Mannheim
Compact Memory

Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen · 1935-09-01 · September 1935 · p. Seite 39

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen
Volume
1935. Bestand LBI
Issue
September 1935
Date
1935-09-01
Page
Seite 39 (sequence 41)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/6492417-9587701-10032093--538-9587742
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

oder wenigstens das Vorhandensein eines guten Dolmetschers notwendig sei. Die Verhältnisse hätten dahin geführt, daß während der letzten Jahre überhaupt eine beträchtliche Abwanderung von Aerzten, Musikern, Lehrern, Bürobeamten nach Shanghai stattgefunden hat, das eine Bevölkerung von mehr als 2V2 Millionen habe. Aus Charbin wurde — im x\pril — die Mitteilung gemacht, daß keine Elektriker, weder Monteure noch Mechaniker gebraucht würden. Ms gebe eine große Menge von Elektrikern aller Art unter den Japanern, Chinesen und Russen. Das Polytechnische Institut der Ostchinesischen Eisenhahn habe auch eine elektrische Sektion, wo Elektro-Ingenieure jährlich graduiert werden. — Dazu komme noch, daß alle elektrischen Kraftstationen und die meisten neuen Bauten den Japanern gehörten, die ihren eigenen Leuten bei Vergebung von Arbeiten den Vorzug gäben. In C h i n a sei die Lagenicht besser. Bemerkt wurde, daß für Schneider, Zuschneider etc. Verwendung wäre. In einem Brief von Mitte Februar 1935 an Hicem wird speziell über die Aussichten für Kürschner — Zuschneider herichtet. Nach Ihrem Brief ist er ja ein Kürschner-Zuschneider, etc. Er könnte Arbeit als ein Handwerker hierin finden, in unserer .Stadt ebenso wie in Tientsin, Dairen, Shanghai, etc. Gute Kürschner könnten auch Arbeit zu Hause für Pelzgeschäfte und private Kunden finden. Aber wir halten es für wichtig, Ihre Aufmerksamkeit auf die Tatsache zu lenken, daß europäische Werkstätten chinesische Arheiter gebrauchen, die beträchtlich billiger sind. Wenn sie Arbeit an Europäer geben, zahlen sie ein bißchen mehr, aber noch viel weniger als in Europa. Es muß jedoch daran erinnert werden, daß das Lebens-Minimum für einen Europäer hier die Hälfte von dem kostet, wie in West-Europa. Um mit dem jungen Herrn F. zu beginnen, so bekommt er 2—21/-2 lokale Dollars pro Tag. 3 lokale Dollar gleich 1 amerikanischer Dollar. Dies ist völlig genug für einen einzelnen Mann zu bescheidenem Leben. Wir wiederholen, er kann liier Arbeit finden, wenn er sein Geschäft gut kennt, aber wir können keine Garantien oder Versprechungen geben, daß er soviel wie in Europa bekommt. Er muß sich die billige chinesische Arbeit klar machen und die allgemeine Lage des lokalen Marktes. Es wäre gut (nach der Ansicht einiger Leute) wenn gute Kürschner ein „Artcl" — eine Vereinigung von Arbeitern — bilden würden. Sie könnten für europäische Pelzgeschäfte arbeiten, private Kunden, kooperative Läden, etc. Aber das ist eine Sache für die Zukunft. Zuerst werden sie in Werkstätten zu arbeiten haben. Während der Pelz- Saison —■ Oktober—Januar — verdienen Kürschner im allgemeinen beträchtlich mehr. Aus einem Schreiben vom Mai 1935: Niederlassungs-, Siedlung s - und Berufsfragen. Was Mandschukuo betrifft, so sind die Möglichkeiten einer ländlichen Siedlung wie auch städtischer Niederlassung sehr schlecht. Japan hat seit der Begründung des Mandschukuo-Statuts, also im Zeitlauf von drei Jahren, nur wenige hundert Siedler nach Mandschukuo geschickt. Es handelt sich dabei fast durchweg um gediente Soldaten, die imstande sind, dauernden räuberischen Ueberfällen Widerstand zu leisten. Tm nördlichen Teile von Mandschukuo. der für eine Siedlung am ersten in Betracht kommt, fehlen geschlossene Dorfschaften fast vollkommen. Die einzelnen Farmhöfe gleichen mittelalterlichen Burgen, die zum Schutze von Leben und Eigentum mit einem Wall umgeben sind. Auch die klimatischen Verhältnisse sind nicht sehr erfreulich. Im Sommer 40 C. und mehr, dabei eisige Nächte, im Winter 25—30 C. unter dem Nullpunkt. Wesentlich ist aber noch, daß die nichtjapanischen Siedler vorderhand nicht mit der Unterstützung der japanischen bezw. Mandschukuoregierung zu rechnen haben, die den Militärsiedlern weitgehend zuteil wird. Städtische Niederlassung. In Charbin und anderen Städten haben 11 Aerzte aus Deutschland ihre Praxis eröffnet. Ein jüdischer Kürschner fand Anstellung in einem Pelzgeschäft. Die Niederlassung in Charbin wie anderen Städten Nord-Mandschukuos setzt unbedingt die Kenntnis der russischen Sprache voraus. Daneben ist einige Kenntnis