Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1936. Bestand LBI
- Issue
- September 1936
- Date
- 1936-09-01
- Page
- Seite 49 (sequence 51)
- Language
- German
- Belongs to
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Bundes ist. — Eine vielleicht größere Gefahr für den Bestand der gegenwärtigen Regierung bilden die Bestrebungen der Kommunisten, auf welche die im Herbst 1935 ausgebrochenen schweren Unruhen zurückzuführen sein sollen. Damals wurde der Kriegszustand über ganz Brasilien verhängt, der auch heute noch nicht aufgehoben ist. III. Die Wirtschaft 1. Landwirtschaft Brasilien ist immer noch in erster Reihe ein Agrarland. Die fortschreitende Industrialisierung dieses Landes darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß sein größter Reichtum in der Landwirtschaft liegt. Die 47 Mill. Einwohner Brasiliens ernähren sich vom Ertrage ihres eigenen Bodens; nur ein geringer Prozentsatz der Einfuhr (etwa 15 o/o) besteht aus Lebensmitteln (hauptsächlich Weizen und Weizenmehl). Außer dem eigenen Bedarf produziert die Landwirtschaft Brasiliens aber auch noch den größten Teil — zirka 90 o/o — der Ausfuhr; dieser Export besteht nur aus dem kleinen Ueberschuß der landwirtschaftlichen Produktion, der nicht im Lande selbst verzehrt wird. Dabei ist bisher nur etwa ein Drittel der Fläche Brasiliens landwirtschaftlich genutzt; der Rest ist entweder Urwald, der aber nach seiner Rodung dem Ackerbau fruchtbarste „rote Erde" bietet, oder „Camp", d. h. Grasland und Weiden. Die sogenannte rote Erde des gerodeten Urwalds ist ein idealer Ackerboden. Die Humusschicht geht so tief, daß man 30 bis 40 Jahre von ihr zehren kann, ohne daß eine Düngung erforderlich wäre. Die Beschaffung des Düngers wär für einen Siedler auch recht schwierig. Die Heranschaffung von Kunstdünger verbietet sich wegen der zu hohen Transportkosten, und der Naturdünger müßte erst von den sehr weit entfernt liegenden W eiden herangeholt werden. Während man früher, vor allem in der Waldwirtschaft, vorwiegend Raubbau trieb, stellt man sich jetzt mehr auf eine systematische Bodennutzung ein. Man kümmert sich um die Aufforstung, wendet die modernsten Maschinen für die Bodenbearbeitung an und pflegt bestimmte Kulturen. Um die Hebung der Agrikultur hat sich das vor 30 Jahren gegründete Landwirtschaftsministerium große Verdienste erworben. So wurden Lehrkräfte in die einzelnen Teile des Landes geschickt, die für methodische Aufklärung der Landwirte sorgten; in verschiedenen Landesteilen wurden Versuchsstationen und Musterwirtschaften eingerichtet. Neuerdings geht man auch dazu über, die Produzenten landwirtschaftlicher Erzeugnisse zur Standardisierung, sachgemäßen Verpackung usw. zu zwingen. Unter den landwirtschaftlichen Erzeugnissen Brasiliens steht der Kaffee weitaus an erster Stelle. Von der gesamten bebauten Fläche des Landes trägt zwar nur knapp ein Viertel Kaffeekulturen, während über ein Drittel mit Mais bestellt ist, — aber die Erträge aus dem Kaffeexport bildeten mehr als die Hälfte des gesamten brasilianischen Ausfuhrwertes. 1935 stammten fast zwei Drittel (64 o/0) des Weltkonsums an Kaffee aus Brasilien, und vor einigen Jahren waren die Ziffern noch weit höher; sie gingen erst nach dem katastrophalen Fall der Kaffeepreise, nicht zuletzt infolge der brasilianischen „Kaffeevalorisat i o n", auf das heutige Niveau zurück. Die jüngste Geschichte der brasilianischen Kaffee-Valorisation mit ihren erstaunlichen Wirkungen — die unter anderem in der Vernichtung von Millionen Sack Kaffee bestanden — ist kurz folgende: Die Kaffee - Ernten stiegen von 727 000 t im Jahre 1913 auf 1 777 000 t im Jahre 1933/34; infolgedessen konnte ein großer Teil der Ernten trotz starken Sinkens der Preise nicht mehr abgesetzt werden. Man suchte das Problem dadurch zu lösen, daß man auf den exportierten Kaffee eine Steuer legte, deren Ertrag zum Ankauf des nicht absetzbaren Kaffeeüberschusses verwandt wird. Dieser aus dem Steueraufkommen angekaufte Kaffee wird vernichtet; von 1931, dem Beginn der Regierungskontrolle., bis Ende 1935 sind insgesamt 35,8 Millionen Sack Kaffee (1 Sack 60 kg) vernichtet worden.' Ferner wurde die Anlage neuer Kaffeeplantagen verboten. Im Zusammenhang mit diesen Maßnahmen ging der Kaffeexport stark zurück. 