Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1938. Bestand LBI
- Issue
- Juli 1938
- Date
- 1938-07-01
- Page
- Seite 77 (sequence 83)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/6492429-9991067-9588052--669-9588135- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
neben seiner Sprache keine andere breit macht. Die Amerikaner wollen ein Volk werden, dazu gehört als Basis eine einheitliche Sprache. Amerika verlangt von jedem Einwanderer, daß er die englische Sprache beherrscht, oder mindestens sich bemüht, sie zu erlernen. Wer das nicht tut, wird hier nie Erfolg haben. Es ist daher sehr wichtig, daß sich alle Einwanderer, so gut es geht, vorbereiten; je intensiver sie das zu Hause tun, während sie noch Zeit haben und noch nicht von der Sorge um den Aufbau einer neuen Existenz vollauf in Anspruch genommen werden, um so leichter werden sie es hier haben. Vor allem beachte man eines: nach 10 Unterrichtsstunden kann man schon so viel Englisch gelernt haben, daß man sich einigermaßen verständlich machen kann. Von hier bis zur Beherrschung der Sprache ist aber noch ein weiter Weg. Die englische Sprache ist nicht so leicht, wie der Anfänger gern glauben möchte, besonders wegen des großen Wortschatzes. Ich glaube, zwei Jahre Studium für Erwachsene, die nie Englisch gelernt oder alles wieder vergessen haben, ist eine schöne Grundlage, die ausreicht, um sich hier zurechtzufinden. Die Jungen, die von Sexta bis Untersekunda oder gar bis Prima Englisch gelernt haben, brauchen nur dafür zu sorgen, daß ihr Englisch nach Beendigung ihrer Schulzeit nicht einrostet. Sie werden in kurzer Zeit die Sprache fließend beherrschen." Zu den Fragen der Haushaltsführung und Lebenshaltung enthalten die Fragebogen manche Hinweise, die wir oben zum Teil schon angeführt haben. Ueber mittelständische Verhältnisse in New York veröffentlichen wir zudem auf Seite 55 einen besonderen Aufsatz. Als Ergänzung dazu geben wir nachstehend einen Auszug aus dem Ende Dezember 1937 geschriebenen Brief eines kaufmännischen Angestellten aus New York wieder, der sich mit sehr kärglichem Einkommen durchschlagen muß. „Die Lebenshaltungskosten verteilen sich so, daß am teuersten die Wohnungen sind, dagegen Kleidung und Ernährung relativ billig. Um die Kaufkraft eines kleinen Einkommens zu veranschaulichen, gebe ich nachstehend ein Beispiel, wobei ich aber hinzufügen muß, daß es falsch wäre, den Dollar nun zu irgendeinem Kurs umzurechnen. Man ist auch hier in der ersten Zeit vielfach versucht, Vergleiche anzustellen, aber das Exempel geht meistens nicht auf. Als Anfänger verdient man wöchentlich etwa 15—20 $. Keine Abzüge außer 0,20 Cents für Social Security (Sozialversicherung), Steuer frei. Ein möbliertes Zimmer kostet pro Woche 4—5 $, Kleinwohnung: Küche, 1 Zimmer, Bad 7—8 $, 4 Zimmer, Küche, Bad, etwas außerhalb 11—13 $; Heizung ist in der Miete eingeschlossen, es gibt meist Zentralheizung und elektrisch angeschlossene Eisschränke. Die Wohnungsfrage wird in meinem Falle durch Zusammenwohnen mit einem verheirateten Schwager verbilligt und wir kommen dadurch jeder auf 5.50 $ Wochenmiete bei einer geräumigen Wohnung etwas außerhalb mit allen Bequemlichkeiten. Wir haben dadurch den weiteren Vorteil, daß eine Frau den ganzen Haushalt macht und die andere eine Stellung in der Stadt hat, deren Einkommen sich die beiden Frauen teilen, was zur Lebenshaltung wieder mit beiträgt. Für Ernährung bracht man bei drei Personen wöchentlich 10 $. Fahrgeld und Lunch in der Stadt (man ißt mittags in einem der großen Restaurants in der Stadt) machen für denjenigen, der arbeitet, noch zusätzlich 2.50 bis 3 $ pro Woche. Licht und Gas monatlich zirka 3 $. Sie sehen, daß dies Exempel bei einem Wochenlohn von 20 $• nicht aufgeht und für Anschaffungen noch nicht einmal Raum ist. Es fehlen auch kleinere Ausgaben wie Schuhreparaturen usw. Im übrigen sind Einwanderer für die erste Zeit mehr oder weniger mit Kleidung versehen." Recht aufschlußreiche Berichte liegen aus Chicago vor. Sie stammen von einer Auswanderin, die dort in einem Haushalt tätig ist. Sie hat also den denkbar besten Einblick, hat aber außerdem noch die Erfahrungen von Freunden zu Rate gezogen, die schon länger drüben sind. Sie betont, daß ihre Einzelangaben nur für Chicago Geltung haben, doch findet sich darin manche Uebereinstimmung mit Berichten aus anderen Großstädten, insbesondere auch denen aus New York. Der erste Brief, den sie nach dreimonatiger Tätigkeit in ihrer Stellung geschrieben hat, ist etwas allgemeiner gehalten, aber doch schon vom Haushalt her gesehen, so daß wir einen Auszug daraus veröffentlichen: Chicago, 29. 