Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen
- Journal
- Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen
- Volume
- 1935. Bestand LBI
- Issue
- September 1935
- Date
- 1935-09-01
- Page
- Seite 63 (sequence 65)
- Language
- German
- Belongs to
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Oktober 1 9 3 4 (Kolonie Roland.) An sich bestehen hier die weitesten Ansiedlungsmöglichkeiten. Die Gegend entwickelt sich so rasch, daß Raum für alle möglichen Industrien vorhanden ist. Der örtliche Markt wird immer aufnahmefähiger, die Frachten von der Küste sind überaus teuer. Eine Zuckerfabrik gründe ich zurzeit. Seifenfabrik, Sodafabrik, Sagemühlen und vieles andere entsteht nur aus Mangel an Kapital noch nicht. Auch der Transport nach der Küste würde bei Vorhandensein von Kapital leichter sein, indem man nicht das Rohprodukt (Oelfrüchte), sondern das Fertigprodukt (Oel) mit seinem geringeren Volumen und größeren Wert befördern könnte. Es ist kein Zweifel, daß hier in dem fruchtbarsten Gebiete Brasiliens, und an der im Entstehen begriffenen Hauptbahn nach Paraguay ein neues großes Siedlungsgebiet entstehen wird. Für bäuerliche Siedler ist, wie jetzt nach einer Inspektionsreise auch von Konsulats wegen anerkannt ist, hier die beste Möglichkeit in ganz Brasilien, Leute, die eine proletarische Existenz gewohnt sind oder auf sich nehmen, kommen mit einem Kapital von 1000 RM. (außer Fahrtkosten) aus und voran. Leute, die Handarbeit nicht gewohnt sind, Lebensbedürfnisse haben und sich mehr auf Aufsicht und Absatzbeschaffung beschränken, kommen mit mindestens 8000 RM aus. Chile seit 1933. Von einem gelegentlichen Mitarbeiter. Chile wurde von der Weltkrise aufs härteste betroffen. Seine Wirtschaft beruhte in erster Linie auf dem Export von Chilesalpeter und Kupfer und auch der Produkte seiner Landwirtschaft (Wolle, Fleisch, Cerealien); der europäische und nordamerikanische Markt hatte seine Aufnahmefähigkeit für diese Erzeugnisse jedoch verloren, und da Chile hierauf den Import von Maschinen und Industrieartikeln, auf den es bei seiner schwachen Eigenindustrie angewiesen war, nicht aufrechterhalten konnte, wurde der Bankrott allgemein. Die Währung, der Peso, brach zusammen, das Staatsbudget geriet in völlige Unordnung. Eine Inflation war teils Anlaß, teils Steigerung dieser Verwirrung. Der Zinsendienst der auswärtigen Anleihen wurde eingestellt. Damit wurde das gesamte Kreditwesen erschüttert. Bei einer Bevölkerung von 4 bis 4 V2 Millionen gab es 200.000 Arbeitslose. Das Eindringen des USA-Kapitals hatte zu einer Ueberinvestierung in der Salpeterindustrie geführt. Es gelang zunächst die Inflation zu stoppen und den Pesosturz aufzuhalten. Seit Mitte 1933 nahm der Geldumlauf nicht mehr zu, und das Staatsbudget wurde durch die erhöhte Besteuerung, durch gesteigerte Zollsätze und durch Einsparungen zum Ausgleich gebracht. Die Regierung dehnte ihren Einfluß auf große Wirtschaftsunternehmungen aus. Außenhandelspolitisch beschritt die Regierung den Weg der Kompensationsverträge. Bis Anfang 1935 waren solche mit 11 Staaten abgeschlossen. Unter diesen war auch Deutschland, das in der chilenischen Handelsbilanz stets an wichtiger Stelle gestanden hatte. So kam es, daß das deutschchilenische Geschäft sich um die Wende 1934/35 erneut belebte. Deutschland nimmt in der Hauptsache Salpeter und liefert Maschinen. Ganz besonders aber versucht die Regierung, mit den südamerikanischen Ländern zu einem engeren Zusammenschluß zu gelangen. So kam es zu einem Handelsvertrag mit Argentinien. Der Bahnverkehr über die Anden wurde erleichtert. In steigendem Maße kauft Argentinien chilenisches Obst und Chileweine. Zum ersten Male war es Abnehmer für chilenische Kohle. Mit Kolumbien kam man ebenfalls zu einem Abschluß. Mit dem Schafexport nach dort wurde begonnen. Ein Handelsvertrag mit Peru steht vor der Tür. Durch diesen Vertrag würde die Ausfuhr von chilenischen Weizen und chilenischer Kondensmilch nach Peru begünstigt werden, während Chile von Peru Zucker und Baumwolle hereinnehmen soll. Bei alledem betont die chilenische Regierung ihren Willen, mit den betreffenden Staaten schließlich zu einer Zollunion zu gelangen, die in einer südamerikanischen Zollvereinigung gipfeln