Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1936. Bestand LBI
- Issue
- September 1936
- Date
- 1936-09-01
- Page
- Seite 30 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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unter „Aufsicht" deutet auf eine schon vollendete oder bevorstehende Verlobung hin. Das Straßenbild von Buenos Aires beherrscht der Mann. Die Trennung der Geschlechter in Klubs, Restaurants usw. wird häufig noch streng durchgeführt. — Andererseits stehen der Frau in Argentinien alle Berufe offen. Sic kann Aerztin, Apothekerin, selbständiger Kaufmann, Lehrerin, Kindergärtnerin und vieles andere werden: nur politisch kann sie sich nicht betätigen; sie hat kein Wahlrecht. Eine Ehescheidung ist in Argentinien nicht möglich: der Argentinier muß, will er sich scheiden lassen, die Formalitäten in Montevideo (Uruguay) vornehmen lassen. Aus der geschilderten Stellung der Frau ergeben sich für den Einwanderer, der aus europäischen Ländern mit freieren Moralbegriffen kommt, oft schwere Konflikte; auch muß auf die großen Gefahren hingewiesen werden, die eine Anpassung an gewisse Sitten der einheimischen Männerwelt mit sich bringt. — Diese Gefahren sind um so größer, als unter den Einwanderern die Männer sehr stark in der Mehrzahl sind. Infolge dieser Verhältnisse sind in Argentinien, wie in allen jungen Ländern, die Ehechancen für einwandernde Mädchen sehr groß. Ehen von Neueinwanderern mit Argentinierinnen pflegen nur in seltensten Fällen wirklich glücklich zu werden. Eine argentinische Frau wird kaum, erst recht nicht in der Stadt, ihrem Mann eine Arbeitskameradin sein, da der Argentinier eine solche Betätigung von seiner Frau gar nicht erwartet. Für den Einwanderer aber, besonders für den Siedler in der ländlichen Einsamkeit, ist eine tüchtige Frau eine höchst nötige Stütze: als Arbeitsgehilfin und oft als einziger Kamerad, als Hüterin seines Heimes, das ihm ja Ersatz für unzählige Entbehrungen sein muß. — 2. Bildungswesen In Argentinien besteht keine offizielle Staatsreligion, aber der Katholizismus wird von Staats wegen gefördert. Das hindert nicht, daß alle anderen Bekenntnisse toleriert werden und allgemein Glaubens- und Gewissensfreiheit besteht. Das Schulwesen untersteht zum größten Teil dem Einfluß der katholischen Kirche. Der Besuch der Grundschulen ist für Kinder von 6—14 Jahren Pflicht, und der Unterricht geschieht kostenlos. Der Schulzwang läßt sich jedoch nur in den großen Städten durchsetzen. Daher ist der Prozentsatz der Analphabeten recht hoch. Statistiken über die genauen Ziffern sind schwer zu beschaffen. Es liegen lediglich Auszählungen der Analphabeten unter den bei den öffentlichen Wahlen Abstimmenden vor. Unter diesen waren 1930 22 °/o A n a 1 p h a b e t e n (gegen 35 °/o im Jahre 1916). Diese Ziffer gibt aber insofern ein falsches Bild, als sie auch die W ähler von Buenos Aires, das selbst nach dieser Statistik nur 2,6 o/o Analphabeten aufweist, umfaßt. In der Provinz ist also der Anteil der Leute, die weder lesen noch schreiben können, bedeutend größer, als der oben wiedergegebene Prozentsatz aussagt. 1933 bestanden in Argentinien etwa 11 700 Elementarschulen mit 57 400 Lehrern und 1,64 Mill. Schülern. Daneben gab es 560 höhere Schulen mit 105 500 Schülern. Die älteste, 1613 gegründete Universität ist die von Cordoba; an ihr studierten 1933 etwa 3000 Studenten. In Buenos Aires ist die größte Universität des Landes mit etwa 9000 Studenten. Außerdem bestehen noch Universitäten in La Plata (3000 Studenten), Tucuman (235 Studenten) und eine Universität, deren Fakultäten sich auf Santa Fe, Rosario und Corrientes verteilen, mit insgesamt etwa 4000 Studenten. Neben diesen Staatsuniversitäten gibt es noch eine Anzahl von staatlichen und privaten höheren Fachschulen, insbesondere für Landwirtschaft und technische Berufe. VI. Jüdisches Leben Von allen Ländern Südamerikas hat Argentinien bei weitem die stärkste jüdische Bevölkerung; auf dem ganzen amerikanischen