Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen
- Journal
- Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen
- Volume
- 1935. Bestand LBI
- Issue
- September 1935
- Date
- 1935-09-01
- Page
- Seite 34 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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Beurteilen wir das Land ahnnach unseren Begriffen, so ergibt sich die erstaunliche Feststellung, daJ.i das heutige Ackerland in China nur etwa 26 Frozen! des überhaupt anbaufähigen Bodens ausmacht. Wollte man die noch ungenutzten 74 Prozent unter Kultur nehmen, so kann dies nur mit den Kapital. Maschinenkraft, Straßen und Stauanlagen erfordernden Methoden westlicher Landwirtschaft geschehen! Aber Kapital fehlt China. Nur etwa der Hälfte Bauern gehört das Land, das sie bearbeiten; ein Viertel hat Land dazugepachtet; das letzte Viertel bearbeitet nur gepachtetes Land. Der Landbesitzer bezieht im Durchschnitt einen Pachtzins von achteinhalb Prozent; andere Schätzungen setzen den Durchschnitt sogar auf 11 Prozent. Der Pächter muß etwa die Hälfte seiner Ernte als Pachtsuinme zahlen, um diese Verzinsung zu ermöglichen. — Wir bringen später Angaben über Reisekosten nach dem feinen Osten. Silberfreigrenze für Reisen innerhalb Chinas 1 0 0 0 Silberdollar Nach einer amtlichen Bekanntmachung vom 11. Dezember 1934 dürfen an der Küste innerhalb Chinas reisende Personen in Zukunft höchstens 1000 Silberdollar mit sich führen. Sollte dieser Betrag überschritten werden, sind die gesamten Gelder der Beschlagnahme ausgesetzt. — In diesem Zusammenhang wurde am 17. Dezeinher 1934 eine zweite amtliche Bekanntmachung erlassen, nach der Personen, die von einem Vertragshafen nach einem anderen Vertragshafen über einen ausländischen Hafen reisen, nicht mehr als fünfzig Silberdollar mit sich führen dürfen. (Publikation vom März 1935.) Die nachstehende Charakteristik der Wirtschaftslage (-binas im Jahre 1934 entnehmen wir Mitteilungen des Statistischen Reichsamts: Gesamtlage regional verschieden, durch politische Störungen beeinträchtigt. Bauaktivität in Schanghai bei gleichzeitiger Depression in anderen Küstenstädten. Schwere Agrardepression. Anhaltendes Wachstum der Industrie, vor allem der Textilindustrie. Weiterer Rückgang der Gesamteinfuhr bei zunehmender Maschineneinfuhr (Industrialisierung). Starke Erhöhung der Lebenshaltungskosten von April bis September. Ungünstige Lage der Staatsfinanzen. Stark gestiegene Provinzial- und Gemeindelasten. Auslandsschuldendienst, soweit nicht Seezolleinnahmen gesichert, weiter unregelmäßig oder ausgesetzt. Planungsideen. Verkehrspolitik, Flußbauregulierungen, landwirtschaftliche Veredlungsindustrien. Von einem Wirtschaftsführer Chinas wurde folgende Erklärung abgegeben: In den letzten 10 Jahren mache sich die Uebersiedlung der europäischen Juden in unser Land bemerkbar. Die Juden wohnen fast alle in den „International Settlements'-, selten in den chinesischen Städten. Unsere Regierung hat bisher Ausländern, wie auch Emigranten keine Hindernisse bereitet und allen Wohnrecht erteilt. Wir haben großes Interesse für deutsche Fachleute und technisch geschulte Meister, Ingenieure und industrielle Unternehmer. Wir sind jetzt, wie Sie es wissen, auf dein Wege der Industrialisierung, es fehlt uns Chinesen die Organisationskraft, wir haben noch leider keine eigenen geschulten technischen Kräfte, keine geschulten Arbeiter. Unsere Großkaufleute sind nicht gewandt für den Welthandel, besitzen keine Sprachkenntnisse und müssen sich durch Engländer bedienen lassen und Amerikaner. Wir werden es daher begrüßen, wenn gesunde und durchaus arbeitsfähige und schaffende jüdische Elemente in unser Land übersiedeln werden. Unsererseits werden wir alles mögliche tun, um diesen Leuten ein günstiges Arbeitsfeld zu sichern. Sie wissen aber, daß wenn China unbegrenzte Naturschätze besitzt, so ist es an Finanzkapital verhältnismäßig arm. Wir können also keine großen Mittel zum Zweck der Organisierung der Uebersiedlung aufbringen. Diese Aufgabe sollen die interessierten nationalen Organisationen ausführen. Wir haben kolossale Mengen Rohstoffe, fruchtbares Land und unbegrenzt billige Menschenkräfte. Brief aus Tien-Tsin von Ende August 1 93 4. Die Stadt Tien-Tsin besteht aus den fremden Konzessionen und der Chinesenstadt, die zusammen die Stadt bilden. Es gibt eine englische, eine französische, eine italienische und eine japanische Konzession. Jede Konzession wird nach eigenen Gesetzen von dem betreffenden Konsul und einer Municipalitäl verwaltet; sie ist exterritorial. Die