Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen
- Journal
- Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen
- Volume
- 1935. Bestand LBI
- Issue
- September 1935
- Date
- 1935-09-01
- Page
- Seite 71 (sequence 73)
- Language
- German
- Belongs to
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Was die Frage der Einwanderung betrifft, so ist es hier wie überall. Die Ansiedlung einer Anzahl Familien könnte nur vorgenommen werden durch kapitalkräftige Organisationen, die sich direkt mit den Regierungsstellen in Verbindung setzen müßten. Wer als selbständiger Kapitalist ins Land kommen kann und die Mittel hat, um evtl. einige Monate bis 1 Jahr auszuhalten und sich nach einem geeigneten Wirkungskreis umzusehen, wird sicher eine Existenzmöglichkeit finden. In diesem Falle sind keine besonderen Hindernisse zu überwinden. Für unselbständige Kaufleute, wie Angestellte, ferner für Akademiker oder ungelernte Arbeiter, ist nur sehr spärliche Aussicht vorhanden. Es gibt hier seit einiger Zeit ein Gesetz, (hervorgerufen durch die Krise), daß 80% der Angestellten oder Arbeiter einer Firma Peruaner sein müssen. Für tüchtige Techniker oder gute Spczialhandwerker bestehen eher Möglichkeiten, jedoch müßte dies von Fall zu Fall behandelt werden, und ich möchte niemand ohne besondere Mittel eine Herreise aufs Geratewohl empfehlen. Es bestehen evtl. auch Aussichten für Chemiker, die auf Grund eigener Patente oder sonstiger guter Verfahren geeignete Industrien schaffen könnten, sei es mit Eigenkapital oder in Anlehnung an hiesiges oder ausländisches. Z. B. wird hier jährlich ein Quantum von einigen 1000 Tonnen Calcium- Arseniat zwecks Schädlingsbekämpfung in Baumwollfeldern usw. importiert; für die Errichtung einer Eigenindustrie haben hiesige Baumwollproduzenten sicher großes Interesse, und die nötigen Rohstoffe sind sicherlich im Lande selbst in leicht erreichbarer Nähe der Konsumzentren aufzutreiben. Für tüchtige Modistinnen oder Schneiderinnen mit Eigenkapital und erstklassigem Geschmack bestehen ebenfalls Möglichkeiten. Kaufleute, d. h. Fach leute, die den Einkauf von Häuten, Baumwolle, Wolle oder Kaffee in Anlehnung an eine leistungsfähige ausländische Großfirma vornehmen, bezw. Filialen eröffnen könnten, haben ein gutes Arbeitsfeld vor sich. Es muß sich aber um tüchtige Fachleute handeln, die die Qualität der Rohstoße sofort beim Einkauf beurteilen können, um Risiken weitmöglichst auszuschalten. Die hiesigen Produzenten sind gewöhnt, ihre Produkte hier fest zu verkaufen und lehnen Konsignationslieferungen fast immer ab. Wir haben bereits einen jüdischen Arzt mit Familie hier, der 1 Jahr benötigte, um nach rigorosem Examen und Zahlung einer Gebühr von zirka RM 1500,— zur Praxis zugelassen zu werden. Ferner befindet sich seit zirka l Jahr ein junger Zahnarzt hier, der ebenfalls ein neues Examen eingehen mußte und demnächst hofft, seine Praxis zu eröffnen. Ich bin überzeugt, daß weiter einwandernde Aerzte, Zahnärzte usw. schwerlich zum Examen zugelassen würden, obwohl offiziell keine Sperre besteht. Die Eröffnung einer Praxis ohne behördliche Qualifikation kann strafrechtlich verfolgt werden und ist daher nicht zu empfehlen. Es ist gelungen, einigen jüngeren ledigen Kaufleuten Stellung bei hier ansässigen Glaubensgenossen zu verschaffen; das Feld ist aber sehr beschränkt. Ich wiederhole, daß nur Leute mit eigenen Mitteln oder in Anlehnung an ausländisches Kapital Aussichten haben, sich für die Zukunft eine Grundlage zu sichern, während die Einwanderung unbemittelter oder spärlich bemittelter Personen riskant ist. Die Lebensbedingungen sind nicht übermäßig teuer. Eine Einzelperson mit bescheidenen Ansprüchen kann hier mit einem Betrag von £stlg. 10—12 monatlich auskommen, evtl. auch billiger bei mäßigeren Ansprüchen. Eine 3—4köpfige Familie dürfte kaum unter £ 25,—■ monatlich auskommen. Die Beherrschung der spanischen Sprache ist für eine erfolgreiche Betätigung unerläßlich. Es sind seit Anfang 1933 mehrere Familien und einige junge Leute aus Deutschland eingewandert; etwa 25—30 Personen. In einem Schreiben vom 3. Juni 1 93 5 wurden die folgenden Gehälter für einen tüchtigen Spezialisten (Techniker und möglichst auch Chemiker) für keramische Industrie und für Meister angegeben: „Die in Frage kommenden Gehälter bewegen sich auf der Basis von ca. S / 400—500 (d. i. £ 20—25) monatlich für den Haupttechniker und S / 250 (d. i. ca. £ 12) monatlich für einen Meister. Mit diesen Gehältern kann man hier als alleinstehender Mensch gut auskommen. Es wird darauf hingewiesen, daß es sich um Anfangsgehälter handelt, die je nach den Leistungen natürlich erheblich in die Höhe gehen könnten. Es sind auch die Aussichten zur Schaffung einer Lebensstellung vorhanden. — Spanische Sprachkenntnisse