Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1937. Bestand LBI
- Issue
- Herbst 1937
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 72 (sequence 78)
- Language
- German
- Belongs to
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sonst erteilt. Es bestehen 8 Universitäten in Mexiko, deren bedeutendste die Nationaluniversität in Mexiko-City ist; an ihr studieren 7000 bis 8000 Studenten. Mexiko ist, wie alle latein-amerikanischen Staaten, fast rein katholisch. Die Regierungen der letzten Jahrzehnte standen aber in scharfem Kampf mit der Kirche. Der Einfluß der Kirche ist trotzdem in den unteren Volksschichten auch heute noch ungeheuer groß. Die Regierung Cardenas scheint der Kirche etwas mehr Toleranz entgegenzubringen als ihre Vorgänger. Die Anzahl der Juden in Mexiko wird von der Hicem auf Grund einer offiziellen Statistik auf über 7000 angegeben, dürfte aber tatsächlich beträchtlich höher sein (etwa 20 000). Die aschkenasische Gemeinde in Mexiko-City unterhält 12 Organisationen zu gottesdienstlichen, wohltätigen und gesellschaftlichen Zwecken, mit denen die sephardischen Juden, die einige Jahre früher eingewandert sind als die aschkenasischen, ohne Fühlung sind. Von der aschkenasischen Gemeinde wird auch eine moderne jüdische Schule in Mexiko-City unterhalten, die unter Regierungsaufsicht steht und Regierungssubventionen erhält. Der Unterricht findet in Spanisch und Jiddisch statt. Religionsunterricht wird auf dieser Schule nicht erteilt, da die mexikanische Regierung die religiöse Erziehung offiziell verbietet. Diese antireligiöse Haltung der mexikanischen Regierung ist auch in anderer Beziehung ein Hindernis der gedeihlichen Entwicklung der dortigen jüdischen Gemeinden. Eine weitere Organisation der jüdischen Gemeinschaft in Mexiko ist die sogenannte „Jüdische Handelskammer", die sich aus angesehenen Geschäftsleuten und Industriellen zusammensetzt, und der auch die Betreuung der hilfsbedürftigen Einwanderer obliegt. Sie ist von der Regierung anerkannt. Die Juden sind nur zum geringsten Teil Lohnarbeiter. Sie sind fast ausschließlich Inhaber eigener Geschäfte oder Geschäftsreisende; zum Teil haben die dortigen Juden Kleinindustrien begründet, in denen sie Artikel für den Massengebrauch herstellen. Damit erfüllen die Juden in Mexiko eine wichtige Mission, da, wie erwähnt, in kaum einem anderen Lande die Spannungen und Gegensätze zwischen der kleinen, sehr reichen Oberschicht und den außerordentlich armen Lohn- und Landarbeitern so groß sind wie hier und die Juden das vermittelnde Element des Mittelstandes repräsentieren. V. Lebenshaltung und Lebenshaltungskosten Das Leben in Mexiko ist, wenn man Vergleiche zu anderen valutastarken Ländern zieht, außerordentlich billig, doch ist zu bedenken, daß die Einkommen außerordentlich gering sind. Mexikanische Arbeiter verdienen teilweise nur 10 bis 15 USA.-Cents pro Tag. In der Provinz variieren die Durchschnittslöhne zwischen 1,50 und 3,50 Pesos pro Tag, also zwischen 32 und 98 USA.-Cents. In den Städten schwanken die Durchschnittsgehälter zwischen 2 und 5 Pesos, d. h. zwischen 1/2 und l1/« USA.