Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1936. Bestand LBI
- Issue
- September 1936
- Date
- 1936-09-01
- Page
- Seite 32 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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sehen Leben in Argentinien immer neue Impulse gegeben und der Assimilation entgegengewirkt. In welchem Maße dies auch in Zukunft der Fall sein wird, bleibt abzuwarten. Die leichte Zugänglichkeit und Verständlichkeit der argentinischen Kultur und die bisher nur geringe Entwicklung des Antisemitismus erleichtern jedenfalls die Assimilation außerordentlich. VII. Aussichten für Einwanderer 1. Allgemeines Die Tatsache, daß Argentinien eine zahlenmäßig starke und zum Teil auch wirtschaftlich einflußreiche jüdische Bevölkerung besitzt, hat sich für die seit 1933 ins Land kommenden Juden aus Deutschland in außerordentlich segensreicher Weise ausgewirkt. Insbesondere hat sich der schon erwähnte Hilfsverein deutschsprechender Juden in Buenos Aires sowohl durch geldliche Unterstützung wie durch andere Leistungen, speziell Arbeitsvermittlung, große Verdienste um viele Hunderte von Juden aus Deutschland erworben. Lange Zeit hindurch gelang es auch den unermüdlichen Anstrengungen der wenigen Menschen, welche die Arbeit des dortigen Hilfsvereins tragen, alle Stellungsuchenden unterzubringen. Aber nachdem seit etwa 5 j Jahren die Zahl der neu Einwandernden immer stärker angestiegen ist — insgesamt sind nach Angaben des Hilfsvereins nahezu 4000 Juden aus Deutschland in Argentinien eingewandert —, wurden die Schwierigkeiten der Unterbringung der Immigranten immer größer, und dies um so mehr, als ihre berufliche Struktur im allgemeinen ungünstig war und ist. Die Zahl der Handwerker und Landwirte war bisher ziemlich gering, obwohl gerade in diesen Berufszweigen die besten Chancen zur Unterbringung bestanden; dagegen nahm der Zustrom von Kaufleuten ohne Sprach kenntnisse und ohne Kapital, für die nur mit größter Mühe Stellungen, meist bei Glaubensgenossen, zu erlangen waren, gar kein Ende. Eine weitere Erschwerung der Lage bildete und bildet leider immer noch die Abneigung vieler Einwanderer, das schöne, weltstädtische Buenos Aires zu verlassen und in die kleineren Orte der Provinz hinauszugehen, wo das Leben nicht so abwechslungsreich, aber auch die Arbeitsmöglichkeiten im allgemeinen noch nicht so ausgeschöpft sind wie in der Hauptstadt. Aus diesen Gründen hat sich in Buenos Aires selbst eine ziemlich ernste Lage für neue Einwanderer gebildet — wenigstens soweit es sich nicht um Handwerker oder berufstätige Frauen handelt. Für Kaufleute ist die Situation heute nicht nur ernst, sondern nahezu verzweifelt, wenn sie nicht wenigstens die spanische Sprache einigermaßen beherrschen. Neben dem Spanischen ist auch die Kenntnis des Englischen wegen der besonders engen wirtschaftlichen Verflechtung Argentiniens mit Großbritannien und zum Teil auch mit den Vereinigten Staaten von großem Vorteil. Auch französische Sprachkenntnisse haben in Argentinien einen gewissen Wert. Endlich sei hier auf einen Faktor hingewiesen, der i'ür die Einwanderer ausgesprochen günstig ist. Während die früher in allen Dingen ausgesprochen liberale argentinische Einwanderungspolitik in vieler Hinsicht während der Weltwirtschaftskrise in ihr Gegenteil verkehrt worden ist, kann noch heute das argentinische Bürgerrecht schon nach zweijährigem Aufenthalt im Lande erworben werden, und mit diesem alle Ehren und Pflichten, die die Staatsangehörigkeit mit sich bringt. Der frisch eingebürgerte Einwanderer darf nach dem Gesetz schon jedes Staatsamt, außer dem des Präsidenten, bekleiden; aber er muß eventuell auch Militärdienst leisten, der im 20. Lebensjahr, ohne spätere Nachübungen, stattfindet. Seine Dauer beträgt ein Jahr, nur für die Kriegsmarine wird jährlich eine größere Anzahl von Rekruten ausgelost, die zwei Jahre dienen müssen. Ferner ist es für den Einwanderer von Wichtigkeit, daß jedes im Lande geborene Kind argentinischer Staatsbürger wird. 2. Aussichten für die einzelnen Berufe a) Ungelernte Arbeiter Wer nach Argentinien in der festen Absicht kommt, um jeden Preis Arbeit anzunehmen, gleichviel welcher Art, der findet im allgemeinen auch immer die Möglichkeit, so viel, wie er zum Leben braucht, zu