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Jüdische Auswanderung · 1938-07-01 · Juli 1938 · p. Seite 71

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Journal
Jüdische Auswanderung
Volume
1938. Bestand LBI
Issue
Juli 1938
Date
1938-07-01
Page
Seite 71 (sequence 77)
Language
German
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VI. Briefe und Fragebogen aus den Vereinigten Staaten Die Lebens- und Arbeitsverhältnisse in den Vereinigten Staaten sind hier in Deutschland weit bekannter als diejenigen der entfernteren Ueberseeländer. Es bestehen zahlreiche verwandtschaftliche und freundschaftliche Beziehungen, teils aus der Vergangenheit, teils durch den Einwandererstrom, den die Vereinigten Staaten in den letzten fünf Jahren aufgenommen haben. Außerdem werden nach USA. viel häufiger Informationsreisen, privater wie auch offizieller Art, unternommen, deren Ergebnisse sich dann in der hiesigen jüdischen Presse, in Vorträgen usw. widerspiegeln. Trotz dieser reichliehen Information wollen wir doch nicht darauf verzichten, einige der Eindrücke und Erfahrungen wiederzugeben, die sich sowohl in Briefen an den Hilfsverein wie in Beantwortungen von Fragebogen ausdrücken, die wir den von uns betreuten Auswanderern mitgeben. Sie haben neben den anderen Informationen dadurch besondere Geltung, daß sie aus dem bewußten Wunsehe stammen, die gesammelten Erfahrungen den später Einwandernden nutzbar zu machen und damit auch dem Hilfsverein Fingerzeige zu geben. Diese Briefe und Fragebogen zeigen in manchen Fragen (wie der Sprachbeherrschung, der geographischen Verteilung, des freundlichen Verhaltens der Amerikaner) eine Uebereinstimmung, die um so beachtlicher ist, als sonst recht verschiedenartige Meinungen zum Ausdruck gebracht werden. Sie fußen auf sehr verschiedenartigen Erfahrungen, sind aber, da sie gewöhnlich nur eigenes Erleben einbeziehen, in gewissem Grade subjektiv bestimmt. Dies zeigt sich auch in der Bewertung objektiver Erscheinungen, wie z. B. der Geschäftslage; der Einwanderer, der in Deutschland den Kündigungsschutz gewöhnt war, empfindet es doppelt, daß wirtschaftliche Verschlechterungen sich viel schneller in Kündigungen und Arbeitslosigkeit niederschlagen, weil dieser Schutz fehlt. Die Berichte sind aber nicht minder stark ein Spiegelbild der Eigenart des Auswanderers. Seine wirtschaftliche und persönliche Einordnung hängt in hohem Maße vom Grade seiner geistigen Beweglichkeit ab, deren Stärke beim Amerikaner einen seiner ausgeprägtesten Wesenszüge bildet. In den Vereinigten Staaten spielt das Berechtigungswesen eine untergeordnete, wenn auch wachsende Rolle. In der Arbeit, auch im Betrieb, wird grundsätzlich wenig angeleitet. Der Amerikaner will, daß jeder vor allem sich selber hilft, es macht ihm daher auch gar nichts aus, häufig nicht nur die Beschäftigung, sondern auch den Beruf zu wechseln. Es gibt z. B. nicht wenige Universitätsprofessoren, die, wenn ihr Lehrauftrag abgelaufen ist, zunächst irgendeine handwerkliche oder Arbeitertätigkeit ausüben, bis sie einen neuen Lehrauftrag erhalten. Dieser Lebens- und Arbeitsrhythmus erfordert auch eine leichte persönliche Anfassungsfähigkeit an die Formen des öffentlichen Lebens und an die Art der Menschen. Aus manchem der Briefe läßt sich, dem Schreiber unbewußt, zwischen den Zeilen erkennen, daß Schwierigkeiten auch im beruflichen Fortkommen entstanden sind, weil es dem Briefschreiber an dieser Einfühlungsfähigkeit fehlt, er Kritik an den amerikanischen Einrichtungen übt und ihnen entgegenhält, was „bei uns" besser war. Wie stark und wie unangenehm gerade dieser Fehler empfunden wird, geht aus den Briefen anderer Einwanderer deutlich hervor. Indessen: schlechte Angewohnheiten schleifen sich mit der Zeit ab. Viel größere Sorge bereitet der Umstand, daß .ungeachtet aller Warnungen und Aufklärungen noch immer der größte Teil