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Jüdische Auswanderung · 1937-01-01 · Herbst 1937 · p. Seite 65

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Auswanderung
Volume
1937. Bestand LBI
Issue
Herbst 1937
Date
1937-01-01
Page
Seite 65 (sequence 71)
Language
German
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betrifft. In allem kann man eben immer wieder spüren, daß das Land noch recht jung und in vielen Beziehungen auszubauen ist. Als ich vor nunmehr drei Jahren als einer der ersten jüdischen?:inwanderer seit März 1933 hier ankam, fand ich überall eine freundliche Aufnahme und konnte mich in Dunedin rasch eingewöhnen. Durch meine frühere Tätigkeit in meiner Heimatstadt München fand ich rasch den Anschluß an die hiesigen Universitätskreise, mit deren medical school ich noch jetzt verbunden bin. Leicht war mir das Eingewöhnen auch dadurch, daß das Landschaftsbild in und um Dunedin an meine Heimat mich erinnert und die hier lebenden Menschen — meistens Schotten — ein „homely people" (ein schlichtes Volk) sind. Dunedin liegt äußerst hübsch an einer tief ins Land gehenden Meeresbucht und erinnert stark an die Lage von Zürich mit seinen an den Ufern des Zürich-Sees sich hinziehenden Vororten. Allerdings hat Dunedin einen Nachteil gegenüber der Inlandsstadt Zürich: die rauhen Winde, die vom Südpol kommen, dessen Landmasse ja nur durch Wasser von Neu-Seeland getrennt ist, bringen kalte Regenschauer, die zusammen mit der durch das Meer bedingten Luftfeuchtigkeit eine Atmosphäre schaffen, die für rheumatische Erkrankungen günstig ist. Nicht nur hier auf der Südinsel, sondern auf der teilweise subtropischen Nordinsel haben die Leute darunter zu leiden. Die Straßen Dunedins muten europäisch an, es gibt hier Straßenbahnen, Autos, Asphaltstraßen, moderne Läden und Hochhäuser. Die Wohnverhältnisse können nicht einheitlich beurteilt werden. Wer das Glück hat, in einem modernen Eigenheim zu wohnen, findet dort alle Bequemlichkeiten, die er von Europa her gewöhnt ist, schöne, helle Räume, gute Tapeten, elektrischen Kochherd, hübsche Gärten und ähnliches mehr. Aber diese Häuser sind selten, und Bauen kostet hier viel Geld, da die Arbeitslöhne hoch sind und sehr viel Material importiert werden muß. Die älteren Häuser lassen viele Bequemlichkeiten vermissen und geben gar oft den kalten Winden ungehinderten Zutritt durch schlecht schließende Fenster und Türen. Viele Häuser auf der Nordinsel sind aus Holz gebaut, die Erdbebengefahr ist der Grund dafür. Wer in einem boarding-house zu wohnen gezwungen ist, muß erst lernen, dieser Art des Lebens einen Geschmack abzugewinnen. Die besondere Schwierigkeit fast aller Häuser ist das Heizungssystem, das uns von Deutschland Kommenden durch das offene Kaminfeuer so ungewohnt ist. Selten wird dabei das ganze Haus warm, oft empfindet man nur in nächster Nähe des Feuers eine erträgliche Wärme. Und wie nötig wäre oft eine behagliche Wärme, vor allem wenn der „liebe Südwind" bläst! Der folgende Brief stammt von einem 1935 eingewanderten, früher kaufmännisch tätigen Juden aus Deutschland, der sich als Farmer in Neu-Seeland glücklich fühlt. Riverhead b. Auckland, Anfang 1937 Unsere Beschäftigung ist recht abwechslungsreich. Früh und abends Melken der Kühe. In der Zwischenzeit sind die Zäune der einzelnen Koppeln für die Kühe in Ordnung zu halten. Zweimal im Jahre alle Kuhweiden mit künstlichem Dünger zu bestreuen. Ich habe z. Zt. zirka 50 acres (das sind 80 deutsche Morgen) Grasfläche, und diese mit der Hand zu düngen, erfordert schon eine gute Spanne Zeit, zumal nur mein Sohn und ich zur Verfügung stehen. Fremde Hilfskräfte sind hier sehr teuer und müssen wir uns, bis wir die Farm auf die gewünschte Höhe gebracht haben, allein behelfen. Weiter muß die Grasfläche jeden Monat geeggt werden, damit der Kuhdung gut verteilt bleibt. Des weiteren gibt es viele kleine Arbeiten, wie Fütterung der Kälber, Schweine und des Geflügels, Beaufsichtigung der Kühe und