müßte. Ein Kongreß der südamerikanischen Handelskammern, der 1934 in Valparaiso tagte, unterstrich diese Tendenzen. Dennoch ist die Belebung, die in Chile 1933 einsetzte, in erster Linie auf das steigende Interesse des Weltmarktes an chilenischen Mineral- und landwirtschaftlichen Produkten zurückzuführen. Eine Stütze fand diese Entwicklung in dem Abkommen, das die chilenische Salpeterindustrie im Jahre 1934 mit der Weltvereinigung der Erzeuger von künstlichem Stickstoff abschließen konnte. Unter diesen Umständen ist die Arbeitslosigkeit in Chile fast völlig verschwunden. Diese allgemeine Lage und das Wiederherstellungsprogramm der Regierung Alessandri wirkten sich in allen Wirtschaftszweigen günstig aus. Hierbei brachte eine ganz besondere Ueberraschung die Produktion von Gold. Sie war in der Zeit der Krise in gesteigertem Maße aufgenommen worden, um Arbeit zu schaffen und die Arbeitslosen von der Stadt zu entfernen, und eher als Notstandsmaßnahme gedacht. Obgleich nun der Anteil Chiles an der Welterzeugung von Gold auch heute noch gering ist, waren die Ergebnisse so überraschend und günstig, daß sie dazu beitrugen, den Staatsfinanzen Rückhalt zu geben und den Import anzuregen. Die Erzeugung von Salpeter und seinen Nebenprodukten wie Jod steigerte sich im Vergleich zu 1933. Erzeugt wurden im Jahre 1933: 499 000 T., in den ersten 4 Monaten des Jahres 1934 aber bereits 397 000 Tonnen. Die Kohlenproduktion verdoppelte sich seit 1932, ebenso die Kupferproduktion; die Eisenproduktion verdreifachte sich. In letzter Zeit zeigte Europa Interesse an Kobalt, Beryt, Kieseiguhr, Krystall, Soda-Sulphat, Bor, Thorium, Blei, Asbest, Lapis Lazuli und anderen Halbedelsteinen. Alle diese Mineralien sind in Chile vorhanden. Besondere Sorgfalt wird der Landwirtschaft und inneren Kolonisation zugewandt. Für die letztere ist eine eigene Unterstützungskasse geschaffen worden. Auch hat die Regierung selbst viel Land in der Hand, das ihr infolge nicht gezahlter Steuern zufiel. Gute Fortschritte machte der Weinbau. Die Gesamterzeugung beträgt 300 Millionen Liter und ist steigend. Angesetzt wird neuerdings auch die Zuckerrübe. Im Orikagebiet wird der Baumwollanbau gefördert. Neu ist auch die Gewinnung von Terpentin und Harz. Die industrielle Produktion hat fast das Niveau von 1929 erreicht, und es in der Herstellung von Webwolle, Papier, Tüchern, Zement bereits überschritten. Der Import steigt langsam, die Handelsbilanz ist aber noch stark aktiv. Im Jahre 1934 fand eine Ausstellung der einheimischen Industrie satt. Besonders belebte sich in der letzten Zeit der Baumarkt. Diese Belebung wurde durch ein Gesetz begünstigt, das für Neubauten, die bis zum 31. Dezember 1935 fertig werden, Steuerfreiheit für 10 Jahre gewährt. Es wird in den Städten wie auf dem flachen Lande stark gebaut. Die Aussichten für Chile sind gut. Doch muß immer wieder betont werden, daß die Entscheidungen für Chile auch heute noch auf dem Weltmarkt liegen. Eines der letzten Anzeichen dafür, daß die Lage auch finanziell in dieser Beziehung normaler zu werden beginnt, ist ein am 14. Januar 1935 verabschiedetes Gesetz, wonach, wenn auch in bescheidenem Umfange mit der Bezahlung der Zinsen der Auslandsschulden begonnen werden soll. Damit dürfte langsam vielleicht auch der Auslandskredit wieder zu fließen beginnen. Dies kann eine Belebung des Imports zur Folge haben. Auch in der Außenhandels- und Devisenkontrolle sind, wenn die Lage weiter günstig bleibt, eher Lockerungen zu erwarten. Chile. Einwanderungsbedingungen Das Generalkonsulat in Hamburg teilte Januar 1935 folgendes mit: Generell ist die Einwanderung nach Chile gesperrt, da im Lande selbst noch etwa 30 000 Arbeitslose vorhanden sind, und die Regierung bestrebt ist, diese wieder in den Arbeitsprozeß einzuschalten. Für akademische Berufe bietet Chile keine Chancen mehr, da wir im Lande selbst über ein außerordentlich tüchtiges und gebildetes Personal verfügen, sowohl im Rechtsanwaltsstande als auch im Aerzte- und Dentistenfach. Für Kaufleute sind die Aussichten auch nicht rosig, es werden Visen zur Einwanderung in Chile nur erteilt, wenn ein von den zuständigen chilenischen Behörden visierter Anstellungsvertrag vorliegt, aus welchem hervorgeht, daß die in 63