Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1936. Bestand LBI
- Issue
- September 1936
- Date
- 1936-09-01
- Page
- Seite 39 (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
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Bolivien Bolivien ist eines der ärmeren, wirtschaftlich wenig entwickelten, politisch wenig stabilen südamerikanischen Länder. Es ist zur Zeit auch noch durch die Nachwirkungen der Krise und den Chaco-Krieg geschwächt, doch dürfte die erhöhte Zinn-Nachfrage auf dem Weltmarkt dem Lande seinen Wiederaufstieg aus der Depression erleichtern. Die wirtschaftliche Bedeutung des Landes liegt ganz überwiegend in seinem Reichtum an wertvollen Mineralien, vor allem an Zinn. Jüdische Einwanderer aus Deutschland sind bisher kaum in das Land gelangt, und dieses bietet ihnen auch, wenigstens vorläufig, im allgemeinen kaum Aussichten. Eine Ausnahme mögen Mineralogen, Techniker und Ingenieure bilden. Wegen der großen Höhenlage sind die wichtigsten Landesteile nur für Menschen mit sehr elastischem, starkem Herzen und gesunder Lunge zuträglich. Seite I. Einwanderungsbedingungen.............. 39 II. Das Land...................... 39 1. Natur und Haupteinteilung des Landes...... 39 2. Klima und Gesundheitsverhältnisse........ 40 3. Bevölkerung.................... 40 4. Regierung .................... 40 III. Die Wirtschaft ................... 40 1. Währung..................... 40 2. Landwirtschaft.................. 40 3. Bergbau und Industrie.............. 40 4. Verkehr ..................... 41 5. Außenhandel................... 41 6. Konjunktur.................... 41 IV. Kultur und Jüdisches Lehen ............ 41 V. Brief aus Bolivien.................. 41 I. Einwanderungsbedingungen Noch 1935 bestand eine allgemeine Einwanderungssperre für Bolivien, um die Eingliederung der Frontkämpfer des dreijährigen Chaco-Krieges gegen Paraguay in das Wirtschaftsleben des Landes zu erleichtern. Wie die „Ibero-Amerikanisehe Korrespondenz" Nr. 16 vom 15. April 1936 meldet, gestalten sich jetzt die Einwanderungsbestimmungen folgendermaßen: „Nach den gegenwärtig in Bolivien geltenden Bestimmungen wird die Erlaubnis der Einwanderung nach Prüfung der beruflichen und sonstigen Verhältnisse von der zuständigen Behörde erteilt. Die Aufenthaltsgenehmigung muß jedes halbe Jahr im Lande selbst erneuert werden. Die Anträge für die Einreiseerlaubnis sind durch die bolivianischen Konsulate einzureichen. Moralische und physische Gesundheit wird von jedem Einwanderer verlangt. Allgemein zugelassen werden Romanen, Angelsachsen, Deutsche und Slaven. Kaufleute und Industrielle müssen bei der Einwanderung ausreichendes Kapital nachweisen; Touristen müssen im Besitz von Ausweispapieren sein. Beschränkt wird die Einwanderung von Russen, Polen, Angehörigen der Balkanvölker, Juden, Arabern, Mohammedanern und Mongolen. Verboten ist die Einwanderung von Chinesen, Negern, Mischlingen, Kranken, Invaliden, Krüppeln, Degenerierten, Verbrechern und Kommunisten." Anläßlich einer Rückfrage beim Bolivianischen Konsulat in Berlin wurde uns mitgeteilt, daß die Einwanderung von Ostjuden verboten, die von Juden aus Deutschland der heutigen Regierung nicht erwünscht sei. Im Einzelnen sind folgende Papiere erforderlich: 1. ein gültiger Reisepaß, visiert von einem bolivianischen Konsul; 2. Zertifikat eines Arztes am letzten Wohnsitze des Bewerbers, daß der Bewerber keine ansteckende Krankheit hat; 3. Zertifikat der Polizeibehörde am letzten Wohnsitz des Bewerbers, daß der Bewerber während der letzten 5 Jahre wegen keines kriminellen Vergehens verurteilt oder verfolgt worden ist; 4. Zertifikat der Polizeibehörde, daß der Bewerber einen ehrenhaften Beruf ausübt;' 5. 