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Jüdische Auswanderung · 1936-09-01 · September 1936 · p. Seite 8

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Journal
Jüdische Auswanderung
Volume
1936. Bestand LBI
Issue
September 1936
Date
1936-09-01
Page
Seite 8 (sequence 10)
Language
German
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nicht assimilierten Einwanderern aus allen möglichen Ländern Europas und Vorderasiens verständlich zu machen, — als vor allem ein großer Teil der Wehrpflichtigen sich dem Kriegsdienst mit dem Hinweis auf seine Zugehörigkeit zu fremden Nationalitäten entzog, und überdies ein Viertel der Eingezogenen aus Analphabeten bestand, da trat in den Vereinigten Staaten die Gefahr des nationalen und kulturellen Zerfalls kraß vor die Augen der Öffentlichkeit, und der Boden für scharfe Einwanderungsbeschränkungen war bereitet. Dieser innere Umschwung bedeutete aber gerade in den Vereinigten Staaten um so mehr, als hier der Glaube an die unfehlbare Wirkung des „Schmelztiegels", des amerikanischen „melting-pot", so stark gewesen war, daß man fast unbedenklich Jahr um Jahr gewaltige Scharen Fremder eingelassen hatte, in dem Vertrauen auf die assimilierende Kraft des amerikanischen Landes, der als vortrefflich angesehenen amerikanischen Institutionen und der amerikanischen Kultur. Wenn irgendwo, so mußte gerade hier in den Vereinigten Staaten, die sich selbst als das Land der Freiheit und der Menschenrechte fühlten und Jahrhunderte hindurch darauf stolz gewesen waren, die Zuflucht all derer zu sein, die aus politischen oder religiösen Gründen Europa den Rücken gekehrt hatten, die Wandlung von der liberalen Einwanderungspolitik der Vorkriegszeit zum Prinzip der Einwanderungsbeschränkung außerordentlich weitgehende Folgen haben. Gewiß sprachen auch wirtschaftliche Momente, wie die fast vollständige Erschließung des amerikanischen Gebietes durch die Masseneinwanderung in den Jahrzehnten vor dem Kriege, für eine Verringerung der Einwanderung, aber entscheidend waren nicht die wirtschaftlichen, sondern die politischen und weltanschaulichen Motive. Gerade deshalb entstand auch in den Vereinigten Staaten eine ausgedehnte Literatur mit prinzipiellen Auseinandersetzungen über die Gefahren der unbeschränkten Einwanderung für die kulturelle und politische Einheit der Nation, ja es entstand eine ganze Ideologie der Einwanderungsbeschränkungen. Eine Reihe einflußreicher Schriftsteller schilderte die Gefahren der Entstehung einer breiten, aus den Einwanderern der verschiedensten Nationalitäten bestehenden Unterschicht, die wirtschaftlich ausgebeutet, kulturell und politisch in keiner Weise mit dem Leben der Gesamtheit verbunden wäre; daraus wurde die Forderung einer zahlenmäßigen Beschränkung und einer sorgfältigen Auswahl der Einwanderung hergeleitet. In den Vereinigten Staaten fand diese grundsätzliche Wandlung dann in den Gesetzen von 1921, 1924 und 1929 immer schärfer ihren Ausdruck; die Einwanderung wurde immer stärker, bis auf einen Bruchteil ihres früheren Umfanges, herabgedrückt, obwohl die Wirtschaftslage, besonders 1929, beim Inkrafttreten des letzten Einwanderungsgesetzes, noch ungemein günstig zu sein schien. Die Nation hatte das Prinzip der Einwanderungsbeschränkungen angenommen, und selbst die Kreise, die früher die stärkste Opposition dagegen gemacht hatten, vor allem die großen Unternehmer, hatten ihren Standpunkt geändert. So werden die Vereinigten Staaten, deren Bevölkerungsdichte noch heute kaum ein Zehntel der deutschen beträgt, aller Wahrscheinlichkeit nach nie wieder ein Land der Masseneinwanderung großen Stiles werden; vielmehr spricht alles dafür, daß man nur eine sorgfältig ausgewählte, im Vergleich zur Gesamtbevölkerung zahlenmäßig geringe und schon deshalb leicht assimilierbare Einwanderung aufzunehmen bereit sein wird. Die Prinzipien der quantitativen Begrenzung der Gesamteinwanderung und der Bevorzugung der kulturell und rassisch nahe verwandten Nationalitäten innerhalb der Gesamteinwanderung sind die Grundlage der amerikanischen Quotengesetze. Wenn aber die Vereinigten Staaten, wirtschaftlich und politisch das weitaus mächtigste aller Einwanderungsländer, zum Prinzip der scharfen Einwanderungsbeschränkung übergingen, so war die unmittelbare Wirkung auf die Weltwanderungsbewegung eine doppelte. Auf