Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen
- Journal
- Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen
- Volume
- 1935. Bestand LBI
- Issue
- September 1935
- Date
- 1935-09-01
- Page
- Seite 75 (sequence 77)
- Language
- German
- Belongs to
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Wochenschrift No. 19 vom 10. Mai 1935 ist folgendes entnommen : .....Zum Schluß möchte ich noch einiges über die Lebens¬ und Arbeitsverhältnisse der Aerzte sagen. Nur wenigen gelang es, eine feste Verpflichtung von Hans aus (von Europa oder Amerika) zu erhalten, sei es in Diensten der äthiopischen Regierung oder in irgend einer ausländischen Mission. Die Lage dieser wenigen Begünstigten ist ausgezeichnet. Die Abessinier haben gleich von Anfang an Vertrauen zu ihm und die Europäer Achtung. Die meisten Aerzte aber kamen auf eigenes Risiko heraus und mußten sich erst durch große Schwierigkeiten hindurcharbeiten. Das durch die vielen in Aethiopien gewesenen Abenteurer gesäte Mißtrauen macht ihnen da anfangs die meisten Schwierigkeiten. Wer genügend moralisches und vor allem auch pekuniäres Rüstzeug mit sich führt, und diese Epoche der Passivität, die oft viele Monate dauern kann, siegreich überwindet, wem es gelingt, einen Kreis von Patienten zu werben, der hat eigentlich das Kriterium überstanden. Hierbei spielt die Individualität eines jeden Einzelnen eine große Rolle. Es kommen Menschen von derselben Nation, derselben Bildung. Der eine ist nach einem Jahr schon ein „lancierter" Mann, und der andere bleibt auf immer im Schatten. Für letzteren ist am besten, wenn er kann, die Koffer zu packen und den Staub Abessiniens von seinen Schuhsohlen zu schütteln. Eine andere Schwierigkeit bedeutet die schwache Zahlungsfähigkeit der Bevölkerung. Das abessinische Volk ist arm an Geld und Gut und kann die ärztlichen Leistungen nicht nach ihrem Wert bezahlen. Dazu kommt noch der Umstand, daß sie schon seit Jahrzehnten daran gewöhnt sind, ärztliche und medizinische Hilfe gratis von einer der zahlreichen Missionen zu erhallen. Bis zur russischen Revolution im Jahre 1917 war das älteste Hospital in Abessinien das von der russischen Regierung unterhaltene Menelikhospital in Addis-Abeba. Alle Aerzte waren russische Militärärzte. Dann ist das Hospital von der französischen Regierung übernommen worden. Das Ras Makonnen-Hospital in Harrar wird ebenfalls von der französischen Regierung subsidiert. Auch die reichen Abessinier sind sparsam veranlagt und zweitens ebenfalls an die freie Behandlung der Hospitäler gewöhnt. Und nun die europäischen Patienten. Viele sind wirklich arm und können sich einen Arzt nicht leisten, die anderen, die gut bezahlten, sind sparsam, denn sie wissen nie, wie lange sie ihre Stellung noch haben werden. Eigentlich „wohlhabende" Leute gibt es hier nicht, wie man es doch in einem von Natur aus so reichen Lande erwarten müßte. Demoralisierend ist noch die koloniale Tradition, lange Kredite zu geben, die oft bis in die Unendlichkeit hinausgezogen werden. Die meisten Aerzte, die in Abessinien gelebt und es verlassen haben, hinterließen lange Listen von nicht einkassierten Rechnungen, die sie auch niemals einkassieren konnten. Ebenso ging es auch einigen hier verstorbenen Kollegen. Es gehört viel Energie und Selbstbewußtsein dazu, sich hier anständig und möglichst pünktlich bezahlen zu lassen. Diese Energie und die Tatsache, daß die Einkassierung auch wirklich durchgeführt wird, imponiert den Leuten und schadet nichts in ihren Augen. Vor etwa 10 Jahren wurde hier ein Verband der diplomierten Aerzte, Zahnärzte und Apotheker durch den zurzeit in Diré-Daua weilenden Professor Renault gegründet. Dieser Verband hat 5 Jahre gut geblüht, ist aber heute leider, ohne je aufgelöst zu sein, eingeschlafen. Das ist sehr zu bedauern, da er die einzige Gelegenheit war, die medizinisch arbeitenden Kreise zusammenzubringen. Außerdem brachte er auch viel Anregungen. Zum Abschluß kann man wohl sagen, daß im großen und ganzen in Abessinien, besonders aber in Addis-Abeba, alle einzelnen Einrichtungen wie Hospitäler, Kliniken ebenso wie private Praxis mit großem Interesse und mit peinlicher Gewissenhaftigkeit arbeiten. Nur ist die medizinische Hilfe in Abessinien noch nicht in ein System gefaßt. Manches könnte sich viel besser gestalten, wenn es nach einem einheitlichen Plan vorgesehen wäre. In den letzten 10 Jahren ist kolossal vorwärts geschritten worden. Der Puls des Lebens schlägt in diesem Lande immer lebhafter, und es ist nur eine Frage der