Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1937. Bestand LBI
- Issue
- Herbst 1937
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 73 (sequence 79)
- Language
- German
- Belongs to
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Der folgende Brief geht besonders auf die Frage der zweckmäßigen Bekleidung ein. „Mexiko-City, den 8. Juli 1936 Gestern erhielten wir Euren Brief vom 27. mit der ,Europa'; derselbe war sehr schnell hier. — Also wir freuen uns sehr, daß es Euch allen gut geht. Auch bei uns geht es nun allen ordentlich; wir sind gesundheitlich jetzt zufrieden. Wir sind schon acht Tage feste beim Wohnungsuchen, haben aber immer noch nicht das Passende gefunden. — Moritz hat gestern Eure Einreise eingereicht. Sobald mir jetzt der Vertrag zugeschickt wird, geht er sofort an Euch ab. Wie lange das ganze jetzt dauert, weiß ich natürlich nicht. Hier geht alles nicht so schnell. — Kauft Ihr Damen Euch nur helle Schuhe. Am schönsten sind hier Leinenschuhe in beige, sie sind doch so billig und praktisch, auch weiße, möglichst in Leder. — Wenn Du noch etwas für Helmut machen läßt: hier tragen die Jungen meistens nur lange Hosen, von klein auf; es sieht sehr nett aus, besonders die weißen Leinenanzüge mit langen Hosen sind ganz reizend. Auch Walter soll möglichst lange Hosen bringen. — Man kann hier alles tragen, es guckt niemand nach einem. Verwendet nur alles Alte für die Kinder und auch für Euch, denn die Wäsche geht durch die Höhensonne hier schneller kaputt. Es tut mir alles leid, was ich an alter Wäsche an fremde Leute verschenkt habe, denn man kann alles gebrauchen. Ich habe noch nicht einmal einen Abwaschlumpen, wenn mein Lift kommt. — Auch tut es mir sehr leid, daß ich meine Waschwannen nicht mitgenommen habe; ich hätte Moritz nicht folgen dürfen. Jenni hat ihre restlos mitgenommen. Nehmt nur alles derartige mit, Sofie, auch Deine Kochtöpfe; brauchst aber nicht alles dazu anzuschaffen; was Dir fehlt, ersetzt die Herkules. Aber was man schon hat, kann man doch mitnehmen. Auf den Herden hier kocht es sich ganz schön, obgleich es mit Holzkohlen ist. Aber elektrischen Herd braucht man doch dabei. Seht zu, daß Ihr einen gebrauchten Eisschrank bekommt; Ihr seid doch in der Stadt und könnt Euch doch danach umsehen. Auch würde ich Euch empfehlen eine Waschmaschine mitzubringen; auch diese kann gebraucht sein. Die Mädchen hier waschen alle mit der Hand, auf einem Stein wird gerieben, und darunter leidet die Wäsche sehr. Auch würde ich Euch raten, Eure Sommerkleider im Ausverkauf anzuschaffen. Für Walter braucht Ihr keinen dicken Mantel, vielleicht einen Uebergangsmantel. Ich habe Euch ja schon geschrieben, daß man keine schweren Sachen braucht, aber immerhin kann man etwas Wollenes gebrauchen. An Tischwäsche darfst Du Dir noch etwas kaufen. Laßt um Gotteswillen keine Möbel drüben aufarbeiten. Erstens käme alles sehr verstoßen an, und zweitens ist das hier viel billiger. Bekannte haben es hier gerade noch einmal machen lassen. Die Wohnungen sind hier nicht so billig, wie sie uns geschrieben haben; Ihr könnt Euch sicher nicht mehr als 3 Zimmer leisten. Unsere Möbel sind heute ein Ballast und ein großer Kostenaufwand bezüglich der Wohnung. Ich wollte, ich hätte vieles nicht mitgenommen und vor allem das Geld nicht ausgegeben. — Küchenschrank kannst Du nicht mehr als einen gebrauchen, und diesen kann man in den meisten Wohnungen nicht unterbringen. Die Küchen sind derartig klein, — davon macht Ihr Euch keinen Begriff. Es ist schade um das Geld, das ich für das Aufarbeiten ausgegeben habe. Nimm nur Deinen Schrank mit, wie er ist; die Küche ist keine wichtige Angelegenheit hier. — Bringe mir doch bitte ein braunes Röckchen mit, in Wolle, nicht zu schwer. — Du mußt Deine Pelzjacke nicht unbedingt mitbringen, höchstens als Jäckchen verarbeitet, denn ich glaube nicht, daß man es hier viel braucht. — Lieber Moritz, Du willst etwas mehr über unseren Betrieb wissen. Exportieren tun wir nicht, wie Du meinst, so groß sind wir nicht. Es wird alles auf dem Land und auch in der Stadt Mexiko verkauft. Wir sind mit B. auf ein Jahr vertraglich gebunden, und er hat fast den Alleinverkauf. Es muß noch sehr vieles in dem Betrieb geändert werden, das findet sich erst nach und nach. Auch sind wir mit dem Lager sehr übervorteilt worden, so daß wir, bis dies aufgearbeitet ist, froh sind, wenn wir einigermaßen