Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1936. Bestand LBI
- Issue
- September 1936
- Date
- 1936-09-01
- Page
- Seite 38 (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/6492429-9991062-9587816--170-9587856- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Urbarmachen des Waldes kommt erst in 10 Jahren in Betracht, da wir mit dem fertigen Wald schon gut wirtschaften können. Der Wald besteht aus kleinen Bäumen und Busch, die Bäume sind auch nicht sehr dick, so daß der Wald leicht zu roden ist. Hauptsächlich wird hier Mais, Weizen und Ilaler gepflanzt, auch etwas Kartoffeln und Gerste. Direkt beim Hause werden Gemüse, Bohnen, Erbsen usw. gesät. Auch wird ein Obstgarten angelegt mit all den Früchten, die in warmen Ländern gedeihen. Die ICA gibt sich die größte Mühe, um hier eine Musterkolonie anzulegen und der argentinischen Regierung zu zeigen, was Juden aus Deutschland schaffen können. In einigen Monaten ist hier, wenn alles einigermaßen in Ordnung gebracht ist, die Einweihung der Kolonie, also ein großes Fest. Das größte Ereignis dieses Tages wird die Anwesenheit des Präsidenten von Entre Rios sein, derselbe will und soll sich von der Arbeit, die hier geleistet wird, überzeugen, und wir glauben, er wird zufrieden sein. Wir sind, kurz gesagt, die Pioniere für viele jüdische Familien aus Deutschland, und wir sind uns alle bewußt, daß alles von uns 20 Familien abhängen wird. Die ICA hat hier in Avigdor einen Besitz von 20 000 Hektar unbesiedeltem Boden, und können noch Tausende von jüdischen Familien aus Deutschland hier eine neue und glückliche Heimat finden. Das wäre im großen und ganzen Avigdor, gesehen vom einzelnen Siedler und vom Standpunkt der Zukunft, die Avigdor den Juden in Deutschland in Bälde bieten soll. Bis heute haben wir an lebendem Inventar 4 Kühe), 6 Pferde und 20 Hühner. Jede Woche erhalten wir etwas mehr, bis jeder Siedler auf 20 Kühe und 10 Pferde kommt. Das Haupttier ist hier das Pferd. Bei aufgeweichtem Boden ist es fast unmöglich, einen Weg zu Fuß zu passieren. Die Pferde lassen sich fast alle reiten und sind brav und zahm. Für 20—30 Pesos bekommt man schon ein sehr gutes Pferd, für 50—60 Pesos erhält man das allerbeste. Die Kühe geben hier nicht soviel Milch wie in Deutschland, da denselben das Kraftfutter fehlt. Die Kühe, die wir haben, geben 6—7 Liter, allerdings gibt es auch Kühe mit 20 Litern täglich. Eine Kuh mit 5—7 Litern kostet 50 bis 60 Pesos. Die anderen 100—120 Pesos. Es ist alles sehr billig hier. Ein Pfund Fleisch 15—20 Centavos, ein Dutzend Eier 30 Centavos. Jetzt unsere Arbeit. Wir setzen voraus, daß wir augenblicklich im Spätsommer hier leben und wir mit der Ernte kaum noch etwas zu tun haben. Morgens geht es um 1/26 Uhr auf und an die Arbeit. Das erste, was wir getan haben, war das Gangbarmachen der Wege zu unserem Hause. Mit Pferden und Wagen haben wir Kohlenasche gefahren und zu sämtlichen vier Siedlerhäusern schöne Wege aufgeworfen. Dann haben wir Mais gesät, da wir noch keine Maschinen hatten, mit der Hand. Dieser Mais ist in 40 Tagen gut und soll für die Hühner bestimmt sein. Daraufhin haben wir Bohnen gesetzt. Jetzt bauen wir uns aus Bäumen, die wir selbst im Walde holen, einen Hühnerstall. Derselbe ist schon soweit fertig und sieht ganz gut aus. Gearbeitet wird jetzt von 7 bis 11 Uhr, dann Mittag bis 3, auch 4 Uhr, wie es die Sonne erlaubt, und dann wird weiter geschafft bis 7 oder 8 Uhr, und dann ist Feierabend. Wir müssen gestehen, uns und vielen anderen Juden gefällt dieses Leben tausend und abertausendmal besser als dort. Man erkennt erst jetzt richtig, was ein Arbeiter, der Arbeit hat, ohne Sorgen für ein glückliches Dasein hat. Mit einem Wort gesagt, wir sind hier glückliche und zufriedene Menschen, leben ohne Sorgen und werden auch weiter so leben können, wenn wir arbeiten. Wie wir schon erwähnten, sind die Eingeborenen die bravsten und liebenswürdigsten Menschen, die man sich denken kann. Furchtbar empfindlich sind die Menschen hier, und muß man immer sehr freundlich und nett zu ihnen sein. Sobald man ihnen etwas zuleide tut, hat man die Menschen als Feinde und nichts Gutes zu erwarten. Heute hatten wir z. B. Besuch von einem Eingeborenen mit Frau und zwei Kindern. Dieselben brachten uns mit: 2 Hühner, 2 Tauben und ein Dutzend Eier. Ein Zeichen, wie herzensgut diese Menschen sind, man kann das Letzte von ihnen bekommen, wenn man nett zu ihnen ist. Da wir schon etwas spanisch verstehen und sprechen, so können wir uns auch einigermaßen mit den Leuten verständigen. Das größte Ungeziefer ist hier die Heuschrecke. Alle sieben Jahre treten dieselben in Scharen auf und vernichten einen großen Teil der Ernte. Dieses Jahr war es so der Fall, und ziehen sie, da es jetzt hier kühler wird, in wärmere Länder. Diese Heuschrecken treten so stark auf, daß der ganze Himmel schwarz ist und es fast finster wird. Der Boden ist hier sehr fruchtbar und braucht überhaupt keinen Dünger. Derselbe ist hier immer so, als wenn man in Deutschland Jauche und Dünger gefahren hat. Ein fabelhaft fetter Boden, nur sehr hart, so daß derselbe vor dem Pflügen geschnitten werden muß. Die Landwirtschaft an und für sich macht hier 75 °/o weniger Arbeit als in Deutschland. Giftige Schlangen gibt es hier selten, so daß überhaupt keine Gefahr vorhanden ist, wenigstens kaum. Während der heißen Sommermonate plagen den Menschen die Moskitos. Die vorläufige Ernährung der Familien besorgt die ICA. Wir haben hier einen Verkaufsraum, in dem man Lebensmittel bekommen kann. Die ICA gibt jeder Familie für das erste Jahr einen Kredit von 30 Pesos monatlich. Damit man sich etwas verdienen kann, vergibt die ICA Arbeit und Fuhren. Wir sind schon mal nach Bovril gefahren. Für jede Fahrt gibt die ICA 10 Pesos. Man kann wirklich sagen, daß die Organisation sehr großes Interesse zeigt, um den Siedlerfamilien zu einer neuen Existenz zu verhelfen. Vor einem halben Jahr war hier noch alles Busch und Wald, und heute sieht man Wiesen, Ackerfelder, Wege, nette kleine Siedlerhäuser. Man kann es wirklich als eine Großtat bezeichnen, was man hier für die Juden aus Deutschland geschaffen hat und noch schaffen wird." Auswanderer! Berichtet dem Hilfsverein eure Erfahrungen, und meldet Existenzmöglichkeiten im Ausland. Ihr nutzt damit der Allgemeinheit! 38