Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1937. Bestand LBI
- Issue
- Herbst 1937
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 62 (sequence 68)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/6492429-9991065-9587945--436-9588013- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Pläne für neue Anlagen auf, für Zwangs-Kartelle, Subventionen usw. Vor der Durchführung solcher Pläne werden freilich stets die Komitees der betreffenden Industriezweige zur Beratung herangezogen, und auch die Ausführung der angenommenen Pläne wird solchen Industrie-Ausschüssen übertragen. Der Minister hat das Recht, jeglichen Industrie-Betrieb von Erteilung, Verweigerung oder Entziehung einer Lizenz abhängig zu machen. Hiermit wird offensichtlich die Leitung der gesamten industriellen Entwicklung in die Hände der jeweiligen Regierung gelegt, die damit eine außerordentliche Verantwortung übernimmt. Doch ist man bisher über das Organisations-Stadium noch kaum hinausgekommen und wird erst in einiger Zeit erkennen können, wie sich das Unternehmertum, dem gleichzeitig verkürzte Arbeitszeit, beschränkte Kündigungsfreiheit, Schiedszwang, Mindestlöhne und nun auch noch die sehr starke Reglementierung durch den Staat aufoktroyiert worden sind, mit der neuen Sachlage abfindet. Sicherlich besteht Grund zur Vermutung, daß viele Experimente, die infolge der mehrfach erwähnten günstigen Preisgestaltung für die neuseeländischen Standardprodukte auf dem Weltmarkt heute erfolgreich beginnen, nach einem Umschwung der Weltmarkt-Tendenzen zu außerordentlichen Schwierigkeiten führen können. Doch muß man sich stets vor Augen halten, daß dieses von der Natur reich gesegnete und technisch hochentwickelte, dabei dünn bevölkerte Land weit mehr Experimente verträgt als andere, weniger glückliche Länder. IV. Soziales und kulturelles Leben Neu-Seeland zeichnet sich durch eine außerordentlich gleichmäßige Verteilung des Reichtums aus. Gewiß ist es darum noch kein „Land ohne Armut", wohl aber kann man sagen, daß es wenig echte Armut in Neu-Seeland gibt, daß die große Masse der Bevölkerung einen ungemein hohen Lebensstandard genießt — wahrscheinlich einen höheren als in irgendeinem europäischen Lande —, und daß auch die Zahl der gutbürgerlichen Vermögen recht hoch ist. Dieser allgemeine Wohlstand prägt sich u. a. darin aus, daß viele Gegenstände, die in den meisten europäischen Ländern nur einer bevorzugten Schicht zugänglich sind, in Neu-Seeland weitgehend der Allgemeinheit gehören. Hierfür ist etwa bezeichnend, daß die Zahl der Automobile so hoch ist, daß auf je 6 Menschen bereits 1 Kraftwagen kommt; d. h. Neu-Seeland gehört zu den höchstmotorisierten Ländern der Welt, übertroffen nur von den Vereinigten Staaten. Aber auch in anderen Dingen zeigt sich der erstaunlich hohe Lebensstandard; so werden z. B. auch Sportarten, die verhältnismäßig kostspielig sind, hier von den breitesten Schichten gepflegt. „Es ist ebenso alltäglich, daß die Verkäuferin Golf spielt, wie daß etwa mein Hotel-Portier am freien Nachmittag mit Racket und weißen Hosen das Haus verläßt", berichtet ein Auswanderer. In der Ernährung zeigt sich leider der hohe Lebensstandard u. a. darin, daß vielfach mehr gegessen wird, als der Gesundheit zuträglich. Dies liegt besonders nahe in einem Lande, das Butter, Sahne, Honig und ähnliche Produkte in gewaltigen Mengen erzeugt. Die Neuseeländerinnen stehen im Ruf, gut und gern Kuchen zu backen, — aber sie stehen nicht eben in dem Ruf, die schlanke Linie einzuhalten. Im Gegenteil, sie wie die Männer weisen eine gerade für den angelsächsischen Typ erstaunliche Beleibtheit auf. — Von medizinischer Seite wird auch der schlechte Zustand der Zähne in der neuseeländischen Bevölkerung auf die höchst unzweckmäßige Diät zurückgeführt. Einen schöneren Ausdruck findet der hohe Lebensstandard in der allgemeinen Reiselust und in der Wohnkultur; diese letztere zeigt sich allerdings nicht so sehr in guten Möbeln als im Besitz des kleinen Eigenheims und eines hübschen Gärtchens. Im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten verbindet sich in Neu-Seeland der hohe Lebensstandard mit einer ausgesprochenen