notwendigen Zeit, daß auch diese organisatorische Frage in ein einheitliches System geleitet wird. Wir fügen eine von „Ose" gegebene Auskunft vom Ende Mai 1935 noch hinzu: Die Aussichten für frei praktizierende Aerzte sind in Abessinien schlecht. Eine verhältnismäßig große Anzahl von euro päischen Aerzten hat sich in Addis-Abeba niedergelassen. Das Volk ist so arm und bedürfnislos, daß es einen Arzt nicht bezahlen kann. Ferner existieren in Addis-Abeba mehrere Missionskrankenhäuser, die Patienten in den meisten Fällen umsonst behandeln. Gute Aussichten hätte nur ein Zahnarzt, der über große Frfahrimg verfügt und auch in der Enge ist, die technischen Arbeiten selbst auszuführen. Aus einem Briefe vom Mai 1935 führen wir noch an: Der hiesige Handel ist zur Zeit ganz tot. Infolgedessen ist das Volk ganz verarmt, und überhaupt von der Großartigkeit der Bodenschätze Abessiniens etc. ist gar nichts zu merken. His auf weiteres kommt Abessinien für Einwanderung im allgemeinen nicht in Frage. Aegypten. Das Königl. Aegyptische Konsulat hat uns mitgeteilt, daß für die Erteilung des Visums „die in Frage kommenden Bestimmungen je nach dem Einzelfall des betr. Reisenden sowie dem Zweck seiner Reise maßgebend sind." Nach einer Information, die wir erhalten haben, bietet Aegypten eventuell Möglichkeiten für deutsche Zahnärzte, sofern sie englisch sprechen. Vorherige Erkundigungen sind jedoch unter allen Umständen erforderlich. Um dort praktizieren zu können, genügt das deutsche zahnärztliche Diplom. Angola. Im Korrespondenzblatt vom August 1934 haben wir bereits eine ausführliche Darstellung über Angola unter besonderer Berücksichtigung der Verhältnisse und Möglichkeiten auf landwirtschaftlichem Gebiete gebracht. Wir lassen weitere Informationen folgen: Für Angola muß jeder Ausländer, der sich in der Kolonie niederlassen will, bei den Hafenbehörden 5000 Angolares als Garantie-Depot hinterlegen und bei einer Angolabank ein Kapital von mindestens 50 000 Angolares nachweisen, wenn er sich als selbständiger Kaufmann, Industrieller oder Farmer niederlassen will, bezw. einen einwandfreien Anstellungsvertrag vorlegen können, falls er in der Kolonie im Angestelltenverhältnis leben will. — Angola ist die größte portugiesische Kolonie und liegt an der Westküste von Afrika; es ist im Norden und Nordosten durch Belgisch Kongo begrenzt, im Südosten durch Rhodesien, im Süden durch Südwestafrika und im Westen durch den Atlantischen Ozean. Angola hat der Schätzung nach eine Fläche von 510 670 englischen Quadratmeilen und eine Küstenlinie von über 1300 Meilen. Die eingeborene Bevölkerung wurde 1932 auf 4 Millionen, die weiße Bevölkerung wird auf 40 bis 50 000 geschätzt. Die ausländische weiße Bevölkerung — nach Angaben von 1934 — betrug: Deutsche 488, Engländer 258, Südafrikaner 141, Angehörige der Vereinigten Staaten 121, Italiener 95, Belgier 79; im Ganzen 1461. Obwohl es beträchtliche Gebiete enthält, die für europäische Siedlung geeignet sind, von wechselnder Fruchtbarkeit, ist die Entwicklung der Kolonie noch in den Anfangsstadien, und das Land hat die Last von über 8 Millionen £ Schulden zu tragen. Es ist hauptsächlich Agrikulturland. Die Höhenverschiedenheit erlaubt die Kultivierung sowohl tropischer, wie europäischer Pflanzen. Vieh gedeiht in gewissen Teilen und Viehzucht ist in der Entwicklung. Die Küste ist reich an Fischen, besonders im Süden, von wo getrockneter Fisch exportiert wird. Kaffee ist in den meisten Jahren die wertvollste Ernte und wächst wild in der nördlichen Hälfte von Angola, wo er leicht kultiviert wird. Zucker ist von wachsender Wichtigkeit. Palm-Oel und Kerne sind auch wichtig, aber die Produktion ist noch nicht sehr entwickelt. Andere Pflanzen sind: Baumwolle, Weizen, Tabak, Kakao und Sisal. Das Land ist reich an Diamanten. Die einzigen produzierten oder exportierten andern Mineralien sind Salz und Kupfer. Klima: Auf dem Inlandplateau dauert der Regenfall von September bis April mit einer im allgemeinen trockenen Zeit im Januar. Der Regenfall ist ungefähr zwischen 50 bis 60 Zoll. Das Leben ist im allgemeinen, wie berichtet wird, sein billig, das Reisen dagegen sehr teuer. Auf einen Nebenverdienst, als Handwerker z. B., wäre nicht zu rechnen. Kenntnis des Portugiesischen ist wesentlich, da weder englisch noch andere Sprachen in kaufmännischen Kreisen in weiterem Umfange bekannt sind. Die beste Besuchszeit ist von Mitte Mai bis Ende Okt.. d. i. in der trockenen Jahreszeit, besonders wenn es sich um Besuch im Innern mit Motorwagen 75