Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1937. Bestand LBI
- Issue
- Herbst 1937
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 63 (sequence 69)
- Language
- German
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Für besonders begabte Schüler besteht freilich durch die zahlreichen Freistellen (scholarships) doch die Möglichkeit des Aufstiegs. Im Jahre 1935 war das Mittelschulwesen dadurch gekennzeichnet, daß 44 Mittelschulen (Secondary Schools) mit über 700 Lehrern und etwa 1500 Schülern vorhanden waren. Es kamen hinzu zahlreiche Bezirkshochschulen (District High Schools), ferner 21 technische Schulen und andere Spezialanstalten. Die Krönung dieses Erziehungssystems bildet die „Universität von Neu-Seelan d", die aus der Otago-University in Dunedin mit 24 Professoren, ferner aus dem Canterbury-University College in Christchurch mit 13 Professoren, dem Auckland-Üniversity College und dem Victoria-University College in Wellington besteht. Diese vier Teile der neuseeländischen Gesamtuniversität zählten zusammen 1935 etwa 4800 Studenten. Das Canterbury Agricultural College und das Massey Agricultural College in Palmerston North sind anerkannte landwirtschaftliche Hochschulen. Die Universität Otago besitzt eine besondere Bergakademie. Wenn man nach alledem auch sagen kann, daß der durchschnittliche B i 1 d u n g s s t a n d in Neuseeland hoch und Analphabetentum so gut wie unbekannt ist, so läßt sich doch eine gewisse Enge der Verhältnisse auch im geistigen Leben nicht leugnen. Dies zeigt sich nicht nur darin, daß etwa verwöhnte Ansprüche bezüglich guter Theateraufführungen, Konzerte usw. in Neu-Seeland unbefriedigt bleiben, sondern es ist ebenso bezeichnend, daß Neu-Seeland gerade für seine begabtesten Söhne vielfach nicht genug Raum bietet, so daß jener „export o f b r a i n s" stattfindet, der in der Abwanderung geistig besonders hochstehender Männer ins Mutterland besteht. Immer wieder zeigt es sich, daß diese Neuseeländer in London schnell vorwärts kommen, ja oft führende Stellungen erlangen, während in der Heimat die Namen der draußen berühmt gewordenen Neuseeländer mit einem wehmütigen Stolz genannt werden. Aus alledem geht deutlich hervor, daß Neu-Seeland für Angehörige der „Intelligenzberufe" nur in den seltensten Fällen als Einwanderungsland in Frage kommt. V. Jüdisches Leben Die Geschichte der Juden Neu-Seelands reicht erst wenige Jahrzehnte zurück. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts kamen die ersten jüdischen Familien nach Wellington, Dunedin und Christchurch, und 1862 wurde in Dunedin die erste Synagoge eingeweiht — die südlichste Synagoge der Welt. Die jüdische Gemeinschaft Neu-Seelands ist inzwischen — vgl. den Abschnitt „Bevölkerung" — auf über 2500 Seelen angewachsen. 92 <y0 der Juden leben in den Städten, drei Viertel aller Juden Neu-Seelands in den drei größten, Wellington, Auckland und Christchurch. Nur 7,6 °/o leben auf dem flachen Lande. Die größte jüdische Gemeinde befindet sich in Auckland; ihre Synagoge ist ein besonders schöner und würdiger Bau. Hier, wie in den anderen Großstädten, unterhält die jüdische Gemeinschaft wohltätige und gesellschaftliche Organisationen und Institutionen, die sich auch der Einwanderer in vorbildlicher Weise annehmen. Seit 1933 dürften etwa 100 Juden aus Deutschland eingewandert sein, die zum großen Teil mit Hilfe der in Neu- Seeland ansässigen Judenschaft in diesem Dominion Fuß fassen konnten und ihren Lebensunterhalt verdienen. Die neuseeländische Judenheit gehört fast durchweg einer sozial gehobenen Schicht an. Zahlreiche führende Männer des neuseeländischen Dominions stammen aus jüdischen Kreisen. Der Schöpfer der staatlichen Lebensversicherung, der