der Heimatlosigkeit aufkommen zu lassen, hat der „Jüdische Jugendbund, Buenos Aire s", übernommen, der heute schon über 100 Mitglieder zählt. Er betreut seine Mitglieder zwar nicht wirtschaftlich, vereint sie aber in wöchentlichen Zusammenkünften und Fahrten. Unter den Neugründungen der letzten Zeit sind u. a. die „Gruppe Deutschsprechender Zionisten", der Turn- und Sportverein Bar- Kochba und der. Frauenhilfsverein hervorzuheben. Groß ist auch die Anzahl der verschiedenen religiösen Organisationen und Vereine, in denen zum Teil das Studium der jüdischen Lehre in der überlieferte: osteuropäischen Art gepflegt wird. Aber trotz dieses äußeren Bildes eines reichen jüdischen Lebens darf man sich nicht darüber täuschen, daß gerade in Argentinien sich schon bei der zweiten Generation eine außerordentlich starke Tendenz zur restlosen Assimilation an die übrige Bevölkerung geltend macht. Es scheint, als übe gerade die romanische Kultur auf die Juden eine besonders starke Anziehungskraft aus. Bisher hat der fast ununterbrochene Zustrom neuer Menschen aus den Ländern der jüdischen Massensiedlung dem jüdischen Leben in Argentinien immer neue Impulse gegeben und der Assimilation entgegengewirkt. In welchem Maße dies auch in Zukunft der Fall sein wird, bleibt abzuwarten. Die leichte Zugänglichkeit und Verständlichkeit der argentinischen Kultur und die bisher nur geringe Entwicklung des Antisemitismus erleichtern jedenfalls die Assimilation außerordentlich. VII. Aussichten für Einwanderer 1. Allgemeines Die Tatsache, daß Argentinien eine zahlenmäßig starke und zum Teil auch wirtschaftlich einflußreiche jüdische Bevölkerung besitzt, hat sich für die seit 1933 ins Land kommenden Juden aus Deutschland in außerordentlich segensreicher Weise ausgewirkt. Insbesondere hat sich der schon erwähnte Hilfsverein deutschsprechender Juden in Buenos Aires sowohl durch geldliche Unterstützung wie durch andere Leistungen, speziell Arbeitsvermittlung, große Verdienste um viele Hunderte von Juden aus Deutschland erworben. Lange Zeit hindurch gelang es auch den unermüdlichen Anstrengungen der wenigen Menschen, welche die Arbeit des dortigen Hilfsvereins tragen, alle Stellungsuchenden unterzubringen. Aber als die Zahl der Einwandernden immer stärker angestiegen war, wurden die Schwierigkeiten der Unterbringung der Immigranten immer größer, und dies um so mehr, als ihre berufliche Struktur im allgemeinen ungünstig war und ist. Die Zahl der Handwerker und Landwirte war bisher ziemlich gering, obwohl gerade in diesen Berufszweigen die besten Chancen zur Unterbringung bestanden; dagegen nahm der Zustrom von Kaufleuten ohne Sprachkenntnisse und ohne Kapital, für die nur mit größter Mühe Stellungen, meist bei Glaubensgenossen, zu erlangen waren, gar kein Ende. Eine weitere Erschwerung der Lage bildete und bildet leider immer noch die Abneigung vieler Einwanderer, das schöne, weltstädtische Buenos Aires zu verlassen und in die kleineren Orte der Provinz hinauszugehen, wo das Leben nicht so abwechslungsreich, aber auch die Arbeitsmöglichkeiten im allgemeinen noch nicht so ausgeschöpft sind wie in der Hauptstadt. Aus diesen Gründen hat sich in Buenos Aires selbst eine ziemlich ernste Lage für neue Einwanderer gebildet — wenigstens soweit es sich nicht um Handwerker oder berufstätige Frauen handelt. Für Kaufleute ist die Situation heute nicht nur ernst, sondern nahezu verzweifelt, wenn sie nicht wenigstens die spanische Sprache einigermaßen beherrschen. Neben dem Spanischen ist auch die Kenntnis des Englischen — wegen der besonders engen wirtschaftlichen Verflechtung Argentiniens mit Großbritannien und zum Teil auch mit den Vereinigten Staaten — von großem Vorteil. Auch französische Sprachkenntnisse haben in Argentinien einen gewissen Wert. Endlich sei hier auf einen Faktor hingewiesen, der für die Einwanderer ausgesprochen günstig ist. Während die früher in allen Dingen ausgesprochen liberale argentinische Einwanderungspolitik in vieler Hinsicht während der Weltwirtschaftskrise in ihr Gegenteil verkehrt worden ist, kann noch heute das argentinische Bürgerrecht schon nach zweijährigem Aufenthalt im Lande erworben werden, und mit diesem alle Ehren und Pflichten, die die Staatsangehörigkeit mit sich bringt. Der frisch eingebürgerte Einwanderer darf nach dem Gesetz schon jedes Staatsamt, außer dem des Präsidenten, bekleiden; aber er muß eventuell auch Militärdienst leisten, der im 20. Lebensjahr, ohne spätere Nachübungen, stattfindet. Seine Dauer beträgt ein Jahr, nur für die Kriegsmarine wird jährlich eine größere Anzahl von Rekruten ausgelost, die zwei Jahre dienen müssen. Ferner ist es für den Einwanderer von Wichtigkeit, daß jedes im Lande geborene Kind argentinischer Staatsbürger wird. 2. Aussichten für die einzelnen Berufe a) Ungelernte Arbeiter Wer nach Argentinien in der festen Absicht kommt, um jeden Preis Arbeit anzunehmen, gleichviel welcher Art, der findet im allgemeinen auch immer die Möglichkeit, so viel, wie er zum Leben braucht, zu verdienen. Selbstverständlich muß er aber die Augen offen halten und sich wirklich vor keiner Arbeit scheuen. Viele Einwanderer, die in Deutschland andere Berufe ausgeübt haben, erhalten sich während der ersten Monate durch Annahme einer Stellung als Laufbursche, Packer, Kellner, Diener o. dgl. Doch kommt dies natürlich vorwiegend für jüngere Leute in Frage; für altere Menschen ist es sehr viel schwerer, wenn überhaupt möglich, sich auf diese Art durchzuschlagen. STl WILHELM GRÄSSOW INH. JULIE SARA PEYSER käft-ßefördernng " BE RLIN-REI NICKEN DORF-MAR.KSTR: 10-11 RUF:490p1? 13

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.