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Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen · 1935-09-01 · September 1935 · p. Seite 73

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Journal
Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen
Volume
1935. Bestand LBI
Issue
September 1935
Date
1935-09-01
Page
Seite 73 (sequence 75)
Language
German
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Landungsdepot: Bolivares 1005 RM 630.— ungefähr. Es ist aber außerdem noch nachzuweisen, daß der Einreisende über genügende Barmittel verfügt, falls er nicht zu bekannten Personen reist, — um für absehbare Zeit seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Von der Stellung des Depots sind diejenigen befreit, welche auf Kontrakt für eine venezolanische oder eine andere allgemein bekannte Eirma nach Venezuela reisen. Das erwähnte Landungsdepot von Bol. 1005,— wird auf Antrag nach einem Jahr zurückgezahlt. Das Visum wird nicht erteilt an Personen, die nicht in einem festen Anstellungsverhältnis zu angesehenen Unternehmungen in Venezuela stehen oder nicht über genügende Mittel für ihren Lebensunterhalt und zur Gründung einer Existenz verfügen. Alle obenerwähnten, für die Visierung erforderlichen Dokumente einschl. der Quittung über bei der betr. Schiffsgesellschaft eingezahlte Depotgelder, sowie eines ebenfalls dort abzufordernden Fragebogens für Venezuela sind spätestens eine Woche vor der Abfahrt dem zuständigen Konsulat des Einschiffungshafens zwecks Prüfung einzusenden. Für die Visierung ist allein das Konsulat des Einschiffungshafens zuständig. Das Visum wird nach Richtigbefund der eingereichten Unterlagen den Passagieren nur persönlich erteilt. Die Visagebühren betragen Bolivares 10. für Ausreisende zahlbar bei der Landung in Venezuela, Konsulatsgebühr für die Identifikationskarte — RM 5.—. Für Staatenlose ist es nach Auskunft des Konsulats ungemein schwer, wenn nicht unmöglich, die Einreiseerlaubnis zu erhalten. Mitteilungen des Konsulats entnehmen wir noch folgendes: Es ist sehr schwer, nach Venezuela hinüberzukommen, wenn man nicht vorher einen Posten oder eine bekannte Familie dort hat, die für den Einwanderer einsteht. Berufsmöglichkeiten sind augenblicklich für Kaufleute ganz trostlos; auch für Artisten ist es ein Risiko, hinzugehen. Handwerker, wenn sie das Glück haben, vorher eine Stellung zu bekommen, haben drüben noch mehr Zukunft. Techniker müßten soviel Geld haben, daß sie es eine Zeitlang aushalten könnten. Venezuela ist ein außerordentlich modernes Land. Die Leute hätten dort alles, was man sich vorstellen kann. Selbst in Hospitälern sind die allerneuesten Apparate. Die Venezolaner gingen mit der Zeil mit und seien völlig modern. Das Klima in der Haviptstadt Garacas, die 922 m über dem Meeresspiegel liegt, ist vorzüglich, ungefähr 22 ° im Durchschnitt. Es sind große Möglichkeiten für Agricultur vorhanden. Venezuela hat keine Auslands- und auch keine Inlandsschulden mehr. Auf der Bank sind 90 Millionen Bol. Goldreserve. — Aus einem Briefe aus Garacas von Mitte Mai 1 93 5. Trotz der glänzenden Lage der Staatsfinanzen befindet sich der Handel in einem trostlosen Zustand; das Innere des Landes ist in Bezug auf Kauffähigkeit völlig erschöpft und ausgepumpt, da die Preise für die Früchte, also für Kaffee und Kakao, ein derart niedriges Niveau erreicht haben, daß die Gestehungskosten nicht mehr herauskommen. Solange dieser Zustand andauert, wird die Stillegung aller Initiative auf dem kommerziellen Gebiet ebenfalls bestehen bleiben. Gewiß, wenn Angehörige anderer Berufe als Akademiker mit Vermögen herüberkommen könnten, um etwa 1—2 Jahre hier zu sein, und dann aus eigener Erfahrung sich irgendwie ein Nest bauen oder sich dann an einem bestehenden Unternehmen beteiligen könnten — aber dagegen stehen ja die dortigen Gesetze; wer hierher kommt ohne einen Pfennig, wird voraussichtlich eine wer weiß wie lange, sehr schlimme Zeit durchmachen müssen. Der Charakter Venezuelas, das doppelt so groß wie Deutschland ist, wird von einer Persönlichkeit, die das Land bereist hat und deren Schilderungen des Landes wir ganz kurz wiedergeben, als uneinheitlich bezeichnet. Geologische und klimatische Einflüsse sind die Ursache, daß es je nach diesen Umständen ein völlig verschiedenes Gesicht zeigt. Ackerland, Wald und Weideland wechseln mit völlig unbrauchbaren Gebieten ab. Das Land ist ausgefüllt von Tiefebenen und von Gebirgszügen, die sich bis zur Höhe von etwa 5000 Metern erheben. Dazu kommen andere Schwierigkeiten. Es gibt noch viele Gebiete, die von unabhängigen Indianern