ehemalige Premierminister Sir Julius Vogel, war Jude; der oberste Richter des Dominions, Sir Michael Myers, gehört der jüdischen Gemeinschaft an, und auch der Bürgermeister von Auckland ist Jude. Ungeachtet ihrer hervorragenden Beteiligung am öffentlichen Leben zeigen aber die Juden Neu-Seelands viel Zusammengehörigkeitsgefühl und Interesse an jüdischen Dingen. Eine jüdische Zeitung, die in Wellington erscheint, „The Jewish Times", ist das Sprachrohr der jüdischen Interessen. VI. Aussichten für Einwanderer und Lebenshaltungskosten Die Einwanderungsmöglichkeiten in Neu-Seeland sind in doppelter Weise beschränkt; einmal durch die Politik der Regierung, die schon früher vor allem auf die Hebung und den Schutz des Lebensstandards bedacht war und deshalb jede lohndrückende oder möglicherweise die Arbeitslosigkeit vergrößernde Einwanderung fernzuhalten strebte; diese Tendenz hat sich seit der Herrschaft der Arbeiterregierung, d. h. seit etwa IV2 Jahren, noch verschärft, so daß die Behörden nur von Fall zu Fall, wenn überhaupt, Einwanderungserlaubnis erteilen. Sodann aber bildet auch die geringe Bevölkerungszahl von IV2 Millionen eine Schranke gegen jede größere Einwanderung: der Markt ist klein, dementsprechend sind auch die Absatzmöglichkeiten, und jede Erweiterung des Wirtschaftslebens kann nur vorsichtig und allmählich vorgenommen werden. Wo gerade noch für einen Einwanderer in einem bestimmten Berufe eine gute Chance sein mag, ist schon der zweite zuviel. Gerade bei einer Einwanderung wie der jüdischen, die sich leider zum großen Teil auf bestimmte Berufe konzentriert, muß auf diese Schranke nachdrücklich hingewiesen werden. Diese Kleinheit und Enge der heutigen Verhältnisse in Neu-Seeland — die nicht im Widerspruch zu den großen, aber erst allmählich erschließbaren Möglichkeiten des Landes steht — gebietet vor allem die Beachtung zweier Regeln bei der Einwanderung. Erstens ist jeder Einwanderungsfall nach Neu-Seeland ganz individuell zu behandeln; auch die unten aufgeführten Angaben über die Chancen der einzelnen Berufe sind nur als ungefähre Anhaltspunkte zu verstehen; schon eine Einwanderung von wenigen Menschen kann die Unterkunftsmöglichkeiten in bestimmten Berufen erschöpft haben, so daß für Nachzug kein Platz mehr bleibt. Es liegt deshalb im dringendsten Interesse aller, die sich für eine Auswanderung nach Neu-Seeland interessieren, vorher über den Hilfsverein jeweils die nötigen Erkundigungen einzuziehen. — Zweitens ergibt sich aber aus den genannten Verhältnissen, daß gerade in einem Lande wie Neu-Seeland es auf das Verhalten des einzelnen unendlich viel ankommt. In Neu-Seeland bleibt kein Einwanderer lange unbekannt oder „eine bloße Nummer"; es stellt sich sehr schnell heraus und spricht sich herum, ob er „fair" ist oder nicht; ist er es, so wird er nicht nur von den einheimischen Juden, sondern auch von der christlichen Landesbevölkerung oft in rührender Weise gefördert; ist er es nicht, so kann er der gesamten Sache der jüdischen Einwanderung den schwersten Schaden zufügen. Diese Situation legt natürlich den jüdischen Organisationen, welche die Einwanderung nach Neu-Seeland zu betreuen haben, bestimmte Verpflichtungen auf. — Wenn man endlich noch einen allgemeinen Grundsatz aussprechen kann, so ist es der, daß in diesem Lande, das „britischer als Britannien" sein will, die Beherrschung des Englischen Voraussetzung für jeden beruflichen Erfolg und jeden gesellschaftlichen Anschluß darstellt. Der Einwanderer mache sich klar, daß die Zahl der bisher aus Deutschland eingewanderten Juden kaum 100 betragen A. H. DÜLKEN & Cie. PORZ AM RHEIN SÄGE-, HOBELWEBfiE PABKETTFABBIK Tel.: Sammel-Nr. Porz 2441, Fernverkehr Porz 2443, 2444 63