der sehr schwierigen chinesischen Sprache erforderlich. Die Aussichten einer Existenzgründung sind nicht gut. Die Konkurrenz der japanischen Handwerker, Aerzte und Kaufleute ist stets im Wachsen begriffen. Die japanische Bevölkerung bevorzugt ihre Landsleute, die Russen übergehen jüdische Aerzte und Kaufleute in zunehmendem Maß, und mit der sehr zahlreichen chinesischen Bevölkerung ist, wenn man von der gedrückten Kaufkraft und dem niedrigen Lebensstandard absieht, nur bei Kenntnis der chinesischen Sprache bezw. Anstellung eines chinesischen Mittelsmannes zu rechnen, der einer europäischen Sprache mächtig ist. Besser als in Charbin dürften die Aussichten in Mukden und Heinking sein. Hier wie auch in Hongkong, Rangoon, Bombay und Shanghai haben qualifizierte Rabbiner, die der englischen Sprache mächtig sind, Aussichten. Eine Gruppe von Aerzten aus Deutschland hat sich mit gutem Erfolg in Shanghai in einem Haus gemeinsam etabliert. Auch in anderen Städten Chinas sind die Aussichten für Aerzte nicht schlecht, wenn von der dauernden politischen Be unruhigung in den südlichen Provinzen abgesehen wird. Doch gilt betr. der Aerzte für Mandschukuo das Gleiche, was bereits bezüglich Chinas und des Fernen Ostens gesagt wurde. Aus einem Schreiben vom Juni 1935 geben wir folgendes wieder: Wirkungen des Verkaufs der ostchinesischen Eisenbahn. Im Zusammenhang mit dem Verkauf der ostchinesischen Eisenbahn von Seiten Sowjetrußlands geht jetzt eine Evacuation von 20 000 Eisenbahnbeamten nach Sowjetrußland vor sich. Jeder dieser Beamten bekam hohe Gratifikationen in Goldrubel und hält sich reisebereit. Selbstverständlich sind alle Werkstätten und Kleidergeschäfte überschüttet mit Bestellungen, und es fehlen Arbeitskräfte. Wenn im gegenwärtigen Moment sich sogar 50 Schneider aus Deutschland hier aufhalten würden, fänden sie alle Arbeit. Die Evacuation wird aber nur 2 oder 3 Monate dauern, alle diese Beamten werden abreisen, und die spätere Situation wird sich entsprechend ändern. Die Eigentümer der Konfektionsgeschäfte und Werkstätten, die Arbeitskräfte anfordern, wollen keine Garantien für die Zukunft geben. Im allgemeinen bereitet sich eine große Auswanderung aus Mandschukuo vor, und zwischen denen, die abreisebereit sind, befinden sich auch einige gute jüdische Schneider, Eigentümer von großen Werkstätten, welche die europäischen Klienten bedienen; alier auch abgesehen davon, befinden sich genügend chinesische Schneider und gute Fachleute hier, doch wird die europäische Arbeil viel höher bewertet und auch besser bezahlt. In den Städten Chinas mit einer europäischen Bevölkerung wie z. B. Tientsin. Shanghai usw., wo eine Gesellschaft von Ausländern besteht, ist es für einen guten europäischen Fachmann wichtig, die englische Sprache zu beherrschen. Das Leben excl. Wohnung in Charbin usw. ist sehr billig und trägt einen europäischen Charakter. Die Ausreise nach Mandschukuo ist frei, die großen Bekleidungsunternehmungen befinden sich größtenteils in den Händen von Juden und Russen. Der Weg nach Mandschukuo führt am besten über Sowjetrußland und dauert mit der Eisenbahn 12 Tage. Die Juden verstehen deutsch, und mit den russischen Klienten muß man durch einen Dolmetscher sich verständigen. Brief aus Charbin vom Juni 1 9 3 5. Sämtliche Disziplinen sind hier überfüllt, und der Existenzkampf ist noch schwerer als in Europa, nur eine einzige Möglichkeit zu sicherlich sehr gutem Einkommen besteht hier für einen Spezialarzt für Hals, Nasen und Ohren, der aber sehr gut operativ ausgebildet ist und ein erstklassiges Instrumentarium besitzt. Der betreffende Herr muß für ein Jahr Geld zum Leben halben, je nach Ansprüchen und Wohnung hier 200—300 Reichsmark — 400 Mark pro Monat. Genauere Auskünfte über Wohnung, Reiseweg, Paßerledigung etc. erteilt Daljewcib. Hicem, das hiesige deutsche Konsulat: German Consulate Harbin. Sprachkenntnisse habe ich hier in einem Jahr erwerben müssen: englisch, russisch und fange jetzt chinesisch an. Sämtliche Kollegen, die hier die chinesische oder japanische Umgangssprache beherrschen, haben gut in die Praxis hineingefunden; die anderen arbeiten mit Dolmetscher, was nicht teuer ist. aber lange nicht so gut wie selbst sprechen. Viele, die meisten gebildeten Chinesen sprechen russisch. Das Klima ist gesund, Verpflegung billig und gut, Landschaft trostlos. Ausflüge unmöglich, Theater, Konzerte spärlich, Radio gut, Bibliothek rar, Reisen größeren Stils billig. 39

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.