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Jüdische Auswanderung · 1936-09-01 · September 1936 · p. Seite 31

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Auswanderung
Volume
1936. Bestand LBI
Issue
September 1936
Date
1936-09-01
Page
Seite 31 (sequence 33)
Language
German
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Die starke Zusammenballung der argentinischen Judenheit in der Hauptstadt zeigt sich u. a. darin, daß sie in Buenos Aires nahezu 6 o/o der Gesamtbevölkerung (5,87 o/o) bildet, während sie von der gesamten Bevölkerung der Republik nur 2,4 o/0 ausmacht. Die berufliche Verteilung der jüdischen Bevölkerung ist durch folgende Tatsachen charakterisiert: L Die Zahl der Landwirte in den Kolonien der ICA betrug am 1. Januar 1935 3106, wovon etwas mehr als die Hälfte schon Eigentümer ihres Bodens geworden waren. Diese Landwirte verteilten sich folgendermaßen auf die verschiedenen Länderteile und Kolonien: Gesamtzahl der Landwirte Provinz Buenos Aires Kolonie Mauricio 267 Kolonie Baron Hirsch 3!56 Provinz Santa Fe Kolonie Moisesvüle 532 Kolonie Montefiore 109 Provinz Entre Rios eine Anzahl Kolonien, darunter auch Avigdor, zusammen 1G33 Provinz Santiago del Estero Kolonie Dora 22 Territorium La Pampa Kolonie Narcisse Levin _157 Insgesamt: 3106 Zählt man nicht nur die wirklichen Landwirte, sondern die Gesamtbevölkerung der ICA-Kolonien, so ergibt sich eine Zahl von etwa 31000. Es ist aber trotzdem kein Zweifel, daß selbst diese Zahl im Verhältnis zu den sehr bedeutenden Summen, die von Baron Hirsch bzw. von der ICA aufgewendet worden sind, nur als sehr bescheidenes Resultat anzusehen ist. Der von Baron Hirsch eingeleitete Versuch, Juden in der argentinischen Landwirtschaft zu verwurzeln, ist nur in sehr beschränktem Maße gelungen. Trotz der im materiellen Sinne recht günstigen Bedingungen, die dem unbemittelten Siedler von der ICA geboten wurden und werden, macht sich immer wieder die Neigung, städtische Berufe zu ergreifen, bei den Siedlern selbst oder aber in der zweiten Generation geltend. — Sehr bedeutend sind aber die indirekten Wirkungen des großzügigen Versuches: Argentinien wäre niemals zu einem der größten jüdischen Einwanderungsländer geworden, hätte nicht Baron Hirsch die Auswanderung dorthin in Gang gebracht, die dann von selbst immer weitere Menschen nach sich zog. Als Gesamt fläche der ICA-Kolonien werden heute 617 468 Hektar angegeben. Den jüdischen Landwirten in den Kolonien der ICA wird ein besonders fortschrittsfreudiger Geist nachgerühmt, der die neuesten Methoden landwirtschaftlicher Technik und moderner Organisation anwendet. Es bestehen eine ganze Anzahl landwirtschaftlicher Kooperativ-Genossenschaften. Für die Erziehung in den ICA-Kolonien sorgen einerseits 70 staatliche Schulen, in denen, wie überall, der Unterricht gratis erteilt wird, andererseits der Religionsunterricht, der unter den Auspizien der ICA stattfindet. Außerhalb der ICA-Kolonien ist die Zahl der jüdischen Landwirte in Argentinien bis heute sehr gering geblieben — sie soll nur etwa 200 betragen. (Ueber die Arbeit der ICA siehe auch den nächsten Abschnitt „Aussichten für Einwanderer".) 2. Der größte Teil der argentinischen Juden betätigt sich im Handel; mehr als 23 000 Juden bezeichnen sich als Kaufleute. Die Sefardim handeln vor allem mit Textilien und allerlei Hausierwaren; die Aschkenasim mit den verschiedensten Waren. Ein großer Teil der jetzigen Kaufleute ist früher hausieren gegangen; diese Hausierer bilden übrigens zum Teil Einkaufsgenossenschaften, die sich gut entwickelt haben, und sind sogar zum direkten Import übergegangen. In Argentinien, wie anderwärts, ist der Hausierhandel vielfach nur ein Durchgangsstadium; sobald sich der Einwanderer hiermit das nötige Kapital zusammengespart hat, macht er ein Geschäft auf. Ein Teil der im Handel tätigen Juden besitzt recht bedeutende Firmen; sowohl im Importhandel, besonders im Seidenhandel, im Handel mit