herauskommen. Im ersten halben Jahr ist an Verdienen nicht zu denken. Sehr gern höre ich, daß Ihr so fleißig spanisch lernt. Soviel kann man gar nicht lernen, wie man unbedingt braucht. Wenn Moritz perfekt spanisch sprechen und schreiben kann, wäre es nicht ausgeschlossen, als deutscher Korrespondent anzukommen. Es werden immer solche Leute gesucht, die in Deutsch, aber auch in Spanisch perfekt sind. Nun komme ich zu Deinen Vertretungen: Sieh vor allem, daß Du gute Häuser findest. Die Feuerzeuge kannst Du ruhig mitbringen, und laß Dir vor allem Deinen Vertreter-Vertrag dort unterschreiben. Ich werde Dir denselben, sobald ich einen hier in Händen habe, zuschicken. Parfümerien und Toiletteartikel kannst Du mitbringen; dann soll Wachstuch und Autoleder gut sein. Außerdem wäre eine gute Fahrradvertretung sehr gut. Von Opel ist bereits ein Vertreter hier, aber trotz alledem darfst Du eine Vertretung von dort nehmen. Wenn Du aber eine andere konkurrenzfähige und billige Firma bekommen kannst, ist es desto besser. Solinger Stahl ist auch gut, ebenso Uhrenvertretungen." Die in dem vorstehenden Brief als vielleicht lohnende Einfuhr-Vertretungen genannten Artikel werden auch von der Deutsch-Südamerikanischen Bank für aussichtsreich gehalten; diese nennt ganz allgemein folgende Waren als erfolgversprechende Einfuhr-Gegenstände aus Deutschland: Eisen- und Stahl-Röhren und -Bleche, Maschinen, Leder, Papier, Drogen, Chemikalien, Pharmazeutika, chirurgische Artikel, Uhren, leichte Motorräder, Fahrräder und Zubehör, Farben und Lacke, Kunstseide in Strängen und Stoffen, Parfüme. Fühlt sich die Familie, von der die obenstehenden Briefe stammen, in Mexiko so wohl, daß sie immer weitere Angehörige nachkommen läßt, so ist der Schreiber des folgenden Briefes einer jener Auswanderer, denen es überaus schwer fällt, Wurzel zu fassen, und die auch in Mexiko selbst kein rechtes Verhältnis zu Land und Volk gewinnen können. Aus einem Brief aus Mexiko-City vom 29. Juni 1937: „Um einen positiven Rat zu erteilen, bin ich die letzte Person, die dazu Eignung hat. Ueber 3ty2 Jahre in Amerika, meist in den Vereinigten Staaten, einige Zeit in Kanada, ein Jahr in Mexiko, hatte ich nirgends den Erfolg, Einwanderungspapiere zu erlangen. Mein hiesiger Arbeitsschein als hedingungsweiser Einwanderer läuft im August ab und kann evtl. mühevoll verlängert werden. Ich will davon keinen Gebrauch machen, da ich einen großen Abscheu vor Mexiko hege. Dieser Abscheu ist durchaus instinktiv und steht im Gegensatz zu meiner fast einschränkungslosen Bewunderung der Vereinigten Staaten. Schon Eurer Kinder zuliebe sind die Vereinigten Staaten anratenswerter, da nur dieses Land eine neue Heimat für die Nachkommen werden kann. Man kann Amerikaner, aber nie Mexikaner werden. Immer bleibt man ein Fremder in Mexiko, von Behörden und Volk so angesehen, auch Kinder, die schon hier geboren sind. Nun zu Mexiko selbst, dem eure Anfrage gilt. Das Klima des hiesigen Hochtals von Mexiko ist vorzüglich, das Land ist schön und romantisch, und mit einigem Glück, und wenn man das Richtige anfaßt, kann man hier leichter zu gutem Verdienst kommen als in den Staaten. Zum Beispiel ist der Import der verschiedensten Warengattungen aus Deutschland eine vorzügliche Brücke zum Verdienst. Wenn ihr euch schon mit einigen guten Vertretungen aus Deutschland verseht, so ist der Boden einigermaßen geebnet. Wenn die Zeit nicht so vorgerückt wäre, da ich Ende August fort will, würde ich euch gerne hier im Lampengeschäft zur Hand gehen, obwohl ich mein Lampengeschäft bereits wieder in die Hände der Fabrik zurückgegeben habe und den Verkauf, wie im Beginn, ohne Detailgeschäft durch Kundenbesuch durchführe. Das Wie des Hereinkommens ist natürlich die erste Frage, und da kann ich fast gar nichts darüber sagen .. . Mein ausgeprägter Abscheu gegen Mexiko, wegen seiner Kulturlosigkeit (was die Gegenwart betrifft), der Falschheit und Unzuverlässigkeit der Bevölkerung wird durchaus nicht von allen Deutschen geteilt. Ich kenne einen aus Mainz, der seine „ersten Bürgerpapiere" der Vereinigten Staaten besitzt, also zurückkehren kann und in 5 Jahren endgültig eingebürgert würde, es jedoch vorzieht in Mexiko zu leben." fVlöv€t>, die $U> suchet* Seit fast 40 Jahren bestens empfohlen in reicher Auswahl preiswert MORITZ HIRSCHOWITZ Auch nach Zeichnung und für Übersee BERLIN SO, S K A LI TZE R STR. 2 5 73