Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen
- Journal
- Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen
- Volume
- 1935. Bestand LBI
- Issue
- September 1935
- Date
- 1935-09-01
- Page
- Seite 62 (sequence 64)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/6492417-9587701-10032093--561-9587765- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
worker. Handwerker sind alle untergekommen. Viele fahren ins Innere Brasiliens und errichten eine Farm. Ich arbeite allerdings noch nicht, weil ich als Kaufmann, Verkäufer, unterkommen möchte, der verdient hier mehr — Stellungen bekommt man sofort. Rio de Janeiro, Anfang November 1934 Es kommen hier weiter Emigranten aus Deutschland und von anderen Nationen an. Die vielen Kaufleute, die darunter sind, ebenso Akademiker, sind sehr schwer unterzubringen, ebenso Handwerker sind nur teilweise unterzubringen. Wenn die jungen Leute dort bereits die portugiesische Sprache erlernen würden und diese Herren die Arbeit, die sie nachgewiesen bekommen, auch machen, dann lassen sie sich schnell unterbringen, wenn auch zunächst für weniger Gehalt. Dasselbe ist auch in der Landwirtschaft, wohin die jungen Leute überhaupt nicht wollen. Sao Paulo, April 193 5. Sao Paulo hat, wenn man so sagen kann, europäisches Klima. Ganz im Gegensatz zu Rio de Janeiro, wo es das ganze Jahr heiß ist, im Sommer, d. i. Oktober bis Februar, sehr heiß. Sao Paulo dagegen liegt 800 m. hoch, im Sommer ist es auch heiß, aber sehr gut erträglich, da meist ein Wind weht und Abend und Morgen frisch sind. Im Winter, der jetzt begonnen hat, haben wir von 10 h. bis 16 h. ca. 25—30 °, aber morgens und abends ist es empfindlich kalt. Man muß alle Wintersachen daher mitbringen. Im Sommer hat es sehr viel Regen. Brasilien ist ein freies Land, nur müssen die Papiere in Ordnung sein. Was die Arbeitsmöglichkeit anbelangt, so ist gerade Sao Paulo von besonderer Prosperität und das größte Industriezentrum von Lateinamerika. Es bieten sich dem, der ernstlich arbeiten will, viele Möglichkeiten, aber hier heißt's arbeiten, viel arbeiten. Es ist ein großer Fehler von vielen Einwanderern, die ankommen und merken, daß man hier überall mit Deutsch durchkommt. Teils sind Leute schon V2—1 Jahr da, geben sich keine Mühe, die Sprache zu erlernen, aber im Moment, wo sie als Arbeitnehmer auftreten, werden sie ohne Sprachkenntnisse ausgenutzt oder wir wollen sagen, in der Bezahlung sehr unterwertet. Facharbeiter sind natürlich auch hierin besser daran. Die Frauen sind hier auch ein besonderes Kapitel. Sie ist die Königin, darf weder allein in ein Kaffee oder Kino gehen, noch darf ein Fremder eine Dame auf der Straße ansprechen, ohne gewärtig zu sein, verhaftet und ganz streng bestraft zu werden. Dies hängt wieder mit dem Mädchenhandel zusammen. Auch für meine Frau und Kind habe ich gleich „Chamada" d. i. Rufkarte anfertigen lassen und ist meine Frau bereits im Besitz derselben. Dies geht auch nicht einfach, da man hier noch 2 Bürgen braucht. Die habe ich zufällig gefunden. Seit dieser Woche bin ich nun von der Fabrik weg. Zugesagt habe ich bei einem jüdischen Herrn, der eine kleine Fabrik hat. Ich bekam hier den Posten als „Gerente", d. i. Geschäftsführer, denn der Herr kannte mich von Deutschland aus, wo ich 1919—1920 war. Er suchte eine Vertrauensperson, weil er in Bälde 1—2 europäische Ausstellungen besuchen will. Hier habe ich nun glücklicherweise festes Monatsgehalt, wenn auch anfangs nicht