12. 1937 „.. . Seither führe ich also einen großen Sechs-Personen- Haushalt in einer sehr komfortablen Wohnung restlos selbständig, da die Eltern — beide Aerzte — den ganzen Tag berufstätig downtown sind. Beide haben ihr medizinisches Examen bereits mit Erfolg bestanden (Berechtigung zur Praxis in 42 Staaten), was hier sehr schwierig ist, drei Tage dauert, aber natürlich große Wichtigkeit hat. Wir haben eine typisch amerikanische Wohnung mit Eßzimmer, 3 Schlafzimmern, 1 Arbeitszimmer, 1 Kinderzimmer, 3 Badezimmern, 2 Speisekammern, 1 Küche, 1 Diele, 2 Korridore. Das ist eine Menge Arbeit: alle Reinigung, alles Einkaufen,mittags warmes Lunch für 3—4Personen mindestens, abends warmes Supper für 6 Personen mindestens, alles Backen, eine Menge Besuch, Wäscheverwaltung usw. Ich habe dreimal wöchentlich ein nettes coloured girl zur Hilfe auf 5 Stunden, die sehr anhänglich ist und mir alles zu Gefallen tut, aber wie alle diese Leute vorsichtiger als ein rohes Ei behandelt werden muß. Trotzdem aber bleibt auf mir eine Menge Arbeit und auf meinen Schultern eine sehr große, ebenso schöne wie schwere Verantwortung. Ich schildere Ihnen das deshalb etwas ausführlich, weil es Sie ja im allgemeinen gesehen interessieren wird. Schauen Sie, was man in Deutschland glaubt — daß die amerikanischen Frauen deutsche Mädchen unbedingt zur Hilfe brauchen, der Schrei nach ,mother's help' trifft ganz und gar nicht zu. Sie kommen gut auch ohne uns aus, wenn es sich nicht eben um so einen Ausnahmefall handelt wie meinen, wo Vorteile für beide Teile damit verbunden sind und eine tiefe Freundschaft und Hilfsbereitschaft zugrunde liegen. Wenn man keinen eigenen Haushalt führen will oder kann, sei es wegen Berufstätigkeit oder Mädchenlosigkeit oder aus welchen Gründen immer, kann man in ein Appartmenthouse ziehen, die es wirklich in jeder Art und jeder Preislage gerade in Chicago in Hülle und Fülle gibt. Dort kann man sich von allen Haushaltsorgen freimachen in dem Grad, der erwünscht oder nötig ist. Das ist also das Ausschlaggebende bei dem Hausangestelltenproblem. Abgesehen davon ist es eben wirklich — und ich erkenne das erst hier richtig — eine ungeheure Verantwortung, wenigstens für 5 Jahre verantwortlich vor der amerikanischen Regierung für einen Menschen zu zeichnen, den man oft doch nicht einmal kennt. .. Ich habe eben darin Glück gehabt und weiß dies wohl zu schätzen, aber ebenso verstehe ich, daß das der amerikanischen Hausfrau nicht dafürsteht demgegenüber, was sie dafür an Vorteilen eintauscht. Ich bekenne ehrlich, daß ich noch nicht über alle toten Punkte dieser ungeheuer schweren ,Umstellung' weg bin. Die Schwierigkeiten sind anders, als ich sie mir in Deutschland vorgestellt habe. Aber ich hoffe, von Monat zu Monat weiterzukommen. Mit der Sprache komme ich im ganzen durch, mir selbst aber lange nicht gut genug, doch habe ich wahrscheinlich ab Januar die Möglichkeit, Konversationsstunden zu nehmen in einer sozialen Stelle: ,The Adult Education Committee of the Chicago Woman's Aid'." Der zweite Brief datiert vom 6. Februar 1938 und betrifft unmittelbar Haushaltsfragen. Ueber die Wohnungseinrichtung, Möbel, Beleuchtungskörper, Teppiche und Gardinen usw. sagt sie genau das Gleiche, wie in dem erwähnten Aufsatz über New York ausgeführt ist. Auch in Chicago gibt es überall „Closets", z. B. bei drei Schlafzimmern je eins, ferner eins auf der Diele. Sie unterstreicht besonders die Notwendigkeit von Kommoden und nicht zu großen Bücherregalen, die daher mitgebracht werden sollen, keinesfalls aber neue Möbel, die sehr hoch verzollt werden müssen, drüben dagegen billig, wenn auch nicht so gut sind. Als sehr praktisch empfiehlt sie einen Teewagen. Für die Küche sollen nur Stühle und Tische mitgebracht werden, allenfalls ein kleinerer Schrank. Wenn ausnahmsweise einmal keine Geschirrschränke eingebaut sind, kann für 3 $ ein praktischer Blechschrank gekauft werden. JULIUS M. BIER A G Verkauft Vermietet Immobilien Stammhaus gegr. 1890 BERLIN W8 Leipziger Straße 31—32 Fernruf: 16 44 41 t Wohnhäuser / Geschäftshäuser / Villen Fabriken t Geschäftsräume / Fabriken / Villen 77 m