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Jüdische Auswanderung · 1936-09-01 · September 1936 · p. Seite 73

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Journal
Jüdische Auswanderung
Volume
1936. Bestand LBI
Issue
September 1936
Date
1936-09-01
Page
Seite 73 (sequence 79)
Language
German
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anbelangt, wesentlich günstiger sein dürften als in den großen Städten. Nach allem, was ich gehört habe, läßt es sich z. B. in Städten wie Concepcion (sogar Universitätsstadt), Valdivia (mit ansehnlicher Industrie), Talca, Osorno und Temuco (bedeutende Landwirtschaft) recht gut leben. Diese Städte haben übrigens in früheren Jahrzehnten eine große deutsche Einwanderung aufzuweisen gehabt; diese deutsche Bevölkerung, obwohl inzwischen teilweise chilenisch geworden, hat eine starke Anhänglichkeit an das Deutschtum bewahrt, man spricht in den Städten und sogar auf dem Lande oft deutsch, dementsprechend ist auch teilweise die politische Einstellung. Gleich im Anschluß an die vorstehenden Zeilen sei bemerkt, daß Techniker, Handwerker sowie gelernte Arbeiter in Chile gute Aussichten haben. Kaufmännische Angestellte sind hier im allgemeinen nicht leicht unterzubringen, es sei denn, daß besondere Kenntnisse — also Sprachen — aufzuweisen sind. Für Akademiker, insbesondere für Aerzte und Juristen, ist hier keine Niederlassungsmöglichkeit vorhanden. Einige junge Architekten haben gute Anstellungen kürzlich hier gefunden, da das Bauhandwerk hier sehr gut beschäftigt ist. Auch für Chemiker sollen sich hier Möglichkeiten bieten. Ueberhaupt ist Chile ein Land, in dem die Kleinindustrie gute Entwicklungs.viöglichkeilen zu haben scheint. Für Rentiers (nach hiesigen Begriffen ab Pesos 500 000 etwa aufwärts) ist Chile natürlich zu empfehlen. Die Anlage in Pfandbriefen (6 °,'oige Cajas und 6 °/oige Bancos stehen etwa 95 o/o) bringt eine gute Verzinsung. Durch kaufmännische Beteiligungen oder durch Grundbesitz ergeben sich bessere Verzinsungsmöglichkeiten. Ein anderer Auswanderer schreibt um die gleiche Zeit (Februar 1936) folgendes aus Santiago: „Hier in Chile geht es mir gut und bin ich zufrieden. Bin in einer Automobil-Firma und verdiene im Verhältnis und zum Anfang ganz gut. Auf alle Fälle habe ich mein gutes Essen und Trinken. Ich denke, daß ich mich bald verbessern werde. An und für sich ist das Leben hier billig, doch ist die Bekleidung sehr teuer. Eine gute deutsche Pension kostet hier 300—500 Peso. Doch gibt es natürlich teuere und billige Pensionen. Das Klima ist ganz erträglich, doch auch öfters reichlich warm. Im Hochsommer wird es bis zu 38 Grad. Doch ist dieses auch eine Ausnahme. In der letzten Zeit sind sehr viel junge Leute nach Chile eingewandert und haben alle ihr Brot gefunden. Doch muß man sich auch in vielen Teilen umstellen können." Der Inhaber einer großen Firma, der eine Reihe von jüdischen Einwanderern eingestellt hat, schreibt dem Hilfsverein Mitte Juni 1936: „Die Erfahrungen, die wir bisher mit den Einwanderern gemacht haben, sind im großen und ganzen befriedigend; nur ist es auf die Dauer unmöglich, eine unbegrenzte Anzahl von Ausländern einzustellen. Die meisten südamerikanischen Staaten haben in ihrer Gesetzgebung vorgesehen, daß der Prozentsatz ausländischer Angestellter gegenüber einheimischen genau festgelegt wird. Ausnahmen sind im allgemeinen nur für Techniker und besondere Fachleute zugelassen. In einzelnen Ländern, wie Peru, ist man mit der Auslegung der Gesetze sehr scharf, während dies in Chile z. B. bisher nicht der Fall war. Auch wird nach chilenischem Gesetz jeder, der zehn Jahre in Chile ansässig ist, soweit die Arbeitsgesetzgebung in Frage kommt, als Chilene angesehen. Nichtsdestoweniger müssen wir uns davor hüten, zuviel Ausländer einzustellen, da bei den nationalen Strömungen hier es nicht ausgeschlossen ist, daß auch in dieser Hinsicht schärfere Maßnahmen ergriffen