des Bullen, zur gegebenen Zeit auf das Kalben der Kühe achten, zur rechten Zeit die Kühe auftrocknen usw. Eine weitere sehr wichtige Arbeit besteht darin, die noch vorhandenen 100 Morgen Grasland urbar zu machen. Hier stehen großer, sehr dicht bewachsener buschartiger Gorse (Stechginster) und Brombeeren, deren Ausrodung große Ausdauer und Kraft beansprucht. Ich denke, jedes Jahr nebenbei 20 Morgen freizulegen und dafür 2—3 Koppel in Gras zu legen, so daß ich dann stets 10 neue Kühe anschaffen kann, bis die Höchstzahl von 100 Stück erreicht ist. Dann will ich noch einige hundert Schafe anschaffen, welche das von den Kühen verschmähte Futter verzehren sollen. All diese Arbeit ist recht gesund und kann ich behaupten, daß wir uns jetzt körperlich bedeutend wohler fühlen, als bisher im Geschäftsleben. Wir haben das Farmerleben lieben gelernt und würden wir nicht mehr eine Existenz wie früher haben wollen. Wir sind glücklich, daß wir mit unseren wenigen Tonnen Butter beteiligt sind, den Weltmarkt zu beliefern, und hoffe ich, daß in wenigen Jahren unsere Produktion verdoppelt werden kann. Erwähnen möchte ich noch, daß Auckland eine sehr schöne und große Synagoge hat, mit einem sehr erbaulichen Gottesdienst, der vom Rabbiner Alexander Astor vorzüglich geleitet und ausgebaut ist. Bei unserem ersten Besuch in der Synagoge waren wir zu Tränen gerührt, ob der Liebe und Güte aller Anwesenden, die uns zuteil wurde. Derselbe Einwanderer berichtet auch, daß er in gesellschaftlicher Hinsicht keinerlei Schwierigkeiten gefunden habe und sowohl mit der Landesbevölkerung wie mit seinen jüdischen Schicksalsgenossen aus Deutschland Verkehr pflege. Diese Leichtigkeit des gesellschaftlichen Anschlusses heben auch andere Einwanderer rühmend hervor. Die nachstehenden Zeilen stammen von einem Einwanderer, der sich in einem kaufmännischen Beruf durchgesetzt hat. Wellington, den 20. Juli 1936 Mir und meiner Familie geht es in unserer neuen Heimat gut. Als Vertreter, nur auf Provisionsbasis zu arbeiten ist hier ausgeschlossen, da die Reisespesen verhältnismäßig sehr hoch sind und die Provision aufzehren würden. Als unabhängiger Agent und Importeur auf eigene Rechnung zu arbeiten, ist nur möglich, wenn größeres Kapital verfügbar ist. Hauptsache ist, daß man vor allen Dingen die richtigen Artikel bringen kann, für welche der Markt hier aufnahmefähig ist. Zudem ist die Konkurrenz außerordentlich stark, und es wird sehr viel direkt über London gekauft. Für deutsche Waren ist immerhin ein guter Markt vorhanden. Eine Anstellung als Jude aus Deutschland zu finden, sei es als Vertreter oder kaufmännischer Angestellter, ist hier ausgeschlossen. Gewisse Aussicht auf Unterkommen haben Farmer und Handwerker. Erstgenannte Gruppe: Als Arbeiter einer Farm bei äußerst bescheidenen Ansprüchen und Bedürfnissen, doch werden auch da Arbeiter aus dem Mutterland England bevorzugt. Als selbständiger Farmer hierherzukommen, ist nur ratsam, wenn genügend Kapital vorhanden ist, um eine Farm auch auf eigene Rechnung übernehmen zu können. Zweite Gruppe: Handwerker. An wirklich tüchtigen Spezialarbeitern besteht hier ein Mangel. Aussicht besteht sicher für Bauhandwerker, Möbelschreiner, technische Berufe. Außerdem für Zuschneider, Herren- und Damenkonfektion, und für Herren- und Damenwäsche. Ferner für Schneiderinnen, Modistinnen, Damenhutnäherinnen. Aber auch tüchtige kontinentale Kräfte in diesen letzten Berufen der Konfektion (Wäsche und Hüte) müßten sich umstellen. In all diesen Berufen wird nur mit den neuesten elektrischen Maschinen gearbeitet, und es wird, besonders was das Arbeitstempo betrifft, außerordentlich viel verlangt. Die ganze Arbeitsweise ist auf dieses Tempo eingestellt, welches man besonders in Deutschland nicht gewöhnt ist. \> *VlV , „,.-\tt*VÜ*fc«^ I»»*«SS%^ J| tfs^SÄ-^sr 21 Ilk^A a.*.- °«»„t K' UMAcH t^ssÄ^-p,,ls" AM BERLINER RÄTHAUS-WOLLE TRIKOTAGEN STRÜMPFE q^6 und na"M 65

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