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Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen · 1935-09-01 · September 1935 · p. Seite 61

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Journal
Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen
Volume
1935. Bestand LBI
Issue
September 1935
Date
1935-09-01
Page
Seite 61 (sequence 63)
Language
German
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Es erscheine jedoch sehr zweifelhaft, oh diese Maßnahme einen entsprechenden Erfolg erzielen wird. Es wird deshalb auch von Seiten der Landwirte gegen die verfassungsrechtlich festgelegten Einwanderungsbeschränkungen Stellung genommen. — Wir haben schon in unserem letzten Korrespondenzblati vom August v. .Is. darüber berichtet, daß auf der Jahresversammlung einer großen brasilianischen Ansiedhings-Gesellschaft in Brasilien man sich gegen die Einschränkung der Einwanderung gewandt hat. weil sie di(> Entwicklung des Landes in verhängnisvoller Weise hemme. Auch von einem brasilianischen Teilnehmer an der Arbeitskonferenz in Genf wurde geäußert, daß die zur Restriktion der Einwanderung bestimmten Erlasse und Gesetze den wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt des Landes beeinträchtigen würden. Zur Entwicklung bedürfe Brasilien f r e Inder Arbeitskräfte und fremden Kapitals. Die Industrialisierung Brasiliens, nach einer Veröffentlichung des deutsch-brasilianischen Handelsverbandes vom Dezember 1934: Ueber die Produktionskraft der brasilianischen Industrie besteht keine zuverlässige Statistik. Es steht jedoch fest, daß die Inlandindustrie in manchen Staaten die Landwirtschaft in ihrer Bedeutung bereits überflügelt hat; so z. B. in Sao Paulo, wo die Erzeugung der Landwirtschaft in 1933, 1,7 Mill. Contos wertete, die Erzeugung der Industrie jedoch 2,0 Mill. Contos. Nach einer halbamtlichen Schätzung erreichte die Jahreserzeugung der brasilianischen Gesamtwirtschaft 11,4 Mill. Contos, wovon 4,7 Mill, auf Ackerbau, 1,4 Mill, auf Viehzucht und 5,3 Mill, auf Industrie entfallen. Daß die letztere schon eine gewisse Mannigfaltigkeit erreicht hat, ist bekannt. So werden in dein industriell am weitesten entwickelten Staat Sao Paulo außer der Textilindustrie noch folgende Gruppen gezählt: Leder, Holz, Möbel. Metall, Maschinen, Keramik, Baumaterial, Chemikalien. Nahrungs- und Genußmittel, Schuhe, Hüte, Papier, Gummiwaren, Spielwaren. Musikinstrumente. Trotz dieser fortschreitenden Industrialisierung sind die Einfuhraussichten — auf lange Sicht — nicht ungünstig zu beurteilen. Schon der Aufbau und die laufende Erneuerung des Industrie-Apparates machen eine dauernde Einfuhr erforderlich, da für Brasilien der Weg zur Schaffung einer eigenen Produktionsmittel-Industrie noch sehr weit ist. Das Brasilianische Einfuhrgeschäft. Nach Berichten aus Rio de Janeiro hat die in letzter Zeit zu beobachtende Besserung der allgemeinen Lage im Zusammenhang mit den Erleichterungen in der Devisenzuteilung für Importzwecke eine ständig zunehmende Belebung der Einfuhr Brasiliens ausgelöst. Die meisten Zweige der brasilianischen Industrie melden volle Beschäftigung, sodaß für die nächste Zeit mit größeren Bestellungen, besonders von Rohstoffen, gerechnet wird. Umfangreiche Bestellungen von Maschinen, Werkzeugen, Eisen und Stahl sind bei der Ausführung des staatlichen Arbeitsbeschaffungsprogranimes zu erwarten, das sich auf den Ausbau und die Elektrifizierung der Bahnen und auf den Bau von Häfen und Fluganlagen erstreckt. Steigende Lebenshaltungskosten Januar 1 9 3 5. Die Lebenshaltungskosten in Rio de Janeiro und in Sao Paulo sind nach Presseberichten in dauerndem Steigen. Indexziffern werden nur für Rio de Janeiro mitgeteilt; die Ursachen des Ansteigens der Preise sind indessen allgemeiner Natur und gelten für beide genannten Städte. Wird der Zeitraum 1925 bis 1929 gleich 100 bezeichnet, so betrugen die Lebenshaltungskosten im Jahre 1934, und zwar in den Monaten Januar 83,5, April 89,6, September 90,0, Oktober 90,3. Mit einem weiteren Ansteigen wird gerechnet, zumal für die reinen Ernährungskosten. Dazu kommt, daß infolge des sehr niedrigen Milreiskurses die Preise für eingeführte Waren entsprechend gestiegen sind. Dies wirkt sich unter anderem auch auf die Baukosten und demzufolge auf die Mieten aus. Ferner haben verschiedene Streiks in zahlreichen Industrie- und Gewerbezweigen zwar gewisse Lohnerhöhungen