1933 nahm er noch 73 o/o des Gesamtwertes der brasilianischen Ausfuhr ein. 1935 betrug sein Anteil nur noch 53 o/o. Etwa 3 bis 4 Millionen Sack liegen noch in den Lagerhäusern von Santos und Säo Paulo; seit Anfang 1936 werden auch sie von Regierungsseite aufgekauft. Im letzten Jahr hat sich Brasiliens Anteil am Weltkonsum wieder gehoben; von den 24,5 Mill. Sack des Weltkonsums kamen 1935 15,8 Mill. aus diesem Lande. Im Erntejahr 1934/35 wurden etwa 15 Mill. Sack geerntet (gegen 29,9 Mill. im Jahre 1933/34); 1935 wurden 15,3 Mill. Sack (= 920 000 Tonnen) exportiert (gegen 14,1 Millionen im Jahre 1934). — Der größte Teil des brasilianischen Kaffees wächst im Staate Säo Paulo, wo er meist auf großen „Facendas" (Plantagen) mit über 100 000 Bäumen aufgebaut wird. Die Kaffee-Ernte dieses Staates wird für das Erntejahr 1936 37 auf 14,6 Mill. Sack geschätzt, 2 Mill. Sack mehr als im Vorjahre. Auf dem Weltmarkt begegnet der brasilianische Kaffee in den letzten Jahren einer immer schärferen Konkurrenz aus Columbien und Mittelamerika (Guatemala, Honduras, San Salvador). Während Brasilien der bedeutendste Kaffeeproduzent der Welt ist, steht es als Kakaoproduzent (nach der afrikanischen Goldküste) an zweiter Stelle. 1934 wurde für fast 130 Millionen, 1935 sogar für über 163 Millionen Milreis Kakao exportiert. Die Qualität des brasilianischen Kakaos wurde in den letzten Jahren durch die aufklärende Arbeit eines Regierungsinstitutes in Bahia — dem Staat, aus dem 90 o/0 des brasilianischen Kakaos stammen — bedeutend gefördert. Nach Kaffee ist Baumwolle das wichtigste Exportprodukt Brasiliens. Bis 1932 wuchs die brasilianische Baumwolle vorwiegend in den nordöstlichen Staaten von Maranhäo bis Sergipe. Die Baumwollerzeugung wurde in den folgenden Jahren stark ausgebaut, ganz besonders im Staate Säo Paulo, wo die Kaffeepflanzer seit 1932 dazu übergingen, den Anbau von Kaffee durch den von Baumwolle zu ersetzen. In den Jahren 1920 32 hatte die Baumwollproduktion Säo Paulos durchschnittlich 15 000 Tonnen, die ganz Brasiliens 117 000 Tonnen betragen; 1935 war die Erzeugung auf schätzungsweise 115 000 Tonnen in Säo Paulo und 370 000 in ganz Brasilien gestiegen. 138 600 Tonnen Baumwolle konnte Brasilien im Jahre 1935 ausführen. Einen großen Teil dieser Baumwolle bezieht Deutschland, das sich von der Einfuhr nordamerikanischer Baumwolle auf brasilianische umgestellt hat, weil Brasilien im Gegensatz zu Nordamerika die Bezahlung nicht in Devisen, sondern mit Industriewaren im Kompensationswege gestattet. Die brasilianische Baumwolle ist nicht von einheitlicher Qualität und Faserlänge. Eine zentrale Textilkommission hat es sich zur Aufgabe gesetzt, den Baumwollanbau zu kontrollieren und zu klassifizieren. Im Staate Säo Paulo hat das Landwirtschaftsministerium nur ausgesuchtes Saatgut zugelassen und dadurch eine beachtliche Gleichförmigkeit der Ernte erzielt. Ein bedeutender Teil der brasilianischen Baumwollerzeugung konnte im Lande selbst verarbeitet werden; die Textilindustrie nahm durch die gesteigerte Eigenerzeugung von Baumwolle einen großen Aufschwung. — Auch die Neben- und Abfallprodukte der Baumwolle (Oelsaat und Futterkuchen) wurden zu bedeutenden Ausfuhrartikeln. Brasilien ist der drittgrößte Tabakerzeuger der Welt (nach U. S. A. und Rußland). Heute wird der Tabakanbau nur in Bahia, Rio Grande do Sul und Säo Paulo gepflegt, aber der Boden des ganzen Landes gilt als für Tabakkulturen geeignet. Zur Hälfte wird der Tabak in Brasilien selbst konsumiert, zur Hälfte exportiert. Die Ernten des letzten Jahres waren gut; die Tabakausfuhr (33 000 t im Jahre 1935) war quantitativ befriedigend und hielt sich auf guter Preishöhe. Auch als Zuckerproduzent steht Brasilien a n dritter Stelle; doch nahm die inländische Konsumtion bisher den größten Teil der Erzeugung auf, so daß nur ein geringer Ueberschuß exportiert wurde und Brasilien nicht zu den wichtigsten Konkurrenten auf dem Weltmarkt gehörte. Neuerdings wurde aber von Regierungsseite der Versuch unternommen, die Ausfuhr durch Dumpingmethoden erheblich zu steigern, und zwar mit Erfolg; denn im Jahre 1935 betrug die Ausfuhr schon das Vierfache des Vorjahres. Der inländische Konsum, der — wie in vielen Ländern — einen höheren Preis zahlen mußte, als der ausländische Ab- 4 49