verdienen. Selbstverständlich muß er aber die Augen offen halten und sich wirklich vor keiner Arbeit scheuen. Viele Einwanderer, die in Deutschland andere Berufe ausgeübt haben, erhalten sich während der ersten Monate durch Annahme einer Stellung als Laufbursche, Packer, Kellner, Diener o. dgl. Doch kommt dies natürlich vorwiegend für jüngere Leute in Frage; für ältere Menschen ist es sehr viel schwerer, wenn überhaupt möglich, sich auf diese Art durchzuschlagen. Der Bedarf an Arbeitskräften für die Industrie ist im allgemeinen ziemlich groß, wozu die durch die Devisenknappheit und die damit verbundenen Importschwierigkeiten hervorgerufene Gründung vieler Filialen großer ausländischer Unternehmungen stark beigetragen hat; diese Zweigunternehmungen beschäftigen heute viele 'l ausende argentinischer Arbeiter. Man rechnet, daß in den letzten Jahren sich die Zahl der in der argentinischen Industrie tätigen Arbeiter um etwa 150 000 erhöht hat, und man glaubt, daß in den nächsten Jahren noch etwa 30 000 neue Arbeiter werden eingestellt werden können. Als Landarbeiter sich zu verdingen, kann bei dem sehr niedrigen Lebensniveau der argentinischen Peons nicht gut einem aus Deutschland stammenden Juden angeraten werden; der soziale Abstieg wäre außerordentlich groß, der Wiederaufstieg wahrscheinlich sehr schwer. b) Gelernte Arbeiter und Handwerker In fast allen uns zugehenden Briefen und sonstigen Informationen wird immer wieder geschildert, daß jeder handwerklich ausgebildete oder wenigstens über einige technische Kenntnisse verfügende Einwanderer in ziemlich kurzer Zeit auf eine Anstellung rechnen kann, die sofort zum Lebensunterhall ausreicht, d.h. noch bevor der Betreffende die Landessprache beherrscht, deren Kenntnis für Handwerker und gelernte Arbeiter nicht von so überragender Bedeutung ist wie für Kaufleute und Intellektuelle, aber auch einen sehr großen Vorteil darstellt. Die einzigen uns bekannten Handwerker, deren Aussichten nicht als gut bezeichnet werden können, sind Schlächt e r, ferner bestehen keine Möglichkeiten für „Schoehtim". Starke Nachfrage herrscht nach folgenden Beruf szweigen: alle Arten von Bauhandwerkern und Industriearbeitern, also Maler (Anstreicher), Bauschlosser, Maschinenschlosser, Eisenbinder, Elektroschweißer, Autogenschweißer, Dreher, Former, Klempner, Installateure, Monteure, Elektriker, Feinmechaniker, Schmiede, Stellmacher, Bautischler, überhaupt Zimmerleute, Möbeltischler, Möbelpolierer und Polsterer. Nicht schlecht sind auch die Aussichten für Schriftsetzer, wenn sie das Spanische beherrschen, lerner für Stein- und Offset-Drucker, Buchbinder, Fachleute für Prägearbeiten und Gra \ eure. Sehr gesucht sind Weber, doch ist die Bezahlung gering, ferner Spulmeister für Seidenwebstühle und überhaupt Arbeiter, die Textilmaschinen richtig zu bedienen wissen. Zuschneider für Lederwaren, Kürschner, Wachstuchfachleute waren in letzter Zeit ebenfalls gesucht; ebenso Automechaniker, Chauffeure, Friseure, sowie Bäcker und Köche. Schaufensterdekorateure sind in erheblicher Anzahl in den letzten Jahren aus Deutschland gekommen und haben auch Stellung gefunden, soweit es sich um wirklich tüchtige Kräfte handelte. Wie weit jetzt noch Unterkunftsmöglichkeiten sind, ist schwer zu beurteilen. c) Kaufleute und kaufmännische Angestellte Wie schon oben erwähnt, sind die Aussichten für Kaufleute, soweit sie ohne Sprachkenntnisse und ohne Kapital ins Land kommen, sehr ungünstig. Doch bezieht sich dies in erster Reihe auf die Möglichkeit, eine feste Anstellung im Büro zu erhalten. Dies wird immer schwieriger, und auch die gezahlten Gehälter sind niedrig. Die Anfangsgehälter liegen zwischen 40 und 60 Pesos, später, bei Beherrschung der Landessprache, steigen sie, bleiben aber in der Regel ziemlieh niedrig. Gehälter von 80, 100 und 120 Pesos, vielleicht auch von 150 Pesos, sind im Büro häufig, die höheren dieser Gehälter aber nur, wenn man wenigstens auch das Englische recht gut beherrscht. Ein Gehalt von 200 Pesos für eine Bürostellung ist schon eine große Ausnahme. Wer allerdings als Verkäufer in einem guten Hause tätig ist, verdient durch Prozente vom Verkauf noch mehr. Doch sind solche Anstellungen nur nach längerem Aufenthalt im Lande und bei vollkommener Beherrschung der Landessprache zu erreichen. 32