sind selbstverständlich sehr erwünscht oder müssen unter allen Umständen erworben werden. Andere Sprachkenntnisse würden ebenfalls von großem Vorteil sein. Lebensverhältnisse in Lima Ein deutscher Lehrer berichtete aus Lima u. a.: Klimatisch sind die Verhältnisse nicht besonders günstig. Anfangs machen sie den Eindruck der guten Erträglichkeit, ohne ihnen besondere Bedeutung zuzumessen. Bald muß man spüren, daß das Klima heimtückisch ist. Wenn auch die Sonne im Winter ab und zu scheint, — meist ist es trübe, — so holt man sich mit Leichtigkeit eine Erkältung, die man nur schwer wieder los wird. Die feuchtkühle Temperatur, die auch die Anzüge im Schranke schimmeln macht, legt sich bei vielen Leuten auf die Glieder: sie klagen über Bheumatismus. So ist es verständlich, daß man den Sommer nur so herbeisehnt. Es ist also durchaus zu unterstreichen, wenn im Nachrichtenblatt über Peru stand: „für Hals- und Lungenkranke schädlich." Daß Typhus und Malaria an der Küste endemisch sind, davon spürt man nichts. Es trifft wohl nur für die in schlechten Wohnverhältnissen lebenden Einheimischen zu. Die Angaben über Verdienst, Lebensindex, Wohnung mit Pension usw. sind ebenfalls richtig. Ein lediger Angestellter verdient hier (nicht Peruaner) 25—40 Pfund (250—400 Soles), je nach der Länge der Dienstjahre. Eine Wohnung mit Pension kostet 10—if, Pfund. Wenn einer also 30 Pfund verdient, so kann er noch einen Betrag davon sparen. Besonders teuer sind Anzüge von ausländischen Stoffen, während man alle anderen Dinge im selben Verhältnis zu drüben kauft. Wenn eine Mark heute 1,75 Soles sind, so rechnet man hier den Sol gleich einer Mark (die Kaufkraft einer Mark\ Man möge sich vom Leben hier keine exotischen Vorstellun gen machen. Man lebt hier als Ausländer ungefähr wie in Deutschland. Alles, was man in der Heimat an Kleidung hat, trägt man auch hier. Eine besondere Umstellung und besondere Neuanschaffungen sind nicht nötig. Auch mit der „Tropendienstfähigkeit" ist es nicht so gefährlich. Ein körperlich gesunder, kräftiger Mensch wird hier kaum Schwierigkeiten haben, zu leben. Wenn man nicht in einer deutschen Pension wohnt, wird man sich an eine etwas andere Kost gewöhnen müssen. Dies ist aber kaum Von Bedeutung. (Publikation der Reichsstelle vom Nov. 1934). S u r i n a m. Die Einwanderung nach Surinam soll für 1935 nur noch Personen gestattet werden, die landwirtschaftliche Tätigkeit nachweisen können. Im April 1934 ist eine Vereinigung der Kolonisationsgesellschaften zu Stande gekommen, die sich an den Kolonialminister der Niederlande gewandt haben mit dem Ersuchen: in Surinam liegen viele Hunderttausende Hektar unbebaut, auf denen arbeitslose Niederländer angesiedelt werden könnten; dazu sei eine gemeinsame Arbeit des Ministeriums mit den Kolonisationsgesellschaften nötig. Die Entwicklung in Uruguay. Von einem gelegentlichen Mitarbeit er. Uruguay exportiert in der Hauptsache die Erzeugnisse seiner ausgedehnten Vieh- und sonstigen Landwirtschaft wie Wolle, Häute, Fleisch in gefrorenem oder sonstigem konservierten Zustande. Eingeführt werden in der Hauptsache Brenn- und Betriebsstoffe, Textilien, Eisen und alle Arten Fertigprodukte, auch Autos, wobei neben England und Deutschland auch die südamerikanischen Nachbarn Uruguays, Argentinien und Brasilien, an vorderer Stelle stehen. Da auch während der Krise mehr einals ausgeführt wurde, geriet die Währung, der Peso, ins Gleiten. Arbeitslosigkeit riß e i n. Die Zahl der Beschäftigungslosen betrug gegen 40.000 bei rund 2 Millionen Einwohnern. Mit der politischen Umgestaltung im Jahre 1933 wurde auch der Versuch gemacht, eine neue Wirtschaftspolitik durchzuführen. Die Regierung stellte sich auf den Standpunkt, daß bei aller Pflege des Außenhandels, der durch die Zolleinnahmen auch finanziell für das Land wichtig ist, eine gewisse Autarkie entwickelt werden müßte, um das Land von fremden Zufuhren unabhängiger zu machen. So galt ihre Fürsorge in starkem Maße der noch unentwickelten einheimischen Industrie. Da es sich in der Hauptsache um Klein- und Mittelbetriebe handelt, die aber z. T. schon mit sehr moderner Ausrüstung versehen sind, war ein Industrieschutz nötig. Im August 1933 fand eine Ausstellung der einheimischen Industrie statt, die von 700 Firmen beschickt war. Gleichzeitig mit der Förderung der Industrie sucht die Regierung den Außenhandel zu beleben und zwar auf Grundlage zweiseitiger Verträge mit Kompensation. Die Regierung lockerte die scharfe Außenhandels- und Devisenkontrolle etwas, die den offiziellen Export und Import fast ganz zum Erliegen gebracht hätte. Die Kontrolle blieb bestehen ebenso wie die Bestimmungen über die Einwanderung. In den Jahren vor der Krise war diese Einwanderung so stark gewesen, daß sie schon in alter Zeit das 77