der einen Seite hätte man erwarten müssen, daß der Auswanderungsstrom, der nicht mehr in die Vereinigten Staaten gelangen konnte, nun auf andere überseeische Länder abgelenkt würde, daß also die Einwanderung nach anderen überseeischen Ländern zunehmen würde. Tatsächlich läßt sich auch in einzelnen Fällen nachweisen oder wenigstens wahrscheinlich machen, daß sich der Auswanderungsdrang nach bestimmten überseeischen Ländern gerade infolge der amerikanischen Einwanderungsgesetze wesentlich verstärkte. (So dürfte die erste palästinensische Massen-Alijah im Jahre 1925 zum Teil auf die amerikanischen Einwanderungsbestimmungen von 1924 zurückzuführen sein.) Aber auf der anderen Seite rief gerade der Uebergang der Vereinigten Staaten zum Prinzip der Einwanderungsbeschränkung bei den meisten großen überseeischen Ländern ähnliche Reaktionen hervor. Um diese Wirkung zu verstehen, muß man sich vor Augen halten, daß von den 250 Millionen Einwohnern des amerikanischen Kontinents über 120 Millionen in den Vereinigten Staaten leben, und daß all die Erörterungen über die Gründe der Einwanderungsbeschränkungen in den USA. von vornherein sowohl in allen amerikanischen Ländern wie in den großen britischen Dominien (also außer Canada besonders Australien und Neuseeland, in gewissem Maße auch Südafrika) den stärksten Widerhall fanden. Es wirkte sich hier die Tatsache aus, daß die Vereinigten Staaten innerhalb der Gruppe der überseeischen Einwanderungsländer eine so überragende Stellung innehaben, daß Maßnahmen, die aus bestimmten Gründen dort getroffen werden, von den übrigen überseeischen Ländern zum großen Teil mehr oder weniger nachgeahmt werden, selbst wenn die Verhältnisse dort ganz anders liegen. Aber außer dem Beispiel der Vereinigten Staaten trug noch eine Reihe anderer Ursachen in den überseeischen Ländern dazu bei, auch hier in zunehmendem Maße Einwanderungsbeschränkungen hervorzurufen. Vor dem Kriege wirkte schon das Prestige Europas in der ganzen überseeischen Welt dahin, daß man in dem europäischen Auswanderer einen Kulturbringer sah. Nach dem Kriege, und in gewissem Grade bis heute, wirkte sich das verminderte Ansehen Europas dahin aus, daß der Europäer viel mehr als der Träger unerwünschter sozialer und internationaler Spannungen gilt, die man möglichst fernzuhalten wünscht. Dieses Motiv ist besonders spürbar in den Einwanderungsbeschränkungen solcher Staaten, die infolge allzu ungleicher Besitzverteilung ohnehin starke soziale Spannungen aufzuweisen haben und jede Möglichkeit, durch die Einwanderung verdächtiger Elemente die soziale Gärung zu vermehren, von vornherein ausschalten wollen. Hinzu kam das nach dem Kriege mächtig gesteigerte Selbstbewußtsein der überseeischen Staaten, deren wirtschaftliche und politische Kraft während des europäischen Ringens gewachsen war, und die ihr neues Prestige in einer veränderten Haltung zur europäischen Auswanderung an den Tag legten. Ein weiterer Faktor, der wesentlich zur Verschärfung der Einwanderungsbestimmungen beitrug, war der infolge des Weltkrieges in den meisten Ländern sehr gestiegene politische Einfluß der Arbeiterschaft, deren Gewerkschaften überall zu den Vorkämpfern der Einwanderungsbeschränkungen gehören, um eine Senkung der Löhne zu verhindern. Infolge all solcher Motive wuchsen auch in den andern überseeischen Ländern die Einwanderungsschranken immer zahlreicher empor — in den mannigfachsten Formen, aber mit der einheitlichen Wirkung, die Einwanderung unbemittelter Elemente, vor allem aus Süd- und Osteuropa, immer schwieriger zu machen. Eine Ausnahme von dieser Gesamttendenz läßt sich nur bei wenigen Staaten (wie etwa Ecuador) feststellen, die wirtschaftlich und politisch noch so unentwickelt waren, daß sie selbst die Einwanderung europäischer Elemente als eine Notwendigkeit empfinden; doch liegt es auf der Hand, daß die Bereitwilligkeit dieser Länder zur Aufnahme europäischer Auswanderer keinen Ersatz für die zunehmende Schärfe der Einwanderungsbestimmungen in den großen Ueberseeländern, wie den Vereinigten Staaten, Canada, Argentinien, Brasilien, Chile und Australien, bieten konnte und kann. Infolgedessen mußte der Gesamtumfang der europäischen Auswanderung stark abnehmen, wie es die oben wiedergegebenen Zahlen deutlich widerspiegeln. 8

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