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Jüdische Auswanderung · 1938-07-01 · Juli 1938 · p. Seite 72

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Journal
Jüdische Auswanderung
Volume
1938. Bestand LBI
Issue
Juli 1938
Date
1938-07-01
Page
Seite 72 (sequence 78)
Language
German
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komfortabel und rund 50 o/0 billiger als der Zug ist. Die von mir benutzte Schiffahrtslinie, die Black Diamond-Line, ist unbedingt zu empfehlen — allerdings für alleinreisende Damen nur in beschränktem Umfang, da alles sehr primitiv ist — aber der mäßige Preis! Ich wohnte in New York im YMCA (Young Men's Christian Association, hilft in USA. interkonfessionell) im William Gloau House in der Pennsylvania Station, mit großem Bad und Waschräumen, Schwimmbassins, Turn- und Lesesälen, Auskunftei usw. Preis pro Zimmer und Nacht 1 $." Im gleichen Sinne wird aus Cincinnati, einer Industriestadt im Staat Ohio, zu Beginn April 1938 geschrieben: Es gab eine Zeit hier, in der 95 o/0 der Eingewanderten Arbeit hatten. Jetzt ist der Prozentsatz schätzungsweise auf 75 o/o heruntergegangen. Erstens, weil eine Reihe entlassen wurden, zweitens weil zu viel Nachkommende keine Arbeit jetzt finden können. Ich würde vorschlagen, daß sich weitere Einwanderer noch weiter ins Innere begeben. Auch die Südstaaten sollen noch besser sein. Man sollte das Klima jedoch sorgfältig prüfen, bevor ein Entschluß gefaßt wird. Cincinnati ist bereits hinreichend mit Einwanderern versehen. Manche leben leider sogar ganz auf Kosten der Unterstützungskomitees. Ich warne dringend vor New York (7000 arbeitslose Einwanderer), vor Chicago usw. Die Unterstützungskomitees senden Einwanderer weiter ins Innere. Auch für Einwanderer mit höheren beruflichen und sozialen Ansprüchen bewährt sich der Fortgang aus New York. Wir geben nachstehend den sehr interessanten Bericht eines Diplom-Ingenieurs aus Auburn (Maine) über seine Stellungsuche wieder. Er ist mit etwas Kapital hinübergegangen, das ihm eine gewisse Ruhe für die Stellungsuche ermöglichte. Eine Kündigungsfrist und einen Arbeitsvertrag hat auch er nicht; der Lohn wird wöchentlich gezahlt und ist geringer, als sein Gehalt in Deutschland war, reicht aber offenbar aus, um ihn und seine Frau zu ernähren und eine Vier-Zimmer-Wohnung zu bezahlen (was mutmaßlich in New York unmöglich wäre!). Es ist ihm gelungen, auf seinem früheren Berufsniveau — wenn auch in einem anderen Fabrikationsgebiet — zu bleiben; auffällig ist sein Bedenken dagegen, als Arbeiter anzufangen (eine Einstellung, die nur selten auftaucht). Zu beachten ist, daß der Brief Schreiber Englisch fließend, auch schriftlich, beherrscht. j,lch sah mich als Diplom-Ingenieur der Starkstromtechnik mit ziemlich vielseitiger Ausbildung, besonders auch in Metallurgie, vor die Aufgabe gestellt, irgendeinen technischen Beruf zu ergreifen, der mit meinem Können irgendwie ausgefüllt werden kann. Bei zweimonatigem Suchen und schriftlicher oder mündlicher Fühlungnahme mit vielleicht 6 0 Firmen des Ostens und Mittelwestens mußte ich folgendes feststellen: Man braucht einige Mittel (unbedingt versuchen, etwas Devisen direkt freigestellt zu bekommen!), um herumfahren zu können. Mit einer Ausnahme bekam ich keine Spesen für die Vorstellung ersetzt. Man wird nur genommen, wenn eine Lücke vorhanden ist, die durch einen Amerikaner im Moment nicht auszufüllen ist. Wenn man nicht lange warten kann, dürfte man allerdings eine Stellung als Arbeiter für etwa $ 25 verhältnismäßig schnell bekommen, man verbaut sich aber dann unter Umständen die Gelegenheit, etwas Besseres zu finden. Immerhin werden Arbeitskräfte aus Deutschland sehr geschätzt. Es wird im allgemeinen geraten, sein Können in zu gutes Licht zu rücken und zu übertreiben. Ich habe mit vielen 0m ROBERT ABRAHAMSOHN MESSINSTRUMENTE WIDERSTANDE BERLIN-STEGLITZ, NICOLAI STR.7 %*: :'X:¥:?:W: K-:;^ Ingenieuren gesprochen und halte das für falsch. Immerhin erschweren hohe Ansprüche das schnelle Arbeitfinden, und es ist eine Frage der Nerven und der Reserven, wann man eine geringer entlohnte Stellung annimmt. Inserieren in Fachzeitschriften hat mir nicht geholfen, soll aber oft gut sein. Ein Verfolgen der offenen Stellen in Fach- und Tageszeitschriften ist oft sehr gut. Man gehe unbedingt in New York zur Public Library in der 5th Ave. Ecke 42nd Street und sehe dort die Fachzeitschriften ein. Außerdem gibt es dort von jeder Industrie sog. Directories, in denen alle