Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1936. Bestand LBI
- Issue
- September 1936
- Date
- 1936-09-01
- Page
- Seite 72 (sequence 78)
- Language
- German
- Belongs to
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Proteste und Konkurse häufen sich. Die Streiks des 1. Vierteljahres 1936 sind zwar abgeflaut, doch bleibt die politische Lage noch immer gespannt. — Trotz dieser Unsicherheitsfaktoren ist man aber geneigt, Chiles konjunkturelle Entwicklung im laufenden Jahre optimistisch zu bevirteilen. IV. Aussichten für Einwanderer Seit 1933 sind mehrere Hundert Juden aus Deutschland in Chile eingewandert und wohl auch restlos in der Wirtschaft untergekommen. Bei der Besserung der Wirtschaftslage in den letzten Jahren ist auch die künftige Aufnahmefähigkeit des Landes für Einwanderer im ganzen positiv zu beurteilen. Freilich bestehen für reine Kaufleute, besonders wenn sie ohne genügende Kenntnisse der spanischen Sprache und ohne Kapital ins Land kommen, nur ganz geringe Aussichten. Ebenso ist die Unterbringung von Akademikern der verschiedensten Art (ausgenommen Architekten, Ingenieure und Chemiker) schwierig, wenn nicht unmöglich. Dagegen sind die Aussichten für Handwerker, gelernte Arbeiter, aber auch für industrielle Unternehmer im allgemeinen als günstig zu bezeichnen. (Doch empfiehlt es sich natürlich, insbesondere vor der etwaigen Begründung eines industriellen Unternehmens, eingehende Erkundigungen nach der Lage der betreffenden Branche in Chile einzuholen.) Im einzelnen gelten besonders folgende Berufe als gesucht: 1. Handwerker und gelernte Arbeiter: Technische Bauarbeiter, Schlosser, Autoschlosser, Maschinenschlosser, sowie überhaupt alle Berufe, die mit Maschinen zu tun haben. Feinmechaniker, Uhrmacher, Handschuhmacher, Färber, Zuschneider, Webereiarbeiter. In der Regel können selbständige Handwerker erheblich mehr verdienen als Angestellte. 2. Weibliche Berufe: Nach den dem Hilfsverein in letzter Zeit zugegangenen Nachrichten haben besonders Näherinnen, Handweberinnen und Dekorateurinnen sowie Stenotypistinnen mit guten Sprachkenntnissen gute Aussichten. 3. Selbständige Berufe: „Fachleute auf jedem Gebiet", d. h. vor allem Unternehmer, die ihre Branche gründlich verstehen und zur Industrialisierung Chiles beitragen können. V. Lebenshaltungskosten In Santiago und Valparaiso kann man bei bescheidenen Ansprüchen in einer einfachen, aber ganz guten Pension für $ 250 bis 400 im Monat unterkommen. „Lebensmittelpreise: 1 kg Butter 8 14, 1 Dutzend Eier $ 5, 1 kg Zucker 8 2.20, 1 kg Mehl $ 1.20, 1 kg Reis $ 3, Fleisch je nach Art und Güte $ 3 bis 6 das Kilogramm, 1 Huhn etwa $ 8 bis 12, Zigarren $ 1.50 bis $ 3 das Stück, Zigaretten $ 1 bis 2 für 14 Stück, Fahrgeld der Straßenbahn $ 0.20. Autos sind dagegen besonders teuer. Hausmädchen erhalten $ 80 bis 100 Monatslohn. Die Wohnungen in besseren Gegenden kosten je nach Größe, Beschaffenheit und Lage etwa S 400 bis 1000 monatlich." (Aus einem Brief aus Santiago vom 11. Februar 1936.) Die Lebenshaltungskosten sind allerdings seit einiger Zeit stark gestiegen, was die Regierung veranlaßte, Maßnahmen gegen Preistreibereien in Lebensmitteln zu unternehmen. Gleichzeitig wird auf die Unternehmer ein Druck ausgeübt, die Löhne und Gehälter zu erhöhen, um so einen Ausgleich zwischen Einkommensniveau und Lebenshaltungskosten zu schaffen. Die Preisbewegung drückt sich auch in der Indexziffer für Lebenshaltungskosten aus. Von der Basis März 1928 100 stieg diese auf 138,9 im Jahresdurchschnitt 1934 und seit Ende 1935 sprunghaft bis auf 149,6 im Februar dieses Jahres. VI. Kultur und Jüdisches Leben Chiles Bevölkerung gehört zu den kulturell weitest entwickelten Südamerikas. Der Prozentsatz der Analphabeten ist verhältnismäßig gering. Der Schulbesuch ist kostenfrei und Pflicht für alle Kinder zwischen 7 und 15 Jahren. 1933 bestanden 4060 Gemeindeschulen mit 487 751 Schülern und 12 434 Lehrern. An Hochschulen sind zu nennen: die chilenische Staatsuniversität, an der 4441 Studenten im Jahre 1933 immatrikuliert waren, und die katholische Universität mit 958 Studenten im gleichen Jahre, beide in Santiago, und die technische Hochschule in Valparaiso. Es bestehen außerdem eine Reihe von Fachschulen, insbesondere für Landwirtschaft und Bergbau. 