Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1937. Bestand LBI
- Issue
- Herbst 1937
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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alle unterzubringen — selbst wenn die wirtschaftlichen Verhältnisse des Landes bzw. der Hauptstadt noch so gut sind. Hierdurch werden die meist ohnehin allzu knappen Mittel der Komitees bis zum Aeußersten angespannt, während gleichzeitig auch die seelische Hilfsbereitschaft der einheimischen Juden durch das ihnen unverständliche Verhalten der Eingewanderten ungünstig beeinflußt wird. Vor allem aber drückt die verschärfte Konkurrenz der Eingewanderten untereinander die Löhne in den Berufen, denen sie meist angehören, wesentlich herab, und alle diese Verhältnisse tragen zusammen dazu bei, daß sich auch die Stimmung der einheimischen Bevölkerung und der Regierung gegen die jüdische Einwanderung verschlechtert. Aus diesen Gründen muß von unseren Auswanderern nachdrücklich gefordert werden, daß sie sich innerlich bereit machen, auch in mittleren oder kleineren Ortschaften zu leben und, statt die größten Gemeinden womöglich noch mehr zu überlaufen, neue Gemeinden zu gründen oder kleineren durch ihre Tatkraft einen neuen Aufschwung zu geben. Unsere Menschen müssen sich vor Augen halten, daß auch viele der heute blühendsten jüdischen Gemeinden in Uebersee von einigen wenigen Pioniernaturen gegründet worden sind, die vor Jahrzehnten, und oft unter sehr viel schwierigeren Verhältnissen als den heutigen, den Mut hatten, sich von der großen Masse loszureißen, voranzugehen und anderen neue Wege zu bahnen. 2. Mit der geschilderten Neigung unserer Auswanderer, dorthin zu gehen, wo schon möglichst viele Juden aus Deutschland leben, und sich in ihrem Kreis aufzuhalten, steht ein anderer Kardinalfehler unserer Menschen im Zusammenhang: ihre mangelnde Energie bei der Erlernung der Landessprache. Freilich zeigt sich dieser Fehler auch schon in hohem Maße bei der Vorbereitung der Auswanderung in Deutschland selbst. Viele Tausende unserer Menschen, denen innerlich längst klar ist, daß sie über kurz oder lang auswandern müssen, ja die oft auch schon alle notwendigen wirtschaftlichen Vorbereitungen getroffen haben, halten die Erlernung der künftigen Landessprache für eine „spätere Sorge". Viele verlassen sich darauf, daß man Sprachen ja eigentlich doch erst im Lande selbst richtig lerne, und fangen deshalb in Deutschland erst gar nicht damit an — ein verhängnisvoller Irrtum, da es jeden Einwanderer wohl ausnahmslos schwere wirtschaftliche Opfer kostet, wenn er ohne Kenntnis der Umgangssprache im neuen Lande ankommt. Daß insbesondere bei kaufmännischen und intellektuellen Berufen die Beherrschung der Sprache die grundlegende Vorbedingung für fast jede Art von Erwerbstätigkeit bildet, liegt auf der Hand. Aber selbst bei bäuerlichen oder handwerklichen Berufen bedeutet die Unkenntnis der Landessprache ein schweres Hemmnis, eine sichere Beeinträchtigung der Verdienstmöglichkeiten. Und vom rein Wirtschaftlichen abgesehen, ist die Vertrautheit mit der Landessprache die Voraussetzung für jeden näheren gesellschaftlichen Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung. Wer die Sprache des Landes nicht lernt, verurteilt sich selbst dazu, mit seinen Schicksalsgenossen in einem Ghetto zu leben — abgeschlossen von dem pulsierenden Leben um ihn. Auch in der Sprachenfrage deckt sich das wohlverstandene Interesse des Einzelnen mit dem der jüdischen Gesamtheit und dem des Einwanderungslandes. Die Anwesenheit von Tausenden von Fremden, die sich der Landessprache gar nicht oder nur dürftig bedienen können, schafft überall Animosität gegen diese — eine Stimmung, die sich in dem Maße verschärft, in dem sich die Einwanderer an bestimmten Orten und in bestimmten Berufen konzentrieren. Daß die einheimischen Juden — die in fast allen Ländern den Ankömmlingen aus Deutschland unter großen eigenen Opfern helfen — eine derartige Entwicklung oft mit größter Sorge betrachten, ist ohne weiteres verständlich. Aus alledem ergibt sich für den Auswanderer die Notwendigkeit, rechtzeitig, d. h. möglichst lange vor der tatsächlichen Uebersiedlung, mit der Erlernung der künftigen Landessprache Ernst zu machen. Niemand soll sich einbilden, er sei besonders begabt und brauche nicht tüchtig zu arbeiten. Wer nicht mindestens ein halbes Jahr vor der Auswanderung eifrig zu lernen beginnt, wird bei der Ankunft im neuen Lande nicht einmal die Grundlagen der Sprache einigermaßen beherrschen. Außerdem besteht aber für den, der erst im Lande selbst die Sprache sozusagen nach dem Gehör zu lernen beginnt, die große Gefahr, daß er zwar bald sich zu verständigen, aber niemals richtig, d. h. den grammatikalischen Regeln gemäß, wie ein gebildeter Mensch zu sprechen lernt. — Auch ist es ein großer Irrtum anzunehmen, die wichtigste Weltsprache, Englisch, sei „besonders leicht". Die schwierige Aussprache und der unerschöpfliche Wortschatz machen die vollständige Beherrschung des Englischen selbst bei größter Begabung und Ausdauer für den Einwanderer in den ersten Jahren fast unmöglich. Doch wird glücklicherweise im allgemeinen schon die ernste Bemühung um die Beherrschung des Englischen und die Fähigkeit, sich einfach, aber richtig auszudrücken, von den Einheimischen gern anerkannt und bringt wirtschaftlich, wie vor allem auch sozial, große Vorteile mit sich. Wer aber wirklich eine Sprache gründlich lernt, der findet, über alle äußeren Vorteile hinaus, in ihr — in ihren Sprachbildern und Sprichwörtern, in ihrer Volkspoesie und den Werken der großen Dichter — den sichersten Weg zum Verständnis des Denkens und Fühlens, der Kultur und Eigenart der Bevölkerung, in deren Mitte er fortan leben soll.