Kontinent steht es in dieser Hinsicht an zweiter Stelle, nur von den Vereinigten Staaten mit ihrer 41/2 Millionen zählenden Judenheit übertroffen. Die ersten jüdischen Niederlassungen (von Marannen) entstanden in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Cordoba, Rosario, Buenos Aires und anderen Orten. P^s scheint aber, als hätten diese dauernd beargwöhnten und verfolgten Menschenallmählich die Verbindung mit dem Judentum verloren und seien in ihrer Umwelt aufgegangen. Ein Teil der heutigen argentinischen Aristokratie soll von diesen Familien abstammen. (Siehe hierüber: MarkWischnitzer, „Die Juden in der Welt".) Die Geschichte der modernen jüdischen Niederlassungen beginnt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit der Einwanderung einzelner Juden aus Deutschland, Frankreich und England, die aber meist ledig ins Land kamen, später Mischehen eingingen und ihre Kinder Christen werden ließen. Auch heute finden sich gerade unter den reichsten Juden in Buenos Aires eine erhebliche Zahl derartiger Mischehen. Soweit die Nachkommen dieser westeuropäischen Juden noch dem Judentum angehören, bilden sie eine sich durch Wohlstand und gesellschaftliche Stellung von der Masse abhebende Oberschicht. Danach kamen Sefardim aus verschiedenen Ländern des vorderen Orients, besonders aus Marokko, nach Argentinien, und nach dem deutsch-französischen Kriege tauchten jüdische Familien aus dem Elsaß in Argentinien auf. Aber noch um 1890 war die Gesamtzahl der Juden in der Republik ganz unbeträchtlich; die Schätzungen schwanken zwischen 1000 und 2900. Dann erst setzte eine stärkere Einwanderung ein, vor allem unter dem Einfluß der Bemühungen des großen Philanthropen Baron Hirsch zur landwirtschaftlichen Ansiedlung russischer Juden. Nach der Jahrhundertwende wachsen die Einwanderungszahlen schneller an. Zwischen 1901 und 1910 sind nach der argentinischen Statistik rund 58 000 „Russen" fast durchweg russische Juden — eingewandert. Im Jahre 1908 zählte Argentinien (nach einer mittleren Schätzung) schon etwa 59 000 Juden, wovon ein sehr großer Teil auf Buenos Aires, ein kaum geringerer auf die von der ICA (Jewish Colonization Association) gegründeten Kolonien entfiel; der Rest lebte verstreut in kleineren Landstädten und Dörfern. Die letzten Jahre vor dem Weltkrieg brachten ebenfalls noch starke Einwandererzahlen; im Kriege selbst ließ dann die Einwanderung aus naheliegenden Gründen stark nach. Nach dem Kriege, insbesondere nach Einführung der starken Einwanderungsbeschränkungen in dem bisher größten jüdischen Einwanderungslande der Welt, den Vereinigten Staaten, trat die Bedeutung Argentiniens für die Hunderttausende von auswanderungswilligen Ostjuden noch stärker in den Vordergrund; zwischen 1921 und 1930 betrug die jüdische Einwanderung nach Argentinien durchschnittlich 5000 bis 7000 Köpfe jährlich, bis die Wirkungen der Weltwirtschaftskrise diesen Zustrom eindämmten. Insgesamt brachte die Zeit von 1919 bis 1935 eine Verdoppelung der argentinischen Judenheit, deren Zahl von 126 927 auf 260 432 stieg. Von diesen lebt reichlich die Hälfte in der Bundeshauptstadt Buenos Aires. (Wir entnehmen diese Berechnungen der eben erschienenen, von der argentinischen Bene-Berith-Loge in Buenos Aires herausgegebenen wertvollen Schrift des ICA-Direkiors Simon Weilt „Poblacion Israelita en la Rehublica Argentina", Buenos Aires- 1936.) Von der Gesamtzahl von rund 260 000 Juden sind gut */e Aschkenasim, der Rest Sefardim; zwischen beiden besteht eine ziemlich scharfe Trennung. Die wichtigsten jüdischen Zentren in Argentinien sind folgende: Seelen: Buenos Aires jßj qqq Städtische und ländliche Gesamtbevölkerung der ICA-Kolonien 30 659 Rosario 1250o Cordoba 5 800 Santa Fe 3 50ü liahia Bianca;$ qqo Mendoza 2 700 7UC™ian 2 600 La Plata 2 000 Avellaneda 2 000 Carlos Casares 2 000 Corrientes j jqq Concordia j ()00 oan Juan Concepcion del Uruguay $qq Parana 85Q Der Rest der argentinischen Juden verteilte sich auf 768 andere Orte. 30