930 Zeitungen und Zeitschriften erscheinen in Chile, darunter 93 Tageszeitungen und 213 Wochenblätter. Die Bevölkerung Chiles war 1930 zu 97,7 % katholisch, doch gibt es seit 1925 keine Staatskirche mehr. Der Einfluß der Kirche ist sehr groß; die chilenische Kirche hat unter Führung eines liberalen Erzbischofs im Erziehungswerk und in der sozialen Fürsorge Außerordentliches geleistet. Die offizielle Religionsstatistik des Jahres 1930 gab für die einzelnen Bekenntnisse folgende Ziffern an: Katholiken 4 189 000 Evangelische 62 000 Juden 3 700 Seitdem hat sich die Zahl der Juden bedeutend vermehrt; es dürften allein 600 Einwanderer aus Deutschland nach Chile gekommen sein, die sich zumeist in der Hauptstadt und dem Hafen Valparaiso niedergelassen und dort auch eine Existenz gefunden haben. Trotzdem ist diese Zusammenballung in den beiden großen Städten zu bedauern, da die kleineren Orte, vor allem im fruchtbaren Süden des Landes, einer großen Zahl neuer Einwanderer sichere Existenz und gutes Auskommen bieten dürften. Die Zahl der Juden dürfte heute, unter Einberechnung der Einwanderung seit 1930, nach vorsichtigen Schätzungen zwischen 5000 und 5500 liegen. Die wichtigsten Gemeinden bestehen in Santiago, Valparaiso, Temuco und Osorno (hauptsächlich Sefardim). Doch verteilen sich die Juden tatsächlich über das ganze Land. Der Zensus von 1930 gab an, daß in 48 von den 83 Departements Juden leben. Kleinere jüdische Gemeinden existieren z. B. in Iquique, Antofagasta und La Serena. „Die zionistische Bewegung hat in Chile eine beträchtliche Gefolgschaft. Es bestehen mehrere hebräische Schulen mit Lehrern, die aus Palästina geholt wurden. In Santiago erscheinen die Wochenblätter „Jiddische Presse" und „Unser Fraind", eine Halbmonatsschrift „Neie Zeit", ebenfalls jiddisch, und die Monatsschrift „Dawar", Organ der zionistischen Arbeiter. Die jüdische Jugendorganisation in Chile gibt zwei spanische Monatsschriften heraus: „Judea" in Santiago und „Alma Ilebrea" in Temuco." (Aus Mark Wischnitzer: „Die Juden in der Welt".) Auch orthodoxe Juden haben die Möglichkeit, vollkommen das überlieferte Leben zu führen. Ueberall, wo jüdische Gemeinden existieren, gibt es koscheres Fleisch usw., auch ist überall Gelegenheit zum Gottesdienst vorhanden. VII. Briefe aus Chile Ein Auswanderer berichtet aus Santiago am 11. Februar 1936: „Die klimatischen Verhältnisse in Chile sind zu kennzeichnen nach dem jeweils in Frage kommenden Aufenthaltsort: im Norden (Salpetergebiet) ist tropische Hitze, im Süden viel Regen; in Santiago und Valparaiso, den wichtigsten Städten des Landes, sind die klimatischen Verhältnisse gut, allerdings mit der Einschränkung, daß auch liier sich erst der Körper auf die besonderen Witterungsverhältnisse einstellen muß; denn im Sommer ist es mittags, vielmehr tagsüber, also von etwa 10—6 Uhr, recht heiß, oft 35 Grad Celsius im Schatten. In den frühen Morgen- und späten Abendstunden ist es dagegen angenehm frisch und abgekühlt, und nachts sogar zuweilen kalt. Hinsichtlich des Winterklimas habe ich keine Erfahrungen. . .. Man begnügt sich übrigens im Winter mit einem elektrischen Ofen oder einem Gasofen, in einigen Häusern gibt es offene Kaminfeuer, nur wenige Neubauten haben Sammelheizung. Im allgemeinen sagt man, daß es in Mittel-Chile acht Sommermonate gäbe und vier Monate kein Winter sei. Bezeichnend ist, daß seit meiner Ankunft, Ende Oktober bis jetzt, Anfang Februar, hier kein Regen gefallen ist. Einige Einwanderer halten es für zweckmäßig, gleich in Valparaiso zu bleiben, dem Haupthandelshafen des Landes. Dort war der Geschäftsverkehr, besonders der internationale Handel, bis vor kurzer Zeit erheblich bedeutender als in der Binnenstadt Santiago. Das Geschäft liegt in Valparaiso vornehmlich in den Händen ausländischer Firmen (besonders Engländer und Deutsche), während der Hauptanteil des Geschäfts in Santiago auf die Chilenen entfällt, die übrigens gerade in der letzten Zeit in zunehmendem Maße eine ausgesprochene nationale Einstellung, z. B. in der Besetzung wichtiger Posten, bekunden, trotz der entgegenkommenden Haltung gegenüber allen Fremden. Leider gehen viel zu wenig Einwanderer in die Provinz, obwohl sie — sowohl klimatisch als auch landschaftlich — viele Vorzüge bietet, der Lebenskampf dort nicht so scharf und die Lebensverhältnisse, besonders was die Preise