sehr groß, während in Fabriken alles nach Stundenlohn bezahlt wird. Jetzt kann ich langsam daran denken, meine Familie übersiedeln zu lassen, insbesondere da ich auch schon ein Haus in Aussicht habe. Hier wohnt fast 90 °/o in Einfamilienhäusern, dadurch hat die Stadt auch eine Ausdehnung, daß man oft beispielsweise, um von einem Stadtteil in einen bestimmten anderen zu kommen, mit der Tram fahren muß, so weit wie von Mannheim nach Heidelberg, also ca. 1 Stunde. Dabei fahren dieselben hier unheimliche Geschwindigkeiten. Sao Paulo, April 193 5. Brasilien, besonders Sao Paulo und Rio de Janeiro braucht junge Kräfte. Lassen Sie, wenn es möglich ist, junge Leute als Dreher, Schlosser, Uhrmacher, Feinmechaniker, Gießer und Schweißer ausbilden, die werden sehr gesucht. Ihre Schwestern können als Maschinenstrickerinnen, Schneiderinnen, Putz- und Hutmacherinnen mitkommen. Bericht aus den Siedlungen der Companhia Territorial Sul Brasil. Seit etwa 2 Wochen bin ich wieder im Gebiet der C .T. S. ß. Unsere Litauer haben wir nun glücklich untergebracht; die Leute scheinen sehr zufrieden zu sein und haben bereits mit den nötigen Vorbereitungsarbeiten begonnen. Unterwegs, d. h. in Santos, sind mir 6 Junggesellen ausgerissen, da sie angeblich in Santos Verwandte hätten, die sie aufsuchen wollten. Diese faulen Ausreden kenne ich nun, die Leute wollen lieber in der Stadt arbeiten, besonders Junggesellen. Nun sind z. Zt. die Aussichten, in Großstädten Arbeit zu bekommen, sehr gering, und tatsächlich haben mir 4 Junggesellen bereits aus Sao Paulo geschrieben, daß dort nichts zu machen sei, und ob bei uns in der Kolonie Aussicht bestünde, irgendwelche bezahlte Arbeit zu bekommen. Damit steht es nun nicht gerade zum besten hier, Bargeld ist z. Zt. noch knapp, und alle Straßenarbeiten werden zum allergrößten Teil auf Landkonto gemacht. Die Kolonie sieht jetzt wunderbar aus. Es wird fleißig in der Roca gearbeitet, viel Wald geschlagen, viel gepflanzt, so daß die einzelnen Kolonien, wie Ansiedlungen, wie blühende Gärten aussehen. Das Korn wird bald reif, der Weizen steht sehr gut, der Mais wächst zusehends, wie auch Bohnen, Hafer, Reis, Gemüse und Früchte. (Publikation der Reichsstelle vom Januar 1935). Kolonie Roland. Wir geben, obwohl die Mitteilungen bis zum Frühjahr vorigen Jahres zurückreichen, interessante Angaben über diese Kolonie wieder, da sie gerade jetzt wieder Gegenstand mannigfacher Erörterungen bildet: Ich halte Brasilien für zukunftsreich. Zu seiner schnellen Entwicklung fehlt es nur an Kapital. Das in wenigen Händen befindliehe brasilianische Kapital ist konservativ, es haftet an der Küste und wagt wenn es ins Innere geht, höchstens eine Anlage in Kaffeplantagen, die trotz allem immer noch lohnend ist. Andere Anlagen erfordern mehr Fleiß und persönliche Betätigung. Aber gerade diese Anlagen sind es, die einem denkenden und rechnenden Menschen, der sich persönlich hierhersetzt, das Land bebaut, aber gleichzeitig um sich schaut, weitgehende Möglichkeiten eröffnen. Hier trägt der Boden etwa das Dreifache an Bizinus wie in Südeuropa. Es müßte unschwer gelingen, bei guten deutschen Beziehungen, hier ein Zentrum für Bizinusanbau und -pressung zu schaffen. Fast noch günstiger liegt die Sache mit Tung. Tung, wohl der einzige wetterfeste Lack, wird m. W. nur in Asien und Kalifornien angebaut. Hier gedeiht er vorzüglich. Aber wer hat die Kapitalien, in größerem Umfang Tungbäume, die erst nach 4 Jahren, allerdings