Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen
- Journal
- Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen
- Volume
- 1935. Bestand LBI
- Issue
- September 1935
- Date
- 1935-09-01
- Page
- Seite 35 (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
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Ii e r i c h t a u s S h a n g h a i v o m F e 1) r u a r 1 9 3 ."> Die politische Lage Chinas hat sich in letzter Zeit zweifellos sehr gebessert, außenpolitisch durch Entspannung der Beziehungen zu Japan, innerpolitisch durch Zurückdrängung der sog. Kommunisten in einigen Provinzen und Stärkung der Zentralregierung, wenn auch Aenderungen innerhalb der Regierung nicht ausgeschlossen sind. Das Wirtschaftsleben pulsiert stark und der Unternehmungsgeist ist groß. Diese für einen wirtschaftlichen Aufstieg an sich günstigen Momente werden allerdings augenblicklich durch die Weltwirtschaftskrise gehemmt, die auch hier, wenn auch später, eingesetzt hat und noch stark merkbar ist. Besonders erschwerend und lähmend wirkt aber seit einigen Monaten die unsichere Lage des Silbers, auf dem die Währung Chinas basiert. Infolge der Silberankaufspolitik Amerikas ist der Silberpreis und damit der Wert des chin. Dollars gestiegen; dadurch wurde für China zwar der Import erleiclftert, aber der bei der passiven Handelsbilanz Chinas viel wichtigere Export erschwert und ein legaler und illegaler Abfluß des Silbers veranlal.il, der für das Land ruinös zu werden beginnt. Die Folge ist eine starke Nervosität und Unsicherheit in der Wirtschaft. Die Gerüchte über eine Aenderung des Währungssystems mit allen damit zusammenhängenden Unsicherheitsfaktoren wollen nicht zum Schweigen kommen; man befürchtet Maßnahmen der Regierung, die direkt oder indirekt eine Devalvation zur Folge haben können. Die geschilderten retardierenden Momente sind in den nachstellenden Ausführungen berücksichtigt; fallen sie fort, ist insbesondere die Währungsflage geklärt, so ist durchaus auch eine Besserung der Aussichten möglich. Die nach Shanghai ausgewanderten deutschen Juden — meist Akademiker — sind im allgemeinen nicht schlecht hineingekommen und verdienen ihr Leben. Einigen geht es recht gut, einzelnen auch schlecht, keinem wohl glänzend. Von anderen Orten Chinas hört man teils Gutes, teils Schlechtes. Vom ärztlichen Beruf gilt z. B. ersteres von Nanking, letzteres von Kanton, wo seitens dei Frovinzialregierung von Kwangtung die Arztniederlassung durch Erfordernis der .Spracherlernung und Degree-Erwerbung erschwert sein soll. Im Innern des Landes, Nicht-Vertragshäfen, wird Lizenz erforderlich, bei der man der Gefahr des Widerrufs ausgesetzt ist; so ist es kürzlich zwei deutschen Aerzten in Hangchow ergangen, die infolgedessen nach einjähriger Praxis und nach recht befriedigendem Start nach Shanghai übergesiedelt sind. Die Möglichkeiten für weitere Aerzte werden für Shanghai pessimistisch beurteilt, jedoch dürfte dies wie überall nur allgemein gelten und Ausnahmen für Einzelfälle, besondere Beziehungen oder Qualifikationen, zu machen sein. In anderen Vertragshäfen sollen teilweise noch Möglichkeiten bestehen. Unbedingte Voraussetzung ist allerdings stets Kenntnis der englischen Sprache, Einfühlungsfähigkeit in die chinesische Mentalität und ausreichendes Anlaufskapital. Für Zahnärzte und Zahntechniker werden die Aussichten hier in Shanghai ungünstig beurteilt. Für Juristen dürften kaum Möglichkeiten bestehen, ebensowenig für Beamten- oder Beraterstellen bei der Regierung, es sei denn daß besondere Verbindungen vorhanden sind. Dasselbe gilt für kaufmännische Angestellte. Günstiger scheinen die Verhältnisse für technische Berufe, Ingenieure, Chemiker usw. zu liegen, die bei der fortschreitenden Industrialisierung Chinas Unterkommen finden könnten, jedoch nur, wenn sie englisch können, die Reise selbst riskieren und sich einige Zeit über Wasser halten können. Recht aussichtsreich erscheinen dagegen die Chancen für Leute, die einiges Kapital mitbringen können und nach gründlichem Studium in ihrem Spezialfach im Fabrikwesen tätig sein wollen oder sonst irgend ein selbständiges Betätigungsfeld finden mögen. Um das Gesamtbild zu vollenden: Für Handwerker und landwirtschaftliche Siedler bestehen keinerlei Möglichkeiten. Die Lebenshaltungskosten sind hier in Shanghai etwa dieselben wie in Berlin, die Mieten zwar teurer, alles andere aber billiger. Immerhin kann man auch in Shanghai bei bescheidenen Ansprüchen volle Pension von etwa HO chin. Dollar monatlich finden, bessere entsprechend höher (etwa 150), in Hotels für 150 bis 300 Dollars. An anderen Orten Chinas ist es teilweise erheblich billiger, meist allerdings auch primitiver. Das Klima ist im allgemeinen nicht schlecht