Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen
- Journal
- Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen
- Volume
- 1935. Bestand LBI
- Issue
- September 1935
- Date
- 1935-09-01
- Page
- Seite 65 (sequence 67)
- Language
- German
- Belongs to
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Fundo (Landgut) einen solchen Betrieb anzuschließen, sei es Mühle, Konservenfabrik usw., je nach der Produktion des Fundos. Die Unternehmungslust und Aktivität in der Schaffung solcher kleinen Fabriken, die sich nicht bloß auf Fundos beschränkt, sondern auch in den Städten sich bemerkbar macht, findet ihren Auftrieb durch das Stagnieren der internationalen Zahlungsmittel und durch den noch fühlbaren Mangel an einheimischen Produkten, die die teuren Importartikel ersetzen können, wodurch sich eine gute Gewinnchance für die Eigenproduktion bietet. Auf Grund dieser Vorbetrachtung ist die Frage der Anstellungsmöglichkeiten für fremde Akademiker nicht sehr groß. Denn die wenigen größeren Fabriken, seit Jahren tätig, besitzen ihr gelerntes Personal; es bleibt ein Ausnahmefall, wenn ein Vertrag mit freier Ueberfahrt zustande kommt. Noch weniger Aussicht ist bei den erwähnten Kleinbetrieben vorhanden, wo vor allem die Ueberfahrtkosten in fremder Währung das Hindernis bilden. Wer allerdings auf eigene Kosten herüberkommen und ein halbes Jahr seinen Unterhalt hier bestreiten kann, der kann wohl mit einer gewissen Sicherheit rechnen, in gewisser Zeit sich einen Posten zu beschaffen. Voraussetzung ist allerdings, eine gewisse Praxis und Erfahrung, die befähigt, in verschiedenen Industriearten Arbeiten zu leisten, wie Bau, Konstruktion, Organisation usw. Da das Leben nach deutschem Gelde gemessen außerordentlich billig ist, handelt es sich nicht um große Summen, die man dabei riskiert. Es soll dabei gar nicht verschwiegen werden, daß es auch hier Arbeitslose gibt (namentlich in den Salpetergebieten), aber ein deutscher Ingenieur, Chemiker oder Landwirtschaftler wird oft vorgezogen. Wer hier herkommt, sei es auf einen Vertrag oder sonstwie, muß sich 2 Punkte vor Augen halten: 1. daß die Zeit vorüber ist, daß man sich Ersparnisse in stabiler Währung zurücklegen kann; 2. daß das Gehalt in chilenischer Währung, in deutsche Mark umgerechnet, nicht mit deutschen Gehältern gleichgesetzt werden kann, da die Kaufkraft im Innern des Landes eine viele höhere ist. Importartikel, die man in Mark umrechnet, haben den gleichen Preis wie in Deutschland, (sehr selten höher), werden aber kompensiert durch die niedrigen Preise der Landesartikel. So gilt schon ein Monatsgehalt von 2000 Pesos, welches umgerechnet in Mark etwa 200 BM bedeutet, als ein Spitzengehalt, und ermöglicht ein Leben, als wenn man in Berlin ein Monatsgehalt von etwa 500 BM bezieht, allerdings mit der Einschränkung, daß man Landesprodukte bevorzugt und damit seine Qualitätsansprüche herabsetzt. Zur Erläuterung nachstehend einige Preisangaben: Wohnung oder möbl. Zimmer werden auf dem Lande meistens kostenlos gestellt, auf Fundos auch Lebensmittel in Form eines Deputats oder Verpflegung für Unverheiratete im Kasino. In Santiago möbl. Zimmer von 100—200 $ (Pesos), Wohnung etwa 250 $, Pensionspreis mit voller Verpflegung (Frühstück, reichliches Mittag- und Abendbrot mit je 4 Gängen) für 2 Personen 30 $ je Tag. Bestaurantessen: Menu (4 Gänge) 3—4 $, nach Karte mit Getränk etwa 10 $. Schuhwerk, chil. Arbeit (gut) 70—100 $. Kleidung: etwa 500$ chil. Stoffe, 1000$ engl. Stoff mit Macherlohn. Lebensmittel: Mehl (Weizen) 1,20$, Fleisch 2—4$, Zucker 2,50$, Butter 8—10 $. Die Preise verstehen sich je kg. Wein 2—3 $ je Flasche. Vergnügung: Teuerster Platz im elegantesten Kino 6 $. Wäsche: Hemden 50—70. Geflügel auf dem Markt: lebend 3—4 $, Milch 0,30—0,40$ je Liter. Die Preise gelten für Santiago; in ländlichen Bezirken sind sie niedriger. Mitteilung des jüdischen Hilfskomitees in Santiago (Sommer 1934). Es ist aussichtslos, Arbeitgeber zu finden, die nur auf schriftliche Bewerbungen hin Anstellungen vornehmen. Jungen Kaufleuten, Handwerkern und mit der Landwirtschaft vertrauten Personen — auch Chemikern — kann man, wenn sie sich mit bescheidenen Anfangsstellungen begnügen, meist helfen, jedoch empfiehlt es sich, nur solchen Leuten zu Chile zu raten, die einige Barmittel für den Lebensunterhalt der ersten Monate mitbringen können. Mit einem Betrag von etwa BM 500,— nach heutigem Kursstand würde sich ein alleinstehender junger Mann etwa 1 Jahr hier gut über Wasser halten können, und in diesem Zeitraum wird sich, wenn der Interessent die Landesprache einigermaßen erlernt hat, eine geeignete Position im allgemeinen finden lassen. Akademikern wollen Sie aber grundsätzlich von Chile abraten, da die Aussichten absolut schlecht sind und sie sämtlich alle Examina wiederholen müssen, was keinesfalls erleichtert wird. Bericht eines Chemikers im Dezember 1934 „Ich bin in der ganzen Zeit (6 Wochen war ich in Antofagasta) nicht aus Taltal herausgekommen und werde das auch wohl nicht, ehe ich nicht Ferien habe. Die Entfernungen sind zu groß und die Verkehrsverhältnisse sehr schlecht, wenigstens hier in dem fast unbesiedelten Norden des Landes. Infolgedessen habe ich ig die wirtschaftliche Struktur des Landes noch wenig Einblick. Industrie gibt es überhaupt nur im Süden. Der ganze Norden ist ja bekanntlich eine völlig unfruchtbare Wüste, und infolgedessen wäre es unsinnig, hier ein industrielles Unternehmen hinzusetzen, da alle Dinge, vor allem Lebensmittel, aus dem Süden bezogen werden müssen. In der Hauptgegcnd für Industrie, Santiago Valparaiso, gibt es Textil- und Schuhfabriken, die recht gute Sachen zu sehr billigen Preisen herstellen. Welches Ausmaß diese Industrie einnimmt, und was für Aussichten sie bietet, entzieht sich meiner Kenntnis. Ueber den Norden ist ebenfalls schnell berichtet. Wie es mit dem Salpeter bestellt ist, ist ja allgemein bekannt. Ich nenne als Beispiel die Salpeterpampa oberhalb Taltal. Hier befinden sich 17 Salpeterbetriebe, wovon noch einer arbeitet. In den Salpeterbetrieben sind höchstens noch Entlassungen, aber keine Einstellungen mehr zu erwarten. — Bleibt im „desierto" des Nordens noch der Erzbergbau. Das Land ist ja an Bodenschätzen ungeheuer reich, aber es wird noch recht wenig ausgebeutet. An nichtmetallischen Bodenschätzen findet sich hier Schwefel in großen und reichen Lagern, allerdings sehr hoch (etwa 5000 m). Ferner Aluminiumsulfat bis zu 90%ig, Magnesiumsalze, Ghlorat und Jod im Salpeter, Kieseiguhr, reinster Quarz usw. An Metallen ist fast alles vertreten, aber gearbeitet wird eigentlich nur Gold und Kupfer. Das letztere meist nur an der Oberfläche, in die sulfidische Zone dringen wenige Minen vor. Ich bemerkte ja schon, daß das Minenwesen hier sehr primitiv ist. Die Techniker sind meistens einheimische Leute, und ich glaube nicht, daß hier ein Betätigungsfeld für ausländische Ingenieure zu finden ist. Anders ist es natürlich bei den