Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1937. Bestand LBI
- Issue
- Herbst 1937
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 64 (sequence 70)
- Language
- German
- Belongs to
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dürfte, so daß er hier nicht, wie etwa in Säo Paulo oder Johannesburg, wenigstens in der ersten Zeit, genügend Verkehr mit Schicksalsgenossen findet. Im einzelnen ist über die Berufsaussichten auf Grund des uns vorliegenden Materials folgendes zu sagen: 1. Für Akademiker ergeben sich in Neu-Seeland nur geringe Möglichkeiten. Insbesondere ist die Niederlassung von A e r z t e n jetzt — nachdem einige zugelassen worden sind — an schwere Bedingungen geknüpft; es ist entweder ein anerkanntes britisches Aerztediplom oder ein dreijähriges Nachstudium in Neu-Seeland (Universität Dunedin) oder Australien notwendig. Im übrigen gilt der Stand der Medizin in Neu-Seeland als up to date, und für viele Aerzte dürfte auch — abgesehen von der Frage der Zulassung — rein wirtschaftlich nicht mehr Raum sein. Für eingewanderte Zahn ärzte ergaben sich zeitweilig gewisse Möglichkeiten, d. h. einige Juden aus Deutschland wurden zugelassen und konnten eine Praxis begründen. Zur Zeit ist aber ein Zahnärzte-Amt in der Gründung begriffen, das wahrscheinlich bald die Niederlassung von Einwanderern erschweren wird. Hiervon abgesehen dürften aber auch die wirtschaftlichen Aussichten gering sein. 2. Für industrielle Unternehmer sind zweifellos gewisse Chancen vorhanden, da, wie früher erörtert, die Industrialisierung des Landes im Zuge der Entwicklung liegt. Doch muß auf das genaueste geprüft werden, ob die Enge des Marktes, die Schärfe der Konkurrenz durch eingeführte Produkte, vor allem aber die sehr hohen Löhne, Steuern und Generalunkosten samt der Belastung durch die 40-Stunden-Woche usw. die Rentabilität des Betriebes nicht allzu sehr in Frage stellen. Endlich ist nicht zu vergessen, daß die Errichtung neuer Betriebe in vielen Branchen von einer Regierungslizenz abhängig ist, die nicht ohne weiteres gewährt wird. Sind all diese Fragen geprüft, so dürfte Kapital für aussichtsreiche neue Gründungen in einem so reichen Land gefunden werden können, vorausgesetzt, daß der Unternehmer wirklich ein erstklassiger Fachmann ist. 3. Kaufleute haben im allgemeinen in Neu-Seeland sehr wenig Chancen; der Verteilungsapparat — Grossist, Importeur, Agent, Reisender, Detaillist, zahlreiche Kaufhäuser und Einheitspreisgeschäfte — ist durchaus genügend organisiert und besetzt; und es muß dringend davor gewarnt werden, als kaufmännischer Angestellter ohne festes Angebot von Freunden oder Verwandten ins Land zu kommen Daß perfekte Beherrschung des Englischen und Branchekenntnisse unumgängliche Voraussetzungen jeder Anstellungsmöglichkeit sind, braucht nicht besonders betont zu werden; für „all-round"-Kaufleute dürfte überhaupt kein Platz sein. 4. Landwirte haben im allgemeinen verhältnismäßig günstige Chancen, und zwar gilt dies sowohl für selbständige Landwirte mit etwas Kapital, wie für landwirtschaftliche Arbeitskräfte. Doch ist bei den ersteren sehr auf das früher über die Ueberwertung der Güter Gesagte zu achten; es liegt auf der Hand, daß überbezahlte Güter nachher nicht rentabel sein können. Im übrigen erfordert selbstverständlich die Umstellung von einem landwirtschaftlichen Betriebe in Europa auf die sehr anders gearteten Verhältnisse in Neu-Seeland ein erhebliches Anpassungsvermögen. Was die landwirtschaftlichen Arbeitskräfte angeht, so sind besonders geübte Melker sehr gesucht; der Wochenlohn beträgt hier 3 bis 6 £. Infolge des oben erwähnten Zuges zur Stadt in Neu-Seeland herrscht überhaupt ein Mangel an landwirtschaftlichen Kräften aller Art. 5. Ausgesprochen gute Aussichten haben weibliche Hausangestellte, an denen ständiger Bedarf vorliegt; die Entlohnung beträgt etwa 1 £ die Woche bei freier Station. 