Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1936. Bestand LBI
- Issue
- September 1936
- Date
- 1936-09-01
- Page
- Seite 7 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/6492429-9991062-9587816--139-9587825- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Weltwirtschaftliche Entwicklung und Einwanderungsbeschränkungen i. Die jüdische Auswanderung aus Deutschland, die Anfang Februar 1933 begann, erreichte nach den gemeinsamen Schätzungen der zuständigen jüdischen Organisationen in Deutschland (der Reichsvertretung, des Palästina- Amtes und des Hilfsvereins) bis zum 31. März 1936 einen Umfang von etwa 93 000 Menschen. Hiervon sind nur etwa 22 000 in überseeische Länder ausgewandert, während das kleine Palästina allein 31000 Menschen aufnahm und die verbleibenden 40 000 teils Rückwanderer in ihre osteuropäischen Herkunftsländer waren, teils in europäischen Ländern geblieben sind. Selbst wenn man in Betracht zieht, daß durch die Schwierigkeiten des Transfers nach fast allen anderen Ländern und die besonderen Transfermöglichkeiten für Palästina eine starke Beeinflussung zugunsten der Auswanderung in dieses Land eintreten mußte, so bleibt doch die Zahl der Juden, die in mehr als drei Jahren aus Deutschland nach Uebersee ausgewandert sind, erstaunlich gering, und zwar sowohl ihrem absoluten Umfang nach wie vor allem auch im Verhältnis zu den Ziffern der Auswanderung nach europäischen Ländern. Muß man doch bei jeder Betrachtung dieser Dinge von der Grundtatsache ausgehen, daß alle europäischen Länder außer Frankreich schon längst keine untervölkerten Einwanderungsländer, sondern im Gegenteil übervölkerte Auswanderungsländer sind, die in immer steigendem Maße ihren Arbeitsmarkt durch mannigfache gesetzliche und verwaltungstechnische Maßnahmen vor dem Zustrom von Ausländern schützen, und in die einzuwandern deshalb ein Schwimmen gegen den Strom bedeutet. Dagegen stellen Länder wie die Vereinigten Staaten, Kanada, Brasilien, Argentinien und Australien klassische Einwanderungsländer dar, Staaten, die überhaupt nur durch Einwanderung zu ihrer heutigen Bedeutung emporgestiegen sind, und die auch jetzt noch weite, mehr oder weniger menschenleere Gebiete besitzen, die erst durch neue Zuwanderung wirtschaftlich recht erschlossen werden können. Um zu ermessen, wie unbedeutend, ja fast winzig, die ganze bisherige jüdische Auswanderung aus Deutschland nach überseeischen Ländern gewesen ist, muß man sie mit den großen Wanderungsbewegungen vergleichen, die vor dem Krieg jahraus, jahrein, und in verringertem Umfang auch nach dem Weltkrieg, nach Uebersee stattgefunden haben. Vor dem Kriege waren die vier wichtigsten überseeischen Einwanderungsländer der Welt die Vereinigten Staaten, Kanada, Brasilien und Argentinien. In diese Staaten wanderten im Durchschnitt der Jahre 1901/05 fast eine Million (994 718) Europäer jährlich ein. Im folgenden Jahrfünft aber wurde die Millionengrenze sogar weit überschritten, ja die Auswanderung betrug im Jahresdurchschnitt fast I1/2 Millionen (1415177). Und selbst in den Jahren 1911/15, die doch schon den Beginn des Weltkrieges sahen, betrug die Durchschnittszahl noch immer 1299119 Auswanderer. Von dieser gewaltigen Höhe fiel dann die Auswanderung im folgenden Jahrfünft, in der Kriegs- und ersten Nachkriegszeit, auf etwa ein Fünftel (266 202). Nach den Friedensschlüssen aber erreichte die europäische Auswanderung in jene vier wichtigsten Einwanderungsländer selbst in den Jahren 1921/24 durchschnittlich nur die Höhe von 713 543 Köpfen, also nur etwa die Hälfte der letzten Vorkriegszahlen. Dann schwankte sie mehrere Jahre zwischen 450 000 und 600 000, um noch weiter abzusinken und gerade in der Zeit der Weltwirtschaftskrise, in der in den Auswanderungsländern die furchtbarste Massenarbeitslosigkeit herrschte, fast zum Stillstand zu kommen. Im großen gesehen herrscht dieser Zustand bis jetzt noch immer an, obwohl in den wichtigsten überseeischen Ländern die Krise weitgehend überwunden ist, ja in manchen, wie Südafrika, geradezu von einer Hochkonjunktur gesprochen w7erden kann. II. Sucht man nach den Ursachen für diese erstaunliche Verringerung der internationalen Wanderungen, so liegt es auf der Hand, daß sie bis jetzt nur zu einem geringen Teil auf seiten der Auswanderungsstaaten gelegen haben. Gewiß hat vor allem eines der größten Auswanderungsländer der Welt, Italien, unter dem Einfluß der faschistischen Staatsauffassung die Auswanderung immer schärfer gedrosselt und teilweise an die Einwanderungsstaaten Forderungen bezüglich der dauernden Kontrolle italienischer Auswanderer durch die Behörden des Heimatlandes gestellt, die von großen Einwanderungsstaaten zurückgewiesen wurden. Gewiß hat auch die veränderte psychologische Einstellung vor allem der englischen Arbeitermassen nach dem Kriege, die nicht mehr, wie früher, den Drang haben, hinauszuziehen und selbst unter schwersten Entbehrungen sich in einem neuen Lande unabhängig zu machen, sondern jetzt viel stärker dazu neigen, im Vertrauen auf staatliche Sozialversicherungen usw. in der Heimat zu bleiben, auf die Auswanderungsbewegung hemmend gewirkt. Aber auf der anderen Seite war gerade in der Nachkriegszeit und ist in vieler Hinsicht bis heute in dem wirtschaftlich verarmten und politisch aus tausend Wunden blutenden Europa der Auswanderungsdrang so stark, daß im ganzen gesehen die Wanderungsbewegung nicht schwächer, sondern stärker gewesen wäre -als vor dem Weltkrieg, hätten nicht die überseeischen Staaten ihrerseits in zunehmendem Maße die Einwanderung erschwert. Es ist für die richtige Erkenntnis auch der jüdischen Auswanderungsfrage in Deutschland notwendig, sich einmal der Motive bewußt zu werden, die zu den großen Einwanderungsbeschränkungen der Nachkriegszeit geführt haben und heute ihre Aufrechterhaltung selbst dort bewirken, wo das wirtschaftliche Interesse der betreffenden Staaten ihre Aufhebung oder wenigstens Milderung verlangen würde. Die mächtigsten Motive zu den Einwanderungsbeschränkungen liegen in den Erfahrungen der Vereinigten Staaten während der Kriegszeit. Die Vereinigten Staaten, die in den letzten Jahren vor dem Kriege allein durchschnittlich über eine Million Einwanderer aufgenommen hatten, mußten während des Weltkrieges die erschütternde Entdeckung machen, daß all die Millionen neu eingewanderter Europäer ihre Anhänglichkeit an ihre Heimatstaaten größtenteils bewahrt und die innere Wandlung zum Amerikaner nicht durchgemacht hatten. Auch der äußere Grad der Assimilation blieb weit hinter den Erwartungen zurück. Als auf den amerikanischen Truppenübungsplätzen Dolmetscher für über 40 Sprachen angestellt werden mußten, als man in Industriestädten wie St. Louis Maueranschläge in 26 Sprachen anbrachte, um sich all den noch 7