Mannheim
Compact Memory

Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen · 1935-09-01 · September 1935 · p. Seite 84

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen
Volume
1935. Bestand LBI
Issue
September 1935
Date
1935-09-01
Page
Seite 84 (sequence 86)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/6492417-9587701-10032093--583-9587787
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

kann hier nur ein Handwerker finden und selbst er liai es nicht leicht. Vor allen Dingen darf es nur ein Könner wagen, hierher zu kommen. Ks hat keinen Zweck, wenn jemand glaubt, mit geringen Kenntnissen verdienen zu können. Die Arbeitslagc ist z. Zt. sehr gut. Der beste Beweis aber dafür, daß es schwer ist, hier eine Stelle zu finden, dürfte der sein, daß trotz der guten Arbeitslage immer noch eine nicht zu unterschätzende Anzahl Erwerbsloser herumlaufen. Es hört nur niemand davon, weil ähnlieh wie vor .fahren in Amerika, hier keine Statistik geführt wird und dadurch auch keine Zahl angegeben werden kann. Wenn jemand kommen will, muß er Handwerker sein, viel und gut arbeiten können, bei der Einreise dem Einreiseofficer £ 100 vorlegen können, das Komitee übernimmt keinerlei Garantie mehr; er muß damit rechnen, dal.! er längere Zeit nach einer Stelle suchen muß, und die Reise unter allen Umständen auf eigenes Risiko unternimmt. Es kann niemand für eine Stelle sorgen, selbst die eigenen Angehörigen nicht. Selbstverständlich wird jeder sein Möglichstes tun, dem Neuankömmling behilflich zu sein." Aus einer Mitteilung von Ende Dezember ging hervor, welchem Wandel und welchen Schwankungen die Entwickelung unterworfen ist. .,Seit etwa zweieinhalb Monaten jedoch ist die Johannesburger Börse strikte rückläufig und das hat Viele die ganzen Riesengewinne der Vormonate gekostet und Manchen noch einiges darüber hinaus. Abgesehen von Liquidationsverkäufen werden nahezu keine Umsätze erzielt." Anfang Februar 1935 aus Jacobs bei Durban. Ich bin nun etwa V2 Jahr in Südafrika, habe bereits in 3 von den 4 Provinzen der Union gelebt und gearbeitet, bin dadurch heute immerhin allgemein etwas orientiert. — Sofort nach meiner Ankunft konnte ich anfangen zu arbeiten; ohne Empfehlung oder Inanspruchnahme des Komitees. Diese Art Start ist durchaus nicht immer die Regel, und ich habe diesen guten Anfang wohl in der Hauptsache meinem für dieses Land günstig liegenden Beruf zuzuschreiben. Bin Monteur, Dreher und Schweißer. (Gerade letzteres wird gut bezahlt). Unter all unseren Leuten habe ich in den verschiedenen Städten keinen getroffen, der ein Handwerk beherrscht, ganz gleich welcher Art, und der ohne Stellung gewesen wäre. Es werden hier dauernd erfahrene Zimmerleute für die Neubauten, dto. Elektrotechniker, dto. Maurer, dto. Riecharbeiter und Rohrleger gesucht; solche Leute sind spielend leicht momentan unterzubringen. Ganz besondere Möglichkeiten haben die genannten Elektrotechniker, denen sich auch vor allem das riesige Arbeitsfeld der verschiedenen Minen eröffnet, wo sie täglich gesucht werden. Immerhin gute Chancen hätten aber außerdem noch einige Autonionteure und -Schlosser (Johannesburg), einzelne Schaufensterdekorateure mit wirklicher Erfahrung und Ausbildung Schule Reimann, auch wird sich ein tatsächlich sehr guter Reklamezeichner mit Erfahrung recht schnell durchsetzen können, da die Konkur renz noch klein ist. Schneiderinnen, Maschinennäherinnen, Putzmacherinnen sind täglich in Arbeit zu bringen. Sehr geringe Aussichten haben dagegen die Kaufleute selbst mit den besten Fähig keiten; das Land hat weit mehr als genug eigene Kaufleute. Wer mit viel Geld