bewohnt sind, die in undurchdringlichen Urwäldern leben und einer Kolonisierung im Wege stehen. Das ganze Land ist zwar rein tropisch, aber während viele Gebiete durch ihre Höhenlage eine durchaus angenehme klimatische Situation aufweisen, herrschen in den heißen Gebieten, die niedriger gelegen sind, noch vielfach klimatische Fieber. Aber auch innerhalb dieser Grenzen ist im großen Ausmaße schon jetzt eine europäische Einwanderung möglich und durchführbar. Venezuela weist nicht nur ungewöhnlich viele Naturschönheiten auf, sondern ist auch ein Land, das reich ist an natürlichen Bodenschätzen. Es hat das zweitgrößte Erdölvorkommen der ganzen Erde, es hat Diamanten. Gold und Perlen. Der Staat hat erhebliche Einnahmen durch hohe Importzölle und vor allem durch die Einnahmen, die ihm aus der Verpachtung der Oelquellen und aus seinen Anteilen an ihrer Ausbeutung zufließen. Venezuela ist der einzige Staat der Erde, der keine Staatsschulden hat, und der so reich ist, daß er von seinen Bürgern, von gewissen kleinen einmaligen Abgaben abgesehen, keine Steuern zu erheben braucht. Trotzdem befindet sich das Land in einer eigentümlichen Situation. Die amtliche venezolanische Statistik weist einige 60 landwirtschaftliche Artikel auf, die im WTerte von vielen Millionen jährlich in Venezuela eingeführt werden müssen, darunter hauptsächlich Weizen und Baumwolle. Dieser Zustand ist etwas Unnatürliches. Denn der Import aller dieser Produkte wäre nicht nötig. Der Anbau aller dieser Artikel bezw. der Rohprodukte, des Getreides und der übrigen Pflanzen, aus denen diese Artikel hergestellt werden, könnte im Lande selbst erfolgen. Alle natürlichen Voraussetzungen hierfür sind gegeben. Es fehlt lediglich an den Menschenkräften, die ihrer Zahl und ihrer Art nach erforderlich sind, um diesen Anbau vorzunehmen. Es bestehen in Venezuela erhebliche Hemmungen gegen eine Einwanderung, die allerdings im wesentlichen nicht auf wirtschaftlichem Gebiete liegen. Schon seit einigen Jahren arbeiten die Besitzer der großen Plantagen von Kaffee und Kakao, der beiden Artikel, die abgesehen von Erdöl, von Gold und von Häuten und Zucker, die Hauptausfuhrartikel des Landes bilden, mit Verlust. Es ist in eingeweihten Kreisen auch bekannt, daß eine Verschuldung großer alteingesessener Firmen in den letzten Jahren eingetreten ist, und es hat auch die allgemeine Kaufkraft des Publikums abgenommen. Die Bedenken gegen eine Einwanderung sind aber im wesentlichen nicht durch diese ökonomischen Verhältnisse bedingt, sondern haben eine politisch-psychologische Grundlage. Es herrscht eine gewisse Furcht vor einer Ueberfremdung Venezuelas. Er habe auch solche Artikel gelesen und Aeußerungen gehört, in denen nur einer sehr beschränkten Einwanderung das Wort geredet wurde, die lediglich zu dem Zwecke erfolgen sollte, um die venezolanischen Bauern anzulernen, von ihrer primitiven Bebauungsweise des Landes abzulassen und sie mit den technisch fortgeschrittenen Methoden der europäischen Agrikultur vertraut zu machen. Lebenshaltungskosten und Löhne in Caracas. Die nachstehenden Angaben über Lebenshaltungskosten und Löhne sind einer amtlichen spanischen Veröffentlichung entnommen und stammen aus der zweiten Hälfte des Jahres 1934. Alle Preise sind in Bolivares angegeben (1 Bolivar 0,64 Reichsmark). Unterkunft: Ein Arbeiterhaus in Caracas kostet monatlich 60 Bol. Miete, in der Umgebung bis 150; der Preis richtet sich nach der Gegend. Unterkunft in einer Pension kostet ohne Verpflegung täglich 1—3, mit Verpflegung von 5 aufwärts, gleichfalls je nach der Gegend. Lebensmittel: Es kostet je 1 kg Brot 1, Butter 2, Käse 3,—3,50, Zucker 0,40, Mehl 0,90, Reis, einheimischer 0,70, spanischer 1,25, Nudeln 0,50—1,75, schwarze Bohnen 0,45, weiße Bohnen 3, Kaffee 1,50, Kartoffeln 0,60, Fleisch 2,50—4, Fisch 3, Stockfisch 4—6, 1 Dutzend Eier 2—2,40, 1 Liter Olivenöl 3,25—3,50, andere Sorten 3—3,50, Milch 1, 1 kg Kohlen 0,25, Seife 2, ein Paket Tabak 0,50. Bekleidung: Arbeitsanzug aus Drillich von 20 aufwärts, Tuchanzug von 90 aufwärts, Strohhut 3—5, Filzhut 10, Mütze 5, Schuhe 10/30, Pantoffeln 2, Hemden 2, Unterhosen 2, Strümpfe 1. Löhne: Tagelohn für Landarbeiter 1—3, Arbeiter in der Petroleumindustrie bis 10, Handwerker 3—10, Monatsgehalt für Angestellte 75—300, Hausangestellte 40—100. A r b e i t s m a r k t : In keiner Industrie und in keinem all gemeinen Erwerbszweig ist Nachfrage nach Arbeitskräften; die Zahl der Heimschaffungsgesuche ist sehr groß. Auch in der Petrolenmgewinnung werden keine Arbeitskräfte gesucht. 73

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