chemischen Produkten und elektrischen Artikeln, wie im Exporthandel nehmen jüdische Häuser führende Stellungen ein. 3. Die durch die Zollpolitik der Regierung geförderte Industrialisierung des Landes hat auch eine erhebliche Anzahl von Juden in diese Erwerbszweige geführt, in denen sie viel schöpferische Initiative zeigten. Besonders stark sind die Juden, z. T. als Handwerker, z. T. als Unternehmer, in folgenden Branchen vertreten: In der Herstellung von Lederwaren, in der Schneiderei, der Möbelfabrikation, der Herstellung von Reise-Artikeln, in der Textil- und Seidenfabrikation usw. In diesen Industrien sind auch zahlreiche jüdische Arbeiter tätig, die ihrerseits Kooperativ-Genossenschaften, Unterstützungsvereine usw. gegründet haben. 4. Jüdische Bankiers im eigentlichen Sinne soll es in Argentinien nicht geben, wohl aber gibt es wichtige jüdische Finanzinstitute, vor allem eine Reihe jüdischer Genossenschaftsbanken usw., die mit beträchtlichen Kapitalien arbeiten und manche Erfolge aufzuweisen haben. 5. Sehr erheblich, und noch in ständigem Wachstum begriffen, ist die Zahl der argentinischen Juden, die in den freien Berufen tätig sind; jüdische Schriftsteller, Künstler, Gelehrte und vor allem Aerzte, Zahnärzte, Apotheker, Rechtsanwälte, Ingenieure, Architekten und auch Politiker sind schon so zahlreich, daß hier, trotz des bisher wenig fühlbaren Antisemitismus, eine Quelle künftiger Reibungen liegen dürfte. Das kulturelle Leben der Juden in Argentinien ist so vielgestaltig, daß hier einige Andeutungen genügen müssen. Es erscheinen allein in der Hauptstadt drei Tageszeitungen in jiddischer Sprache, von denen zwei eine Auflage von je 20 000 aufweisen. Außerdem gibt es eine Reihe jüdischer Zeitschriften, teils in jiddischer, teils in spanischer Sprache. Jüdische Organisationen der verschiedensten Art bestehen in großer Anzahl. Eine der größten Organisationen ist die „Chewra Kadischa" der Aschkenasim, die 18 000 Mitglieder zählt und neben ihrem ursprünglichen Zweck als Bestattungsverein auch immer mehr Aufgaben der Wohltätigkeit erfüllt. Eine andere große Organisation mit fast 10 000 Mitgliedern ist die „Ezrah", die ein großartiges Krankenhaus im Werte von über 1 Mill. Pesos erbaut hat, ferner gibt es einen jüdischen Bund gegen Tuberkulose, ein jüdisches Waisenasyl usw. Ganz besondere Erwähnung aber verdient an dieser Stelle der 1933 gegründete Hilfsverein deutsch sprechender Juden, der zwar nur 700 Mitglieder zählt, aber ganz erstaunliche Summen für die Hilfeleistung an jüdischen Einwanderern aus Deutschland aufgebracht hat. Diese Organisation hat jedoch, abgesehen von aller materiellen Unterstützung, vor allem auch durch Arbeitsvermittlung und tätige Fürsorge sich die größten Verdienste um viele Hunderten von Juden aus Deutschland erworben. — Die Aufgabe, dem jugendlichen Einwanderer aus Deutschland die seelische Eingliederung in die neue Umgebung zu erleichtern und in ihm nicht das Gefühl der Heimatlosigkeit aufkommen zu lassen, hat der „Jüdische Jugendbund, Buenos Aire s", übernommen, der heute schon über 100 Mitglieder zählt. Er betreut seine Mitglieder zwar nicht wirtschaftlich, vereint sie aber in wöchentlichen Zusammenkünften und Fahrten. Groß ist auch die Anzahl der verschiedenen religiösen Organisationen und Vereine, in denen zum Teil das Studium der jüdischen Lehre in der überlieferten osteuropäischen Art gepflegt wird. Aber trotz dieses äußeren Bildes eines reichen jüdischen Lebens darf man sich nicht darüber täuschen, daß gerade in Argentinien sich schon bei der zweiten Generation eine außerordentlich starke Tendenz zur restlosen Assimilation an die übrige Bevölkerung geltend macht. Es scheint, als übe gerade die romanische Kultur auf die Juden eine besonders starke Anziehungskraft aus. Bisher hat der fast ununterbrochene Zustrom neuer xMenschen aus den Ländern der jüdischen Massensiedlung dem jüdi- 31

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