Abneigung gegen allzu ausgedehnte Arbeitszeiten; die sehr weitgehende soziale Gesetzgebung, insbesondere die 40- Stunden-Woche, ermöglicht es auch dem Arbeiter, seinen privaten Interessen nachzugehen. „Am Sonnabend nachmittag sind nicht nur alle Läden geschlossen, sondern die Städte sind wirklich ausgestorben." All dies führt dazu, daß Neu-Seeland nicht zu Unrecht als ein .Land des Genusses und der Lebensfreude gilt. Es kommt hinzu, daß das wunderbare Klima und die im ganzen (trotz der erwähnten Diätsünden) gesunde und freie Lebensweise das Durchschnittsalter außerordentlich gesteigert haben; nicht nur die vergleichende Statistik zeigt, daß die durchschnittliche Lebenserwartung in Neu-Seeland — 65 Jahre für Männer, 68 für Frauen! — höher ist als irgendwo anders auf der Welt; sondern die große Anzahl rüstiger Männer, die im Alter von 70 oder 80 Jahren noch ihren Berufen als Anwälte, Kaufleute, Aerzte oder dergleichen nachgehen, frappiert jeden unbefangenen Beobachter. Nirgends genießen wohl reife Männer noch so das Dasein ihrer Väter und Mütter wie hier. Doch fehlt es in diesem Bild auch nicht an Schattenseiten. Es ist nicht zu verkennen, daß die weitgehende soziale Gesetzgebung und die hohen Löhne in der Industrie in den letzten Jahren die Abwanderung vom Lande, um nicht zu sagen die Landflucht, sehr verstärkt haben, so daß zeitweilig Arbeitermangel in der Landwirtschaft bei Arbeitslosigkeit in den Städten herrscht. „Moderne junge Neuseeländer ziehen es vor, in einem städtischen Büro für 30 Schillinge in der Woche zu arbeiten, mit Kino, Tanz, jungen Mädchen, unbegrenztem Lärm und offenen Wirtshäusern, ehe sie für dasselbe Geld sich bei einem Farmer abrackern und nicht mehr Zerstreuungen haben, als das Landleben eben bietet", sagt ein hervorragender Kenner des Landes (Cowie: „New Zealand from within"). Ebenso wird darüber geklagt, daß der Zustrom zu bestimmten akademischen Berufen zu groß sei. Diese allmähliche Abwendung vom Farmleben zur Stadt hat auch weitgehende kulturelle Bedeutung. Nehmen doch hier im Leben des Städters vor allem sportliche Veranstaltungen einen solchen Platz ein, daß für eine verfeinerte, verinnerlichte Kultur im allgemeinen weniger Zeit und Kraft übrig bleiben, als bei dem Farmer, der den Mangel an äußeren Zerstreuungen durch ein stärkeres Innenleben ausgleichen muß. Das Leben der städtischen Massen wird in hohem Maße durch Pferderennen, Wassersport, vor allem aber durch das Nationalspiel Rugby, das als „zweite Religion" bezeichnet wird, beherrscht. Welche materiellen Mittel für solche Zwecke zur Verfügung stehen, geht aus folgender Angabe andeutungsweise hervor: Christchurch, das eine Bevölkerung von 132 000 Menschen zählt, setzte in einer einzigen Woche am Totalisator über 183 000 £ N.Z. um. Es wäre sicherlich falsch zu sagen, daß die genannten Erscheinungen, insbesondere die gewaltige Rolle des Sports, die geistigen Interessen völlig verdrängt hätten. Im Gegenteil, es gibt in Neu-Seeland eine sehr gute und verbreitete Presse; und es gibt neben Radio und Kino, die natürlich hier wie in jedem modernen Lande das Leben der Massen auf das stärkste beeinflussen, auch Wege zur gründlicheren Bildung, insbesondere gute Büchereien, Leihbibliotheken und mancherlei Möglichkeiten der Erwachsenenbildung. Vor allem aber ist das neuseeländische Schulwesen ausgezeichnet ausgebildet. Im Jahre 1935 bestanden insgesamt über 2500 öffentliche Volksschulen mit über 6000 Lehrern und fast 200 000 eingeschriebenen Schülern; vom 7. bis 14. Lebensjahr besteht der gesetzliche Schulzwang. In den öffentlichen Schulen wird nur weltlicher Unterricht erteilt. Der Besuch der Volksschulen ist vollkommen frei. Neben diesem Schulwesen für die weiße Bevölkerung besteht noch eine erhebliche Anzahl von Dorfschulen für die Maoris; die Regierung soll für diese Eingeborenenschulen im Jahre 1935/36 100 000 £ ausgegeben haben — bei einem Gesamtaufwand aus Staatsmitteln für Erziehungszwecke aller Art von 3,2 Millionen £. Bis zur Weltwirtschaftskrise war auch der Besuch der mittleren und Hochschulen vollkommen unentgeltlich; doch ist dies jetzt, als zu kostspielig, abgestellt worden. 62