werden. — Gerade für kaufmännische Angestellte ohne besondere Vorkenntnisse, wie es leider die meisten Emigranten sind, die hierherkommen, ist es schwer, nachzuweisen, daß sie nicht durch einheimische Kräfte ersetzt werden können. — W ir sind daher der Ansicht, daß die meisten Aussichten für ein weiteres Fortkommen hier für Leute gegeben sind, die irgendein Spezialfach beherrschen. Wir denken in erster Linie an Techniker, Chemiker, Mechaniker, Flandwerker usw. Auch ist es sicher möglich, Leute in der Landwirtschaft unterzubringen, doch würden wir nicht empfehlen, weiterhin Büroangestellte und ähnliche Berufe zur Auswanderung nach Chile zu veranlassen. Was die Kosten der Lebenshaltung betrifft, bemerken wir, daß durch die Entwertung des chilenischen Pesos, der derzeit etwa 140 Pesos pro £ Sterling steht, Chile wohl eines der billigsten Länder der Welt ist. Teuer sind nur importierte Artikel und Luxuswaren, da die Importzölle recht hoch sind. Die Preise für Wohnungen sind wohl nach der Peso- Entwertung in die Höhe gegangen, doch lange nicht im gleichen Verhältnis. — Bezüglich der Arbeitszeit ist im allgemeinen der Achtstundentag vorgesehen." Sehr lebendig ist folgender Brief einer Stenotypistin aus Santiago vom 26. März 1936: „Ich habe mich hier vollkommen eingelebt und gleich am dritten Tage nach meiner Ankunft eine mir sehr zusagende Stellung gefunden und sogar schon im zweiten Monat Zulage erhalten. Ich muß sagen, daß hier Stenotypistinnen mit englischen, französischen und etwas spanischen Sprachkenntnissen immer Stellungen finden und bei Beherrschung einer Fremd- und der Landessprache gut bezahlt werden. Das Arbeiten ist hier ein viel leichteres als drüben und macht mir viel Freude. Ich bin die einzige aus Deutschland, außer einem Hamburger, die anderen Angestellten sind Deutsch-Chilenen, Chilenen und drei Chileninnen. Letztere sind äußerst liebenswürdig und wissen nicht, was sie alles für mich tun können. Da ich mich mit allen nur spanisch verständigen kann, so lerne ich auf diese Weise wenigstens die Sprache, und außerdem nehme ich noch Stunden. Wir haben jetzt Herbst und gehen langsam dem Winter zu, der sehr unangenehm sein soll; besonders da man hier keine Oefen hat und demnach mächtig friert. Gott sei Dank hat mein Bruder einen eisernen Koksofen gekauft, der das ganze Haus warm halten soll, so daß wir wenigstens im Hause nicht zu frieren brauchen. Dagegen wird es im Büro eisig kalt, sein, so daß alle Angestellten gezwungen sind, in Mänteln zu arbeiten, was natürlich nicht angenehm ist; aber man muß es schon in Kauf nehmen; das ist eben die Kehrseite von Chile. Aber dessenungeachtet haben wir jetzt noch das schönste Wetter. Wir können unseren Nachmittagskaffee im Garten einnehmen, wo die Weintrauben einem jetzt buchstäblich in den Mund hängen." Endlich ist folgender Brief der großen Auswanderungsorganisation H i c e m vom 3. Juni 1936 von großem praktischen Interesse: „Unser Komitee in Santiago lenkt unsere Aufmerksamkeit ganz besonders auf eine Tatsache, die seine Tätigkeit beim Empfang von Immigranten kompliziert und erschwert. Dies kommt von einem großen Irrtum, den viele Immigranten aus Deutschland begehen, indem sie als Fracht die von ihnen mitgebrachten Sachen angeben. Die Kontrollkommission betrachtet diese Sendungen als „importierte Waren" und verlangt natürlich dafür einen hohen Zoll. Um diesen Uebelstand abzuschaffen, müssen die Immigranten sämtliche mitgebrachten Gegenstände — natürlich in Gruppen, z. B. Küchengeräte, Wäsche, Kleidung usw. — in der ,D e - claracion Consular' aufführen, um auf diese Weise Zollschwierigkeiten zu vermeiden. Wir bitten Sie also dringendst, diese Tatsache den Interessenten zur Kenntnis zu bringen." I FR A N S E N für Gardinen und Dekorationen Drill- Cordonett- Chenille- Fransen Besätze, Quasten, Kordel usw. S. ROSENTHAL & CO. KÖLN, GÜRZENICHSTRASSE 19 73

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