großen Unternehmungen, die in amerikanischem Besitz sind. In diesen Werken, die Tausende von Arbeitern beschäftigen, sind wohl ausschließlich nordamerikanische Ingenieure, Chemiker und Angestellte tätig. Brief aus Santiago vom Februar 1935 Im Laufe des Jahres 1934 sind noch viele junge Leute, teils ermutigt durch Berichte, nach hier gekommen und fast sämtliche hatten das große Glück, untergebracht zu werden, doch nur dank den Beziehungen der altansässigen Herren zu eisten chilenischen Firmen des Baugewerbes, der Landwirtschaft, der Erzausbeutung, Textilfabriken usw. Firmen erneuerten auch gerade in dieser Zeit das Personal, welches im Jahre 1932 infolge der damaligen großen Krisis abgebaut worden war und nun ersetzt werden mußte, da ein allgemeiner Aufschwung in der nationalen Industrie einsetzte, weil die Importation durch die neuen Devisengesetze sehr erschwert wurde, und die Inflation die hiesige Industrie schützte, auch die Zölle enorm erhöht worden waren. Außerdem wurde den bestehenden Gesetzen nicht zuwidergehandelt, der Prozentsatz ausländischer Angestellter betrug 10 °/o, doch dürfte er demnächst nur noch 5 °/o sein. Andere Herren, welche Ende 1933 eingetroffen waren und ferner in der ersten Hälfte 1934 landeten, konnten auch noch teils untergebracht werden, teils konnten sie sich selbständig betätigen mit Vertretungen nationaler Industrien, mit Verkauf von Stoffen. Es konnten ihnen „leihweise" kleine Summen zugebilligt oder auch kleine Kredite gegeben werden. Was nun eine Einwanderung nach Chile anbelangt, so sind die Aussichten am schlechtesten für Kaufleute — ganz einerlei, welcher Branche — hingegen für Handwerker dürfte es weit leichter sein, eine Stellung in verhältnismäßig kurzer Zeit zu finden, um ihr täglich Brot verdienen zu können. Uhrmacher, Schneider, Orthopäden, Optiker und viele mehr werden keinen allzuschweren Stand haben. Akademiker hingegen werden einem neuen Beruf sich widmen müssen, voraussichtlich auch längere Zeit evtl. ohne Stellung sich befinden. Einwanderer, welchen einige Mittel zur Verfügung stehen, etwa $ am. 250,— mindestens, haben vorerst nichts zu befürchten, da sie einige Monate evtl. sogar ein Jahr damit bescheiden leben können, inzwischen die Sprache erlernen und dann entschieden leichter eine Stellung finden werden. Sehr traurig ist es immer noch mit den eingewanderten Aerzten, welchen die größten Schwierigkeiten sich entgegenstellen, das Examen nachzuholen, um hier eine Praxis auszuüben. Einige gingen bereits nach Ecuador, dort das Examen zu machen, weil ein Vertrag mit diesem Lande besteht, hier dann zugelassen zu werden. Doch steht noch ein Bescheid des Ministeriums aus, ob dieser Vertrag nicht nur für Bürger dieser zwei Nationen ist, da die hiesige Aerzteschaft, bes. die jüngeren Aerzte Protest erhoben haben. Die zuerst eingetroffenen Familien hatten ja das Glück, noch Werte in BM. ausführen zu können, was ihnen ermöglichte, bei dem s. Zt. noch sehr hohen Umrechnungskurse teils sich kaufmännisch betätigen zu können, teils an Industrieunternehmungen sich zu beteiligen. Sie betrachten alles vom Standpunkte des Nichtsentbehrenden, und ihre Berichte in die Heimat ermutigen zur Auswanderung, doch möchte ich meinen Glaubensbrüdern in der alten Heimat raten, diese Berichte mit größter Vorsicht aufzunehmen und nicht auf gut Glück nach Chile zu kommen. Dies kleine Völkchen von etwa 4 Millionen Einwohnern hatte 1932 und noch bis Milte 1933 etwa 180 000 Arbeitslose, 65