Angaben über Größe, Arbeitsgebiet, Namen der leitenden Männer, Kapital usw. der Firmen nachgesehen werden können. Man kann diese dann entweder aufsuchen oder sich schriftlich bewerben. Der erste Weg ist besser, da man fast immer an die richtigen Leute herankommt. Eine gute Empfehlung mit schriftlicher Einführung ist am besten. Freundliche Aufnahme ist die Regel, und eine freundliche Vormerkung auf den in Bälde freiwerdenden Posten ist zu 90 o/o eine höfliche Absage. Bei der Planung einer solchen Reise kann man im allgemeinen das ganze Gebiet des Ostens zwischen New York und Chicago bestreichen, wenn man gute Zwischenautobusverbindungen ausnutzt. Man darf aber nur mit der Woche von Montag bis Freitag rechnen! Spesen: Autobus etwa I1/2 bis 2 c. pro Meile, einfache Eisenbahn (etwa 3. Kl. gepolstert und bequem) 2 c, Pullman 3 c, dazu kommen bei Pullman noch Zuschläge für Schlafwagen. Hotelnacht überall außerhalb New Yorks und Chicagos 1,50 % für das Bett, ohne Bad in Großstädten, mit Bad in Mittelstädten. Billiges Frühstück: 25—30 c, Mittag 45 c, Abendessen 60 c. In Drugstores ohne Trinkgeld, sonst überall 5 c. Das ist ausgesprochen billige, aber gute Verpflegung in etwa allen Städten des Ostens. Man kann viel mehr, kann aber auch weniger ausgeben. Man darf die städtischen Verkehrsmittel nicht außer acht lassen, da fast alle Werke außerhalb liegen. Einfache Fahrt nur in New York 5 c, sonst überall zwischen 7 und 12 c. Zum persönlichen Teil der Stellungsuche: Immer gute Laune zeigen und versuchen, sich auf die Leute einzustellen. Englisch unumgänglich, je fließender, desto besser. Da hier jeder seine Briefe selbst schreibt: Schreibmaschine beherrschen. Handwerker stellen ihr Werkzeug selbst und sind sehr gut ausgerüstet. Wer also glaubt, als Schlosser oder Elektriker arbeiten zu können, soll sich so gut es geht ausrüsten. Ich habe diese Erfahrung in Neu-England gemacht, nehme aber an, daß sie allgemein zutrifft. Handwerker ohne Werkzeug sind hier viel schlechter bezahlt. Fachliteratur über Gebiete, in denen man evtl. arbeitet, mitbringen und sich auf das jeweilige Werk vorbereiten. Nach meinen Beobachtungen sind hier in Neu-England die Arbeitsbedingungen nicht ungünstiger als in den ausgesprocheneren Industriegebieten. Wie in Deutschland ist aber in kleineren Betrieben alles individueller, und die persönlichen Aussichten daher günstiger. Kleinbetriebe gibt es überall. Es scheint ein Mangel an Metallurgen zu sein; Leute mit guter Vorbildung, die mit Metallmikroskopen und Röntgenapparaturen umgehen können, sind sehr gesucht und werden gut bezahlt. Industriechemiker dürften wahrscheinlich auch offene Stellen finden. Viele große Konzerne ziehen allerdings prinzipiell Absolventen amerikanischer ,Colleges' Außenseitern vor und bilden sie selbst aus. Das soll z. B. bei der General Electric und der Union Carbide der Fall sein." Nun der Brief eines kaufmännischen Angestellten, der trotz schlechter Konjunktur außerhalb von New York sehr schnell etwas gefunden hat: St. Louis (Missouri), 31. Dezember 1937 „Meine erste Stelle bekam ich, nachdem ich 2 Wochen hier war. Ich arbeitete jedoch nur einen halben Tag, da mir sowohl die Arbeit wie der Verdienst nicht zusagten. Dann bekam ich für 2 Wochen über die Saison eine Stelle in einer Textilgroßhandlung. Anschließend bekam ich meine dritte Stelle in einer der feinsten und größten Schuhcompagnien hier. Ich arbeite daselbst nun bereits 4 Monate, und ich bin sehr gern dort. Wir haben 126 Läden über das ganze Land verteilt, und u. a. ist hier das Büro mit etwa 150 Angestellten; am Lager, wo ich zur Zeit arbeite, sind wir etwa 100 Leute. Als ich kam, waren wir 150 Leute; da aber das Geschäft so schlecht war, sind etwa 50 junge Leute vor etwa 6 Wochen entlassen worden. Nun, ich hatte Glück und konnte meine Stelle halten. Ich hoffe, in einigen Monaten in einen unserer Läden als Verkäufer zu kommen. Was den Geschäftsgang im allgemeinen hier anbetrifft, so ist es so: Die ersten 6 Monate dieses Jahres waren sehr gut und nun ist die Reaktion und der Geschäftsgang dementsprechend schlecht. Ein sehr großer Fehler für junge Leute, die neu einwandern, ist der, daß 90 °/o in New York bleiben. In New York ist es beinahe aussichtslos, eine Stelle zu bekommen, und dann können diese Leute solche Stellen nur 1—2 Monate halten. Leute, die hierher kommen, sollten unbedingt Verwandte oder wirklich gute Beziehungen haben. Es ist nicht damit

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