Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen
- Journal
- Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen
- Volume
- 1935. Bestand LBI
- Issue
- September 1935
- Date
- 1935-09-01
- Page
- Seite 83 (sequence 85)
- Language
- German
- Belongs to
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werklich und landwirtschaftlich geschulte Leute, für Schneiderinnen. Putzmacherinnen sind immer noch reichlich Unterbringungsmöglichkeiten vorhanden. Aeltere Leute, d. h. Leute über 30 Jahre, sollten nicht hierher kommen. Auch für Kaufleute aller Art ist im Augenblick nicht viel Raum. Der bisherige Zustrom muß erst einmal ganz allmählich aufgesogen werden, denn schließlich herrscht auch hier im Lande eine gewisse Arbeitslosigkeit. — Es ist außerordentlich wichtig, darauf hinzuweisen, daß aus Nachrichten aus Südafrika hervorgeht, daß dort ..Fachleute", wie Ingenieure. Mechaniker, Radioleute, hinkommen, die keine Fachleute sind. Fs ist vorgekommen, daß eine Entlassung wegen mangelnder Berufsqualifikation schon nach 24 Stunden erfolgt ist. Es wird also betont, daß nur wirklich qualifizierte Personen Aussichten auf dauernde Anstellung haben, und die Ausbildungszeit sich deshalb vielfach auf eine Reihe von Jahren erstrecken muß. Sogar die gut ausgebildeten Kräfte erlangen zuerst vielfach nur eine Stellung, die schlecht bezahlt wird. Es bestehen auch besondere Schwierigkeiten für bestimmte Berufe, wegen der örtlichen Vorbedingungen für dieselben und im Hinblick auf vielfach erfolgte Besetzungen von Stellungen. Von privater Seite wurde uns aus Kapstadt folgendes mitgeteilt: Die Berufsaussichten für Elektroingenieure sind nicht sehr gute. Es wird ein Examen am hiesigen Technical College verlangt, für das völlige Beherrschung der englischen Sprache Voraussetzung ist. Abgesehen davon, ist eine ganze Anzahl Mechaniker und Elektriker bereits eingewandert, und es ist recht schwierig, sie unterzubringen. Fs folgen zwei weitere interessante Privatbriefe von Personen, die in Südafrika bald reüssierten und die Verhältnisse optimistisch beurteilen. Der Eine schrieb Ende Oktober 1934 wie folgt: „Ich bin Anfang Mai herausgekommen, und bin, ohne in Kapsladt längeren Aufenthalt zu nehmen, via Durban nach Johannesburg gegangen. Innerhalb von 10 Tagen habe ich eine Stellung als Monteur in einer Eisenkonstruktionsfabrik gefunden gegen die außerordentlich gute Bezahlung von £ 6.12.— die Woche. Es herrschte in Johannesburg und herrscht auch noch heute großer Mangel an qualifizierten Arbeitern, Leuten, die eine technische Zeichnung lesen können, einen Schweißapparat bedienen können, oder auch nur mit einem Zollstock umgehen können. Obengenannte Stellung habe ich nach etwa 4 Wochen aufgegeben, einmal weil ich kein Englisch lernte in dem Umgang mit Natives, die noch schlechter sprachen als ich, dann aber auch, weil in dieser Stellung keinerlei Zukunftsaussichten waren, nach denen ich anfing, mich umzusehen, als sich meine erste Nervosität gelegt hatte. Nach einer sehr kurzen Zeit, 3 Wochen, bin ich bei einer Gesellschaft, die Maschinen fabriziert, eingestellt worden. Ich kann im Augenblick noch nicht übersehen, ob ineine Firma den für eine Spezialaufgabe mit mir geschlossenen Vertrag verlängert, was ich aber annehme und hotte. Sie ersehen aus Obigem, daß sich bei mir alles außerordentlich günstig entwickelt hat, ich habe mein mitgebrachtes Geld nicht einmal angreifen brauchen. Es handelt sich dabei aber wohl um eine mehr oder weniger einmalige glückliche Lösung, die man nicht verallgemeinern dart. Bei Ingenieuren, speziell jungen, liegt die Sache so, daß sie wohl ziemlich sicher eine Anstellung als Arbeiter finden können, mit einem Lebensstandard, der erheblich über dem des europäischen Arbeiters steht. Aus dieser Stellung zum Lebenfristen muß sich dann früher oder später mit etwas Glück eine Stellung für die Zukunft ergeben. Bauingenieure und Ingenieure mit Spezialkenntnissen wie Radio oder Tonfilm werden sofort eine gut bezahlte, standesgemäße Stellung finden. Kaufleute, ganz allgemein ohne spezielle Warenkenntnisse, haben es außerordentlich schwer, schon allein deshalb, weil die Sprachunterlegenheit hier eine Holle spielt. Sowie irgendwelche speziellen Warenkenntnisse vorhanden sind, gibt es sicher Möglichkeiten in einem der vielen Bazare oder in der sich außerordentlich entwickelnden einheimischen Industrie. Für Stenotypistinnen soll die Lage außerordentlich günstig sein. Ich kann das selbst nicht beurteilen, kann es mir aber gut vorstellen. Mit guten englischen Kenntnissen müßten Stenotypistinnen hier sicher vorwärtskommen. Zusammengefaßt würde ich nur jungen Leuten, die über eine Spezialkenntnis verfügen, raten, herauszukommen, dann ist es ziemlich sicher, daß sie hier vorwärtskommen. Es kommt meist nur darauf an, das Sprungbrett zu haben; zu zeigen, dat.! man