6. Relativ günstig sind auch die Aussichten für die meisten Arten von gelernten Handwerkern und Facharbeitern; besonders günstig liegen die Verhältnisse für Techniker, Mechaniker, Bauhandwerker, Schreiner, Maurer, aber auch Fleischer usw. Doch ist nicht zu vergessen, daß auch hier jedesmal vorherige Anfrage geboten ist. Nach Angaben des Deutschen Auslands-Instituts in Stuttgart betragen die Arbeiterlöhne etwa £ 10 bis 15 im Monat; Handwerker verdienen durchschnittlich £ 12 bis 20 monatlich. Die Gehälter von kaufmännischen Angestellten schwanken zwischen £ 10 und 20. Im allgemeinen ist Neu-Seeland nur geeignet für Menschen mit naturnaher bescheidener Lebenseinstellung, nicht für überfeinerte Großstadtmenschen mit hohen Ansprüchen. Die Lebenshaltungskosten müssen in Neu-Seeland als hoch bezeichnet werden, was sich aus den hohen Löhnen, den Steuern und den durch hohe Frachten verteuerten Importwaren erklärt. Obwohl Neu-Seeland wirklich von „Milch und Honig fließt", sind selbst Lebensmittel durchaus nicht billig, ja Butter und Käse sind in Neu-Seeland nicht billiger als in London. Die Wohnungen sind in den beiden Hauptstädten Neu-Seelands knapp und teuer, aber das Leben in den kleinen Bungalows oder Eigenheimen ist sehr angenehm, sofern man sich an gewisse Eigenheiten gewöhnt, zum Beispiel an die offenen Kaminfeuer, die fast überall vorherrschen. (Die wenigsten Häuser haben Zentralheizung oder auch nur Oefen, wie wir sie gewöhnt sind.) Das Kochen geschieht in der Stadt im allgemeinen auf Gasherden, manchmal sind auch elektrische Herde vorhanden. Wegen der schon erwähnten hohen Preise für importierte Industriewaren wird den Einwanderern dringend empfohlen, alle Küchengeräte, Haushaltungsgegenstände usw., sowie Eßgeräte, Trinkgefäße, Wannen usw. mitzubringen. Elektrische Stromverhältnisse: Vorwiegend 230 Volt Wechselstarom und 110 Volt Gleichstrom. Nach Auskunft des obengenannten Deutschen Auslandsinstituts braucht ein lediger junger Mann monatlich £ 10 bis 15 bei bescheidener Lebenshaltung. Für ein möbliertes Zimmer ohne Pension sind £ 2 bis 3, mit Pension £ 6 bis 10 zu zahlen. Eine Familie mit 4 Köpfen soll mit £ 16 bis 25 monatlich auskommen können. VII. Briefe aus Neu-Seeland Wir geben zuerst einen Brief wieder, der das Land selbst, die Wohnverhältnisse u. dgl. schildert. Dunedin, Anfang 1937 Fast alle Landschaften Europas finden sich hier auf einem verhältnismäßig kleinen Raum vereint, wenn auch immerhin Neu-Seeland die Größe Englands, Schottlands und eines Teiles von Irland hat: die rauhe Küste von Süd-Wales, die harte Schönheit der norwegischen Fjorde, die milde deutsche Mittelgebirgslandschaft, das ansprechende Vorgebirge Bayerns mit seinen Seen, die grandiose Pracht der Schweizer Alpen, die blauhimmelige Küstenlandschaft Süditaliens, alles das kann man auf einer Reise vom Nordkap, dem nördlichsten Punkt Neu-Seelands, bis Stewart Island, dem südlichsten Punkt des langgestreckten Landes, entdecken. Allerdings ist das Reisen nicht so bequem wie in Europa. Wohl gibt es Flugzeuge, Bahnen und Autos, aber die Zahl der Flugzeugverbindungen ist noch spärlich, die Bahnen sind kurvenreiche Schmalspurbahnen, die mich an eine Fahrt durch den südslawischen Karst erinnern, und die Autostraßen sind wohl auf den Hauptwegen gut, auf den Nebenstraßen aber noch recht ausbaubedürftig. Die Hotelverhältnisse sind zum großen Teil recht primitiv, nicht nur was das Wohnen, sondern auch was das Essen E. GOLDSCHMIDT HOF-JUWELIER KÖLN, DOMKLOSTER 1 GEGENÜBER DEM DOM TELEPHON: 223944/45 64