herkommt, sich eine Weile erst mit den Verhältnissen vertraut macht, kann sich wahrscheinlich in irgendeiner Weise selbständig niederlassen. So richteten z. R. in Johannesburg vor einigen Monaten 3 Süddeutsche einen sehr geschmackvollen Laden für „Continental Novelties" ein an der Hauptstraße der Stadt, wie es auf so hohem Niveau bisher dort noch keinen gab. — Nun zu den kaufmännischen Angestellten. Diesen eröffnen sich tatsächlich keine Aussichten für die Zukunft. Unter vielen Schwierigkeiten und meist nach langer Zeit gelingt es, ihnen eine Position zu verschaffen, in der sie jedoch meist 1. schlecht bezahlt und 2. oft ausgenutzt werden, ohne daß sich ihnen Aufstiegsmöglichkeiten bieten. Dabei ist durchaus nicht gesagt, daß sie eine Stellung finden; ich kenne sehr viele, die nichts finden konnten. Den Vertretern ist von vornherein jede Chance genommen 1. wegen Ueberfüllung dieses Berufs und 2. weil keine Firma einen Reisenden einstellt, der nicht einen ihm persönlich genau bekannten Kundenkreis besitzt. Ich möchte Sie warnen, irgend einem Kaufmann im Augenblick zur Ueberfahrt hierher zuzuraten, es sei denn, er verfügt über größere Mittel. Der beste Landungsplatz bleibt Capetown. Ich wohne jetzt nahe bei Durban und wollte für einen Freund, der hier landen wollte, das hiesige Komitee in Anspruch nehmen. Dabei mußte ich feststellen, daß es hier keine richtige Gemeinde und noch weniger ein Komitee gibt. Kapstadt, Februar 19 3 5. „Sie werden sich gewiß schon wundern, daß Sie bis heute noch kein Schreiben erhalten haben. Erst wollte ich mich etwas umsehen, um Ihnen wenigstens einigermaßen ein ungefähres Bild von hier zu geben. Was ich bis jetzt gemerkt habe, ist es für Frauen eigentlich leichter unterzukommen, zumal, wenn sie in den Haushalt gehen wollen. Es bestehen keine schlechten Aussichten für gute Zuschneiderinnen, Putzmacherinnen, Friseusen. Im Moment ist keine Frau arbeitslos. Die Anfangsgehälter (ich mochte natürlich bemerken, daß ich keine perfekten Kräfte meine), sind sehr klein. Als Beispiel will ich angeben, daß ich mit 17,6 Schillingen begonnen habe. Die Lebensverhältnisse sind so, daß eine Einzelperson ca. £ 8.—.— braucht. Für Männer ist die Sache schwie riger. Trotzdem bin ich der Meinung, daß mit der Zeit doch alle unterkommen. Die jungen Kaufleute beginnen meistenteils zwar mit £ 5.—.—. In letzter Zeit macht sich ein Fortzug aus Kapstadt bemerkbar. Viele fahren nach Johannesburg und der Rest in die anderen Städte. Die jungen Leute denken fast alle, Johannesburg ist größer und besonders wichtig — Industriestadt. Kaufleute, die hierher kommen, müssen die englische Sprache wirklich perfekt beherrschen. Sie können mir glauben, wenn die Leute auch der Meinung sind, die Sprache in Afrika schneller zu erlernen, so dauert es viel länger hier. Unter uns wird deutsch gesprochen." J 0 h a n n e s b urg, M i 11 e F e bruar 1 9 3 5. Es dürfte die Gesamtzahl der seit 1. April 1933 nach Südafrika eingewanderten deutschen Juden zwischen 800 und 1000 liegen. Die Zahl der Unbeschäftigten ist im ganzen ungefähr 60. In der obengenannten Zahl sind auch Frauen und Kinder Eingewanderter enthalten, die ja nur zum geringen Teil Familie gehabt haben — der größte Teil sind junge Leute zwischen 18 und 25. Auch heute gilt das, was ich bereits früher wiederholt gesagt habe, nämlich, daß Handarbeiter jeder Art. Schlosser, Motorenschlosser. Autoschlosser, Friseure, Sehneider, Zuschneider, Schneiderinnen, Zuschneiderinnen, Friseusen, überhaupt jede Art gewerblichen Berufes innerhalb sehr kurzer Zeit bei verhältnismäßig sehr guter Bezahlung Unterkommen finden. Die Höhe der Bezahlung