Bevölkerung der Konzessionen ist gemischt, sie besieht sowohl aus Europäern, wie auch Chinesen. Die Bevölkerung wird auf rund 25 0(H) Europäer und 1 200 000 Chinesen geschätzt. Die Europäer gehören allen möglichen Nationalitäten an, auch die hier ansässigen Aerzte. Sie treiben alle allgemeine Praxis, mil Ausnahme einiger Fachärzte. Im Laufe der letzten 5 Monate erhielten wir Zuzug von Aerzlen. Es kamen Fachärzte und zwar solche, deren Spezialfach wir als hier benötigt bezeichnet haben. Sie haben sich sämtlich verhältnismäßig gut niedergelassen. Abgesehen von diesen Aerzten kommen letztens auch russische Aerzte aus Charbin, die mit Rücksicht aid' die politischen Wirren in Mandschukuo auswandern. Nun komme ich zur Beantwortung der mir gestellten Fragen. Das Lebensmininuun muß für eine 3 bis 4 köpfige Aerztefamilie mit etwa 350 150 hiesigen Dollar berechnet werden (gleich 120—150 amer. Dollar.) Für einen Junggesellen kann entsprechend mit 80—100 amerik. Dollar monatlich gerechnet werden. In diesen Preisen ist auch die Sprechzimmermiete mit eingerechnet, sofern das Sprechzimmer mil der Wohnung verbunden ist. Viele Aerzte richten sich auf diese Weise ein. Jedem Arzt, der sich hier niederlassen möchte, würde ich empfehlen, mindestens 500 bis 750 amer. Dollar (für Junggesellen), bezw. 700—900 amer. Dollar (für Verheiratete) mitzubringen. Da sämtliche Aerzte in den fremden Konzessionen wohnen, gibt es keine Zulassungseinschränkungen, es ist nur nötig, ein Acrztediplom zu besitzen. Diejenigen Aerzte. die im Innern Chinas sich niederlassen wollen, müssen sich beim Gesundheitsministerium in Nanking registrieren. Jeder Arzt, der sich hier niederläßt, muß die englische Sprache beherrschen, die hier eine Art Esperanto ist. Die meisten Ausländer und auch viele Chinesen sprechen englisch. Es empfiehlt sich dringend, die nötige ärztliche Ausrüstung, Apparate und Instrumentarium mitzubringen. Möbel und sonstiges Hausgerät sind hier billig zu haben, dagegen sind Gegenstände des Aerztebedarfs sehr teuer und nicht immer zu linden. Hei Verschiffung sind die Suchen in voller Höhe zu versichern, auch gegen Diebstahl und Beschädigung. Tien-Tsin hat eine jüdische Gemeinde von etwa 1000 Mitgliedern, alles Russen, vielleicht 20 deutsche Juden. Die Synagoge ist immer gut besucht. Außerdem existiert ein jüd. Club für Geselligkeit mit eigenem Haus. Durch die allgemeine Weltkrise ist auch dort viel Armut, so daß die Gemeinde sehr in Anspruch genommen ist. (Aus Schreiben vom Oktober 1934.) Brie f aus Charbin ( N o \ e in b e r 1 9 3 4 ) über Shanghai Ein europäischer Arzt, der zu praktizieren wünscht, muß ein rmt eingerichtetes Arztzimmer haben, einen Warteraum usw. Mindestens muß er 300 £ oder etwa so viel haben, und er kann nicht von sozialer Hilfe abhängen. Aber gleichzeitig sollte nicht übersehen werden, daß Shanghai eine sehr große Bevölkerung hat, und diejenigen Europäer, die imstande sind, sich den Erfordernissen der wohlhabenden chinesischen Klienten anzupassen, können sich darauf verlassen, einen gewissen Tätigkeitskreis zu haben. Kenntnis des Englischen ist in Shanghai von großer Wichtigkeit; noch wichtiger ist eine gewisse Kenntnis des Chinesischen. Leider isl die Zahl der Europäer, die chinesisch können, sehr klein, und deshalb müssen sich die meisten darauf verlassen, Arbeit oder Beschäftigung in den europäischen Teilen der Bevölkerung zu finden. Während der letzten Jahre ist eine beträchtliche Zahl von Verzten, Musikern, Lehrern, Bürobeamten usw. von Charbin nach Shanghai gegangen. Dem einen geht es hesser. dem anderen schlechter, aber man muß bedenken, daß diejenigen, die von Charbin auswandern, Mittel und Verbindungen in Shanghai haben, die Lage kennen, und diejenigen, die es unmöglich finden, sich dort niederzulassen, kehren zu ihrem alten Wohnort zurück. Schließlich hallen wir es für wichtig, Sie zu informieren, daß, obwohl die allgemeine Depression in Shanghai besteht, und die Neuangekommenen hart um die Existenz zu kämpfen haben, das Leben in Shanghai weit freier ist, als in der Mandschurei und Japan, und einige Kategorien der deutsch-jüdischen Spezialisten konnten zur Zeil den Lebensunterhalt gewinnen wie andere Fremde. Die Juden, die während der letzten paar Jahre von Charbin nach Shanghai gekommen sind, haben dort verschiedene Unternehmungen eröffnet, Läden usw.; viele mieten und vermieten Häuser, halten Logierhäuser, andere arbeiten als Agenten, in Büros, in verschiedenen europäischen Unternehmungen usw. In Rücksicht auf die Krisis müssen viele zuerst um ihr Leben kämpfen. 34