der Einwanderer in New York hängen bleibt. Drüben wird dann der Fehler oft genug erkannt, nicht nur von denen, die ins Land gegangen sind, sondern auch von solchen, die in New York blieben. Sehr klar und mit guter Begründung spricht das der Brief eines Auswanderers aus, der in Schenectady, einer Stadt von etwa 95 000 Einwohnern im Staate New York, Arbeit gefunden hat. „Die Newyorker Judenfrage ist ein großes Problem und wird auch von den Amerikanern als solches aufgefaßt. Jeder, der nach New York geht, trägt dazu bei, dieses Problem zu verschärfen. Dabei ist es nicht leicht, dort Arbeit und ein Auskommen zu finden. Es ist ein teures Pflaster, manche Dinge kosten dort doppelt so viel wie an anderen Plätzen. Und doch bleiben die meisten Juden aus Deutschland dort hängen. Hierher, nur 350 Meilen von New York entfernt, Fahrpreis 4,11 $, kommt niemand. Dabei ist hier die Bereitschaft der jüdischen Bevölkerung, Ankömmlingen zu helfen, sehr groß, wahrscheinlich viel größer als in New York. Neulich sprach ich mit Juden aus Syracuse. Diese Stadt liegt im Nordwesten des Staates New York, nicht weit von den großen Seen; sie hat 250 000 Einwohner, darunter etwa 10 000 Juden1). Wieviel Juden sind wohl seit 1933 dahin gekommen? Eine Familie! Dabei könnte diese Stadt wahrscheinlich mehr als 20 Familien ohne weiteres aufnehmen. Und so ist es überall. Amerika kann noch viele Juden aufnehmen; je mehr sie sich verteilen, um so leichter werden sie und ihre Nachkommen es einmal haben." Daß es leichter ist, in der Provinz durchzukommen, daß nur Wagemut und Entschlußkraft dazu gehören, zeigt auch der nachstehende Brief: Terreroo (New Mexico), 2. Dezember 1935 „Meine glückliche Ankunft bestätigte ich Ihnen seinerzeit von Albuquerque (New Mexico) aus, meinem ersten Wohnort. Ich war dort bei meinem Vetter für rund einen Monat, zum Teil um mich an einem wirklich herrlichen Platz zu akklimatisieren, die Sprache zu lernen, und zum größten Teil auch um eine passende Tätigkeit zu finden. Ich konnte bereits im Laufe der ersten Woche mit Plakatmalen und Dekorieren meine ersten Dollar verdienen und kam nach 4 Wochen für ganz kurze Zeit nach Belen — 100 Meilen von Albuquerque —, um die Außen- und Schaufensterreklame in einem Textilkaufhaus zu einer Fiesta zu machen. Hier wurde ich aber nach ein paar Tagen wiedler weggeholt, da sich mir eine zunächst. aushilfsweise Stellung in einem der bedeutendsten ,Marchel Merchandise' von N. M. bot, 100 Meilen nördlich von A. (und 1500 m höher), in Terreroo, 3000 m hoch in den Rockies. Ich bin jetzt rund 4 Monate hier und hoffe noch einige Monate bleiben zu können, wonach mir eine Anstellung in einem bedeutenden Engroshaus in Aussicht gestellt ist. Ich arbeite hier oben als ,Clerk', verkaufe alles, was es in diesem Laden gibt, von Autoreifen bis zur Konserve, und sowohl Möbel, als Schuhe, Fleisch und Spielwaren. Terreroo ist keine Stadt, sondern ein jetzt schon 7 Jahre provisorisches Camp von Bergarbeitern der Auer Metal Cie. Es gibt keinerlei Steinhäuser, da keiner Geld investieren will (falls die Mine eines Tages mal geschlossen wird). Auch unser Geschäftshaus ist ein großer Holzbau. Mein Verdienst ist so, daß ich gut davon leben kann; mehr vorerst noch nicht, aber hoffentlich nicht für allzu lange Zeit. Gesundheitlich, und was die Landschaft angeht, hätte ich es mir nicht besser wünschen können. Die Höhenluft und Höhensonne auch jetzt mitten im Winter brennt uns in ein paar Stunden braun. Noch einiges, was Sie vielleicht für weitere Auswanderer interessiert: Ich fuhr ab New York mit der ,GreyhoundJ3usline', die durch das ganze Land nach einem festen Fahrplan geht, sehr *) Nach der auf S. 20 abgedruckten Tabelle ist — oder war — der Anteil der Juden mit 14 000 auf 207 000 Einwohner etwas größer. SieA' out, sXtA' üh - hu4 ifiM&u+eitt! 71

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