wird in den meisten Fällen dadurch gewährleistet, daß für wohl alle handwerklichen Berufe eine „Union" besteht, die dafür sorgt, daß die festgesetzten, für unsere Verhältnisse sehr erheblichen Mindestlöhne seitens der Arbeitgeber nicht unterschritten werden. Unterschreitungen sind sehr empfindlichen Geldstrafen ausgesetzt. Auch Immigranten können ohne größere Schwierigkeit ihrer „Union" beitreten, doch besteht kein Zwang hierzu mit Ausnahme einiger Berufsgruppen (Drucker. Bügler z. B.). Jedoch ist ein Arbeitnehmer auch dann unter Schutz, wenn er der Union nicht angehört. Eine gesetzliche Unterschreitung der Mindestlöhne ist möglich; in diesem Fall müssen Arbeitgeber und Arbeitnehmer auf einem Formular ihr Einverständnis geben und die Gründe genau angeben. Das weitere unterliegt dann behördlicher Genehmigung, die aber nur in Einzelfällen und nur sehr selten erteilt wird." J ohannesburg, E 0 d e M ä r z 1 9 3 5. Bezüglich der Beschäftigung der hiesigen Auswanderer ist zu sagen, daß einige sich mehr oder weniger mit Erfolg mit Einzelhandels- oder kleineren Fabrikalionsgeschäften selbständig gemacht haben, andere versuchen als Agenten Produkte abzusetzen; eine ganze Anzahl insbesondere jüngere Leute sind als Angestellte in hiesigen Großhandels- und Importhäusern untergekommen, ein paar Leute laufen als Hausierer herum; Handwerker, Ingenieure, Architekten sind in ihren gelernten Berufen beschäftigt. Bedarf dürfte — soweit man das aus Zeitungsinseraten schließen darf — vorhanden sein an perfekten Damenfriseusen, Putzmacherinnen, Kindergärtnerinnen und -Erzieherinnen, außerdem nach wie vor an wirklich gelernten Handwerkern aller Art. Es ist jedoch sehr schwer, etwas positives zu sagen, weil grade verantwortungsbewußte Leute unter den Alteingesessenen in der Erteilung von Auskünften sehr zurückhaltend sind und sagen: „jeder muß für sich probieren." Das ist allerdings immer noch besser als das Verhalten anderer Leute, die ohne wirkliche Fachkenntnisse auf den blauen Dunst hin Auskünfte erleilen und Versprechungen machen. Es wird hier von einem deutschen Anstreicher berichtet, der bereits am zweiten Tage seines Hierseins eine Stelle fand und etwa £. 30.— im Monat verdient. Andererseits haben Leute, die nur in Umschichtungskursen eine oberflächliche Bildung genossen hatten, .Schwierigkeiten gehabt und sind wieder zu kaufmännischen Berufen zurückgekehrt. Der Grund ist darin zu suchen, daß die Gewerkschaften hier eine untertarifliche Bezahlung von Handwerkern nicht gestatten. Wer also nicht soviel kann, daß er den vollen Tariflohn auch wert ist. kann überhaupt nicht handwerklich beschäftigt werden. Port Elizabet h. Mai 1 9 3 5. Ich traf in Cape-Town gerade zu Weihnachten ein, und es war während dieser Zeit wenig zu unternehmen, da viele maßgebende Leute in Sommerferien waren. Da ich hörte, daß der Mechaniker- und Ingenieurberuf nicht besonders aufnahmefähig mehr sei, speziell in Cape-Town, versuchte ich gleich in meiner anderen Branche, in der ich zuletzt tätig war, Süßwarenfabrikation, eine Stellung zu finden. Ich hatte das Glück, schon nach 3 Wochen in Beziehung zu einer hiesigen Süßwarenfabrik zu kommen, wurde probeweise angenommen und habe inzwischen schon einen kleinen Fortschritt zu verzeichnen. Ueber die augenblicklichen Berufsaussichten möchte ich sagen, daß diejenigen, die ein Handwerk verstehen, am besten dran sind, sie müssen nicht allzulange suchen und werden auch einigermaßen bezahlt, während andere, ohne handwerkliche oder fabrikatorische Kenntnisse u. U. lange suchen müssen und auch oft sehr 84

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.