2 Photographien, Ein Ausländer, der sich in Bolivien längere Zeit aufhalten will, muß umgehend davon der Polizeibehörde des Aufenthaltsortes Kenntnis geben. II. Das Land 1. Natur und Haupteinteilung des Landes Bolivien ist heute ein Binnenstaat ohne Zugang zum Meer. Den Westen des Landes durchziehen die Anden in seiner ganzen Längsrichtung. Der Westen ist, von den unwirtlichen, bis zu 6700 m ansteigenden Gipfelketten abgesehen, dürftige „Puna"-Landschaft, Hochsteppengebiet. Die Vegetation ist sehr spärlich, und menschliche Ansiedlungen sind nur um Bergbaugebiete herum entstanden. Zwischen den Gebirgszügen erstrecken sich weite Hochbecken. In solchen Hochbecken und in Tälern liegen die größeren Siedlungen und Städte, teils als Bergwerksstädte, teils inmitten landwirtschaftlicher Anbauflächen. La P a z — höchstes Landeszentrum der Welt — liegt inmitten eines von riesigen Gipfeln umrandeten Talkessels; es besteht aus einem alten romantischen Stadtkern spanisch-kolonialer Art, der von einer großzügig angelegten, modernen Großstadt umgeben ist. Vor der AusbJutung Boliviens durch den Chaco-Krieg wurden zahlreiche moderne Wohn- und Geschäftsgebäude errichtet. Elektrische Straßenbahnen und Autobusse besorgen den Verkehr. Die Straßen steigen vom Zentrum aus — teilweise sehr steil — zu den Höhen an. Während La Paz die wirtschaftlich wichtigste Stadt des Landes darstellt, ist Sucre, südöstlich davon gelegen, die gesetzliche Hauptstadt und durch seine Universität wahres Zentrum der spanisch-bolivianischen Kultur. Sucre ist auch der Sitz des Zentral-Gerichtshofes. Es gilt als die schönste Stadt des Landes. Cochabaraba, etwa in der Mitte zwischen La Paz und Sucre gelegen, ist die zweitgrößte Stadt des Landes. Es wird von dem landwirtschaftlich wichtigsten Gebiete Boliviens umgeben, und seine Bedeutung wächst stetig durch die Nähe einer ganzen Anzahl kleinerer Städte in den umgebenden Tälern, die Cochabamba als ihr wirtschaftliches Zentrum betrachten. Das nordwestlich von La Paz gelegene Städtchen A p o 1 o liegt in einer Umgebung, die für Land- und Forstwirtschaft große Möglichkeiten bieten soll. — Ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt in Bolivien ist Oruro, westlich von Cochabamba, hier konzentriert sich der Zinnbergbau und dessen Verwertung. — P o t o s i, in etwa 4200 m Höhe eine der höchsten Städte der Welt, liegt inmitten reicher Silber- und Zinkabbaugebiete. — Umgeben von fruchtbaren Zucker- und Kaffeegebieten bildet Santa Cruz de la Sierra den strategischen und geographischen, bald auch den Verkehrsmittelpunkt des Landes. Santa Cruz liegt an der alten Handelsstraße nach Argentinien und Paraguay. Die Stadt ist in pittoreskem spanischen Stil erbaut, die Häuser sämtlich aus mit Stuck überzogenem Holz. Schwere Regengüsse suchen die Stadt und ihre Umgebung während des ganzen Jahres heim. Das Tiefland, das den Westen und größeren Teil Boliviens einnimmt, ist wirtschaftlich von untergeordneter Bedeutung. Sein südlicher Teil wird durch das urwaldbestandene C h a c o - 39