dann auf 30—60 Jahre Frucht bringen, anzubauen? Dieselbe Oelpresse könnte dazu dienen, Tung und Rizinus herzustellen, wie sie denn für alle Oelarten geeignet ist und auch für Sojabohne, Sesam und Erdnuß lohnende Verwendung finden würde. Neuerdings werden hier Versuche mil Rhaini, einer Faserpflanze, die baumwollähnliche, aber haltbarere und seidigere Gewebe gibt, gemacht. Eine besondere Bedeutung kann der Zuckeranbau gewinnen. Das Zuckerrohr gedeiht sonst nirgends im Staate Parana und im Süden des Staates Sao Paulo. Die Zuckerpreise sind in diesen Gegenden ungewöhnlich hoch. Ich werde voraussichtlich die Alqueire (2V2 Hektar) Zuckerrohr, die ich im vorigen Herbst angelegt hatte, zu Saatzwecken verwenden und kann daraus zum Herbst 1935 10 Alqueiren Zuckerrohr erwarten. Ich werde mir für etwa 6000 Mark eine Anlage anschaffen, die das Rohr zu gelbem Zucker preßt und die Rückstände zu Schnaps verarbeitet. Viel besser aber noch wäre es, wenn soviel Kapital zusammenkäme, um eine Zuckerfabrik, die weißen Zucker erzeugt, errichten zu können. Es ist kein Zweifel, daß sie bis nach Sao Paulo und Curityba die Konkurrenz der anderen weiter entfernten Zuckerfabriken schlagen könnte. Solche Fabriken werden heute schon in vielen Teilen in Brasilien hergestellt. An Milch und Butler inangelt es in der ganzen Gegend. Der Preis für den Liter Milch in Londrina ist 800 Reis, in Roland noch höher. Die Kolonie ist allmählich so weit in der Anlage von Weiden, daß Kühe in größerer Anzahl gehalten werden würden, wenn gesicherter Absatz da wäre. Die Verhökerung in den kleinen Quantitäten ist für den Kolonisten schwierig. Die Anlage einer Molkerei wäre rentabel und würde bei dem Mangel an guten Milchprodukten bis nach Sao Paulo Absatz haben. Von Blumenau her wird trotz des ärmeren Bodens und der größeren Entfernung ein lebhafter Verkehr nach S. P. unterhalten. Sogar von Rio Grande aus wird der Käse nach S. P. und Rio versandt. Sowohl die Anlage einer Molkerei als die Milchviehzucht im großen würde lohnend sein. — Aehnlich verhält es sich mit der Schweinezucht. Es gibt auf ungünstigerem Boden Fazenden, die bis zu 1000 Schweinen jährlich absetzen. Auch das setzt die Investierung von so erheblichem Kapital, wenn auch nur kurzfristig, voraus, daß die Zahl dieser Fazenden verhältnismäßig gering ist. Es liegt im ganzen so, daß hier alle diejenigen Produkte sehr billig sind, deren Erzeugung Arbeit aber keine Kapitalanlage, insbesondere langfristige Kapitalanlage, erfordert. Deswegen sind z. B. Eier und Mais überaus billig. Auch Schweinefleisch weit unter den Weltmarktpreisen. Dagegen ist Milch schon verhältnismäßig teuer. Alle Produkte aber, die einem langfristigen Herstellungspiozeß oder einem industriellen Verarbeitungsprozeß unterworfen waren, stehen hoch im Preise, die Kapitalarmut des Landes be günstigt denjenigen, der mit Verstand Kapital aufwendet. Ich bin deshalb der Meinung, daß sich mit jedem Kapitalisten, der hierherkommt, die Chancen bedeutend verbessern, und daß hier die Voraussetzung für eine glückliche Zusammenarbeit erfahrener Männer im seltenen Maße gegeben ist. Wenn ich von Kapitalisten spreche, so denke ich nicht an Großkapitalisten in deutschem Sinne, sondern an jeden, der über die Kosten der Ueberfahrt, des Landkaufs, des Hausbaus und der ersten Landbestellung noch einige Mittel übrig hat, um langfristige Produkte zu erzeugen, oder sich an kleinen oder mittleren industriellen Anlagen zu beteiligen. 62