- Dollar pro Tag. Die relativ höchsten Löhne werden in der Petroleumindustrie gezahlt. — Eine Statistik des mexikanischen Wirtschaftsministeriums vom April 1935, die erst jetzt veröffentlicht wurde, vergleicht den Tagelohn-Durchschnitt der einzelnen Arbeiterkategorien in der Petroleumindustrie mit dem der übrigen wichtigsten Industrien: Tagelohn-Durchschnitt Allg. Industrien Petroleum-Ind. mex. $ mex. 8 Maurer 1,89 5,20 Tischler 2,05 4,— Chauffeure 2,26 4,80 Elektrotechniker 2,74 6,— Steuer 2,05 3 — Schmiedearbeiter 1,98 7,25 Andere Industrien 1,13 3,— Nach Angaben des Deutschen Auslandsinstitutes verdienen kaufmännische Angestellte 150 bis 300 Pesos im Monat, ein Handwerker etwa die gleiche Summe, während Ingenieure und leitende Kaufleute 400 bis 800 Pesos verdienen. Andererseits berichtet die gleiche Quelle über die Lebenshaltungskosten folgendes: Ein lediger junger Mann braucht etwa 150 bis 250 Pesos im Monat zur Bestreitung seines Bedarfs, eine vierköpfige Familie 400 bis 600 Pesos. Für ein möbliertes Zimmer sind 35 bis 50 Pesos monatlich anzusetzen, für ein Zimmer mit Pension 120 bis 200 Pesos. Es ist aber bei den vorstehenden Angaben zu beachten, daß das Deutsche Auslandsinstitut im allgemeinen sowohl die Verdienste wie die Lebenshaltungskosten recht hoch ansetzt — höher jedenfalls, als sie der jüdische Einwanderer heute beanspruchen, bzw. in Rechnung stellen darf. VI. Briefe aus Mexiko Da bisher nur wenige Juden aus Deutschland nach Mexiko ausgewandert sind, ist auch das vorliegende Briefmaterial noch spärlich. Doch enthalten die nachstehenden Auszüge, die alle von einer dort eben erst eingewanderten Familie an ihre noch in Deutschland befindlichen Verwandten gerichtet wurden, viele praktisch nützliche Winke. „Mexiko-City, den 30. Juni 1936 Bei uns geht es gottlob recht gut. Wir sind gesund, und auch Jenni ist jetzt wieder in Ordnung. Ich war bis jetzt die tapferste und habe mich immer wohlgcfühlt und schlafe auch besser. Wir sind jetzt tüchtig beim Wohnungsuchen, da unser Lift in Aussicht steht; unsere Maschinen sind bereits gestern angekommen. Im Geschäft haben wir laufend Aufträge; jedoch müssen im ersten Jahre noch laufend Aenderungen vorgenommen werden. Auch muß der Umsatz bei dieser Arbeiterzahl um mindestens 30 °/o gesteigert werden. Das muß sich alles nach und nach erst ergeben. Wir suchen eine gemeinschaftliche Wohnung, vielmehr ein Haus mit zwei kompletten Wohnungen. Das ist sehr schwer hier zu finden, da man meistens kleine Einfamilienhäuser hat, die ja ganz reizend sind, aber für unsere großen Möbel viel zu klein. Wenn wir halb so große Möbel hätten, wäre es für hiesige Verhältnisse gerade recht. Die Witterung ist momentan ganz wunderbar, wie bei uns im Frühjahr. Es ist die Regenzeit, und man kann jeden Nachmittag mit Bestimmtheit mit einem gehörigen Guß rechnen. — Mexiko ist eine sehr schöne Stadt; es sind aber auch noch sehr viele ganz alte Stadtteile da. An hiesige Sitten und Gebräuche muß man sich erst gewöhnen. Man kann ja in seinem Hause leben, wie man will. Die Lebensweise finde ich hier billiger. Ganz besonders das Fleisch kostet ohne Knochen das Pfund 50 Pfennig. Auch Gemüse ist sehr billig. Dagegen sind europäische Lebensmittel, wie Fischmarinaden, sehr teuer wie alles, was eben derart eingeführt werden muß. Auch Stoffe und Schuhe sind hier sehr teuer; aber vorläufig ist ja unser Bedarf gedeckt. Wir wollen uns jetzt eingehend erkundigen, was Moritz an Vertretungen mitbringen kann. Es ist hier als Vertreter nicht leicht, aber ich hoffe doch, daß wir für Walter auch etwas finden. Es sind sehr viele deutsche Geschäfte hier, wo deutsche junge Leute angestellt sind. Man kann sich damit nicht so überstürzen; erst muß man mal etwas mehr Leute kennen, um dann zu sondieren. — Obwohl wir ein Mädchen haben, sind wir immer vollauf beschäftigt. Da wirst Du wohl lachen, aber die Entfernungen sind hier so groß, bis man erst alles zu Hause hat. Außerdem gibt es immer mal Besuch. So JOSEPH Berlin-Schöneberg Hauptstraße 1, Ecke Grunewaldsir. Das Haus der guten Herrenu. Knabenkleidung 72