und bei vorsichtiger Lebensweise nicht gefährlich. Der Norùen Chinas entspricht etwa unserem Klima, südlich des Yangtse ist allerdings Tropenfähigkeit nötig. Lungenkranken und Dysenterie-Anfälligen wird von einer Uebersiedlung abgeraten. Ueber die Verhältnisse in Kanton unterrichten folgende Angaben aus Briefen vom Februar 1935: Kanton wird als der entfernteste Teil von Südchina betrachtet. Es ist eine Reise von 2 Stunden von Hongkong, 10 Tage von Charbin und 5 Tage zur See von Shanghai. Das Klima dort ist subtropisch. Die chinesische Bevölkerung ist etwa 1 Million, darunter eine europäische von wenigen Tausend. Aus Brief vom 6. Mai 1935 entnehmen wir folgendes: Ueber Shanghai gibt es jetzt eine sehr anschauliche Information im Januar-Heft der amerikanischen Zeitschrift: „Fortuna"; freilich ohne Schilderung der verheerenden Silberkri.se, die alles lähmt; die Patienten zahlen nicht mehr. Europäische Kinder haben hier auch keinerlei Aussicht — weder Ausbildung noch Anstellung. Industriearbeiterlöhne Die chinesischen Schwerarbeiter gehören der chinesischen Arbeiter-Union an. Außerdem aber — und dies wird teilweise durch völlig voneinander verschiedene Dialekte und durch verschiedene Charaktereigenschaften, besonders zwischen Nord- und Südchinesen, bedingt — gruppieren sich die chinesischen Arbeiter in Cliquen, die mitunter sich feindselig gegenüberstehen, weshalb es besonders in Fabriken, welche von Europäern geleitel werden, die mit der Vielseitigkeit der Arbeiterschaft nicht vertraut sind, sehr leicht zu ernsten Streitigkeiten kommt. Bei richtiger Auswahl der Arbeitergruppen aber und bei gerechter Behandlung kann man sich kaum einen willigeren, fleissigeren und geschickteren Arbeiter als einen chinesischen wünschen. In den von europäischen Firmen betriebenen Fabriken in Shanghai werden die Arbeiter etwas besser bezahlt als in den meisten chinesischen Betrieben, auch sind die Arbeitsräume hygienischer. Besprochen werden des weiteren Beschäftigungsziffern in der Schwerindustrie, Zahlungsmodus der chinesischen Löhne, Höhe der Löhne — Schmiede, Kaltschmiede, Schneider, Nieter, Maschinenarbeiter an Werkzeugmaschinen, auch für Montagen auswärts, Slahlkonstruktionsarbeiter, Vorarbeiter, Schiffbau- und -Reparatur, Dünnblecharbeiter, Standard-Massenherstellung, Konserven- und bedruckte Dosenherstellung, andere Fabrikationszweige von Metallwaren. (Publikation der Reichsstelle.) Ärzte. Ferner Osten. Aus dem Fernen Osten geben wir folgende Nachricht auf Grund einer Mitteilung von H1CEM weiter: Aerzte, die die Absicht haben, in die Länder des Fernen Ostens zu gehen und ihren Beruf dort zu verfolgen, müssen im Original ihr Diplom mitnehmen; denn bei der Registrierung neuangekommener Spezialisten fordert das lokale Gesundheitsdepartement dieses Original und ist nicht zufriedengestellt mit irgendwelchen anderen Zertifikaten, Kopien oder Auszügen. Sie sollten das große gedruckte Diplom mit sich nehmen, das im allgemeinen von deutschen Universitäten gegeben wird, und einige gedruckte Kopien in derselben Größe. Neuerdings haben die lokalen Behörden begonnen, Aerzten, die kein solches Diplom haben, Schwierigkeiten zu machen. So empfing z. B. ein Arzt eine polizeiliche Benachrichtigung, seine Ausübung der Praxis einzustellen bis zur Uebermittlung dieses Diploms. Obwohl er seine Praxis fortsetzt, ist seine Position sehr unsicher. Im allgemeinen ist für den Fernen Osten — auch für China — unbedingt erforderlich, sich vor Uebersiedlung genau über die Verhältnisse in dem beabsichtigten Niederlassungsort zu erkundigen. Ceylon. 65 608 qkm mit 1930 5 479 000 Personen. 0,2 % Europäer, 0,7 °/o Burghers (einheimische Weiße) und Eurasier, 66,9% Singalesen, 24,9% Tamilen, 6,3% Mohren, 0,3% Malaien, 0,1% Wedda, 0,6% Andere. Hauptort Colombo 284 000. Währung wie in Indien. Ceylon ist ein reiches tropisches Land, das im Welthandel besonders als Produzent von Tee — 50 % der Gesamtausfuhr — gilt, und wo Kautschuk eine Rolle spielt. Nach Auskunft des englischen Konsulats ist für Deutsche ein Visum für Ceylon nicht nötig. Staatenlose Personen müssen ein Visum haben. Alle Personen müssen beweisen, daß sie mit Mitteln ankommen werden. Staatenlose müssen einen Wiederausreise-Vermerk haben. Es ist jetzt in London ein Büro eröffnet worden, das Auskünfte über Ceylon erteilt: Ceylon House, Australia Buildings, Aldwych, London W. C. 2. Ceylon ist von einer sehr schweren Malaria-Epidemie befallen, die sich über das Land sehr weit ausgebreitet und viele Opfer gefordert hat. Die Malaria-Epidemie ist auch im Frühjahr 1935 wieder aufgetreten, wenn auch in milderer Form. Die Gesamtzahl der Sterbefälle in Ceylon während der fünf Monate November 1934 bis März 1935 beläuft sich auf 35