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Jüdische Auswanderung · 1937-01-01 · Herbst 1937 · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Auswanderung
Volume
1937. Bestand LBI
Issue
Herbst 1937
Date
1937-01-01
Page
Seite 3 (sequence 7)
Language
German
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3. Ist die Erlernung der neuen Landessprache das sichtbarste äußere Kennzeichen für den Willen zur Anpassung an neue Verhältnisse, so besteht ein anderer, allzu häufig begangener Fehler unserer Auswanderer in der mangelnden Bereitschaft, sich auch innerlich dem neuen Lande anzupassen und nicht stets und ständig jenen Maßstab des Althergebrachten, in Deutschland Gewohnten, an alles anzulegen, der seinen charakteristischsten Ausdruck in den beiden Worten findet: „Bei uns . . .". In allen Einwanderungsländern ist viel böses Blut dadurch geschaffen worden, daß unsere Menschen, statt in erster Reihe sich als Lernende und Empfangende zu fühlen, als die überlegenen Lehrmeister aufgetreten sind und an andere, oft noch halb koloniale Länder die zivilisatorischen Maßstäbe etwa des Berliner Westens anlegen wollten. Muß man wirklich betonen, daß uns niemand in diese Länder gerufen hat, damit wir dorthin die allerletzten Errungenschaften der Kultur brächten, sondern daß man uns, oft genug noch während der Weltwirtschaftskrise und trotz einheimischer Arbeitslosigkeit, dankenswerterweise hineingelassen hat? Und muß man noch ausdrücklich sagen, daß in anderen Ländern die uns aus Deutschland gewohnten Kulturformen aus mancherlei Gründen durchaus unzweckmäßig sein können? Wer sich im neuen Lande jahrelang bewährt, wer beruflich und persönlich den Respekt seiner Mitbürger errungen hat, wird vielleicht auch das Recht erhalten, etwa wirklich vorhandene Mißstände zu bessern — was freilich immer eine langsame und zähe Arbeit voraussetzt. Aber ohne Verständnis der gegebenen Verhältnisse, ohne Einfühlung in die Seele und die Sitten des Volkes fremde Maßstäbe anzulegen, kann nur verletzen, ohne irgendwie zu bessern. 4. Ist so im Aeußeren und im Inneren die Bereitschaft, zu lernen und sich anzupassen, dringend notwendig, so muß andererseits auf das dringendste gewarnt werden, in das andere Extrem zu verfallen, d. h. sich aufzugeben und seine Vergangenheit zu verleugnen. Weder unsere Zugehörigkeit zum Judentum noch unsere Herkunft aus Deutschland sind etwas, dessen wir uns auch nur im entferntesten zu schämen hätten. Ja, von der Frage der inneren Würde und Aufrichtigkeit ganz abgesehen, wird jedes Verbergen-Wollen, jede unechte Anbiederung an fremde Sitten nur Mißtrauen hervorrufen. Wer kann jemanden achten, der sich selbst und seine Eltern nicht achtet, wer soll jemandem trauen, der seine Herkunft verheimlicht? Es ist sicherlich kein typischer Fehler im Sinne der obengenannten, aber doch ein nicht ganz selten vorkommender Fehler unserer Auswanderer, daß sie selbst in Ländern wie Südafrika, deren einheimische Juden eine stolze und bewußte Gemeinschaft bilden, ihre eigene Zugehörigkeit zum Judentum schamhaft verheimlicht haben — mit dem Erfolg, daß sie weder bei den Andersgläubigen noch bei den Juden irgendeinen Halt und irgendein Wohlwollen fanden. Gerade in angelsächsischen Ländern, deren Bevölkerungsmehrheit selbst mit großem Stolz an ihren Traditionen festhält, achtet man mit Recht nur den, der seine Herkunft und seine eigenen Traditionen ehrt. Dort weiß man auch, daß im allgemeinen der Mensch, der am Glauben seiner Väter und an seiner Gemeinde einen festen Halt hat, auch als Mitbürger zuverlässiger und wertvoller ist als der Vereinzelte, der selbst nicht weiß oder wissen will, wohin er gehört. Und da gerade die jüdische Religion in unserer tausendjährigen Geschichte immer wieder die Kraft bewiesen hat, dem Einzelnen auf und nach allen Wanderungen den inneren Halt zu geben, der ihn befähigt, sich anzupassen und sich doch zu bewahren, — so wäre von allen Fehlern, die der jüdische Auswanderer begehen kann, die Verleugnung seines Judentums wohl der schwerste. BERLIN C 2 SPANDAUER STRASSE KÖNIGsTräSSE 3

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