gebracht, aber auch zu Preissteigerungen für Erzeugnisse der einheimischen Industrien geführt. Die Mehrzahl der Verbraucher muß sich auch weiterhin mil Krisenlöhnen zufrieden geben und empfindet daher jede kleine Steigerung der Lebenshaltungskosten doppelt schwer. Arbeiterl ö h n e in Rio d e J a n e i r o (Publikation der Reichsstelle vom Febr. 1935.) Bei dem unvollkommenen Ausbau der brasilianischen Statistik ist es schwer, amtliches Zahlenmaterial über die Höhe der Arbeitslöhne in den einzelnen Industriezweigen des Auslandes zu erhalten. Durch die Vermittlung der Deutsch-Brasilianischen Handelskammer in Rio de Janeiro sind die nachstehenden Mitteilungen aus Mitgliederkreisen eingegangen: a) von der Seidenweberei H. B. Werner & Cia, Rio de Janeiro: Der Durchschnittslohn eines Seidenwebers beträgt für 8 Stunden Arbeit je Tag lOJjgOOO ($ Milreis). Frauen und Mädchen, gelernte Arbeiterinnen, verdienen 6—10$000 täglich bei 8 Stunden Arbeit als Spulerinnen, Andreherinnen, Zettlerinnen, Stückputzerinnen usw. Schlosser, Schreiner und Maurer verdienen 12$000 im Durchschnitt. b) Von Siemens-Schuckert S. A. Rio de Janeiro: Für Lagerarbeiter je Stunde: Allgemein Chauffeure Monteure: Spezialmonteure Sonstige Gehilfen Rs. 1$600— 1$200 Rs. 2$500 — 1|600 Rs. 3$000 — 2$500 Rs. 2$500 — 2$000 Rs. 2$000— l|000. Auszüge aus Briefen. Rio de Janeiro, 2. Hälfte September 193 4. Von den hier angekommenen Leuten — und es sind derer nicht wenige — haben wohl die meisten Arbeit und Brot gefunden, wenngleich auch noch die vor .'i Wochen Angekommenen nicht alle untergebracht sind. Am härtesten kämpfen wohl die Angehörigen geistiger Berufe — Arzte, Anwälte usw., — die zufolge neuer Regierungserlasse an der Ausübung ihrer Berufsarbeit sich gehindert sehen, und deren Umschichtung und Eingliederung in geschäftliche Unternehmen Zeit und Geduld erfordern. Die Angehörigen praktischer Berufe haben — soweit es sich um arbeitsfreudige und willige Menschen handelt — ihre Tätigkeit aufgenommen und verdienen vorerst das zum Leben Notwendige. Wir sehen, daß die vor einem Jahr Angekommenen, d. h. die jungen Menschen, ohne Geld es weiter gebracht haben, als diejenigen, die den Lebensunterhalt für eine Zeit mit sich führten, und zwar aus dem Grunde, weil bei jenen die eiserne Notwendigkeit des Verdienenmüssens zutage trat, bei diesen jedoch erst das Geld zur Neige gehen muß, um sie auf den Stand der ersteren zu bringen. Im allgemeinen jedoch kennen die jungen Menschen den Wert des Geldes in der Zeit der Not, und zum Lobe des größten Teiles muß gesagt werden, daß alle ihr Bestes geben, um eine lohnende Beschäftigung zu finden. Sao Paulo, Mitte Oktober 193 4. Ueber die Verdienstmöglichkeiten in Brasilien kann ich Ihnen berichten, daß das Land besonders Handwerker und Gewerbetreibende braucht. Die Konjunktur für solche ist jetzt sehr günslig, weil Brasilien prosperiert, und Schneider, Schuhmacher, Klempner, Mechaniker, Schlosser, Tischler, Dreher, Elektriker, Wurstmacher usw. werden sehr gesucht. Mit 1000 RM können sich solche auch selbständig machen. Im Betrieb, wo ich arbeite, können noch Papiermacher und Maschinenführer angestellt werden. Die Angestellten sind hier schlechter bezahlt und haben wenig Aussicht, eine Stelle zu bekommen. Das Leben ist hier nicht teuer, Lebensmittel gibt es im Ueberfluß, nur die Wohnungen sind verhältnismäßig hoch im Preis, besonders wenn etwas Komfort verlangt wird. Obwohl ich als Ingenieur einen Vertrauensposten in einer Papierfabrik übernommen habe, ist mein Gehalt vorläufig nicht sehr hoch. Ich habe seinerzeit nur in verwandten Industriezweigen gearbeitet, muß mich deswegen noch mit der Produktion vertraut machen, und erst wenn es mir gelingen wird, eine Spitzenleistung zu erreichen und die Gestehungskosten zu vermindern, hoffe ich, daß auch meine Ansprüche befriedigt werden. Ende April 1935 sprach sich der Schreiber dieses Briefes in demselben Sinne wiedei' aus. Rio de Janeiro, Anfang November 1934 Hier kennt man keine Ausländer, keine bürokratische Einstellung, jeder kann arbeiten, Arbeit ist hier haufenweise da, allerdings, wenn man die Sprache nicht beherrscht, verdient man wenig, aber portugiesisc h ist ja zu erlernen. Ks leben 15 000 Deutsche allein in Bio. Täglich lese ich in der Deutschen Rio Zeitung Chauffeur gesucht, der Deutsch spricht. Viele Juden sind Hand- 61

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