Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1938. Bestand LBI
- Issue
- Juli 1938
- Date
- 1938-07-01
- Page
- Seite 78 (sequence 84)
- Language
- German
- Belongs to
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Gutes gebrauchtes Geschirr u. ä. kann mitgebracht werden. Auch Stehlampen, Heizkissen, Bügeleisen und ähnliche elektrische Apparate, die Stromstärke von 110 Volt (die Spannung von Chicago) haben. Sie erfordern nur kleine Aenderungen am Stecker, die der Janitor (Hauswart) sehr billig ausführt. Radioapparate dagegen erfordern große Aenderungen, und es gibt dort billige Apparate, schon für 10 $, mit denen man gut hören kann. Ueber die notwendigsten Ausgaben heißt es dann: „M i e t e n: Je nach der Größe der Räume und der Lage der Wohnung bekommt man 4-Zimmerwohnungen mit Küche (die dann als fünftes Zimmer rechnet) und Bad für 45—70 $. Dabei handelt es sich freilich um bessere Wohnungen; es sind auch kleinere und billigere Wohnungen zu haben, die dann allerdings in häßlicherer oder auch schlechterer Nachbarschaft (Neger, verwahrloste Gegenden usw.) liegen. Ernährungskos.ten: Eine gutbürgerliche Familie von 2 Eltern und 2 Kindern hat je Monat 80—100 $ einschließlich der laufenden kleinen Putzmittel, kleinerer Reparaturen usw. zu rechnen. Bei häufiger Aufwartung, viel Wäsche weggeben,. Untüchtigkeit der Hausfrau erhöhen sich natürlich die Rosten. Die Lebensmittelpreise usw. sind ähnlich wie in Deutschland vor etwa einem Jahr." Als Hauspersonal werden in der Regel Schwarze stundenweise beschäftigt. „Sie sind meist hochanständig und zuverlässig, nur außerordentlich empfindlich. Ich habe dreimal wöchentlich je 5 Stunden ein coloured girl, die für diese 15 Stunden 5.50 $ erhält und 60 Cent für Straßenbahn. Meine Freunde zahlen täglich für 8 Stunden 2 $. In beiden Fällen kommt Essen hinzu, ich gebe z. B. Lunch. Eine tüchtige Hausfrau braucht ja im 4-Personen-Haushalt auch keine tägliche Hilfe, da hier der ganze Wohnungszuschnitt doch einfacher ist. Allerdings ist Chicago unsagbar schmutzig. . . man muß sich zwingen, ruhig den Staub und den dauernd hereinkommenden Ruß einmal liegen zu lassen." Zu diesem Thema enthält auch der oben erwähnte Brief des Akademikers aus Los Angeles einige Angaben über Californien: „Mit einer Anzahlung von 2000—3000 $ kann man Wohnhäuser pachten, die stets voll vermietet sind und einem Pensionen von 150—200 $ monatlich bringen. Möblierte Wohnung (2 Zimmer mit Küche und Bad) kostet 30—60 $, Einzelzimmer 20—30 S>. Lebensunterhalt ist billig. Ein Ehepaar, das selbst wirtschaftet, kann mit 30—40 $ im Monat (ohne Wohnung) sehr auskömmlich leben. Alle Gebrauchsartikel sind hier 10—15 o/o teurer als in New York, Luxusartikel noch erheblich teurer. Bei dem großen Bedarf an möblierten Wohnungen ist sehr großes Angebot sehr schöner billiger Möbel, von Gebrauchsporzellan, Haus- und Küchengeräten." Noch einige Angaben des sachkundigen Diplom- Ingenieurs aus Auburn über Gas- und elektrische Geräte: „Gasherd und Eisschrank sind meist Eigentum des Mieters. Da aber sehr genaue Sicherheitsvorschriften bestehen (jeder Herd und jeder Gaskühlschrank hat z. B. eine dauernd brennende , Pilot'-Flamme wie unsere Heißwasserbereiter), müßte man sich von Fall zu Fall erkundigen. Die Spannung für elektrische Geräte und Lampen ist fast überall 110 Volt. Man bringe also evtl. einen Transformator mit, der etwa 1 kw Leistung hat und für 220/110 Volt geeignet ist, oder nur Geräte, die für beide Spannungen geeignet sind. Gleichstrom ist selten, kommt aber auch vor. Allstrom-Radioempfänger sind also nicht schlecht, und ein guter europäischer Apparat braucht sich nicht vor einem amerikanischen zu verkriechen. Immerhin, man bekommt für 10—20 $ schon nette kleine Apparate, mit denen man gut hören kann." Schließlich liegt eine ganze Reihe von Aeußerungen zu Fragen der persönlichen Haltung und Lebensgestaltung vor. Zu der sehr wesentlichen Frage des „guten Benehmens" können wir wohl auf Einzelzitierungen verzichten. Die zahlreichen brieflichen Hinweise auf die Freundlichkeit und Höflichkeit der Amerikaner, aber auch auf ihre Empfindlichkeit gegen Kritik und Besserwissenwollen der Einwanderer, denen sie Gastrecht gewähren, läßt erkennen, wie häufig Auswanderer, die das nicht fühlen oder verstehen, Anstoß erregen. Nicht umsonst betonen auch viele Berichterstatter, daß die Einwanderer nicht vergessen sollten, wie sehr sie den Vereinigten Staaten zu Dank verpflichtet sind. Als ein Beispiel für viele sei aus dem Brief des oben erwähnten früheren Fabrikdirektors in New York zitiert: „Es wäre wünschenswert, wenn die Besucher und Einwanderer sich der Tatsache bewußt wären, welch großes Opfer dies Land ihnen bringt, indem es sie unter den obwaltenden Verhältnissen hereinläßt. Das sollte vergolten werden durch zurückhaltendes, ruhiges Benehmen, Fernhalten von jeder Politik und Respektierung der amerikanischen Sitten. Schon mancher hat sich mit der Bemerkung ,Die Schutzleute sind drüben viel schöner uniformiert' oder ähnlichen Vergleichen geschadet. Amerika wartet auf niemand. Die Verhältnisse sind hier sehr schwer, die Arbeitslosenfrage ist drückend, auch hier existiert ein (allerdings anders gearteter) Antisemitismus, und die Sprachenfrage stellt ein zusätzliches Handicap dar. Trotzdem habe ich noch niemand untergehen sehen. Akademikerfimmel u. ä. soll aber jeder drüben lassen." Eine jüdische Organisation in einer größeren westlichen Stadt, die sich der Einwanderer sehr hilfreich annimmt, sieht sich zu einem recht scharfen Urteil genötigt : „Die Schwierigkeiten, die sich immer wieder einstellen, sind zweifacher Art. Erstens kommen fast alle ohne jegliche Kenntnis über das Land, in das sie auswandern, oder mit derart primitiven Vorstellungen von Amerika, daß schwere Enttäuschungen eintreten. Die Mehrzahl denkt, daß Amerika auf ihn gewartet hat, und er nur anzufangen hat auf der Leiter, die ihn dann naturnotwendig zum Millionärsein hinaufführt. Jeder Kaufmann hält sich für einen verkannten Generaldirektor, für den Amerika einen Platz reserviert hat. Dies ist die zweite Schwierigkeit, die Verkennung der eigenen Fähigkeiten in einem fremden Lande, die Schwerfälligkeit der Anpassung. Alles drüben war von vornherein besser, ohne daß man den Versuch macht, die hiesigen Verhältnisse zu studieren oder zu Auswandern - Wohin? Frage den Hilfsverein! Werde Mitglied 7*