mehr als der Durchschnitt kann, ist hier dann meist nicht schwer." Johannesburg, An l ang Dezember 1934. „Sie erinnern sich sicherlich noch an uns und interessieren sich sicher auch für unser Leben in Südafrika. Ja. wir sind nun schon fast ein halbes Jahr hier im Lande, und wir sind glücklich, den Schritt unternommen zu haben. Nachdem wir in Kapstadt schon am zweiten Tag unserer Ankunft beide gearbeitet haben, haben wir gleich geheiratet, mein Mann war bei einem Juwelenfabrikanten und ich in einem Modesalon tätig. Wir verdienten aber gleich das zum Leben Notwendige. Aber Kapstadt war. trotzdem es uns privat gut gefiel, geschäftlich nicht das Gebiet für meinen Mann. Also auf nach Johannesburg. Mein Mann hat sich hier selbständig gemacht, und wir müssen sagen, daß alle Geschäftsleute in unserer Branche uns fabelhaft aufgenommen haben und Aufträge geben. Für den Anfang sind wir sehr zufrieden. Aber auch ich arbeite fest mit, ich habe eine feine Stelle in einem der besten Juwelengeschäfte im Zentrum Johannesburgs als Verkäuferin. Wer in diesem Lande den Willen zum Arbeiten hat, hat Erfolg und bekommt Stellungen, soviel er will, und wenn man zum Willen noch etwas gelernt hat, und sich anpassen kann, dann hat jeder Erfolg. Ich hörte von Freunden, daß das Hilfskomitee sehr aktiv arbeiten soll. Das Leben ist hier viel, viel teurer als in Kapstadt, dafür sind aber die Verdienstmöglichkeiten erheblich größere. Johannesburg ist eine ausgesprochene Großstadt mit viel, viel Leben und viel reichen Leuten. Das Klima ist erträglich, besonders dadurch, daß wir täglich Gewitter und Regen haben, was bei den 1800 Meter Höhe eine angenehme Abkühlung mit sich bringt. Wenn junge Menschen herüberkommen wollen, dann sollen Handwerker, und nochmal Handwerker kommen, für solche ist immer Arbeit da. Ich will Ihnen ein kleines selbsterlebtes Beispiel geben. Mit uns an Bord kam ein junger jüdischer Bursche raus, der im letzten Jahre Schlosser gelernt hat, er konnte nach ungefähr 2 Wochen in einer Garage als Mechaniker anfangen und verdient durchschnittlich £ 30. Der Junge ist sehr tüchtig. Ein junger Anwalt ist nun 5 Monate hier und konnte noch nichts finden. Hier sind 2 Juristen, sie haben einen Fruchtladen, der fabelhaft geht. Sie sehen, wer unternehmungslustig ist und den Kampf ums Dasein richtig aufnimmt, hat Erfolge." Ueber die Errichtung einer kleinen Gemeinschaftssiedlung im Bechuanaland ist uns im Januar 1935 folgender Bericht zugegangen: „Der Leiter eines Komitees hat auf einem seiner Güter im Bechuanaland, nahe bei Mafeking, eine kleine Siedlung errichtet, wo in diesem Augenblick 10 Auswanderer in einer Art Gemeinschaftssiedlung sind. Bis jetzt konnte er keinen Beistand von lokaler Seite erlangen, um diese Siedlung gleich auf eine ökonomische Basis zu stellen. Unterdessen jedoch dient sie dazu, diesen Leuten ein Dach und genügend für ihre Existenz zu geben, und er hofft, daß im Laufe einiger Monate er imstande sein wird, einige seiner Freunde genügend zu interessieren, sich mit ihm an den Kosten der Etablierung zu beteiligen, da es seine eigenen Mittel übersteigt, die Kosten des ganzen Unternehmens zu tragen. Er wünscht wirklich die Möglichkeiten der Siedlung deutscher Auswanderer auf dem Lande dort zu erproben, und nur. wenn sein Experiment erfolgreich ist, will er sich an andere Komitees zwecks Siedlung anderer wenden. Die Lage in Südafrika hat sich nicht sehr seit dem letzten Bericht geändert. Es ist bestimmt Platz für geschulte Handwerker, wie Zimmerleute, Kunsttischler. Schneider, Schlosser etc. Aber es isl unrätlich, Kaufleute oder Angehörige freier Berufe zu senden." In nachfolgendem Auszug aus einem Schreiben von Anfang Januar aus Johannesburg werden die großen Schwierigkeiten betont, die sich für einen Existenzaufbau bieten. Es wird darin Stellung zu den Ausführungen des Briefschreibers vom Oktober 1934 genommen: „Der Herr schreibt z. B., daß er 10 Tage nach seiner Ankunft bereits eine Stelle fand und wöchentlich £ 6/10 bezahlt bekommt. Das kann wohl sein. Aber es ist ausgeschlossen, daß Leute, die herauskommen, damit rechnen können. Im Gegenteil, es muß jeder rechnen, daß er unter Umständen monatelang nach einer Stelle suchen muß, um dann schließlich bei einem sehr bescheidenen Anfangslohn, der oft noch nicht die Hälfte des genannten Betrages ausmacht, erst einmal das zu verdienen, um sich über Wasser halten zu können. Außerdem schreibt er, daß es Handwerker gibt, die noch nicht einmal mit einem Zollstock umgehen oder eine Zeichnung lesen können. Das ist eine Uebertreibung. Es stimmt, daß die hiesigen Handwerker teilweise bescheidene Kenntnisse besitzen, dabei darf man aber nicht vergessen, daß es auch außerordentlich tüchtige Leute gibt, die vor allem sehr, sehr vielseitig sind. Schlechte Arbeiter gibt es schließlich überall. Unterkommen 83